Das Thor des Niagara

DCCXXII. Friedrichshafen am Bodensee Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band (1854) von Joseph Meyer
DCCXXIII. Das Thor des Niagara
DCCXXIV. Die Paulskirche und die erste deutsche Nationalversammlung
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OUTLET OF THE NIAGARA

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DCCXXIII. Das Thor des Niagara.




Das Bild läßt uns die Felsenpforte schauen, durch welche der Niagara, drei Stunden unterhalb der berühmten Fälle, in den Ontariosee abfließt. Links oben auf der Zinne des 250 Fuß hohen durchbrochenen Felskamms sehen wir eine Denksäule. Sie ehrt den General Brock, und steht auf dem Fels, dem der Entdecker der Niagarafälle, Pater Hennepin, ein Missionär, seinen Namen gab. Die Thorwand rechts heißt die „drei Berge“ wegen dreier, jetzt mit hohem Wald überwachsenen Klippen. Seitdem Eisenbahnen und Dampfschiffe die Touristen jährlich zu Hunderttausenden nach dem Niagara bringen, hat die Spekulation auch diese Gegend mit bequemen Wegen zugänglich gemacht. Jetzt führen zu jeder Hohe mit freier Aussicht gebahnte Pfade, und an jeder Felszacke klettert ein Steg hinan, um den Genuß der Landschaftsbilder zu erleichtern. Auch die Ceremonienmeister fehlen nicht, jene dienstfertigen Geister, die aus der Präsentation der Scenerie ein Geschäft machen und den Dollar des Reisenden so willig empfangen, wie ein dienstthuender Kammerherr die goldene Dose. –

Die umfassendste Vista ist von Brocks Denkmal. – Weit schweift der Blick über die herrliche Wasserfläche und das Land hin. Hunderte von Schiffen mit weißen Segeln und zahlreiche Dampfer durchschneiden den See nach allen Richtungen, und die blühenden Städte am Ufer beschauen sich, ihrer Schönheit froh, in der klaren Fluth. Zunächst unmittelbar au der Mündung ragen die gepanzerten Wächter Fort Niagara an der amerikanischen, Fort George auf der kanadischen Seite, jetzt friedlich mit einander kosend. – Die diesseitigen Ufer sind flaches, fruchtbares Marschland, mit zahlreichen, in Obsthainen versteckten Gehöften, inmitten üppiger Getreidefelder [47] umgeben mit fetten Weiden, auf denen Rinderheerden grasen; auf kanadischer Seite hingegen steigt das Land allmählig empor, bis der Urwald die Höhen kleidet, der eine unbekannte Welt verbirgt. Die rechte Zeit, Brocks Monument zu besteigen, ist ein schöner, sonniger Abend, wenn die Städte und Villen am See wie Feenschlösser in dem Golde der untergehenden Sonne glänzen, die Wohlgerüche der grünen Wälder und Saatfelder den Schauenden umduften und der Hauch des Windes Akkorde in den Baumwipfeln tönt. Auch der verwöhnteste Blick wird dann Befriedigung finden.


Der Niagara hat sich seine Pforte selbst gebaut, und er that’s in origineller Weise. Erie- und Ontario-See haben nämlich einen Niveau-Unterschied von 330 Fuß, und sie find getrennt durch ein Plateau, welches an seiner schmalsten Stelle etwa dreißig englische Meilen Breite hat. Ueber dieses Plateau hin nehmen die Gewässer des höher gelegenen Eriesees ihren Ablauf. Ihr Bett ist tief in die fast horizontal geschichteten Felsen eingesägt. Die obern sind fester Kalkstein; die untern bröcklicher Sand. Eine natürliche Folge dieses Verhältnisses ist’s, daß, wenn die lockern, untern Schichten durch das Wasser unterwaschen, zerstört und aufgelöst worden, die obern, ihrer Stützpunkte beraubt, zusammenbrechen, und hierdurch erklärt sich die Thatsache, daß der Niagarafall, welcher über Kalkbänke hingeht, deren Unterlage jener bröckliche Sandstein ist, in jedem Jahrhundert um nicht weniger als etwa 100 Fuß zurückweicht. Die ganze Form des Strombettes vom Ontario-See an bis zum heutigen Standort der Fälle belehrt den Beobachter, daß einst der Niagara an der Stelle, die jetzt die Pforte zu seinem Eingange in den Ontario-See (vergl. den Stahlstich) bildet, sich von der Zinne dieser (jetzt durchbrochenen) Felsmauer in den See ergossen haben muß. In Folge jenes Prozesses wird nach ein Paar tausend Menschenaltern die bewunderte Naturscene, welche die Touristen aller Länder an die Niagarafälle führt, verschwinden und der senkrechte Wassersturz sich in wild dahinströmende Rapids (Stromschnellen) auflösen, etwas stärker und ungestümer vielleicht, als die sind, welche man heute in dem obern Strombette sieht, wo sie mit wildem Brausen Wellen von 10 Fuß Höhe und darüber werfen. –

„Zweitausend Menschenalter“, werden Manche ausrufen, „ist ja eine halbe Ewigkeit!“ Und doch, wenn wir auf die enthüllten Räthsel der Erdgeschichte sehen, wie klein erscheint dann ein solcher Zeitraum. Die ganze Ausgrabung des Niagarabettes, welche, nach historischem Maßstabe, so unendlich lange gedauert hat, fällt nur in die jüngste der geologischen Perioden. Zur Zeit, als die colossalen Dickhäuter, deren Knochen in den Alluvien dieser Gegend häufig vorkommen, auf dem Plateau weideten, hatte der Niagara den Auswaschungsprozeß eines Bettes kaum begonnen. Noch ist seine Arbeit nicht vollendet und doch hat sie schon ein Paarmal hunderttausend [48] Jahre gewährt. Was sind dagegen die historischen Zeitrechnungen der Chinesen, der Juden, der Aegypter, und jene Reihe der 330 Könige, von welcher die Priester des Nilvolks dem Herodot als von Nachfolgern ihres ersten Königs Menos erzählten! – Sogar jener große Zeitraum ist nur wie eine Stunde im Leben der Erde zu rechnen, dessen Geschichte uns die Hieroglyphen in den Trümmern der Erdrinden erzählen. Die gesammte Erosionszeit des Niagara gehört dem jüngsten ihrer Tage an, während welcher die Thier- und Pflanzenschöpfung keine Veränderung erlitt, und keine Erdrevolution das Leben der Organismen tödtete, um neuen, höheren das Daseyn zu ermöglichen. Jene Vergangenheit aber, wo das organische Leben in der ersten Pflanze der Grauwackenbildung keimte, der erste Fisch die Meere des Zechsteins durchschwamm, der erste Vierfüßler seine Fährte dem Sande aufdrückte, ist von diesem jüngsten Tage des Erdenlebens, da der erste Mensch, „das erste Gespräch Gottes mit der Natur“, wie Goethe gesagt hat, erschien, durch Zeiträume getrennt, welche noch kein Forscher mit Zahlen zu messen wagte. Doch welche unendlich längeren Zeiträume sind auch diesen vorausgegangen, bis zu der Zeit, da unser Weltkörper als Dunstkugel im Aether des Weltraums seine Kometenbahn beschrieb! –

„Schüchtern zählt der Verstand die kurzen Stunden auf –
Der Gedanke allein umfaßt die Ewigkeit“.