Orleans in Frankreich
| Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig. |

ORLEANS
Orleans! - Fluch und Segen streiten um deinen Namen! Du tauftest eine Dynastie und – die zarte Heldengestalt einer Seherin, die Frankreich rettete. Unsterbliche Johanna, die du durch das Gedächtniß aller Völker gehst, könntest du doch jetzt niedersteigen zu einem zweiten größern Werke der Befreiung. Auch die deutsche Erde bedarf geweihete Menschen, auch sie bedarf Geister, welche den Stempel Gottes auf der Stirne tragen; auch sie bedarf eines Retters, dessen Persönlichkeit ein Lichtkreis umgibt, welcher ausstrahlt von der lautersten Tugend, der höchsten Weisheit, der stärksten Thatkraft; – eines Messias bedarf sie, der die Völker zu begeistern weiß zum unbedingten Gehorsam unter seinen Willen, welche zu befreien er sich vorsetzt. Deutschland bedarf eines Heros, vor dessen Salvatorkraft sich Alles in Demuth beugt, dessen Himmelsgestalt die Erdengeister wie einem Gotte dienen, es bedarf eines jener Männer, wie sie aus jenen alten Prophetenschulen hervorgegangen waren, um die Erlösung mit dem Wort und mit dem Schwerte in die Welt hinaus zu den Völkern zu tragen. Wenn ein solcher Mensch jetzt aufträte unterm deutschen Volke und hinzeigte auf den frischen Morgen, der dort heraufdämmert hinter der schwarzen Nacht des Despotismus, der unsere Gegenwart in eiserne Fesseln schlägt – und wenn dann der Heros das Banner erfaßte und um sich schaarte die Hunderttausende: – wie würde da die Hölle erbeben in ihren Grundvesten, wie würden die quälenden Teufel zittern, wie würde ihr morscher, aus allen Fugen gegangener Bau, in dem sich die rasende Brut nur noch durch Bajonnette und Kanonen eine letzte Stunde des Daseyns zu schaffen trachtet, zusammenbrechen über ihren Häuptern ohne Aufschub! Dem deutschen Volke fehlt nur eine rettende Erscheinung, wie Johanna d’Arc, wie Washington, wie Kossuth! Käme eine solche, dann würden sich die Todtenhügel schnell über die schulderdrückte Fürstenherrschaft wölben und fortfluthen würden auf den Wogen der Volksbefreiung die Stühle der Könige in’s Meer der Vergessenheit wie abgefallenes Laub.
Gekommen sind Boten der Verheißung manche, aber der Messias selbst ist noch nicht da. Vorbereitet auf sein Kommen ist die deutsche Erde längst; unzählige Geister waren seit Menschenalter thätig, ihm die Wege zu bahnen. Auch der Weltgeist selber hat der Zeichen und Wunder viele geschehen lassen, um dem deutschen Volke anzudeuten die großen Dinge, die er beschlossen hat zu seiner endlichen Erlösung aus der verlogenen Monarchie [131] noch unzerrissenen Fesseln. Nachdem er erschöpft hat an den sündigen Geschlechtern alle Mittel der Besserung, nachdem alle Züchtigung und Demüthigung vergebens gewesen ist und jegliche Hoffnung schwand, sie könnten fernerhin als Werkzeug dienen seinen Plänen und förderlich seyn dem Völkerfortschreiten zu größerem Glück und höherer Vollkommenheit, hat er den Fluch des Gottverlassenseyns über sie ausgesprochen, und während sie nun in närrischer Verblendung auf Tyrannei sinnen und die ihnen anvertrauten Völker in unzerreißbare Fesseln zu legen trachten, während sie an ihrem Bau der Unterdrückung und Knechtung Stock auf Stock aufsetzen, weicht sein Grund und es reißen und springen die Fundamente. Den Apfel der Zwietracht hat Gott unter sie geworfen und wie ein Bösewicht dem andern nicht traut, wären sie auch noch so eng zur gemeinsamen Uebelthat verbunden, so beschleicht sie unverhaltenes Mißtrauen und fressender Argwohn wider einander, und die Arglist, die sie gegen die Völker so lange geübt haben, beginnt auf ihr eigenes Haupt zurückzufallen. Ist der allgemeine Kampf nur erst recht entbrannt, dann werden wir gewahr werden das Aufgehen der ausgestreuten Schlangensaat! Sie werden sich gegenseitig erwürgen und aufreiben wider ihren Willen, und die Alleinherrschaft des Despotismus wird gebrochen werden durch sein eigen Werkzeug. Wenn aber ausgekrochen sind in den Heerlagern der Tyrannei alle Basiliskeneier der Zwietracht und dieser Höllenzwang sein Recht übt (– „Zwietracht bricht des Satans Macht!“ –), dann wird auch dem Organismus der neuen Zeit kein Verderben mehr drohen. Die Freiheit, und mit ihr des neuen Lebens rechter Keim, ist dann für immer gerettet; der Feuerbrand der Revolution wird auf des Sturmes Fittichen getragen werden von Land zu Land durch den ganzen Welttheil, ihr Halloh! Halloh! wird saußen über Berg und Thal wie der wilde Jäger, die alten morschen Bäume im Völkerwalde werden niederstürzen und wachsen wird der in ihrem Dunkel verkümmernde junge Anflug der Bürgerfreiheit über alle Höhen und Gründe und sie kleiden in frisches Grün. So ist alles vorbereitet, auf daß mit den welterschütternden Ereignissen, die vor der Pforte der nächsten Zukunft stehen, ein Retter, ein Mann höherer Weihe, unter uns trete, der, wie Washington und Kossuth, die Zügellosigkeit der niedern Geister ableitend, den bewegten rohen Massen den Stempel seiner eigenen Sittlichkeit und Würde aufdrückt. Alles Gute unterm Volke ist gerettet und Alles gewonnen für die wahre Freiheit, sobald die deutsche Revolution einen Herkules gebiert an Tugend, Kraft und Willen, der die Bestien wüthender Leidenschaften verschlossen hält, gebunden die wilden Geister, und die Flammen des edelsten Feuers zur dauernden Erwärmung des erstarrten Volkslebens zu nutzen, nicht aber zur Alles verheerenden und zerstörenden Brunst zu mißbrauchen weiß. Ohne solche Führung des Steuers müßten unsere Hoffnungen schwinden, und das Ende des Absolutismus wäre für uns bloß der Anfang des Chaos, der Anarchie. Ohne lautern Trieb nach Oben, ohne den Trieb für’s Besserwerden nach Gottes Plane und für Volksbeglückung im wahren Sinn kann uns die Freiheit nichts nützen und kann sie uns auch nicht bleiben, so wenig wie auf [132] Erden eine Pflanze gedeihen, grünen, blühen und Früchte tragen kann ohne das Sonnenlicht, Höheres muß unsere Revolution erleuchten – denn selbst eine Quelle des Lichtes ist sie nicht.
Orleans, die Hauptstadt des Loiret-Departements, ist uralt, reich und groß: sie zählt über 50,000 Einwohner. Unter den 5000 Häusern sind manche mittelalterliche Paläste, und mehre Kirchen sind berühmt als kostbare Ueberbleibsel der gothischen Baukunst. Die Straßen sind zwar meist winkelig und enge; Märkte und Plätze aber stattlich, und die neuern Stadttheile sowohl an der Brücke über die Loire, als in der Nähe der Eisenbahnhöfe sind in breiten Straßen ausgelegt und mit schönen Gebäuden geziert. Auf dem Rathhause, einem Gebäude aus der fränkischen Zeit, bewahrt man noch eine eherne Bildsäule der begeisterten Erretterin der Stadt und Frankreichs von den erobernden Briten, – „der Jungfrau von Orleans“. – Es ist das einzige noch übrige Denkmal, nachdem in der Revolution die bronzene Gruppe, welche die Brücke zierte, mit vandalischer Rohheit zerstört und minder bedeutende Denkmäler entfernt oder vernichtet worden sind. – Orleans, durch Eisenbahnen sowohl mit Paris und dem Norden, als auch mit dem Süden des Reichs verbunden und im Mittelpunkt des französischen Fluß- und Kanalschifffahrtnetzes, bietet dem Binnenhandel und der Fabrikation Vortheile dar, die seine fleißigen und wohlhabenden Einwohner gut zu nutzen wissen. Der Zwischenhandel mit allen Erzeugnissen Frankreichs und seiner Kolonien ist sehr lebendig, und Manufakturen und Gewerbe blühen in großer Mannichfaltigkeit. Für die Zuckerfabrikation ist Orleans der Hauptort des Südens; von noch größerer Bedeutung aber ist der Weinbau; Reben decken die Gelände des Loirethals und der Seitenthäler; vielen Tausenden ist er die einzige Quelle des Erwerbs. Die Gegend um Orleans ist eben so schön als gesund, das Klima ist mild, und seitdem die Eisenbahn Orleans Paris so nahe gerückt hat, haben sich viele Familien der Hauptstadt zum Sommeraufenthalt hier angesiedelt. Der lebendige Verkehr zwischen beiden Städten erfrischt das gesellige Leben und ein durch Kunst und Wissenschaft veredelter heiterer Sinn durchdringt die gebildeten Kreise der Gesellschaft und macht den Aufenthalt für Fremde angenehm.
Orleans hatte sonst eine berühmte Universität: die älteste in Frankreich nach der in Paris; die Revolution hat sie aufgehoben. –