Das weiße Haus

DCCXI. Im Bosporus Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band (1854) von Joseph Meyer
DCCXII. Das weiße Haus
DCCXIII. Das Baden-Baden von heute
  Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
[Ξ]

THE PRESIDENTS HOUSE
(WASHINGTON)

[5]
DCCXII. Das weiße Haus.




Am stillen Ufer des Potomak, umgeben von freundlichen Gartenanlagen, steht ein Haus, weiß getüncht, schmucklos, von bescheidenen Dimensionen. Sein anspruchsloses Aeußere läßt nicht vermuthen, daß es mehr sey, als eines Privatmanns anmuthiger Landsitz. Und doch ist dieses Gebäude die Wohnung eines Mannes, dessen Hand das Steuer führt im mächtigsten Staate der neuen Welt und auf dessen Wort Fürsten und Völker der Erde lauschen. Hier residirt der zum Präsidenten erwählte Bürger der großen Republik, ein König über 25 Millionen freier Menschen, die ihm, dem Fürsten des Gesetzes, willig dienen, und unter denen keiner ist, in dem nicht daß stolze Bewußtseyn lebt, daß auch er das Recht habe, berufen zu werden, Herr in diesem Hause zu seyn.

„Das weiße Haus“ nennt schlechtweg das Volk die Amtswohnung des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu Washington. Mir gefällt der Name. Es hängt nichts daran von dem Schellengeläute des Herrscherthums, er entspricht der republikanischen Einfachheit, welche Glanz, Schein, Parade und Flitterstaat gern entbehrt. An ihn knüpfen sich nicht, wie an die Namen der Schlösser von Versailles und der Tuilerien, an die Windsor-Castle und Dogenpaläste von Venedig und Genua, an den Vatikan und das Haus des Czaren, die Erinnerungen von Blutscenen und Verbrechen; weiß ist ja die Farbe der unbefleckten Tugend, der Unschuld, Wahrheit, Rechtschaffenheit! – Das weiße Haus – wahrlich! ich wüßte keinen schönern Namen für die Wohnung eines Mannes, der berufen ist, als Regent das Glück seiner Mitbürger zu befördern. Und Amerika braucht sich seiner Wahlkönige nicht zu schämen. Sie waren rechtschaffene, gute, weise, achtbare Männer. Unwerth der Ehre, auf dem Stuhle des großen Washington zu sitzen, war kein einziger.

Ich will nicht sagen, daß sie alle Washingtons gewesen. Ich meine nur, daß das Volk seine Wahl nie zu bereuen gehabt hat. Keiner seiner Präsidenten hat mit einer einzigen unehrenhaften oder schlechten That das Buch der Unionsgeschichte beschmutzt; alle haben dem großen Zweck ihres Berufs redlich gelebt. Washington steht allein, und wird immer allein stehen, hocherhaben, wie seine eherne Bildsäule über den Statuen der Andern am Sockel seines Denkmals. Er ist wie Shakespeare unter den Dramatikern, Homer unter den Dichtern, Newton unter den Physikern, Luther unter den Reformatoren, Leonidas und Winkelried unter den [6] Helden der alten und der neueren Zeit. Washington ist kein Maß für die Uebrigen. Demungeachter kann die Republik zufrieden seyn. In welchem Lande kann die Monarchie den neun amerikanischen Präsidenten neun Regenten ebenbürtig in ununterbrochener Reihe an die Seite stellen?

Für den Republikanismus selbst ist damit allerdings wenig bewiesen. Aber dies Wenige ist doch immer Etwas. Wir wissen Alle, daß der Republikanismus die Menschheit nicht besser macht; doch er bessert den Menschen, indem er ihn aufrichtet und zum Bewußtseyn seiner Menschenwürde erhebt. Mehr darf man nicht erwarten. Auch das amerikanische Leben zeigt, daß die Selbstregierung weder den Egoismus niederhalten, noch ihn bezähmen, noch ihn veredeln kann. Sie hindert nicht, daß er sich in niedriger Weise und für niedrige Zwecke entwickele; aber sie hindert ihn doch, daß er sich in Korporationen vergesellschafte, daß er herrsche, unterdrücke und verewige. Sie läßt ihn nicht ausschließlich werden, wie in den Monarchien, wo er Standes- und Ehrenrechte erhält, sie läßt ihn nicht fortdauern durch Erblichkeit. In der Republik ist sein Wirken vorzugsweise auf das Individuum angewiesen. Er beginnt und endigt mit dem Leben; er tritt nicht über den Kreis der Familie hinaus. Er hat weder Raum noch Zeit genug, ungeheuere Dimensionen anzunehmen, und trostlos zu werden für die bürgerliche Gesellschaft. In der Republik hat die Person alle Verantwortlichkeit für ihr Handeln auf sich zu nehmen, nicht der Stand, nicht die korporative Genossenschaft. Der Egoismus des Adels z. B., kann in Europa die für den Staat verderblichsten Zwecke als Stand verfolgen, ohne daß dafür dem Einzelnen seiner Angehörigen ein Makel, ein Vorwurf, eine Verantwortlichkeit erwachse; ein absoluter Fürst, der seine Krone wie ein Gut betrachtet, das ihm von seinen Vorfahren überkommen ist, und das er an seine Erben mit ungeschmälerten Herrscherrechten übertragen soll, kann sich in bewegten Zeiten, wo solche Rechte gefährdet sind, die grausamsten Mittel erlauben, um sie in Kraft zu erhalten; er kann im Gebrauch dieser Mittel sein Land verderben, sein Volk elend und unglücklich machen und sich doch für einen pflichtgetreuen Fürsten halten, der nur sein Recht und Gerechtigkeit übt. Wer kontrolirt das Urtheil der Könige? Gegen den Irrthum ist kein Mensch, auch der Weiseste nicht, gesichert, und vielleicht ist dem Irrthum Niemand zugänglicher, als Einer, der über Alle steht und welcher stets auf sein eigenes Urtheil hingewiesen ist. Man fordert von den Fürsten, sie sollen hinabsteigen in den dunkeln Schacht des eigenen Herzens, dort das taube Gestein von dem Golde zu scheiden; man wundert sich, wenn sie manchmal das Werthlose an den Tag fördern und das Gold mit Füßen treten. Sie müßten ja Halbgötter seyn, wenn es anders wäre!

Das Leben im weißen Hause ist einfach und anspruchslos wie das Haus selber – so, wie es sich bei einem republikanischen Volke ziemt. – Keine Polizeibeamte umschwärmen in hundert Verkleidungen die [7] Avenüen; keine Garden und Schilderhäuser belagern die Eingänge; keine Livreen glänzen in den Corridors; keine Kammerherren und Kammerdiener hüten die Vorzimmer; keine prunkenden, zeitraubenden, ehrfurchtgebietenden Ceremonien und Aufzüge leiten die Audienzen ein, oder verkündigen das öffentliche Erscheinen des ersten Magistrats einer gaffenden Volksschaar. Der Präsident hat seine bestimmten, bekannten Arbeitsstunden; ein Jeder achtet sie und Keinem fällt es ein, ihn während derselben mit seinem Besuche zu behelligen. Zu jeder anderen Zeit sind seine Zimmer Denjenigen offen, die ihn sprechen wollen. Es bedarf dazu keiner Introduktion, keines Audienzgesuchs; Jeder ist sein eigener Ceremonienmeister und stellt sich selbst vor. Trotz dieser Freiheit und Ungebundenheit hat sich der Präsident selten über eine Zudringlichkeit zu beklagen; das Volk weiß: der Mann hat viel zu arbeiten, und die Neugier wagt es nicht, ihn um seine Zeit zu betrügen. Nur an den Nationalfesten, am 4. Juli, dem Jahrtage der Unabhängigkeitserklärung, an Washington’s Geburtstage, und wohl auch am 1. Januar, strömen die Schaaren der Bürger nach dem weißen Hause, um ihren Regenten ohne Krone zu begrüßen und ihm die Hand zu drücken. Bei solchen Anlässen gehen Anstand und Herzlichkeit stets zusammen. Die Furcht, welche Knechte macht, hat daran keinen Theil. Ein amerikanischer Präsident hat kein Sibirien, er hat keine Unterthanen, die er auf den Zobelfang, in die Bergwerke oder nach Cayenne schicken kann; er hat nicht für die Bevölkerung von Kasematten und Kerkern mit Staatsverbrechern zu sorgen; ihm strömen keine Thränen Flehender auf die Hand, die wie Scheidewasser brennen; er hat nicht Gnadengesuche von Unglücklichen entgegenzunehmen, deren Blicke ihm wie Dolche in’s Gewissen fahren: – leichten Herzens sonnt er sich an der freiwillig dargebrachten Huldigung des freien Volks, freut sich der Zeichen allgemeiner Zuneigung und Achtung, und genießt den Feiertag mit Lust, der ihn für viele Werkeltage lohne. Euch, ihr Könige, – Schlachtopfer oder Opferpriester – Unglückliche oder Schuldige, – beneidet er nicht!

Während der Sitzungsperiode des Kongresses hat der Präsident ein oder zwei Mal die Woche die mit seiner Stellung verknüpften Repräsentationspflichten zu erfüllen. – Ein diplomatisches Diner versammelt dann die einheimischen und fremden Notabilitäten im weißen Hause, und was die Damenwelt von Washington an Auszeichnung, Schönheit und Liebenswürdigkeit besitzt, ist des Abends um die Frau Präsidentin im Ballsaale vereinigt. Um bei diesen Gelegenheiten allen Rangstreit zu vermeiden, hat die republikanische Praxis die alphabetische Ordnung eingeführt, d. h. die Eingeladenen rangiren sich nach den Anfangsbuchstaben ihrer Namen. Der launige Zufall bringt da manche ergötzliche Nachbarschaften zusammen. Der Botschafter des Czaren, strotzend von Goldborten und strahlend von diamantenen Sternen, kommt vielleicht neben den schwielenhändigen Farmer und Deputirten des fernen Westens zu sitzen, ein rothhäutiger Abgesandter seines Stammes aus dem Felsengebirge ist das vis-à-vis vom bevollmächtigten Minister des Kaisers von Oesterreich; der glatte, [8] redselige Gesandte Frankreichs hat den schwarzen Chargé d’affaire seiner Majestät Faustin I. zur Seite; der Konsul irgend eines Heinrichs Nr. 70 oder 80 aus Reußenland zündet behaglich seinen silberbeschlagenen Meerschaumkopf an derselben Kerze an, an welcher der tätowirte Winnebago-Häuptling die Friedenspfeife ansteckt. Trotz dem geht es, wenn auch weniger ceremoniell und steif, doch nicht weniger anständig zu als unter dem Scepter der strengsten Etikette an der kaiserlichen Tafel zu St. Cloud, oder in der Wiener Hofburg, und die gelegentlichen Verstöße irgend eines Gasts aus den Hinterwäldern oder aus den Wigwams am Missouri, der vielleicht zweimal Suppe fordert und Pasteten mit dem Löffel ißt, werden so wenig beachtet, als der Mangel an Feinheit und Gewandtheit in der Konversation bei einem Tischgenoffen, der kaum 50 englische Worte radebrechen kann, oder dessen Mittheilungsvermögen gezwungen ist, sich auf die Zeichensprache zu beschränken.

Das Winterquartal ist die Saison für die Lever’s des Präsidenten. Wie die Reunion’s an unsern kleinen Höfen, versammelt das Lever einen weitern, weniger scrupulös gewählten Kreis von Personen in den Bibliothek- und Konversationssälen des weißen Hauses zur zwanglosen Unterhaltung über Politik, Kunst und Wissenschaft. Ein Ball oder Koncert knüpft sich daran, und kürzt die Stunden des Abends. Der einfache schwarze Frack ist für die Männer bei solchen Gelegenheiten das Galakleid; nur die fremde Diplomatie erscheint in Uniform; sie stolzirt einher wie die Pfauen unter den Raben. An den Glanz eines Hofballs in den Tuilerien, oder in St. James, ist freilich niemals zu denken; aber die Summe des Vergnügens für die Gäste ist darum nicht geringer. Das „East Room“ (der Ballsaal), ist mit Geschmack, obschon sehr einfach ausgestattet. Keine Vergoldung blendet das Auge, keine kostbaren Gemälde schmücken die mit weißem Marmor getäfelten Wände. Es ist einleuchtend, daß der Reiz der Bälle im weißen Hause viel von den Eigenschaften der Dame abhängt, welche die Ehren des Hauses, als Wirthin, empfängt und ausgibt. Nicht allen großen Männern hat das Schicksal Frauen zugetheilt, begabt mit dem Talente der Repräsentation in der Gesellschaft, und nicht alle amerikanische Präsidenten waren so glücklich wie Washington und Madison, deren Gemahlinnen durch Geist und Anmuth zum Mittelpunkte der glänzenden Gesellschaft wurden, welche sie umgab. Aber auch die einfache Hausfrau eines Polk oder Pierce ist im „weißen Hause“ am rechten Platz, und daß des Hauses Herrin keine Fürstin sey, deren bezaubernde Liebenswürdigkeiten nicht selten das Elend und Unglück der Völker zur Folie haben, – daß glänzende Gestalten, wie die einer Pompadour und Dubarry, einer Howard oder Lola Montez im East-Room unmögliche Erscheinungen sind, – das ist gewiß für Amerika kein Unglück. –