Der Hudson vom Hyde Park aus

DCCXXIV. Die Paulskirche und die erste deutsche Nationalversammlung Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band (1854) von Joseph Meyer
DCCXXV. Der Hudson vom Hyde Park aus
DCCXXVI. Fort Snelling am Mississippi
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(HUDSON)

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DCCXXV. Der Hudson vom Hyde Park aus.




Washington Irving legt einem seiner Veteranen aus dem nordamerikanischen Freiheitskriege die Worte in den Mund: „Dank Gott, daß ich an den Ufern des Hudson geboren bin!“ – Und wahrlich, Einer mag schon Gott danken, wenn er an den Ufern dieses herrlichen Stromes leben kann, mag seine Wiege gestanden haben, wo sie will. Der Hudson ist überall neu, interessant und prachtvoll, von seiner Quelle an, inmitten der primitiven Einöde, bis dahin, wo seine klaren Fluthen sich mit dem Ocean vereinigen; düsterer Forst und Wildheit der Landschaft wechseln beständig mit den Sonnenblicken freundlicher Kultur und heiterer Waldesruhe. Der Reisende mag suchen was er will, er findet es an den Ufern des Hudson. Jähe Felsmauern und schmucke Farmen, schön geschwungene Höhen und liebliche Thäler, geräuschvolle Städte und heimlich blinkende Landhäuser, trotzig aussehende Befestigungen und friedliche Hütten, dunkler Urwald und blühende Obstplantagen, Buchten und Engen, sie wechseln in so rascher Folge und bieten dem Auge des Zuschauers fortwährend so viel neue Reize, daß nicht einmal ein Gelüste nach weiteren Schönheiten Zeit und Raum hat, wach zu werden. Dazu tritt noch der großartige Handelsverkehr, welcher sich überall kenntlich macht und der Landschaft ein ungemeines Leben verleiht. Der Reichthum an Naturschönheiten, die freundlichen Dörfer und unzähligen Landsitze finden in dem bunten Treiben auf seinen Gewässern eine so passende Gesellschaft, daß es sich wie eine Ungerechtigkeit der Natur ausnehmen würde, wenn dieser breite Strom seine mächtigen Wellen in stolzer Selbstgenügsamkeit und müßiger Herrlichkeit zum Ocean hinabrollte. Er muß etwas schaffen, tragen, mit sich bringen; und die Dampfer, die Segelschiffe, die Boote und Flosse, welche unaufhörlich seinem Laufe folgen, entziehen nichts der Großartigkeit seiner Natur.

Hyde Park liegt 80 englische Meilen oberhalb Newyork, im Ducheß County, am östlichen Ufer des Flusses. Zahlreiche Landsitze befinden sich in dieser Nachbarschaft, und Wohlhabenheit und Komfort ist der Ausdruck der ganzen Gegend.

Unser Bild stellt eine Partie des prachtvollen Landsitzes des Dr. Hosak dar, eine der größten und schönsten Anlagen am Strom. Allerdings darf das Auge keine Gegenstände der Romantik suchen. Es gibt dort keine Abteien und Burgen; Spuren höherer Kunst sind vergleichsweise wenig sichtbar; aber dafür hat die wohlwollende Hand der Natur eine reichere Gartenlandschaft an die Ufer des Flusses gebettet, als die Kunst irgendwo hat erreichen können. Downing, der berühmte englische Garten- und Parkkünstler, sagt mit vollem Recht: „Die Schönheit der Natur ist in keinem Theile der Union mit so viel Anmuth ausgelegt, als in den Partien des mittleren [66] Hudson. Die Reize der Scenerie sind dort so mannigfaltig, daß Plätze, welche nur eine Meile oder zwei von einander entfernt liegen, den verschiedenartigsten Charakter tragen und die mannigfaltigsten Aussichten gewähren. Wenn man sich in einer dieser Anlagen befindet, hat das Auge gewöhnlich ein sanftes Rasengelände vor sich, und dichte Baumgruppen schließen die Aussicht nach den Seiten hin ab; zu den Füßen erstreckt sich seeartig der Strom und die Ferne begrenzt eine schön gezogene, bewaldete Bergkette. Die Anlagen selbst haben oft nur wenig Umfang; aber leicht bildet sich ihr Besitzer ein, Herr der ganzen Landschaft zu seyn, so glücklich ist die Lage der meisten. Auch für die Besitzung des Dr. Hosak hat die Natur das Meiste gethan, indem sie dem Grund und Boden alle wünschenswerthe Mannigfaltigkeit verlieh. Sie hat die hellen Gewässer eines lebendigen Bergstromes durchgeleitet, und der Blick, von der unmittelbaren Nähe des Hauses aus, schweift über das Thal des Hudson in einer Länge von 40 Meilen und zugleich in die bewaldeten Berge. Indeß sind auch die Anstrengungen der Kunst einer so seltenen Lage nicht unwerth geblieben. Zieranlagen, Wege, Pfade und Laubgänge sind mit so viel Geschmack angelegt, daß sie die Reize der Natur nur erhöhen. Der ganze Park umfaßt ohngefähr 700 Morgen“.

Zur Zeit, als Downing diese Beschreibung gab, betrachtete man Hyde Park als einzig in seiner Art; jetzt gibt’s viele Parks am Hudson von gleicher Ausdehnung und noch größerer Kunstvollkommenheit, jedoch keinen, welchen die Natur so verschwenderisch bedacht hätte.

Am Hudson zeigt sich ein rasches Wachsthum an Kultur, Wohlstand und Bevölkerung im auffallendsten Maße. Eine Eisenbahn, welche dem Strome entlang erbaut ist, erleichtert so sehr die Verbindung mit Newyork, daß jetzt viele Kaufleute dieser Metropole ihre Stadtwohnungen verlassen, und ihren Reichthum auf Verschönerung ihrer Landsitze am Hudson verwenden. Wenn die gegenwärtig grassirende Liebhaberei für plumpe Nachäfferei des Gothischen ausgelebt hat, so wird auch ein geläuterter und ein weniger phantastischer Baustyl an die Reihe kommen. Der Newyorker Kaufmann wird dann auflachen über die abgeschmackte Thorheit seines Vorfahren, in einer ritterlichen Halle zu wohnen, mit Wappenschildern geziert und mit Ahnenbildern behängen.

Der alte Irving, Amerika’s Liebling, welcher den Hudson in seinen alt-holländischen Sagen für alle Nachwelt verherrlicht hat, besitzt in einer zurückgezogenen Bucht des Stroms ein bescheidenes Plätzchen, welches er mit jener feinen Eleganz und Anmuth ausstattete, die seine Erzählungen beseelen. Mit ihm wohnt sein Freund und Genosse, Paulding, der berühmte Verfasser von „the Dutchmans Fire-Side“ (der Holländer Herd). Sunny-Side hat Irving sehr bezeichnend sein Waldeckchen getauft, wo er den Abend seiner Tage zu verleben im Sinne hat. An der entgegengesetzten Seite des Flusses, etwas weiter oben lebt der geistreiche Willis in einem alterthümlich aussehenden Haus; nicht weit davon ist Downings liebliche Villa – desselben Mannes, der so elendiglich in der Fülle seiner Jahre umkam in demselben Strom, den zu verschönern und zu verherrlichen er sich zur Aufgabe [67] seines spätern Lebens gemacht hatte. – Es ist unmöglich, an den Ufern des Hudson zu wohnen, ohne ihn zu lieben; und oft hört man die rohesten Gemüther ihre Bewunderung kund geben und dieselben Empfindungen der Ehrfurcht hegen, welche in den Worten Irvings so trefflichen Ausdruck gefunden haben. „Ich glaube“, sagt der geniale Verfasser des Sketch Book, „ich kann das Angenehme in meinem Denken und Fühlen auf meinen frühern vertrauten Verkehr mit meinem liebsten Freund, dem Hudson, zurückleiten. In der Wärme jugendlicher Begeisterung pflegte ich dem stolzen Strom die Attribute ländlich-sittlichen Charakters beizulegen und ihm eine Seele zu geben. Ich ergötzte mich an seinem stolzen, freien und aufrichtigen Charakter, an seiner edlen Einfachheit und offenen Wahrheitsliebe. Da war keine gleißnerisch schmeichelnde Oberfläche, welche verrätherische Sandbänke oder gefährliche Felsenriffe barg, sondern ein Strom, so tief als breit, und keines Fahrzeuges guten Glauben betrügend, welches sich seinen Fluthen anvertraute. Ich erbaute mich an seiner ruhigen, majestätischen, gleichmäßigen Fluth, wie sie sich so gemessenen Schritts vorwärts bewegte, und wurde sie einmal durch vorstehende Felswände seitwärts gedrängt, so erkämpfte sie sich doch bald wieder ihren geraden Zug nach vorwärts. Siehe hier, sagte ich, das Symbol einer wackeren Lebensbahn, so einfach, wahr und gerade; wenn sie, durch widrige Umstände überwältigt, sich auch einmal verirrt, so ist’s doch nur für einen Augenblick; immer findet sie ihre ursprüngliche Richtung wieder und verfolgt sie standhaft bis an’s Ende“.