Schloss Neuilly bei Paris

DXCVIII. Schloss St. Germain bei Paris Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band (1848) von Joseph Meyer
DXCIX. Schloss Neuilly bei Paris
DC. Toulon
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SCHLOSS NEUILLY
bei Paris.

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DXCIX. Schloss Neuilly bei Paris.




„Die Freiheit ist ein Stück des Himmels; legt eine Leiter hinan und macht die Sprossen aus den Leibern der Unterdrücker!“ so rufen uns die Brüder im fernen Westen zu, welche die süße Frucht um den Pfennig der Ueberfahrt kauften. Die haben gut reden. Sie sagen: die Schule der Erfahrung hat euch gewitzigt: ihr müßt nun wissen, wie ihr’s anzufangen habt. Aber sie denken nicht daran, daß jetzt für den Michel die Schule der Erfahrung auf der Richtstatt und im Kerker liegt, und Büttel und Tod Keinen fragen, was er im Leben gelernt hat. Und wissen sie denn nicht, daß dem deutschen Volke, dem bedächtigen, von jeher die Leidenschaft für eine Sünde galt und es sich wohl eher zwanzig Mal vom Teufel holen läßt, als daß es sich einmal freiwillig in’s Fegefeuer stürzt? Selbst ein aufwiegelnder Christus wäre unter uns nicht sicherer als einst bei den Juden. Käme einer, so würde es Hände genug geben, ihn zu binden und den Landpflegern zur Kreuzigung zu überantworten. Der Herrgott müßte am Ende ein ganzes Regiment Rettungsengel nach Deutschland senden, um den Erlöser selbst zu erlösen.

[118] Mein Spott ist bitter und ich schreibe ihn nieder mit Grimm und Wehmuth – Gefühle, die in dieser schmachvollen deutschen Zeit Jeder mit mir theilen wird, der einen Funken von Volksbewußtseyn und Volksehre im Herzen trägt. Was aber den Unmuth noch größer macht, ist die Ursache so großer Schmach. Wäre es die Bosheit, welche sich der Einheit des Volks entgegenstemmte: dann könnte man sagen, wir wollen sie bekriegen; wäre es die Dummheit, so könnte man sagen: wir wollen sie unterrichten; aber die Philisterei ist’s, diese widerliche, abgeschmackte Mischung von Engherzigkeit, Geistesflachheit und Feigheit, die nicht anders zu bekämpfen ist, als mit ihren eigenen Waffen, zu deren Gebrauch aber Keiner, der sich fühlt, Demuth genug hat.

Die Volkserniedrigung – ein leidiger Trost – beschränkt sich nicht auf die große deutsche Nation. Sie lastet auch auf andern Ländern und schändet viele Nationen. Wo, außer bei den Ungarn, haben die großen Ereignisse des vergangenen Jahres die Völker auch groß und stark gefunden? Die Revolutionen brausten hin über die Länder wie Sturm und Gewitter, um die Atmosphäre zu erfrischen und dem Volksgeiste neue Spannkräfte zu verleihen; aber statt diese zur großen kompakten That zu gebrauchen, die das unhaltbare, verwerfliche Alte rasch umgestaltet und das Neugeschaffene gewährleistet, wurden sie träumerisch in leeren Phrasen und läppischen Spielereien vergeudet. Nun ist auf die Frische die Schwüle gefolgt, und abgemattet und müde liegen viele Völker am Boden und fühlen es kaum, daß man ihre Glieder in neue Fesseln schmiedet. – „Ermanne dich, Volk!“ ruft wohl da und dort eine Stimme in der Wüste, aber Hohngelächter schallt aus der Tiefe, und der Geist der Schadenfreude hallt’s in allen Schlössern, Amt- und Schreibstuben wieder, ein tausendfältig Echo. Keiner hat jetzt Gewalt über diesen Geist. Er hat die Macht und herrscht seinen Tag. Alles Rechten mit ihm wäre verlorene Mühe! Aber trage er auch sein Haupt noch so hoch, trete er auch das Recht noch so frech mit Füßen, übe er auch seine Verfolgungskünste noch so teuflisch, den Muth und den Glauben soll er und Männern eiserner Gesinnung nicht brechen, und wenn die Erde unserer Hoffnung spottet, so richten wir den Blick hinan zum gestirnten Himmel und hören auf sein Flüstern: „Große Revolutionen umfassen viele Tage und viele Nächte.“ Und schon schlug ja die Stunde der Mitternacht, welche den zweiten Morgen der unsrigen einläutet und die Spalte der Zeit ist schon fast geschlossen. – Darum Vertrauen, Hoffen!

Und vertrauend und hoffend wenden wir den Blick zum ewigen Vater; denn Er ist gerecht und allmächtig. Gebe Er uns nur mit dem Muthe in rechter Stunde auch das rechte Erkennen als Aussteuer für die Zukunft: denn sonst bleiben alle Rettungswunder, die am deutschen Volk ferner geschehen mögen, fruchtlos, wie alle frühern.


[119] Betrachten wir das Bildchen! – Das ist auch ein Stückchen Papier, auf dem der Freiheitsglaube und das Gottvertrauen einer Nation unsichtbar geschrieben steht. – „Neuilly,“ schreibt man mir aus Paris, „Neuilly, der Lieblingsaufenthalt der letzten Königsfamilie in Frankreich, soll als Nationaleigenthum versteigert werden, und das Volk las die Annonce an den Straßenecken und es weinte vor Freude; denn das Plakat sagt ihm mit der Kraft eines Evangeliums: die Revolution ist nicht gestorben.“

Mögen die Royalisten in ganz Frankreich Geld sammeln für die Opfer der legitimen Treue; mögen sie ihre Wahlkollegien aufrichten an tausend Orten: ihr Thun ist hoffnungslos, denn „Neuilly soll versteigert werden!“ das heißt:

Die Dynastie Orleans kehrt nie wieder!

Sie, deren Sturz das Signal zur Erhebung von ganz Europa war, bildet in der Gallerie der Dynastien eine Erscheinung, die der Betrachtung wohl werth ist.

Die Linie der Herzöge von Orleans aus dem Hause Bourbon hat den Gepriesensten des Geschlechts, König Heinrich IV., zum Stifter. Doch sein Geist ruhte nicht auf ihr. Wenn auch einmal größeres Talent Einzelnen innewohnte, so wurde es nur zu einer Quelle des Unglücks für Frankreich; denn dann wurde stets von der herrschenden Linie der Bourbons mit teuflischem Eifer an der körperlichen und geistigen Entnervung solcher Familienglieder gearbeitet. Man fürchtete einen Rivalen im nächsten Verwandten; also mußte er unschädlich gemacht werden. Schamlose Liederlichkeit und alle Laster, welche in ihrem Gefolge gehen, wurden so das Erbe der Orleans und sie dadurch frühzeitig zum Fluch für das ganze Reich. Ihr schlechtes Beispiel wirkte von Generation zu Generation zerstörend und zersetzend auf Sitte und Tugend in allen Kreisen. Gleich der zweite dieser bourbonischen Herzoge von Orleans, der dritte Sohn Heinrich IV. und Bruder Ludwigs XIII., Johann Baptist Gaston, mußte, weil der königliche Bruder die raschen Fortschritte derselben in allen geistigen und körperlichen Uebungen mit Neid und Eifersucht bemerkte, in eine Umgebung gebracht werden, die ihn wieder verdarb. Der Prinz that es bald in Schlechtigkeit allen Andern zuvor und damit und mit ohnmächtigen Anstrengungen, dem König und Richelieu, dessen Herrn und Minister, durch öffentliche Aufstände, Einbrechen mit fremden Truppen, geheime Bündnisse und Verschwörungen Achtung und Anerkennung abzuzwingen, verbrachte er sein Leben und vernichtete sein Glück und seine Ehre. Treulos war all sein Beginnen, er verließ und verrieth seine ergebensten Freunde, kämpfte gegen die eigenen Verbündeten und blieb eine Pestbeule des Reichs, bis er, aus Paris verbannt, auf seinem Schlosse zu Blois (1660) starb. Sein Sohn Philipp I. ist der Gründer des Reichthums der Familie Orleans, denn er vereinigte nach und nach mit Orleans die Herzogthümer Valois, Chartres, Nemours [120] und Montpensier. Aber was machte man aus ihm! In Frauenkleider gesteckt, mit Wollust und Spiel geistig und körperlich entnervt, damit er die Eifersucht seines königlichen Bruders (Ludwigs des Vierzehnten) nicht errege, starb er eben so verachtet als verächtlich. – Dieses Philipps Sohn und Nachfolger, Philipp II., war von der Natur mit körperlichen und geistigen Vorzügen fast verschwenderisch ausgestattet; aber noch verschwenderischer mußte er damit umgehen, weil der eitle Ludwig XIV. befürchtete, durch diese Nebensonne verdunkelt zu werden. Schamlose Weiber und Wüstlinge der verworfensten Art bildeten seine Gesellschaft, nachdem man ihm den Weg zu Ruhm und Ehre in Staat und Feld abgeschnitten hatte. Nur bisweilen wandelte der alte gute Geist die läppischen Beschäftigungen des Herzogs in edle, ernste um, sein scharfsinniges Urtheil und seine reichen Kenntnisse in der Mathematik, Chemie und im Kriegswesen erwarben augenblickliche Erfolge und Anerkennung; aber die erbärmliche Kunst des Königs und seiner Kreaturen, alle besseren Kräfte um sich her zu umstricken und auszusaugen, und die tief gewurzelte Lasterhaftigkeit der Orleans ließen es zu keiner nachhaltigen Erhebung kommen. Er stand in dem Rufe der Giftmischerei und wurde beschuldigt, seine Frau, den Dauphin, den Herzog und die Herzogin von Burgund, den Herzog von Bretagne und Andere durch Gift gemordet zu haben. Dieser vom Hof eifrig genährte Verdacht machte den Herzog zum Gegenstand des Abscheus im ganzen Volke. Vergeblich bat, flehte Orleans um strengste Untersuchung gegen sich; der König war königlicherer Ansicht: er erachtete ein Rechtsverfahren der Ehre des fürstlichen Standes unwürdig. So hoch reichte damals der Arm der Gerechtigkeit noch nicht, daß auch Glieder der gekrönten Sippschaft unter ihrem Schwerte gestanden hätten. Der Niedertracht die Krone aufzusetzen, geschah es, daß nach Ludwigs XIV. Tode das Parlament diesen wie die Pest geflohenen Mann als Regenten von Frankreich während der Minderjährigkeit Ludwigs des Fünfzehnten anerkannte! Sein Walten beschleunigte die Verarmung des französischen Volks, die furchtbarste Zerrüttung des Staatshaushalts und den Ausbruch der Revolution. Alles gemünzte Geld hatte er mit Hülfe von Laws Zettelbank in seine, seiner Mätressen und Kreaturen Hände zu bringen gesucht, das Land mit Papiergeld überschwemmt, Hunderttausende um ihr Vermögen gebracht, den Staatskredit vernichtet und dem Volksgeiste dadurch, daß er das Laster zum Thron erhob und die Sittlichkeit dem öffentlichen Gespött Preis gab, unheilbare Wunden geschlagen. Würdig seines Lebens starb er an einem Blutschlag in den Armen einer Hetäre, der Herzogin von Phalaris, 1723. Doch nieder mit dem Vorhang vor solchen Bildern, für deren unermeßliche Schuld der Himmel nicht bloß die Kinder bis in’s dritte und vierte Glied, sondern auch das französische Volk strafte, daß es ein solches Scheusal ertrug.

Wir übergehen minder wichtige Gestalten unserer schwarzen Gallerie und treten vor – Philipp Egalité, den elenden Hanswurst der Revolution, Vater Ludwig Philipps, des letzten Königs von Frankreich. [121] Ludwig Philipp Joseph war in der ersten Blüthe einer der schönsten und geistvollsten Jünglinge in Frankreich, bevorzugt vor Millionen durch Talent und Geburt. Aber noch hatte er das achtzehnte Jahr nicht erreicht, so war sein Körper von ekelhaften Krankheiten zerfressen, sein edles Gesicht von Geschwüren und Ausschlag entstellt, sein Herz vergiftet, sein Geist an das Gemeinste, Abscheulichste gewöhnt und er selbst ein Gegenstand des Abscheus und Entsetzens. Wie vom Volke, so vom Hofe gehaßt, zettelte er gegen diesen schmutzige Intriken an, wie dies überhaupt längst ein erbliches Streben in der Familie Orleans geworden war. Vor Allen verfolgte er die Königin Maria Antoinette mit dem bittersten Groll. Zwei Parteien, die der Königin und die des Prinzen, zerspalteten in Kurzem nicht nur den Hof, sondern ganz Paris. Das Gewirre der Kabale schien die Pausen der Ausschweifungen des Herzogs ausfüllen zu sollen, und erst als es ihm nicht mehr Abwechselung genug bot, verlangte er einen hohen Kriegsposten. Er erhielt, statt den Rang eines Großadmirals, nur ein untergeordnetes Ehrenkommando, in dem er in der Schlacht bei Guessant gerade so wenig Muth zeigte, daß zum Haß auch der Spott des Hofes und des Volks kam. In gleichem Schritt entfernte er sich vom Hofe und versank tiefer und tiefer in den Pfuhl der entehrendsten Laster. Nichtswürdigkeit konnte kein Hinderniß seyn für das Großmeisteramt der Freimaurerlogen in Frankreich, das ihm neue Werkzeuge der Intrike in die Hände gab. Beharrlich in der Schlechtigkeit, blieb er auch beharrlich in der Opposition gegen König und Hof. So fand ihn die Revolution, welche er als ein willkommenes Mittel der niedrigsten Leidenschaften begrüßte. Er wurde Mitglied der Nationalversammlung und nannte sich fortan – Bürger. Er verwendete Vermögen und Einfluß zur Anzettelung unaufhörlicher Aufstände, um die Macht des Königs zu stürzen. Er gedachte den Thron einzunehmen, wenn er den legitimen Inhaber vertrieben. Darum begab er sich eine Zeitlang nach England, wo er mit versteckter Arglist den Plan zur Ausführung vorbereitete, die Nation um den Preis der Revolution zu betrügen und sich selbst als ihr Erbe auf Frankreichs Nacken zu setzen. Er kehrte zurück, wurde der Bannerträger der Jakobiner, girirte sich als Sansculotte und trank das Blut der Aristokraten und Royalisten in vollen Zügen. Doch überfiel ihn zuweilen mitten im gräßlichen Spiel der Paroxismus der Feigheit und es rüttelte ihn der Gedanke auf, daß er selbst mit seinem Vermögen nur ein Werkzeug zu Parteizwecken sey, die über das Ziel seiner Pläne hinausstrebten. Er sann endlich auf Umkehr. Zu spät! Des Hochverraths an der Revolution schuldig, fiel das sündenbeladene Haupt unter dem Fallbeil, dem das Ungeheuer Tausende von Unschuldigen als Opfer geliefert hatte.

Ueber Louis Philipp, „den letzten Bahrträger des Königthums in Frankreich,“ hat das Schicksal gerichtet, das ihn erzog und das er betrog, wie noch nie ein Fürst ärger es gethan. Wird nun Dunkel das fluchbeladene Geschlecht umhüllen, oder wird es noch einmal auf die Woge der Zeit gehoben werden und Macht empfangen, Völkerwehe zu schaffen und Nationen zu peinigen? Wer antwortet auf diese Frage?

[122] Neuilly, das freundliche Schlößchen inmitten geschmackvoller Gartenanlagen, war Louis Philipps Sommerwohnung; der Ort, wo er die „Plage und Qual des Herrscherthums“ zu vergessen trachtete unter seinen Blumen, seinen Büchern und seinen Sammlungen, welche das Seltenste und Schönste der Künste in sich vereinigten. „Nach Neuilly darf der König nicht kommen,“ sagte oft der alte Mann im Scherze, und wenn wichtige Staatsgeschäfte ihre sofortige Erledigung erheischten, so mußte ihn der Telegraph in die Tuilerien rufen, weil er nicht duldete, daß die Minister zu ihm kamen, um in seinem Sans-Souci mit ihm darüber zu verhandeln. Wer den König in diesem kleinen Hause, als Privatmann, von seiner Familie umgeben, beobachtete, mußte ihn lieb gewinnen und ahnete in ihm nicht den Hochverräther an seinem Berufe, seinem Volk und der Freiheit, welcher in Louis Philipp – dem Sklaven schmutziger Habsucht – auf dem Thron saß.