Toulon (Meyer’s Universum)
| Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig. |

TOULON
In der Provence, jener gepriesenen Landschaft, die schon mit zwei Bildern – Marseille und Nizza – dieses Buch geschmückt hat, liegt Toulon, die Rüstkammer und der Stützpunkt Frankreichs für seine Herrschaft im Mittelmeere und in Afrika. Einen im Felsgestade ausgehöhlten prächtigen Hafen umgibt halbkreisförmig die dichte Häusermasse der Stadt, und hinter ihr ranken tausende von Gärten und Weinbergen mit Villen und niedlichen, blinkenden Winzerhäuschen hinan am Gehänge der Berge, deren kahle oder spärlich beholzte Gipfel fast traurig auf die paradiesische Landschaft und das Meer hinabschauen. In Toulon weht schon italienische Luft, und Winterfröste sind so selten, wie in Neapel. In den Gärten der Stadt beugen sich die Orangenbäume unter der Last ihrer Früchte, der Oelbaum dauert im Freien aus, selbst die Palme erhebt da und dort einsam ihr Fächerhaupt, und Kaktusarten bekleiden mit ihren hochrothen Blüthen und saftigen Blättern Fels und Gemäuer. Die Trauben der Touloner Rebgärten sind die süßesten in der ganzen Gegend und werden bis nach Paris verfahren. Prachtvoll ist der Ueberblick von den Felsen der Nordseite. Die Stadt, die Forts, der Hafen mit seinem dichten Mastenwald, die mit Schiffen bedeckte Rhede und der zwischen Hügeln und Landzungen hervor glitzernde Ozean machen ein Bild, das das Auge entzückt und das Herz erweitert.
Die Bewunderung des Reisenden mindert sich jedoch, sobald er den ersten Fuß in die engen, finstern und schlecht gebauten Straßen setzt: in ein Labyrinth von unansehnlichen Gebäuden, deren Exhalationen Ekel erregen. Das alte Toulon hat nicht ein einziges Bauwerk, das von seiner einstigen Größe in der Phönizier- und Römerzeit und im Mittelalter Zeugniß gäbe. Die gemeinen Bürgerfrauen, meistens reizlose Gestalten, haben die Gewohnheit, ihre meisten Beschäftigungen vor den Häusern auf der Gasse vorzunehmen, umschwärmt von halbnackten Kindern, und sobald der Abend seinen Schleier über die Szene breitet, mischen sich Matrosen und Soldaten dazu, und Rohheit und Zügellosigkeit streiten um den Preis. Der Fremde ist froh, dem Häusergewirr zu entrinnen, und erst an der Rhede schöpft er wieder freien Athem. Hier harrt seiner ein imposantes Schauspiel. Diese majestätischen Dreidecker mit den übereinander gebauten Bastionen, die wie schwimmende Zitadellen aus der Fluth den stolzen Leib emportragen; dieser Hafen, einer der größten der Erde; dieses Drängen und Treiben, dieses Jagen und Vorüberschießen der tausend Barken und Boote, dieses geschäftige [124] Gewühl der Matrosen, dieses ewige Auf- und Abmarschiren der Marinesoldaten, dieses Rufen und Schreien bei dem Ein- und Ausladen, dieses Knarren der Krahnen, dieses Rasseln der Wagen, welche Güter und Munition holen, oder bringen: Alles das macht selbst auf Den mächtigen Eindruck, welcher an das lebendige Treiben großer Handelsstädte gewöhnt ist. Der friedliche Kauffahrer erscheint wie eine gebrechliche Nußschale gegen den Riesen, der die Donnerkeile des Kriegs aus 120 Feuerschlünden schleudert, und statt des Menschengedränges auf dem Kai eines Handelshafens – statt der bunten Gruppen in allerhand Trachten, wie sie z. B. im nahen Marseille, das Morgen- und Abendland vertretend, auf jedem Tritt Ohr und Auge anziehen, staunt er an die Mannichfaltigkeit der Uniformen des Staatsdienstes und die gewaltigen Apparate der Gewalt und Herrschaft. Der blaue Marinesoldat mit dem runden, schwarzen Hütchen auf dem Kopfe und dem immer muntern Sinne im Herzen, der stattliche, ernste Schiffskapitän, der rothhosige Soldat der Fremdenlegion, die kühnen, bärtigen Gestalten der Chasseurs d’Afrique, jener ebenbürtigen Gegner der Araber des Atlas, die Krieger aller Waffengattungen der französischen Linie, welche alltäglich in Toulon nach Algerien eingeschifft werden, oder verbrannt von der afrikanischen Sonne zurückkehren, um, unter dem Kanonengruß der Zitadelle, mit grünen Reisern geschmückt zur Heimath zu ziehen, – erinnern fortwährend daran, daß in Toulon der gepanzerte Kriegsgott herrscht, nicht des Olymps friedlicher, leichtbeschwingter Bote mit dem Schlangenstabe.
Toulon ist die größte Festung, der Hauptwaffenplatz und der erste Kriegshafen Frankreichs; sein Arsenal ist das reichste in ganz Europa. Eine Spazierfahrt im Hafen von Toulon, unter dem Schutz einer leicht zu erlangenden Karte des Kommandanten, bietet den größten Genuß und ist äußerst lehrreich. Hinausrudernd auf die Rhede, überrascht da ein unvergleichlicher Anblick, viel schöner noch, als der von der Höhe der Berge. – Man überblickt zunächst die unermeßlichen Werfte, wo an den Riesenskeletten der im Bau begriffenen Kriegsschiffe tausende von klopfenden und hämmernden Menschen wie Ameisen herumkriechen, den Mastenwald des Hafens, die Stadt, alle Forts und Außenwerke auf den Höhen und dahinter die grotesken Gebirgsformen, welche sich in blauer Ferne verlieren. Dort, unter den mit Mauern gepanzerten Höhen war es, wo zum ersten Male das Gestirn jenes Mannes aufging, das ein ganzes Menschenleben hindurch wie ein flammendes Schwert strafend und züchtigend über Länder und Völker hinzog, die zu erlösen er von Gott berufen! Dort steht noch der Name Mulgrave an jenem von den Briten erbauten Fort, das für unüberwindlich gehalten wurde und deshalb auch im Munde des englischen Kriegers nur Klein-Gibraltar hieß, daß aber der schmächtige Artillerie-Lieutenant mit jener berühmten Batterie niederschmetterte, in welcher Keiner einging, der sich nicht dem fast gewissen Tode geweiht hatte. Hier war es, wo Bonaparte dem Korporal Jourdan mitten im Bombenregen kaltblütig seine Rapporte diktirte; hier war es, wo er so viele Heldenseelen im schlichten Soldatenkittel [125] kennen lernte, die ihm nachher als Marschälle und Herzöge die Völkerschlachten schlugen und Reiche unterwarfen; hier war es auch, wo er die Schreckensmänner des Konvents inne wurde in ihrer ganzen Nichtswürdigkeit und der erste Gedanke aufstieg in seiner herrschsüchtigen Seele, welcher am 18. Brumaire seine Vollendung fand. „Da habt Ihr Toulon,“ sagte er den Kommissären des Konvents, „mein Tagewerk ist gethan.“ Und diese Elenden, die in ihrem Rapporte an die Regierung nicht einmal den Namen des Helden nannten, ohne dessen Genie und Tapferkeit die große That nimmer hätte geschehen können, begannen hierauf ihr Tagewerk. Die Adler des Ruhms flogen auf, die Raben stiegen nieder; – das Fallbeil arbeitete sechzig lange Tage nach einander und überschwemmte die Märkte und Straßen mit dem Blute des Volks und vieler der besten Bürger. Wer zählt die Unschuldigen, welche die Bosheit der nimmersatten Guillotine überlieferte, wozu damals nichts weiter nöthig war, als die Anschuldigung: er ist ein Aristokrat? Die Köpfe der edelsten, wärmsten Freunde der Volksfreiheit füllten die Körbe pêle mêle mit denen der Royalisten, und über zehntausend Toulonesen flüchteten in die Arme des Elends in der Fremde zur Rettung des nackten Lebens. – – – Ich kenne nur eine Zeit in der Geschichte und nur ein Land in der Welt, wo ein Volk unter schmachvollerer Herrschaft gestanden hat, als damals das französische: – und diese Zeit ist das Jahr 1849, und dieses Land ist mein Vaterland! Ja, lieber will ich das scheußliche Drachenhaupt eines Konvents über Deutschland Blut und Flammen speien sehen, als prunkende Throne unter Galgen, als Fürsten, von Henkersknechten bedient, die mit lebendigen Mordmaschinen ihre Völker dezimiren, umschmeichelt von Buben und umkrochen von Schurken, welche ihnen vorlügen von einer Volksbeglückung durch Standrecht, Belagerungszustand, Unterdrückung aller Freiheit und Verhöhnung aller Begriffe von Wahrheit, Ehre und Recht. Was war der Konvent? eine Rotte blutgieriger Tyrannen, die unter der Maske der Republik und des Schutzes der Freiheit ihr Schlächter- und Räuberhandwerk trieben; – diese Tyrannen nahmen das Leben, sie nahmen das Gut der Gemordeten, sie machten Unglückliche: – das war Alles. Aber die rothe Monarchie – was thut diese? sie richtet den Krieger ab zum Vater und Brudermord; sie plündert ihre eignen Völker; sie macht das Herz jedes Freiheits- und Menschenfreundes zu einer Torturkammer, zum stillen Kerker namenloser Qualen, sie vergiftet das ganze Leben, sie macht irre im Glauben an eine ewige Vergeltung, sie gießt Wermuth in jedes Gefühl. Wahrlich! jene Blutmenschen, welche das Menschenglück unter die Guillotine legten, erscheinen weniger grausam, als die rothe Monarchie; denn diese schlachtet’s nicht nur, sie begräbt’s lebendig.
Verdient Deutschland ein solches Schicksal? So wenig, als Frankreich das seinige in der Schreckenszeit verdient hat. Doch fehlt es, so wenig wie damals dem Konvente, auch der rothen Monarchie nicht an der Unverschämtheit, das Gegentheil zu behaupten und dem nach Freiheit verlangenden deutschen Volke klar zu machen, daß seine [126] Zwingherren Recht daran thun, des Deutschen Land als ein erobertes Land, sein Gut als ein erobertes Gut, seine Person als einen entlaufenen Sklaven zu behandeln und zu züchtigen. Und Viele sehen der Teufelei zu und sagen: „Besser die Knute, als die Schreckenszeit!“ – Auch ich hasse und verachte die Tigernaturen, welche bei Revolutionstribunalen und Guillotine allein ihre Rechnung finden können, und ich bin bereit zu jeder Stunde, meinen Leib zu werfen zwischen sie und die Stufen zu ihrer Herrschaft; aber wenn jene „lieber kosackisch!“ rufen, dann sage ich: was ist die Höhle des Tigers, der mit einem Sprunge seine Opfer faßt und erwürgt, gegen das dunkle und heimliche Gericht, womit der Absolutismus die Beleidigung seiner himmlischen Allmacht rächt? Was ist sie gegen die Furcht, welche wie ein Damoklesschwert beständig über dem Haupte des gesinnungstüchtigen Mannes schwebt, gegen die Gefahr, aus dem Bette gezerrt zu werden von den Schergen der Gewalt, entrissen zu werden dem Kreise der Seinen, seinem Berufe und seinem Wirken, und geschleppt zu werden vor die Gläubigen des Baals, welche die Beleidigung ihres Gottes nach dem Buchstaben barbarischer Strafgesetze als Kapitalverbrechen verurtheilen und endlich – nachdem alle Foltern des Geistes in den heimlichen Verhörstuben erduldet worden, – aus der Welt zu verschwinden in das Dunkel der Kerker oder der Kasematten: – nein! nein! lieber will ich eine Jakobinerherrschaft, die ich verabscheue und die mich erwürgen würde, eines ihrer ersten Opfer, wenn sie käme, da ich sie bekämpfen würde auf Gefahr des Lebens: – als die Mephistophelesherrschaft des Absolutismus, der alles Menschliche erstarren macht und alles Göttliche tödtet, – sogar die Hoffnung! –
Das Arsenal von Toulon ist dem Fremden nur zu betreten erlaubt, wenn er das Empfehlungsschreiben eines Konsuls vorzeigen kann. Ein Gensdarm gibt von Raum zu Raum, von Gebäude zu Gebäude das Geleit. Zuerst öffnet sich der Modellsaal, einer der größten in der Welt und von keinem andern an Interesse überboten. Hier stehen alle Arten von Kriegsschiffen, vom Kanonenboot bis zum größten Dreidecker von 140 Kanonen, fertig aufgetakelt, in genauen Modellen, und eben so alle Maschinen, Geschütze, Wurfgeschosse und sonstiges Rüst- und Waffenzeug des Seekriegs. Die Eleven der Seekadetten und Schiffbauschule empfangen in diesem Raum täglich einige Stunden Unterricht. Die Reeperbahn ist ein anderes bewundernswürdiges Gebäude: eine auf eisernen Säulen und Bogen ruhende, ¼ Stunde lange Halle, noch ein Werk des berühmten Vauban, wo die oft mannsdicken Ankertaue und alles Seilwerk für die Schiffe gefertigt werden.
Der Waffensaal enthält Muster aller Marinewaffen, von der Römerzeit an bis auf den heutigen Tag, chronologisch geordnet: eine merkwürdige Sammlung. Unter dem Waffensaale hämmern an 1000 Schmiede und Schlosser in unabsehbaren Werkstätten; aber ihr furchtbares Getöse verhallt vor den Cyklopenschlägen jener, von Dampfmaschinen gehobenen Riesenhämmer, welche die Anker schmieden auf ungeheuern Ambosen, um welche sich die schwarzen, von der höllischen Glut verbrannten Gestalten, vom sprühenden Feuerregen umgeben, mit [127] langen Zangen bewegen. – Die Docken für den Neubau der Schiffe reihen sich unmittelbar an die Arsenalgebäude und auch ein großes Bassin für die ausrangirten Schiffe – die Invaliden, welche nach langem Dienst und mancher Schlacht hierher geschafft werden, um, wie in einem Spital, unter dem Roste der Zeit und der Nässe zu verwittern, oder abgebrochen zu werden. Ganze Berge alter Schifftheile liegen hier aufgehäuft, und verbrauchte, mit zolldickem Rost überzogene Kanonen, Anker und Kugeln ohne Zahl. – Auf den Werften haben die Galeerensträflinge Arbeit zu mehren Tausenden. Lauthallendes Kettengerassel tönt dir von allen Seiten schauerlich an’s Ohr und, bald da bald dort siehst du die Reihen dieser Unglücklichen, in kurze blutrothe Mäntel und buntschäckige Pantalons gekleidet und paarweise durch einen eisernen Leibgurt mit kurzer Kette zusammengeschmiedet, von Gendarmen und Soldaten geführt, in langen Zügen über die belebte Bühne eilen. An den Arbeitsplätzen nähert sich dir dann und wann einer dieser Armen und bietet dir das Erzeugniß seines Fleißes in den Ruhestunden an: Schnitzarbeiten, Dosen, Spielzeug um wenige Sous: und wenn du gibst, was man fordert, dankt dir ein Blick der von der Kraft ungezähmter Leidenschaften scharf ausgeschnittenen Gesichter. Manche Heldengestalt geht hier an der Kette! O, welche Seelenkräfte werden hier aufgerieben von dem Ungeheuer Staat, das nur zu züchtigen, nicht zu bessern, nicht zu retten weiß! Und wie erscheinen hier Gericht und Gerechtigkeit! Betrachte diesen! Er ist Familienvater, der, verzweifelnd bei dem Anblick vom Elend seiner darbenden Familie, den Sack Mehl stahl, und nun, zusammengeschmiedet mit dem Straßenräuber von Handwerk, Steine zum Bau eines neuen Bagno fährt, während seine unschuldige Familie, ihres Ernährers beraubt, dem Laster oder dem Elend preisgegeben ist; den General aber, den die Plünderung von 20 eroberten Städten zum großen Räuberhauptmann stempelte, den feiert, den Lorbeerkranz des Ruhms auf dem Scheitel, ein ehernes Standbild! – Betrachte die edle hohe Gestalt mit den schweren Fesseln: es ist ein Priester der Freiheit – ein Rebell: jede männliche Tugend ziert sein Antlitz, das reichste Wissen schmückt seinen Geist; seinen kühnen Versuch stempelte aber zufälliges Mißlingen zum Verbrechen: wäre er geglückt, so würde man ihn vielleicht in dieser Stunde als Retter des Vaterlandes ehren und Denksäulen würden seinen Ruhm künftigen Geschlechtern erzählen. Er unterlag aber – und die Despotie, sein Sieger, läßt den ehrlichen Mann nicht einmal mit Ehren sterben: sie entzog ihn dem Fallbeil, um ihn in das Kataster der Schurken zu setzen. Und das nennt sie Gnade üben, und die Zivilisation des Jahrhunderts weist auf solche Opfer hin und brüstet sich mit denselben als mit dem – Beweis ihrer Humanität. – –
Man zählte unter dem Königthum der Orleans immer 3–400 politische Verbrecher unter den Strafgefangenen zu Toulon, und die Inhaber der jetzigen Staatsgewalt, welche unter der falschen Firma der Republik nun Frankreich geißeln so lange, als sich’s die Nation gefallen läßt, haben sie verdoppelt. Die Tyrannen sind immer dieselben, ob sie die schwarzweiße Kokarde, oder die dreifarbige tragen. Und sie halten auch fest zusammen, [128] wie die Wölfe. Taste nur Einer einen an, so rührt sich auch gleich die ganze Rotte von Petersburg bis Lissabon und schreit Meuterei, Empörung, Hochverrath und Verbrechen! Nur Eine ist noch schlimmer und niederträchtiger und noch enger verbunden: ich meine Euch, die Ihr, nachdem Ihr unter dem Schatten des Despotismus zu Rang, Amt, Vermögen und Ehren gekommen seyd, keine andere Rechnung mehr gelten laßt im öffentlichen Leben, als die des schmutzigen Eigenvortheils. Diese zahlreichen Bündtner nagen am Volksleben noch viel krebsartiger, als die Inhaber der Herrschaft. Sie sind die eigentlichen Straßenbauer der Sklaverei, und der ehrliche Mann, welcher der Despotie entgegenkämpft, hat sie noch mehr zu fürchten, als die Tyrannen selber; denn sie führen die gefährlichsten und niederträchtigsten aller Waffen – die der Verdächtigung und Verleumdung. –
Die Aufbewahrungsorte der Touloner Gefangenen sind massive, kastellartige Gebäude, umschlossen von hohen Mauern, auf deren Kronen spitzige Eisenstangen ein Uebersteigen derselben unmöglich zu machen suchen. Jedes Gebäude enthält eine Reihe Säle zum Essen und Schlafen. In den Schlafsälen müssen die armen Kettenträger auf dem harten Holzboden liegen, ein Wollsack ist ihr Kopfkissen, und nachdem sie sich Abends auf Kommando alle niedergestreckt haben, werden die Füße der Unglücklichen der Reihe nach an eine Eisenstange gekettet, so daß jede heftige Bewegung eines Gefangenen alle übrigen aufwecken muß. Unter der Monarchie war die Peitsche das souveräne Werkzeug der Ruhe und Ordnung, und die Gnade des Lebens in diesen philantropischen Räumen war teuflischer Spott gerade für Die, welche Gnade verdienten; denn für diese war ein solches Leben noch viel bitterer, als der Tod auf dem Schaffot. Unter den Bourbons wurden die Gefangenen bei dem geringsten Anlasse von ihren unbarmherzigen Aufsehern geschlagen wie das Vieh, und der Sträfling zitterte wie der Sklave auf Cuba, wenn der Hüter mit der bleibeschwerten Peitsche auf ihn zutrat. Mit dem Königthum ist aber diese Teufelei doch gebrochen, die grausamen Zuchtwärter wurden entfernt, und Männer, die ihr Amt mit Milde üben, sind an ihre Stelle getreten. Die Arbeiten sind zwar nicht leichter, als sonst; doch der Arbeitsstunden sind jetzt weniger. Immer aber ist des Elends, des Jammers und der Barberei genug übrig geblieben, und das Herz des Menschenfreundes versinkt in Trauer bei dem Anblick so vieler jungen Leute von 16–18 Jahren, die, oft zusammengekettet mit alten, unverbesserlichen Schurken, hier die Priesterweihe des Verbrechens empfangen. Wer sollte es glauben, daß unter solchen Verhältnissen und unter solchen Menschen die Unverwüstlichkeit des Göttlichen in unserer Natur sich noch erhalten könne? und daß da noch möglich sey eine Begeisterung für das Edelste und Höchste? Und doch! Als im Jahre 1793 Bonaparte, nach der Erstürmung des Forts Mulgrave, die Tod und Verderben schleudernden Batterien gegen die Rhede richten ließ, da steckten die sich einschiffenden Engländer vor der Räumung der Stadt das Arsenal, die Werfte, das Lazareth und die französische Flotte in Brand. In diesem Moment grenzenloser Verwirrung befreiten sich die Sträflinge von ihren Ketten. [129] Aber statt zu fliehen, oder mit zu plündern und zu morden, eilten sie, fest zusammenhaltend und unter dem Rufe: „Es lebe die Freiheit! Es lebe die Republik!“ in den Hafen, stürzten sich in’s brennende Arsenal, in die Docks, in das Lazareth, bekämpften mit Löwenmuth die Flammen, retteten die Kranken und Verwundeten von dem gewissen Feuertode und – nachdem sie den Brand gelöscht hatten mit Aufopferung des Lebens, – und während die Schlächter des Konvents in der Stadt selbst gegen Schuldige und Unschuldige wütheten, – kehrten sie in ihre Gefängnisse zurück und legten sich die Ketten wieder an: – „Denn – sagten sie – die Achtung vor dem Gesetz ist die Mutter und die Hüterin der Freiheit!“ – Der Konvent votirte ihnen den Dank des Vaterlandes und gab 100 Gefangenen die Freiheit, deren Wahl den Sträflingen selbst überlassen wurde. – Wo findet sich ein solches Beispiel in der Geschichte wieder? –
Das Touloner Leben hat in allen Dingen Bezug auf militärische Verhältnisse. Die Straßen wimmeln von Soldaten, die Uniformen dominiren in jeder Gesellschaft. Jedes Vergnügen hat einen militärischen Beigeschmack. Die besuchteste Promenade ist das Champ de Bataille, ein großer, viereckiger Platz, umgeben von Reihen schöner Platanen. Hier tönt jeden Abend die herrlichste Militärmusik, und nach ihr folgen verschiedene Lustbarkeiten und Schauspiele für’s versammelte Volk; es steigen illuminirte Luftballons auf, Marionetten tanzen bei der Drehorgel, Taschenspieler zeigen ihre Künste, wandernde, kastanienbraune italienische Sängerinnen lassen sich hören und warmblutige Provenzalinnen spielen die Guitarre oder Zither. Die vornehme Welt promenirt unterdessen in den Alleen, und die zierlichen Bänke und beleuchteten Tischchen umstehen die Gruppen geputzter Damen und schmucker Offiziere. Um 10 Uhr rufen die Trommeln und Hörner die Krieger zum Aufbruch, – die vornehme Welt entfernt sich – die Lichter verschwinden, und das, was übrig bleibt, hüllt sich willig in den Schleier der Nacht. –