Die Paulskirche und die erste deutsche Nationalversammlung

DCCXXIII. Das Thor des Niagara Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band (1854) von Joseph Meyer
DCCXXIV. Die Paulskirche und die erste deutsche Nationalversammlung
DCCXXV. Der Hudson vom Hyde Park aus
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DAS ERSTE DEUTSCHE PARLAMENT
in der Paulskirche zu Frankfurt

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Die PAULSKIRCHE zu FRANKFURT a/M

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DCCXXIV. Die Paulskirche
und
Die erste deutsche Nationalversammlung.




Die Paulskirche ist den Priestern zurückgegeben, von ihren Wänden sind die Symbole der deutschen Nation verschwunden, fortgenommen sind die dreifarbigen Banner aus dem Tempel und die Wogen der Zeit rollen über das Grab so vieler Volkshoffnungen schon sechs ganzer Jahre hinweg. Wer könnte daran denken, ohne Erinnerungen aufzufrischen, die das Blut rascher durch die Adern treiben, und wer sähe nicht mit Schmerz und Scham auf den Schauplatz hin, wo so mancher brave Mann ein Märtyrer seiner Ueberzeugung wurde, und wo so Viele ein leichtfertig oder treulos Spiel getrieben haben mit dem Heiligsten. Was ist geworden aus diesen Boten des deutschen Volks, hergesendet als Träger und Bewahrer seiner Hoheit, daß es aufrichte den starken Bau seiner Herrlichkeit, seiner Größe und seines Glücks? Vielen hat der Gram das Herz gebrochen, viele verbargen ihre Schande in der Dunkelheit, andere sind froh, daß ihrer das Volk vergessen; viele tragen die Schleppen der Macht als deren demüthigste Diener, und Manche von Denen, die es redlich meinten, schlummern in den Standrechtsgräbern, seufzen in den Kerkern, oder irren in der Fremde umher, um dem Henker zu entgehen, welcher ihre Namen an den Galgen schlug. – Schauerlicher Wechsel!

Weder die Völker noch die Fürsten haben bei demselben gewonnen. Vieles, was in Einigkeit seit Jahrhunderten verbunden war, ist getrennt, die Liebe ist zum Haß geworden, und was man Frieden nennt, das ist, nach Innen wie nach Außen, nicht viel besser als permanente Kriegsbereitschaft. Gewalt steht an der Stelle des Rechts an manchen Orten, und eine eidbrüchige, heuchlerische und grausame Politik lacht in manchen Ländern den Pflichten der Milde, der Menschenliebe und des Christenthums Hohn. Das böse Beispiel verdirbt die Sittlichkeit in den unteren Kreisen. Heuchelei gebiert den Unglauben, der Lügengeist beherrscht die Menschen, die Widerlichkeit saugt dem Volksleben die Säfte aus und macht Propaganda für Entmannung und Stumpfsinn. Manches Volk [50] erscheint wie ein abgelebter Greis; manches wie ein todtkranker Mann, und die moderne Staatskunst, die, als Arzt, ihm helfen soll, verfährt mit ihm wie ein Quacksalber. Mit Opiaten wüthet sie gegen die Symptome und die Grundursachen des Uebels läßt sie unangetastet. Verwüstet, kraftlos, abgefallen, bis in’s Innerste zerrüttet, siechen die Kranken hin unter dieser Kur, und selbst viele derjenigen Nationen, welche sich einer festern Gesundheit erfreuen, genießen ein nur zweifelhaftes Glück. Der in der langen Friedensperiode, während der Jahre eines wenn auch nur langsamen Fortschritts zu freieren Zuständen, gewachsene Volkswohlstand ist sichtlich wieder im Sinken; innerlich auszehrend, äußerlich welkend, wird die Gesellschaft, wie ein Nervenkranker, von jeder äußeren Bewegung fieberhaft erregt; ein verborgener Brand zehrt an ihrem Marke; sie ackert und pflügt zwar die Felder der Arbeit mit altem Fleiße; aber die schmächtigen Halme geben nur kümmerliche Ernten: denn der Muth ist hin in gar Vielen mit der Hoffnung, die Zufriedenheit mit der Freudigkeit, das Gottvertrauen mit der Frömmigkeit: und ohne ihr Zuthun ist ja in dem Schaffen der Menschen kein Segen. Finstern Blicks schaut mancher rechtschaffene Mann nach Trost; er sieht keinen; aber verruchte Arglist sieht er am Spieltisch sitzen und den Einsatz gewinnen. Die Welt scheint umgekehrt, vergessen die Geschichte und ihre Lehre: – „jede Tücke fällt auf das Haupt ihrer Urheber zurück“ – sie ist verlacht wie ein Ammenmährchen.

Ammenmährchen? – Nun ja, ein Mährchen will ich Euch erzählen, das Mährchen vom deutschen Parlamente. Glaubt Ihr noch an Mährchen? Tausende gibt es, und unter diesen gar ehrenfeste Leute, die über nichts mehr erröthen, als über das Eine: daß sie das Mährchen einmal geglaubt haben! – – –


Es war einmal eine Zeit voller Schlechtigkeit und Trübsal. Da saßen Lüderlichkeit und Verschwendung auf vielen Thronen, und Steuern und Gaben drückten viele Völker zu Boden und machten sie arm und elend. Es half kein Fleiß und kein Geschick. Die Steuererheber und Exekutoren spürten jeden erworbenen Pfennig aus, und zwackten ihren Theil davon, daß den Fleißigen nur das Leben blieb. Am schlimmsten waren die Franzosen daran in dieser Zeit und ihr Elend stieg so hoch, daß es zum Erbarmen war.

Der Bogen bricht, der zu sehr gespannt wird. Wie das Kreuz so groß und schwer geworden, daß es nicht mehr zu ertragen war, da gedachten die Franzosen des Beispieles der Schweizer zu Geßlers Zeit und suchten das Joch abzuschütteln. Das war schwere Arbeit und erforderte viel Blut, große Opfer und lange Zeit. Die Geschichte nennt das die erste französische Revolution.

Als das Wetter losbrach, da erschraken die Nachbarn des Franzosenkönigs; denn manche dachten, es könnte ihnen auch widerfahren, „Helfen wir ihm“, sagten sie, „daß kein bös Beispiel gegeben sey“. Und sie thaten sich zusammen, [51] und erklärten den rebellischen Franzosen den Krieg. Ihre Heerschaaren brachen über die Grenzen des Landes, damit sie es züchtigten und wieder in das Joch brächten. Da mußten viele Hunderttausend Männer vom Pflug und Webstuhl, von Frau und Kindern in’s Nachbarland, das ihnen nichts zu leid gethan hatte, es zu ketten und zu drangsalen, Alles um deswillen, weil es seinen König nicht mehr leiden und eine Herrschaft nicht mehr haben mochte, die ihm unerträglich geworden war. Die Franzosen aber wehrten sich tapfer gegen alle fremden Heere, und wenn diese auch manche Schlacht gewannen, so verloren sie noch viel mehre und das Ende war, daß, nachdem viele Hunderttausende den Versuch, den Franzosen einen König aufzuzwingen, mit ihrem Leben bezahlt hatten, die Angreifer sich zu schimpflichen Friedensschlüssen bequemen mußten. Deutschland bezahlte die Zeche; es trat den Franzosen seine schönsten Länder am Rhein ab. Viele Millionen Deutsche wurden dadurch zu französischen Republikanern gemacht über Nacht, deutsche Ländernamen verschwanden von der Landkarte, und es wurden französische Provinzen daraus.

Unter dem Druck verdirbt jedes Volk und die Franzosen hatten die Knechtschaft nur allzu lang ertragen. Sie waren nicht wie die Schweizer Hirten und Bauern, fromm, treu, bieder, einfach in ihrem Leben und ihren Wünschen und rein in ihren Sitten. Das Franzosenvolk war verdorben durch das Beispiel seiner Herren, und die verkehrte Zucht. Auch die Freiheit braucht lange Zeit, um eine verdorbene Nation besser zu machen. Ehe es aber so weit kam, da faßte ein kühner und großer Kriegsheld, im passenden Augenblicke, die Zügel der republikanischen Regierung. Napoleon Bonaparte setzte sich fest in den Sattel; er ward Konsul, bald auch Kaiser über Frankreich. Den schlacht- und sieggewohnten Heerschaaren der Franzosen aber zeigte der neue Herrscher die Länder der Nachbarn und rief ihnen zu: „Zieht hinaus und macht sie Frankreich dienstbar!“ Da brachen sie heraus und fielen, wie die Heuschrecken über die Saatfelder, über die Länder her, um da zu hausen und zu wirthschaften, wie die Nachbarn vordem bei ihnen selbst gethan hatten; und es wurde also wiederum wahr, daß auf verübtes Unrecht die Vergeltung nicht ausbleibe. Belgien, Holland, Italien kamen unter das französische Joch; die deutschen Fürsten waren uneinig unter sich – und als Napoleon ihnen die Wahl ließ zwischen Bundesgenossenschaft und Feindschaft, so sagten sich die Meisten los von Kaiser und Reich und machten Frieden und Freundschaft mit dem fremden Eroberer. Der nannte sie Souveräne, setzte ihnen Königs- und Herzogskronen auf, – spannte sie in sein Joch und die Herren ließen sich’s gefallen, Ketten unter dem Purpurmantel zu tragen. Dies war die Zeit des Rheinbunds, die Zeit der deutschen Schande, die Zeit der Zerstörung von Allem, was von der alten Volksfreiheit noch übrig war im deutschen Lande. Die Fürsten des Rheinbunds hatten von ihrem Herrn und Meister Macht und Gewalt bekommen, nach unten jeglichen Kitzel der Herrschsucht zu befriedigen; hingegen nach oben waren sie zu unbedingtem Gehorsam pflichtig. Wollte der Franzosenkaiser mehr [52] fremde Nationen in die Knechtschaft schlagen, so forderte er von deutschen Fürsten, als wären sie seine Vögte, die Söhne ihrer Länder, und wo immer sein Adler sich niederließ, um Völker zu zerfleischen, da waren auch die deutschen Kontingente, um seine Schlachten zu schlagen und fremdes Land mit ihrem Blute zu düngen. Zu Dank konnte es dem Korsen dennoch Keiner machen. Er nahm morgen wieder, was er heute gab, und verschenkte Kronen waren ihm feil wie Trödelkram. Als Preußen, bevor es selbst in das Joch ging, den Kampf wagte um seine Selbstständigkeit, als Oesterreich Gut und Blut zweimal daran setzte, um sich des Drängers zu erwehren, da schickten die Rheinbundfürsten ihre Kriegerschaaren gegen Preußen und Oesterreich, – Deutsche gegen Deutsche, – und nach gewonnenen Siegen schämte sich Keiner, seinen Theil von der schimpflichen Beute zu nehmen. Als endlich sogar auch Preußen und Oesterreich an Napoleons Triumpfwagen zogen, da sollte auch Rußland eingespannt werden. Abermals wurden 200,000 Deutsche, die Blüthe der Jugend, zur Schlachtbank geliefert und ihre Gebeine bestreuten die russischen Steppen von der Weichsel bis zur Wolga. Aber jetzt war der Herr der Welt des Quälers und Drängers müde, welcher die Völker seiner Erde wie Sklaven mißbrauchte. Der alte Jehovah reckte seine Hand aus gegen den Heros, – das flammende Moskau ward die Grenzmarke seines Weltzugs und im russischen Eise erstarrte des Riesen Kraft. –

Es riefen nun die Fürsten, des Joches und der Schande selbst übersatt, die deutschen Stämme an, daß sie sich erhöben, um sie zu befreien und die fremden Horden vom deutschen Boden zu vertreiben. Und das Volk ließ sich’s nicht zweimal sagen. Auf stand’s wie Ein Mann und brachte Gut und Leben zur Befreiung dar. Herrlicher ist nie eine Erhebung gewesen und nie hat sie einem reinern Zweck gegolten. Mit Gott zogen wir Männer aus von Nord und Süd und West und Ost – ein Gefühl, eine Idee, eine Begeisterung glühte in allen Seelen, und wo Deutsche zusammentrafen – da schlugen die Herzen in Bruderliebe zusammen. Zum Ersten Male seit zwei Jahrtausenden fühlten sich alle deutschen Stämme Eins – Ein Volk. Und von Schlachtfeld zu Schlachtfeld zog es, und von Sieg zu Sieg stürmte es vorwärts zwölf Monden lang, bis seine Fahnen wehten auf den Thoren von Paris, dem neuen Babel, welches Napoleon die Hauptstadt der Welt genannt hatte. Gebrochen lag das Eisenband, das geschmiedet war um so viele Völker. –

Und die Völker jubelten und dachten an nichts als an Glück und Freiheit. „Das war ein Gottesgericht!“ – riefen die Fürsten; und überwältigt von der Größe des Geschehenen gelobten sie feierlich, hinfort ihre eigene Freiheit und ihr eigenes Glück in nichts Anderem zu suchen als in der Freiheit, der Liebe und dem Glücke ihrer treuen Völker. – –

„Wenn der gute Engel sein Nest baut, legt der Teufel sein Ei hinein“, sagt ein altes Sprüchwort. – In Wien saßen nach der Abdankung Napoleons und nach geschlossenem Frieden mit Frankreich die europäischen Fürsten [53] zusammen 16 Monate. Bleicher und immer bleicher wurden die Völkerhoffnungen. Da war viel Markten und Feilschen und Streiten um Land und Leute; aber von den Gewährschaften der Volksfreiheit wollte nichts verlauten. Schon waren die Kongreßherren so böse aufeinander geworden, daß Mancher an den Degengriff schlug; da sandte der erzürnte Herrgott den gefürchteten Mann der Insel wieder unter sie, und der Schrecken stürzte die Wechselbuden um, und von Neuem entbrannte der Kampf. Noch einmal zogen die Deutschen als Sieger ein in das eroberte Paris und Napoleon wurde, – ein neuer Prometheus – an den einsamen Fels im Meere geschmiedet. Sein Engel der Erlösung war – der Tod.

„Nun kommt’s gewiß, was man uns versprochen hat!“ – so sagten Viele, die noch vertrauten, in diesen Tagen. Es kam: – der „heilige Bund“. Mißtrauen trat an die Stelle der Hoffnung und auch die letzten Gläubigen wurden kleinlaut, als die Bundesakte vom Gnadenhimmel der Gesalbten dem deutschen Volke in den Schooß fiel. Hatte man doch von der Aufrichtung des deutschen Reichs auf Grundlage der Volksfreiheit und Volkseinheit geträumt! Das Volk nahm’s hin, fromm und geduldig wie ein Lamm. Die Resignation war an die Stelle der Erwartung getreten. Doch nicht bei Allen und Jeden. Noch leben Männer aus diesen Tagen, welche ihrer Entrüstung Ausdruck liehen und wir ehren zu dieser Stunde noch Manchen als einen der Besten unter uns, welcher damals um eines freien Wortes willen in die Kerker wanderte, oder aus dem Lande flüchtete und mit Steckbriefen verfolgt wurde. Das Volk sah solchen Thaten zu mit unterschlagenen Armen, und frugen es die Schergen: „Kennst du diese Menschen?“ so hat es sie verleugnet. Es soll dem deutschen Volke niemals vergessen seyn, was ich gesehen habe und was geschehen ist in den 18er und 19er Jahren. Kein Hahnruf hat ihm das Auge gefeuchtet; kein Liebes-Andenken erfreute die Märtyrer in ihrer Kerkernacht: – verschollen waren sie und vergessen. Zwölf lange, traurige Jahre folgten. Da klopften plötzlich die Pariser Ereignisse im Juli 1830 mahnend au die Pforten der Schlösser. Der Geist erschien manchem wohlwollenden Fürsten; doch keiner hatte das Herz, ihn anzurufen.

Was muthige Männer in diesen Tagen gesprochen haben, es verhallte – und bald wurde ihr Mund von Denen geknebelt, die solche Reden nicht leiden mochten. Wieder kam eine stumme Zeit. Sie dauerte acht Jahre. Dann aber regte sich ein beharrlicher, klarer Geist legalen Widerstandes in den ständischen Versammlungen und im Herbste 1839 fand die erste Besprechung ihrer Führer zu gemeinschaftlicher Förderung der Volksfreiheit auf gesetzlichem, parlamentarischem Wege Statt. Es war zu Hattersheim. Andere folgten von Zeit zu Zeit. Diese Zusammenkünfte fanden gewöhnlich auf einem Landgütchen im Rheingau (Hallgarten) Statt, das dem Patriarchen der deutschen Demokraten, dem alten Itzstein, gehörte.

Ein Aufschwung des Volksgeistes that sich im Jahre 1845 kund. Von jetzt ab erkannten die Regierungen in ihm eine Macht. Sie fanden es nicht mehr für angemessen, ihn mit Ausnahmsgesetzen und Bundestagsprotokollen [54] zu bekämpfen. Wirklich gab es damals Regierungen, die es ehrlich mit dem Entgegenkommen auf halbem Wege meinten und die Nation hielt sie hoch. Wie athmete man auf in jenen Tagen! wie innig schlossen sich da und dort Volk und Fürsten an einander und wie glücklich fühlten sich beide der gesetzlich fortschreitenden organischen Entwickelung zu besseren Gesellschaftszuständen! Wo dies Verhältniß Statt fand, war man befriedigt. Man wünschte nichts weiter, als den Fortschritt zum Bessern an der Hand der Regierungen.

Unter diesen Regungen, Hoffnungen und Wünschen war das Jahr 46 verflossen. 47 kam. Deutsches Volksbewußtseyn hatte starke Wurzeln getrieben; es sproßte und knospete. Da geschah Etwas, unerwartet, wie ein Blitz aus wolkenleerem Himmel, der in die Geister fuhr. Ein Kirchenfürst, angethan mit apostolischer Kraft und von dem edelsten Willen geleitet, erhielt die dreifache Krone. Pabst Pius IX. öffnete die Gefängnisse, die sein Vorgänger mit den Opfern einer finstern Politik gefüllt hatte, er rief die Vertriebenen aus dem Exil, er schrieb mit wunderbarer Großherzigkeit die Nationaleinheit Italiens in sein Programm, und Italiens Volk erhob sich, es zu verwirklichen. Noch einmal, so schien es, sollte vom Kapitol die Herrschaft der Welt ausgehen, – keine Herrschaft des Schwertes, wie die des alten Roms, sondern eine geistige, alle Völker beglückende.

Und die Welt erglühte in Sympathie: – „Eviva Pio Nono!“ – jubelte jedes Herz, jedes war voll von Hoffnungen. „Die neue Zeit ist angebrochen“, sagte Einer dem Andern. Am tiefsten, vielleicht, war der Eindruck in Deutschland, weil da das Mitgefühl am wärmsten. Der Vergleich lag so nahe! Dieselbe Zerstückelung, dieselbe Schwäche, dieselbe Zerfahrenheit, dieselbe Hülflosigkeit nach Innen wie nach Außen, dieselbe Sehnsucht nach Einigung. Kein Wunder, daß die Gefühle, welche den deutschen Volksgeist durchdrungen, da und dort überschäumten; kein Wunder, daß die Fürsten, unwillig, den langsamen, organischen Weg des Fortschritts zu verlassen, und von den oft stürmischen Wogen der Volkswünsche bedrängt, sich beunruhigt fühlten. – Jede Regierung ging nun ihren eigenen Weg. Manche setzten dem ungestümen Drängen schroffe Negationen entgegen: z. B. in Kurhessen und Oesterreich. Andere kokettirten mit den Wünschen nach Freiheit und Selbstregierung; noch andere suchten durch zögerndes Nachgeben zu befriedigen. Keine aber faßte die Erscheinung in der Größe ihrer Bedeutung auf, keine ergriff mit klarer Einsicht und mit starker Hand die Zügel, nicht um zurückzuführen oder zu unterdrücken, sondern um zu mäßigen und zu lenken. So endigte das Jahr 47 und das folgende begann unter wachsender Bewegung, unter den Symptomen naher Stürme.

So war die Lage, als der Februarblitz plötzlich in das schulderfüllte Haus Ludwig Philipps schlug. Drei Tage rang das Volk mit der königlichen Gewalt den blutigen Kampf: der Preis war – die Republik.

„Die Schrecken des Todes haben die Monarchie überwunden“, sprach der Erzbischof von Paris, als die Gefallenen der Freiheit in’s Todtengewölbe hinabgesenkt wurden. Und diese Worte hallten wieder in den Bergen [55] und ihr Echo wurde in den Ebenen und Thälern vieler Länder gehört. – „Laßt uns die Schrecken der Monarchie überwinden!“ rief es am Po, rief’s am Rhein und an der Elbe, rief’s in den Niederungen der Ostsee, rief’s in den Pußten Ungarns, rief’s an den Feuerbergen Neapels und Siciliens, rief’s vom Kapitol der ewigen Stadt und am Grabe Hamlets. „Laßt uns die Schrecken der Monarchie überwinden!“ schrieben aufgestandene Völker auf ihre Fahnen. 136 Millionen, in vielerlei Zungen redend, wurden von dem einen Gedanken bewegt. Seit Weltgeschichte geschrieben ward, erzählt sie Gleiches nicht. Man nannte die Märztage des Jahres 1848 den anbrechenden Frühling der Völker.

Deutschlands Parole, noch am letzten Februartage gegeben, lautete: „Deutsche Preßfreiheit; deutsche Volksbewaffnung; deutsches Volksparlament“ – und nach 14 Tagen stand sie schon an den meisten deutschen Thronsesseln geschrieben. Wien erhob sich am 13. März; fünf Tage später Berlin. Es war ein kurzer Kampf überall und ein unbeflecktes Siegen. Großherzig senkte das Volk mit seinen Opfern allen Grimm und alles Gedächtniß an das Vergangene in die Gräber, und seinen Kaisern, Königen und Fürsten reichte es in herzlichem Vertrauen die Hand zur Erneuerung des alten Bundes, den die Gewohnheit, die Treue und Jahrhunderte gleichsam heilig gesprochen hatten; – zu dem Bunde, der fortan durch die bürgerliche Freiheit nur eine höhere Weihe erhalten sollte. Wie Posa seinem König, rief es ihnen zu:

 – – Geben Sie
Die unnatürliche Vergött’rung auf,
Die uns vernichtet. Werden Sie uns Muster
Des Ewigen und Wahren! Lassen Sie
Großmüthig, wie der Starke, Menschenglück
Aus Ihrem Füllhorn strömen. – – Sehen Sie sich um
In Gottes herrlicher Natur! Auf Freiheit
Ist sie gegründet – und wie reich ist sie
Durch Freiheit! – – – – Weihen Sie
Dem Glück der Völker die Regentenkraft,
Die – ach so lang! des Thrones Größe nur
Gewuchert hatte – stellen Sie der Menschheit
Verlornen Adel wieder her! Der Bürger
Sey wiederum, was er zuvor gewesen,
Der Krone Zweck – ihn binde keine Pflicht
Als seiner Brüder gleichehrwürd’ge Rechte, –


[56] Und als die Fürsten die Bitten, welche des Volkes Boten, nach errungenem, nirgends mißbrauchtem Siege, überall ehrfurchtsvoll zu den Thronen trugen, erfüllen zu wollen versprochen hatten; als der König von Preußen selbst in seiner Proklamation gelobt hatte, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen; als in feierlichem Umritt durch die Straßen seiner Hauptstadt, seine Herolde die deutschen Farben trugen; als die Trikolore auf den Zinnen aller Fürstenschlösser wehete und von allen Thürmen: – da war des Volkes Jubel kein Ende und auch der leiseste Zweifel an die Aufrichtigkeit und Dauer dieser Manifestationen fand keine Stätte mehr, nachdem die Gewährung der Volkswünsche: Preßfreiheit mit Volksparlament, und zum Schirme beider die Volksbewaffnung überall als Gesetz verkündigt worden waren. Das Einzige, was die bedächtigen und besonnenen Volksfreunde damals beunruhigte, war der Gedanke: „das Volk möchte nicht vorbereitet und nicht reif seyn, ein so großes Maß von Gütern der Freiheit in würdiger Weise zu gebrauchen und nicht Ausdauer genug besitzen, das leicht Errungene sich zu bewahren. Ihre Sorge, schon in den Märztagen ausgesprochen, ist leider nur zu begründet gewesen. Wahrlich! eine furchtbare Wahrheit Predigt des Dichters Wort:

„Kein Volk verliert die Freiheit, wenn es nicht
Der Fessel werth ist.“ –


Ich muß hier einen Schritt zurück thun, damit ich des Mährchens Faden nicht verliere. –

In Heidelberg hatten sich am 5. März 1848 einige fünfzig brave Männer versammelt, um in dem Augenblick, wo die Funken von dem verbrannten französischen Königsthron in den Zunder diesseits des Rheins geschlagen, und als Anarchie dem Brande nachzufolgen drohte, die für das Vaterland dringendsten Maßregeln zu berathen.

Nachdem sich diese Versammlung über Das verständigt hatte, was die Gefahr der Lage und die Sicherheit, Unabhängigkeit und Freiheit Deutschlands erheische, beauftragte sie eine aus ihrer Mitte erwählte Kommission von sieben Männern, die Grundlagen einer deutschen Parlamentsverfassung zu berathen und die Berufung einer Nationalversammlung einzuleiten. Am 12. März erschien die Aufforderung der Siebener-Kommission an die Ständemitglieder aller deutschen Lande, sich am 30. März in Frankfurt einzufinden, um über die Berufung eines deutschen, verfassungsgebenden Parlaments zu beschließen; und als man erwog, daß der preußische Landtag am 3. April einberufen sey, ein Erscheinen preußischer Stände im Vorparlament also Schwierigkeiten habe, so lud man nachträglich die preußischen Stadtverordneten-Versammlungen zur Beschickung ein. Beide Aufforderungen waren Fehlgriffe; sie erregten durch ihre Ausschließlichkeit das Mißtrauen gegen die Intentionen der Männer, die sich zu Wortführern der großen Bewegung aufgeworfen hatten, und erregten den Unwillen [57] des deutschen Volkes. Glücklicher Weise wurde die Vokation nicht streng genommen. Es fanden sich viele Männer in Frankfurt ein, die ihre Berechtigung lediglich in dem Adel ihrer Gesinnung, in ihrem früheren öffentlichen Wirken und in der Hochachtung bei sich trugen, die ihnen von ihren Mitbürgern gezollt wurde. Diesen Unberufenen wurden die Pforten der Paulskirche so wenig verschlossen, als den Männern entgegengesetzter Richtung, welche die deutschen Regierungen selbst zum Vorparlamente schickten.


Die Frankfurter Paulskirche, die sich durch Bauart und Größe als ein passender und würdiger Raum für die Aufnahme einer Versammlung empfahl, welche die größte, schwerste und folgenreichste Aufgabe des Vaterlandes zu lösen hatte, empfing die für ihre neue Bestimmung erforderliche Einrichtung und in den letzten Märztagen zogen fast 600 Volks- und Regierungsboten aus allen Theilen Deutschlands der Kaiserstadt zu. Alle politischen Meinungen waren vertreten. Man sah die alten Degen der Volksfreiheit, Arndt, Jahn und die anderen Grauköpfe, die schon vor 30 Jahren auf der Bresche gestanden, neben den feurigen Wortführern der jüngsten republikanischen Ideen, den Gleichmachern und Stürmern, Struve, Hecker und Genossen; aber auch Kirche und Staat hatten aus ihren Freunden und Dienern ein zahlreiches Kontingent geschickt. Der Bundestag selbst, von dem Bewußtseyn überwältigt, daß er in seiner bisherigen Zusammensetzung eher Haß und Mißachtung als Vertrauen einflößen, und ganz ohnmächtig sey, – auch er hatte sich beeilt, sich durch populäre Elemente zu kräftigen. Er gesellte sich sogenannte Vertrauensmänner zu, welche, wie Gagern, Jaup und Uhland, das Volk hochschätzte, und durch Entfernung seiner anrüchigsten Glieder, an deren Stelle Männer wie Welker, Klosen und Jordan berufen wurden, suchte er eine Aussöhnung mit der öffentlichen Meinung zu erringen.

Das schlimmste Omen in dieser Zeit war der sichtbare Mangel an klaren Ideen über die Gestaltung der deutschen Zukunft. Keine Partei wußte recht, was sie wollte und sollte. Im Volke lebte zwar das unheimliche Gefühl der Unverträglichkeit der alten Zustände mit dem Neuzuschaffenden in dunkelen Vorstellungen; aber massenhaft war die Verwechselung des Begriffs der Freiheit mit dem der Zügellosigkeit und Anarchie. Fürsten und Regierungen, ihres Nimbus entkleidet, sie trieben auf den Wogen der Ereignisse als Wracks, ohne Mast und Steuer, dahin; und die besitzenden Klassen, ungewiß der Zukunft, und in beständiger Furcht vor dem Chaos, überlieferten sich dem Schrecken oder der Muthlosigkeit. Das Geld entzog sich dem Umlauf, der Kredit hörte auf, Handel und Wandel wurden Tag für Tag geringer und beschränkter und ihr Lebensfeuer sank nach und nach zu einem phosphoreszirenden Schein herab. – Die Mittelklassen gebärdeten sich wie Wechselfieberkranke; bald überflog sie die Revolutionshitze, bald machte ihnen die Furcht vor den Schauern des Despotismus Zähneklappern, welche nicht ausbleiben würden, wenn es den Regierungen gelänge, die Revolution zu erwürgen. Geldsack, Büreaukratie und Adel aber sahen in [58] der allgemeinen Entwerthung der Staatspapiere, der Waaren und Güter, und in der Gewißheit, daß der Verlust ihrer Privilegien und Standesvorzüge unvermeidlich sey, mit Schrecken auf die Zerstörung von Dem hin, was ihnen über alles Andere werth war, – sie gingen der Zukunft, als wäre sie eine den allgemeinen Ruin herbeiführende Katastrophe, zitternd entgegen.

So war die Gesellschaft in Deutschland zu Ende März beschaffen. In Flammen loderten viele Lebensgeister; aber jene Flammen waren Flackerfeuer, und vom thatkräftigen Trieb, durch ernstes praktisches Zusammenwirken ein neues freudiges Volksleben zu begründen, war wenig zu spüren. Die Kräfte zersplitterten sich, hie und da gingen sie in offener Feindseligkeit auseinander. Unstätigkeit und Hastigkeit, Unklarheit und Unsicherheit drückten sich schon damals in vielen Erscheinungen der Bewegung aus. Die grundsatzlose Masse neigte sich mehr und mehr zur Zügellosigkeit, und wenn ihr die Vernünftigen mit Festigkeit entgegentraten, murrte sie, wendete sie sich, erkaltet, von der Revolution ab, und verrieth oft sogar ein Zurücksehnen nach den Fleischtöpfen der ägyptischen Dienstbarkeit. – Kein Volk kann die Freiheit genießen ohne Vorbildung für die Freiheit. Ohne daß vorher eine tüchtige politische Bildung Wurzel geschlagen hat, wird ein revolutionäres Volk die Freiheit nur unvollkommen erkennen, ehren und ertragen; es kann das Recht, das sie giebt, nicht fassen; es kann die Pflichten und Opfer, die sie auflegt, nicht erfüllen, das Glück der Freiheit ist ihm ein verschlossenes Buch.

Der 31. März war angebrochen. Es war ein Tag, blau, klar, sonnig, so recht gemacht zur Feier. Die alte Kaiserstadt hatte ein Festgewand angelegt, schön, wie sie je eins getragen. Jedes Haus hatte sich in grünes Laubwerk und bunte Teppiche gekleidet, Triumphbogen prangten auf Straßen und Märkten, Ehrenpforten waren alle Thore, lustig flatterten schwarz-roth-golden die Fähnlein aus allen Fenstern und die riesigen dreifarbigen Flaggen mit dem Reichsadler wogten von allen Thürmen. „Der deutsche Volksfrühling ist angebrochen, und Gott hat seinen Wohlgefallen daran; darum giebt er uns schon im März einen Maitag!“ – so rief man sich zu, angehaucht vom belebenden Lenze und getragen von der Freude und der Hoffnung. 6000 frankfurter Bürger, geschmückt wie zur Hochzeit, bildeten Spalier für den Zug der 600 deutschen Männer, der nach dem Römer sich bewegte, dessen Kaisersaal zu ihrem Empfang bereitet war. Unabsehlich Volk war schon vor Tagesanbruch aus Nah und Weit Frankfurt zugeströmt, und als sich um 8 Uhr der Zug in Bewegung setzte, drängten sich mindestens 100,000 Menschen in den Straßen, und ihr Hoch, wenn einer der Lieblinge der Nation ansichtig wurde, wollte kein Ende nehmen. In den Jubel hallte der Kanonendonner, der erste, der die Majestät des deutschen Volks salutirte. Alle fremden Gesandten und fremden Konsuln hatten ihre Wohnungen festlich geschmückt. Am herrlichsten prangte das amerikanische Gesandtschafts-Hotel. Auf dessen Zinne wehte das riesige Unionsbanner der Freistaaten mit den gold’nen Sternen auf himmelblauem Grunde und mit dem Adler der Freiheit, welcher das Pfeilbündel umschlungen hält, mit dem Wahlspruch: „In pluribus unum“. „Einheit in der Vielheit – das ist ja auch unser [59] Wahlspruch“, rief ein Graukopf aus dem Zuge der 600. Und das Volk verstand es. Ein Jubel, der nicht enden wollte, erschallte am Hause des amerikanischen Gesandten.

Die 600 wurden von dem Magistrat der Republik Frankfurt an der Schwelle des Römers feierlich empfangen und in den Kaisersaal geleitet. Dort überreichte der Siebener-Ausschuß dem Alterspräsidenten sein Programm. Das Dokument lautete:

I. Ein Bundesoberhaupt mit verantwortlichen Ministern.
II. Ein Senat der Einzelstaaten.
III. Ein Haus des Volks, hervorgehend aus den Urwahlen.
IV. Ein deutsches Heer und Eine deutsche Wehr. Eine Vertretung Deutschlands gegen das Ausland. Eine Gesetzgebung für Handel und Gewerbe, für Zölle und Posten, für Münze, Maß und Gewicht, für Wasserstraßen und Eisenbahnen. Ein Codex für Civil- und Strafgesetze. Ein Bundesgericht. Eine Verfassung, welche dem gesummten deutschen Volke die Segnungen der Freiheit verbürge.

Mit der Besprechung dieses Programms debutirte die Thätigkeit des deutschen Vorparlaments. Bald genug ließ sie die Unvereinbarkeit der Elemente dieser improvisirten Versammlung erkennen, und es war von Glück zu sagen, daß sie sich über die Wahl eines engern Kreises von fünfzig Männern – des sogenannten Fünfziger-Ausschusses – verständigte, und diesem die Aufgabe stellte: 1) im Verein mit der Bundesversammlung die Berufung eines verfassunggebenden Parlaments, hervorgegangen aus der direkten Wahl der Nation, zu bewirken; 2) der Bundesversammlung zur Wahrung der Interessen der nationalen Freiheit zur Seite zu stehen; 3) bei eintretender Gefahr das Vorparlament von Neuem zu versammeln; und 4) die Volksbewaffnung in allen deutschenLanden in’s Leben zu rufen. Vergeblich bekämpfte die kleine republikanische Partei (Hecker an der Spitze) diesen den Fortbestand des Bundestags und der Regierungen begünstigenden Beschluß und forderte zur sofortigen Annahme und Verkündigung von Grundprinzipien einer Neugestaltung Deutschlands im Sinne demokratischer Selbstregierung auf. Von den monarchischen Elementen überstimmt, sagte sie sich von der Mission des Vorparlaments los und schied aus der Versammlung. Dieselbe schloß ihre Sitzungen am 3. April und am nächsten Tage eröffneten die Fünfziger ihre Berathungen. Die Vornahme der Wahlen zum Parlamente war ihre dringendste Aufgabe. Sie wollten einen Abgeordneten auf 50,000 Seelen; der Bundestag hingegen bestand auf den Maßstab von 1 auf 70,000. Es war der erste schüchterne Versuch seines Widerstrebens; sobald der Ausschuß aber die Annahme seiner Ziffer gebieterisch forderte, unterwarf sich der Bundestag und schon am 11. April vollzog er das Wahlprogramm des Ausschusses, das er „den Ausdruck öffentlicher Wünsche“ nannte.

Die Fünfziger hatten inmitten der auf sie eindringenden Fluth der Ereignisse und der oft sehr ungestümen Wünsche und Forderungen des Volks einen schweren Stand. Sie waren recht eigentlich auf den Posten zwischen [60] Reaktion und Anarchie gestellt worden, entbehrten jedoch des sichern Bodens juristischer Berechtigung und des Bewußtseyns vollständiger Anerkennung ihrer Autorität. Fast täglich hatte der Ausschuß mit Proklamationen und öffentlichen Abmahnungen gegen die Unordnung zu kämpfen; noch schwieriger war sein Streit mit den Reaktions-Gelüsten der Regierungen und des Bundestags, und oft mußte er diesen durch die drohende Hinweisung auf seine Macht, der es nur eines Winkes kostete, die deutschen Bastill- und Thronstürmer in Masse aus der Erde wachsen zu machen, zu imponiren suchen. Dennoch konnte er die Vertagung in der Berufung des verfassunggebenden Parlaments vom 1. Mai auf den 18. nicht verhindern. Er fand im passiven Widerstand vieler Regierungen, welche sich nur nothgedrungen zur Vornahme der Parlamentswahl herbeiließen, ein unübersteigliches Hinderniß. Am hartnäckigsten widerstrebte Oesterreich; trotz seiner durch den Aufstand in Italien gefährdeten Lage, mochte es nicht einmal von dem angebotenen Beistand hören, als ein Aufruf der Fünfziger bei der Bedrohung Tyrols ihm Deutschlands Hülfe zusicherte.

Unter solchen Zuständen nahte der Tag heran, der der Mission der Fünfziger ein Ende machen sollte. Ihre letzten Tage waren der Vorbereitung für den Zusammentritt der Nationalversammlung gewidmet. Der Ausschuß schloß seine Sitzungen am 18. Mai, am Festmorgen der Eröffnung des deutschen Parlaments. Das war ein schöner und großer Tag „trotz alledem!“ Unter Blumen und Laubgewinden, unter Glockengeläute und Kanonendonner, unter dem Lebehoch von Hunderttausenden zogen die Erwählten der Nation baarhäuptig in den geschmückten Tempel der Freiheit, in welchen die Paulskirche umgewandelt worden war. Heinrich von Gagern nahm den Präsidentenstuhl ein. Er sprach: „Wir haben das größte Werk zu vollenden, zu dem jemals deutsche Männer berufen worden sind. Ruf und Vollmacht empfingen wir von der Souveränität der Nation. Deutschland will Ein Reich seyn, Ein Volk. Es soll dies werden durch die Verfassung, die wir aufrichten“. – Als sich aber der Bischof von Münster ernst erhob, und ermahnte, daß die Werkleute durch Abhaltung einer gottesdienstlichen Feier die höhere Weihe für ihre Aufgabe anrufen und empfangen sollten, sagte Raveaux: unser Gebet sey: „hilf dir selbst, so wird dir Gott helfen!“ – –

Noch war der Monat der Eröffnung nicht zu Ende, und schon war das Parlament in Parteien gespalten, deren Bestrebungen sich scharf von einander absonderten. Was mit landsmännischen Vereinigungen angefangen hatte, hatte sich schnell zu politischen Faktionen ausgebildet, die, fest gegliedert, jede schwebende Frage vor der öffentlichen Diskussion in ihren Versammlungen abthaten und die Debatte in der Paulskirche allmählig zu einem Schattenspiel herabwürdigten. Starrer und liberaler Konservatismus, die Royalisten und die Konstitutionellen verschiedener Schattirungen, die Demokraten von Jenen an, welche noch von der Möglichkeit einer Vereinigung der Volksherrschaft mit monarchischen Staatsformen träumten, bis zu den Männern, welche in der Socialrepublik das einzige Heil des Vaterlandes suchten, hatte jede Partei ihr besonderes Hauptquartier, und alle Tage schwand die Neigung mehr und mehr, partikularistische Meinungen den allgemeinen Interessen der Nation zu opfern. Die Diskussion über die Gesammtverfassung Deutschlands rauschte wie ein ausgetretener Strom in unübersehlicher [61] Breite dahin. Der Zauber, den die Ideen auf die Geister und die Ueberzeugung üben, verschwand mehr und mehr; hohle Worte beherrschten das Haus, und die zahllosen Redner, welche bei jeder Frage für und wider auftraten, ohne Kraft und Fähigkeit, der Frage eine neue Seite abzugewinnen, fraßen die kostbare Zeit. Die Regierungsgewalten waren durch die Aktion des Parlaments, das, in vielen Ländern mit mehr Ostentation als Takt, bei jedem Anlaß sein Souverainitätsrecht im Munde führte, paralysirt; die Ereignisse diktirten eine centrale Leitung und ein Beschluß des Parlaments übertrug solche einem Prinzen aus dem Hause Habsburg. Erzherzog Johann wurde am 29. Juni als Reichsverweser gewählt. Ein verhängnißvoller Akt! Ein Oesterreicher an die Spitze der Reichsgewalt gestellt, während die Verhältnisse Oesterreichs selbst so verwirrt und schwierig geworden waren, daß man fast an Wunder glauben mußte, wollte man an die Möglichkeit denken, wieder Ordnung aus solchem Chaos zu schaffen. In Wien und in den deutschen Landen war die Revolution siegreich, in Italien der Aufstand Herr, Ungarn in voller Empörung, alles slavische Land in Gährung; Sardinien schrieb, mit erhobenem Schwerte, die Einheit Italiens auf sein Schild; der Habsburger Hof selbst war ein Flüchtling in seinem eigenen Reiche. Unter diesem Wirrsal zog Erzherzog Johann in Frankfurt ein, – des neuen Deutschlands unverantwortliches Oberhaupt! – Es war ein neuer König Johann ohne Land: aber auch ohne Geld, ohne Soldaten, ohne Macht; der Zauber persönlicher Ehrenhaftigkeit und Liebenswürdigkeit glich diese Mängel nicht aus! Wenn man damals das Schwert Preußens zum Exekutor des parlamentarischen Willens gemacht hätte – wie wäre es dann geworden? –

Schon bei ihrem ersten Akt erfuhr die Reichsgewalt, den Regierungen gegenüber, Widerstand, und –sie ließ sich solchen gefallen. Die Forderung der Huldigung von allen deutschen Heeren wurde von den kleinern mit Mißtrauen empfangen, von den größern sogar abgelehnt. Die Huldigung der preußischen Armee wurde geradezu verweigert; in Oesterreich blieb die Verfügung der Centralregierung gänzlich unbeachtet. Vergeblich denuncirte die demokratische Partei im Parlamente einen solchen Widerstand als unleidliche Auflehnung. Der Reichskriegsminister selbst vertheidigte die Renitenten und die Majorität des Parlaments – sie fand sich zufriedengestellt! Eben so schwach zeigte man sich in den Beziehungen zum Auslande. Das Reichsoberhaupt schickte Gesandten und bevollmächtigte Minister; die meisten wurden mit Geringschätzung empfangen und mit Kälte behandelt. Man wagte nicht einmal dagegen diplomatische Reklamationen. So trat die Centralgewalt in’s europäische Daseyn schwach wie ein neugeborenes Kind.

Ein Verfassungsausschuß, Dahlmann an der Spitze, hatte unterdessen den Entwurf der Grundrechte des deutschen Volks vollendet. In und außer dem Parlamente war die Ungeduld schon lange laut geworden. Dennoch dehnten sich die Debatten beständig bis zum Uebermaß aus. Die Sündfluth der Anträge und Amendements schwoll bei jedem Paragraphen; Keinem ging es in den Kopf, die geringste Abweichung seiner persönlichen Auffassung den allgemeinen und höheren Zwecken unterzuordnen. Es wurden zu den Grundrechten 350 Aenderungsvorschläge eingereicht. [62] Rechnet man für jeden derselben nur 12 Redner, so kamen 4200 Reden heraus – und als Zeit für das Ende der Berathung erschien das Jahr 1849, ein Kalkül, das wenig von der Wirklichkeit differirte. Doch der Heldenmuth der Eitelkeit und Ehrsucht – (das Verlangen, sich durch spaltenlange Reden in die Unsterblichkeit der stenographischen Berichte zu schmuggeln, war zur Manie geworden!) – scheute vor diesem Schreckbild nicht zurück. Jeder Antrag, der die einströmende Fluth hätte beschränken und dämmen können, wurde von der Versammlung zurückgewiesen.

Endlich stieg die Ungeduld des Volks zum Murren – und während die hohle Phrase in der Paulskirche unbestrittene Herrschaft übte, fing es draußen an ihren Pforten zu lärmen und zu toben an. Die Massen wurden unruhig. Man mißtraute dem guten Willen der parlamentarischen Majorität, man munkelte vom Einverständniß derselben mit den Regierungen, welchen die wachsende Mißachtung der frankfurter Versammlung lieb war. Die anfänglich schwache republikanische Partei gewann nun innerhalb wie außerhalb des Hauses an Zahl und an Stärke. In Frankfurt selbst hatte sich ein Demokratenkongreß aus ganz Deutschland versammelt. Offen und furchtlos trat er dem Treiben der Majorität in St. Paul entgegen. Er verfolgte ihre Absichten mit der bittersten Kritik, er denuncirte ihre Unfähigkeit den Massen, er höhnte sie in Zeitungsartikeln, Flugblättern und Maueranschlägen. Die Spitzen der demokratischen Minorität des Parlaments leiteten diese kecke Bewegung. Die urtheilslose Menge gewöhnte sich daran, in der parlamentarischen Majorität Verräther des Vaterlandes zu erblicken.

Während so der Versammlung der Boden unter den Füßen schwand, ging die Staatsordnung in vielen deutschen Landen mehr und mehr aus den Fugen. Alles hielt nur noch wie durch eigenes Gewicht am Schwerpunkt der Gewohnheit. Erhob sich dann aus dieser uferlosen Bewegung bald da, bald dort ein Nothschrei, so sollte das Parlament der Helfer seyn in der allgemeinen Angst, und wider Willen sah es sich zuweilen genöthigt, das Selbstregieren zu versuchen, was jedoch oft bloß zu einer Manifestation seiner Ohnmacht und Unfähigkeit Gelegenheit gab. Mit dem schleppenden Gerede über Grundrechte gingen Tag für Tag, Monat für Monat hin, bis denn endlich die Majorität nicht länger ihr Ohr Dem verschließen konnte, was draußen von allen Dächern gepredigt wurde. Nun auf einmal schickten sich die Erschrockenen an, alles mit kurzer Hand abzumachen und an’s Ende zu kommen. In dieser Lage erschien der erste, schwache republikanische Aufstand in Baden – Heckers Zug – der Majorität wie ein God send. Aber statt zu warnen, schöpfte sie aus dem leichterrungenen Sieg neues Vertrauen in ihre Macht und Sicherheit. Sie lernte die Unzufriedenheit mit Gewalt unterdrücken; sie requirirte die Bataillone der Fürsten gegen jede Volksbewegung in ihrem Bereiche. Sie sah nicht ein, daß sie sich eben dadurch der Quelle ihrer Macht entfremdete. Der Volksunmuth brandete in immer höhern Wogen und die Fluth durchbrach den Damm, als die Majorität jenen berüchtigten Vertrag von Malmoe sanktionirte, welcher das deutsche Schleswig zur dänischen Provinz machte. Am 16. September Abends, unmittelbar nach der Abstimmung, organisirte sich der Aufstand. Den nächsten Lag, nach einer Volksversammlung [63] auf der Pfingstweide, brach er los. Das friedliche Frankfurt bedeckte sich mit Barrikaden. Aber die starke Garnison war vorbereitet – Kanonen schmetterten die Kampfgerüste der Republikaner nieder, ein Kartätschenhagel zerstreute ihre Schaaren, und am andern Morgen konnte die Militärmacht die Majorität in der Paulskirche mit der Versicherung erfreuen: „l’ordre regne à Varsovie!“

Durch den Septemberaufstand war der Bruch der Nationalversammlung mit der Revolution entschieden, und ihre Unfähigkeit zur gedeihlichen Lösung ihrer Aufgabe weltkundig geworden. Das Schwert, mit dem sie den Volksaufstand niedergeschlagen hatte, hing fortan als Damoklesschwert über ihrem eigenen Haupte. Sie hatte gleichsam den Arm erhoben gegen ihre Mutter; sie hatte sich selbst von der Quelle ihrer Macht losgesagt; fortan sah die Nation in der Majorität des Parlaments nur noch das Werkzeug der Reaktion. Die Debatten im Parlamente verloren die Theilnahme des Volkes in demselben Maße, als seine Hoffnungen auf die Versammlung selbst gesunken waren. Sie arteten bald in ein erbittertes Parteigezänk aus, unerquicklich für den Beobachter und ohne Würde und Ehre für die Betheiligten. Das Vertrauen war begraben, der Glaube auf einen guten Ausgang war untergegangen bei allen Besonnenen.

Das Leben des Parlaments nach dem 18. September erscheint wie das eines kranken Mannes, den die Aerzte aufgegeben haben. Die weiteren Scenen in der Paulskirche – so geräuschvoll und heftig auch viele waren, – änderten doch an dem nothwendigen Ausgang Nichts, so wenig wie die Paroxismen einem Fieberpatienten helfen können, der dem Tod geweiht ist. Das Parlament, zum Spielwerk der Rivalitäten und Intriguen der Parteien herabgesunken, verfolgte seinen Lauf zum Untergange fortan wie ein Wrack, das, ohne Selbstbestimmung auf den Wogen dahin treibt, bis es der Klippe begegnet, an der es zerschellt. – Ich kann mich kurz fassen, die Agonien eines Sterbenden zu schildern. Die Kaiserwahl, die Fahrt der Parlamentsboten mit der papiernen Krone nach Potsdam, – ihre von dem Verbot der deutschen Fahnen begleitete Aufnahme in Berlin – der königliche Korb – die Sendung der Parlaments-Kommissäre in das Hauptquartier des Windischgrätz und nach Olmütz – der schauerliche Ausgang der Theilnahme einiger Parlamentsglieder am Wiener Kampfe für Freiheit und Verfassung, – Blums Todtenfeier, – die Intervention der Centralregierung bei dem Kampfe der Reaktion des Berliner Hofs gegen die preußische Nationalversammlung: – sie waren eben so viele offenkundige Niederlagen für Frankfurt und zeigten die Mißachtung der Autorität des Parlaments von Seiten der größeren deutschen Regierungen. Die Exekutive der Nationalversammlung ihrerseits hüllte sich in völlige Thatlosigkeit und sank nach und nach zum bloßen Schatten herab. Das Jahr 1848 war noch nicht zu Ende, und bereits war die deutsche Fahne in Oesterreich verpönt, und österreichische Volksboten, die in der Paulskirche von deutscher Einheit und Freiheit gesprochen hatten, mußten fürchten, beim Wiederbetreten des österreichischen Bodens standrechtlich erschossen, oder in die Kasematten des Spielbergs geworfen zu werden. –

[64] Die Geburt der Grundrechte zu Ende des Jahres war eine schwere Geburt; sie wurde von der Nation mit Kälte empfangen. Das Kindlein siechte seit dem ersten Tage. Die größern Höfe versagten den Grundrechten die Einführung. Als das Parlament die Spielbanken aufhob, deren Abschaffung die öffentliche Meinung gebieterisch gefordert hatte, legten die Regierungen Protest ein, und als die von den Habsburg’schen Maßregeln bis auf’s Aeußerste gereizte Versammlung sich von Oesterreich ganz abwendete, und Ein Deutschland ohne Oesterreich proklamirte, so erklärten Oesterreichs Volksboten, daß sie ihr vom Volke erhaltenes Mandat höher achteten, als die Vernunft- und rechtswidrigen ohnmächtigen Beschlüsse der parlamentarischen Majorität; sie wollten auf ihren Sitzen in der Paulskirche bleiben und nur der Gewalt weichen. So weit war es gekommen im Schooße der Versammlung, welcher das deutsche Volk seine Rechte, seine Erwartungen und Hoffnungen auf einheitliche Große, Würde, Macht, Glück und Freiheit anvertraut hatte! Die nun herannahende letzte Periode des parlamentarischen Daseyns war für das deutsche Volk eine Periode des tiefsten Leids. Die letzten Akte der großen Bewegung haben uns nichts hinterlassen, als Schlachtfelder, Standrechtsgräber, gefüllte Kerker und die langen Züge der Männer, welche das Exil in der Fremde der Verfolgung im Vaterlande vorzogen. Die Reichsverfassung selbst, das Kind eines Kompromisses zwischen unversöhnlichen, machtlos gewordenen Parteien, war, ähnlich den Grundrechten, todt geboren und der Aufruf des Parlaments an das Volk, sie gegen die allgewaltig gewordene Reaktion zu vertheidigen, vergrößerte bloß die Verwirrung, und beschleunigte durch ihre Folgen, die besiegten Aufstände in Baden und Sachsen, den Untergang des Parlaments und der Revolution. Verzweifelnd rief der alte Arndt, noch auf der Schwelle der Paulspforte stehend: – „wir sind im vierten Akte; bald fällt der Vorhang. Aber das Stück ist noch nicht aus; – wann wird er zum fünften aufgezogen werden? Man wird mir entgegenschreien: was prophezeihst du alter schneeweißer Rabe? Vermagst du Königen und Fürsten mit dem fünften Aufzug zu drohen? – Nein! nein! Ich drohe nicht; ich weissage ganz still und ruhig. Meine Füße stehen im Grabe, meine Augen werden hinter dem fünften Aufzug nichts Irdisches mehr sehen. Ich drohe mit keinem Zeichen; sondern der Alte der Tage, Gott, drohet mit dem seinigen“.

Am 30. Mai 1849 war die letzte Sitzung des Parlaments in der Paulskirche; ihre Pforten wurden geschlossen und auf Vogts Antrag siedelte die Versammlung, aus kaum noch hundert Männern bestehend, – (die Uebrigen hatten sich beeilt, das lecke Schiff zu verlassen, oder waren dem Abruf der Regierungen gefolgt) – nach Stuttgart, nicht mehr, um zu siegen, denn dafür war längst jede Chance dahin, sondern um mit Ehren unterzugehen. Auch diese Absicht hat das unerbittliche Schicksal dem „Rumpfparlamente“ verkümmert. Was im Kaisersaale zu Frankfurt so groß und so hehr, ausgerüstet mit der Allmacht, welche der Wille der größten Nation verleihen konnte, angefangen hatte, das endigte in Stuttgart, wie ein loser Kravall, durch den Stock der Polizei und den Säbel der Gensdarmen. –