Das Baden-Baden von heute

DCCXII. Das weiße Haus Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band (1854) von Joseph Meyer
DCCXIII. Das Baden-Baden von heute
DCCXIV. Girard’s-College in Philadelphia
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BADEN-BADEN
VON DER BURGRUINE AUS GESEHEN.

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DCCXIII. Das Baden-Baden von heute.




Die Erscheinungen der Zeit finden ihren Schlüssel im Wesen und Zustand der Gesellschaft. Wie glänzend oder wie groß, wie stark oder wie trotzig, wie widerlich oder wie fade sie auch aussehen mögen, alle haben doch nur eine Quelle als Ursprung und ein Steuer, dem sie gehorchen: die socialen Verhältnisse und die Ideen, welche dieselben beherrschen. Das Kulturleben, ausgehend von einem Punkte, wie die Ringwellen des Wassers durch den geworfenen Stein, drängt sich hinaus in immer größere Kreise. Jedes Ende ist zugleich ein Anfang und hinter jeder untergehenden Gesittung steigt die Morgendämmerung einer neuen herauf. Die griechische ist hinweggeschmolzen mit ihrer Herrlichkeit, als wäre es Eis gewesen bis auf wenige Ueberreste; die römische, ihre Tochter, ist ein Trümmerhaufe, und auch die europäische der Neuzeit wird in den Abgrund sinken. Wie die Natur die neuen Kontinente aus den Ruinen der älteren aufgebaut hat, wie sie die neuen Geschlechter aus der Zersetzung der vorhergegangenen ernährt, wie junge Völker und Reiche an die Stelle der alten treten, wie die modernen Künste die alten ersetzen, wie neue Erfindungen, Fertigkeiten und Anwendungen die früheren verdrängen und unnütz machen, so steigen auch von Zeitraum zu Zeitraum neue Kulturformen auf den Ruinen der älteren empor. Das, was sich der organischen Verwandlung hemmend entgegenstemmt, sey es Staat, Gesetz, Kunstregel, Sitte, Religionen, wird zerbrochen: – denn das Streben zum Neugestalten duldet keine Fesseln, größer der Widerstand ist, desto größer ist seine Kraft und wo ihm eine allmählige Entwickelung nicht zugelassen ist, wird es durch Umwälzungen und Revolutionen siegen.

Doch der gewöhnliche Verlauf des Kulturlebens ist ein ruhiger. Sprosse um Sprosse erklimmt eine Gesittung ihre Höhe, und Staffel um Staffel steigt sie von derselben wieder herab. Auch die moderne Kultur Europa’s hat ihren Gang abwärts angetreten. Unser Auge mag es nur nicht sehen, die Seele scheut zurück vor dem Gedanken, daß es so sey, sie zittert vor der Idee, daß die europäische Civilisation ihr weites Haus räumen müsse – daß das Schicksal ihr das letzte Gemach, den letzten Schrein vielleicht in nicht sehr langer Frist verschließen werde. Während die meisten Menschen ein leichtfertiges Spiel mit den auffälligsten und bedenklichsten Erscheinungen des Verfalls treiben, sind es nur wenige, die sie wie das Mene Tekel, wie Prophezeiungen des Kommenden betrachten.

[10] Es gehört in der That doch ein sehr leichter Sinn dazu, z. B. den glänzenden, summenden Mückentanz des heutigen Genußlebens für ein Zeichen des Wohlbefindens und der Sicherheit zu halten. Seht Euch vor, wenn der große Gott beschließen sollte, einen Zerstörer und Messias zu senden in das faule Babel! Es wird dann in Europa seyn, wie in einer großen Stadt, wo das Feuer an hundert Orten zugleich aus den Giebeln bricht, und kein Mensch mehr weiß, was sicher vor ihm sey und wo es ende. – Dann ist kein Reichthum, der nicht verzehrt, keine Macht, die nicht über den Haufen geworfen werden könnte; dann ist kein Gut und Besitz ungefährdet; dann ist kein Verdienst, das gewißlich schützt; dann ist Alles bis auf den Glauben, bis auf Volkssitte und Volksgebräuche, ja, bis auf die Hoffnungen und Gedanken des Herzens der Zerstörung und Verwandlung hingegeben – Alles geht in dem neuen Kulturprozeß auf, welchen eine unbekannte Macht als Keim in ihrem Schooße birgt. Daher der Schauer, welcher jeden Gedanken in diese Wandlung begleitet; darum die allgemeine Scheu, dieses Thema zu erörtern; daher die Leichtfertigkeit, mit der sich die Menschen in den Strudel des Genusses und Vergnügens stürzen, sich zu betäuben; daher die Willfährigkeit, sich über das Treiben dieser Zeit Illusionen zu machen. Mitten in der Periode des Verfalls lebend, niedersteigend von Staffel zu Staffel, stehend am Rande des Abgrunds, aus welchem der Krieg und die Revolution, mit den Attributen der Barbarei beladen, drohend heraufsteigen, um die Gesellschaft umzukehren, freut sich der Leichtsinn der Flammenzüge, welche an den Wänden glühen, wie eines Feuerwerks, und umgeben von den gewaltigen Symptomen des herannahenden neuen Weltalters, sitzen die Uebrigen wie Idioten da, weder hoffend noch fürchtend, wartend, stumm, leer, kalt, Menschen gleich, die zu Stein wurden, wie Lots Frau, durch die Furcht, daß sie dem Geschick nicht entrinnen können. – Europa ergraut mit jedem Tage. Es nützt ihm nichts, daß es sich die Runzeln glättet, die Wangen malt und Rosen in das falsche Haar steckt. Das Weib von 70 Jahren wird darum keine junge Maid, in deren Auge sich ein Himmel voll Liebe und Glück aufthut. Die Kulturformen folgen in ihrem Entstehen und Verschwinden unabänderlichen Gesetzen. Die Macht großer Ideen allein kann sie schaffen: auch sie ist’s wieder, die sie ihrem Untergang zuführt. Der Einzelne ist ein Tropfen im Strome; er kann an dem Laufe desselben nichts ändern. Aber die Ewigkeit seines Daseyns hebt ihn über alle Phasen des Veränderlichen und Vergänglichen hinweg und glücklich ist er, wenn er dem Zuruf folgt:

„Laß wandeln die Gedanken-Sterne
     Den lichten Pfad;
Als Sämann streue in die Seelen
     Des Guten Saat.


[11] Baden-Baden, das heutige, ist ein Bad für Gesunde. Seine unermeßlichen Anlagen, die Menge seiner Prachtsäle und Paläste, in denen sich die vornehme Welt aus allen Theilen der Erde zusammen findet, würden leer stehen, wäre Badens Anziehungskraft auf seine Heilquellen allein begründet. Unter den Luxusbädern ist jetzt Baden, was London ist unter den Städten; denn die Zahl seiner Gäste steigt allsommerlich wohl auf 30,000! Es ist begreiflich, daß in einem solchen Bade die kleinlichen Rücksichten, die man anderswo zu nehmen hat, um nicht Anstoß zu erregen, wegfallen. Da wird nicht ängstlich nach Rang und Stand gefragt, woher Jemand stamme, welches Kleid er trage, wie er seine Zeit am liebsten sich vertreibe. Wer in Baden-Baden bemerkt seyn will, muß schon ganz besondere Eigenschaften besitzen oder sehr auffallend leben. Freilich fragen auch die kleineren Kreise, deren es hier hunderte aller Art gibt, streng genug nach den Verhältnissen eines Unbekannten, der sich ihnen zu nähern sucht. Das heutige Baden wimmelt nämlich von männlichen wie weiblichen Abenteurern selbst des vornehmsten Ranges, so daß man gegen jeden Fremden, mit dem man nähere Bekanntschaft schließen will, vorsichtig seyn muß. Von dem freundlichen Entgegenkommen, von der Verschmelzung aller Badegäste in eine einzige große Familie, wie man es in kleineren Kurorten findet, wo der Ankommende sich schon in den ersten Tagen seines Aufenthaltes wie zu Hause fühlt, trifft man dort keine Spur. Aecht großstädtisch, ohne Neugier und ohne Theilnahme geht Alles aneinander vorüber. Wo Jedem, wie hier, eine so reiche Auswahl zur Geselligkeit offen steht, kann auch Jeder nach seiner Neigung wählerisch seyn. Es gewährt ein komisches Schauspiel, wenn irgend ein Groß-Würdenträger eines kleinen Staates, der daheim gewohnt ist, schon vor seinem leeren Wagen alle Hüte auf hundert Schritte aus übergroßem Respekt vom Kopfe fliegen zu sehen, zum ersten Mal in Baden ankommt. Nachdem er seinen Titel, der zwei Linien des Fremdenblattes füllt, mit ängstlichster Sorgfalt, daß um’s Himmelswillen kein „Ober“ oder „Geheim“ vergessen werde, eingeschrieben hat, schreitet er, ganz gegen die hiesige Sitte, alle Ordensbänder im Knopfloch, die Gemahlin – aufgeputzt, als wollte sie zum Hofballe fahren, – ihm zur Seite, im Gefühl seiner Würde stolz einher, in der Meinung, Jeder müsse mit zuvorkommender Höflichkeit sich ihm nähern, sich glücklich schätzen, die Ehre seiner Bekanntschaft zu machen. Aber von all’ den langen Titeln, breiten Bändern und der stolzen Attitüde nimmt Niemand Notiz. Da läßt denn der Verblüffte allmählig die Dekorationen verschwinden, die Exzellenz trägt mit dem entfachen Kleide auch einfache Manieren zur Schau, und dem Witzbold ist die Gelegenheit genommen, an einer Lächerlichkeit seinen Stachel zu üben. – Das Konversationshaus mit seinen vielen Sälen, und noch schönerem freien Platze, von süßduftenden großen Orangenbäumen umsäumt, ist der eigentliche Mittelpunkt des großartigsten gesellschaftlichen Lebens. Die Abendzeit von 7–9 Uhr hält hier die haute volée versammelt. In einem Kiosk auf der grünen Matte, die durch die breite Promenade von der Säulenhalle des Konversationshauses getrennt ist, spielt ein gut besetztes Orchester. Die Klänge der neuesten Walzer, Polka’s und der [12] Ouvertüren beliebter Mode-Opern tönen in das Gesumme der auf- und niederwogenden Menschenmenge. Es sind hier oft 2000 Personen aus allen Gegenden der Welt vereinigt, die auf dem Platze promeniern oder auf den Sitzen der Ruhe pflegen. Alles findet hier seine Repräsentanten: Jugend und Schönheit, Stand und Reichthum, der Glanz berühmter, sey es erworbener oder ererbter Namen. In einer Gruppe sieht man oft Staatsmänner, Feldherren, Gelehrte und Künstler zusammen, die sich Ruhm in allen Enden der Welt erworben, deren Namen und Thaten Tag für Tag die Zeitungen verkünden. Dazwischen der Frauen bunte Schaar gleich wogenden Blumenbeeten, wo sich oft die höchste Eleganz mit der höchsten Einfachheit der Toilette zu verbinden sucht. Und welche Grazie der Haltung, welche Freiheit der Bewegung! Da sind die vornehmen Russinnen mit ihrem schmieg- und biegsamen Körper, den sie so geschickt zu tragen wissen, mit den gelblich blassen Gesichtern ohne Frische, die nur durch die zwar gewöhnlich hellen, aber sehr lebendigen, mandelförmig geformten Augen Leben und Reiz erhalten. Selten findet man unter ihnen eine vollkommene Schönheit; schon die Gesichter junger, kaum den Kinderschuhen entwachsener Mädchen sind fast immer krankhaft; weißer Teint, frische Farben gehören bei ihnen zu den seltensten Ausnahmen. Aber etwas Piquantes haben sie in ihrer Erscheinung trotz dieses Mangels an Jugendlichkeit, trotz der zu breit hervorstehenden Backenknochen. Uebertroffen werden sie im Allgemeinen von den Französinnen, denen man in ihrer ganzen Erscheinung die Palme zuerkennen muß; Eleganz der Bewegung mit zierlichem Wuchse und fesselndem Ausdruck der Züge ist bei ihnen vereint. Von Engländerinnen, deren Zahl in Baden eine Legion ist, sieht man einzelne, welche durch die Regelmäßigkeit ihrer Züge und ihr rosiges Kolorit die Blicke mit Recht anziehen; sonst haben sie etwas Steifes, Eckiges, wenig Ansprechendes in Wuchs, Gang und Kleidung und stehen hinter den andern weiblichen Nationaltypen weit zurück. Auch unseren deutschen Frauen mangelt nicht selten der Reiz einer eleganten Erscheinung, obschon sie es an Sinnigkeit und wahrer Anmuth mit der ganzen übrigen Damenwelt aufnehmen können.

Die Kokette ist in Baden Königin. Wie feurige Raketen fliegen die Blicke umher, die empfänglichen Herzen der Männerwelt zu entzünden. Die Flammen, die hier auflodern, sind meist leere Strohfeuer, eben so schnell wieder erloschen wie aufgeflackert; aber leichte Verhältnisse knüpfen sich schnell, denn die Gelegenheiten sind günstig, die strenge Sitte beugt sich in Baden dem Vergnügen. Ein Blick auf die hundert Verhältnisse, die sich auf der Promenade anknüpfen und zwischen verschwiegenen Wänden fortsetzen, könnte uns zeigen, wie locker die Bande, wie leicht die Moral der vornehmen Welt aller Nationen geworden sind. Doch wer mag solche Spuren verfolgen, wo so Vieles zum reineren Genuß ladet! Wie süß duften die Orangen! Sie erhöhen den südlichen Zauber, der über Allem ausgebreitet liegt. Lind und warm ist die Luft, jedem rauhen Winde ist der Zutritt durch die schützenden Berge verwehrt, von dunklerer Färbung ist das Blau des Himmels. Auf der einen Seite der Promenade steht das im edlen Style gebaute weitläufige Konversationshaus mit seiner [13] Säulenhalle und seinen zierlichen Nebengebäuden; auf der andern breitet sich ein grüner Rasenteppig aus, rings von einer Allee schattiger Bäume umgeben. Dahinter, amphitheatralisch erhaben, ist die Stadt Baden mit ihren schimmernden Häusern , Balkonen und flachen Dächern, die ihr einen italienischen Charakter verleihen; hoch oben darüber glänzen die sorgfältig angebauten Höhen des Schwarzwaldes, in deren Baumwipfel die Winde wie Choräle rauschen. Ganz oben, einen würdigen Schluß bildend, ruht das malerische Gemäuer der alten Schloßruine; mit ihm in gleicher Höhe sich über alle Berge hinziehend ein hoher Kamm kahler Felsen, deren todtes Silbergrau schön von dem dunkeln frischen Waldesgrün absticht. – Jetzt hat die scheidende Sonne über dies bunte Gemälde ihre purpurne Gluth ausgegossen, alle Farben erscheinen zuletzt noch in hellerem Glanze, die Fenster des Städtchens speien Flammen und, gleich Rubinen, funkeln sie in der silbernen Einfassung der weißen Gemäuer. Noch so ein letzter hellstrahlender Blick, und die Schatten der Nacht sinken allmählig herein, und verbreiten über Alles leise ihren dunkeln Fittich. Da blitzen wie mit einem Zauberschlage unten auf der Promenade die Gasgirandolen mit ihren weißen, durchdringenden Strahlen auf, und helle Streiflichter fallen auf die immer noch wogende Menschenmenge. Ihr trügerischer Schein ist Vielen günstiger als das klare Licht der Sonne, er schmeichelt dem falschen Glanze, den dieses unbarmherzig enthüllt. Lebendiger glänzen die Wangen der Frauen, unsichtbar sind die Falten und Runzeln und die matten Kreise der Augen, die des Lebens Eile und überschwenglicher Genuß zu frühe gezeichnet; feuriger scheinen die Blicke, deren innere Leere sich jetzt weniger bemerklich macht. Immer lebendiger wird das Gesumme, immer kühner werden die Worte der selten vergeblich schmachtenden Seladons, immer gewährender die Blicke der Frauen; was die Helle des Tages noch zurück drängte, um nothdürftig den äußeren Schein zu retten, offener und rücksichtsloser wird es in der Dunkelheit der Nacht. Dazwischen das Geplauder der Gruppen, die weiter unten an der galerie des fumeurs um einzelne Tische sitzen und, behaglich Sorbet oder farbiges Eis schlürfend, sich die Spaziergänger betrachten. Auch in den Sälen des Konversationshauses, die mit vielem äußeren Glanze, ganz darauf berechnet, die Augen der großen Menge zu blenden, ausgestattet sind, drängt sich die Menge. Welche Fundgrube für einen Genremaler, der die verschiedenen Scenen, die hier unaufhörlich den Blicken des Beobachters sich darbieten, wiedergeben wollte! Interessant müßten solche Bilder seyn, schön aber selten, denn ein wohlthuender Anblick ist’s nicht, den diese Scenen gewähren. Wie verschieden malen sich die Leidenschaften in ihren wechselnden Steigerungen in den Gesichtern dieser Gesellschaft! Welche unvergängliche Linien werden hier oft dem Antlitz für immer eingegraben! Alt und Jung, Vornehm und Gering stehen dicht um die grünen Tische geschaart; Stand und Rang sind hier ganz verschwunden; die Sucht nach Gewinn macht Alle gleich, und mit immer gleicher Miene harkt der Croupier die Geldrolle des Fürsten und den letzten Kronenthaler des armen Handwerkers zusammen, der schwach genug war, der lockenden Verführung nicht zu widerstehen. Kalt [14] wie das Metall, das er mit geschickter Hand umher wirft, sind die Blicke eines solchen Dieners der privilegirten Geldsucht; was kümmert’s ihn, wie die rollende Kugel fällt, ob sein Geben ober Nehmen des Goldes Entzücken oder Verzweiflung bereitet? Faites vos jeurs, Messieurs! tönt heiser die tonlose Stimme, blitzend fliegt das Auge über den langen Tisch, die Sätze zu kontroliren, und Betrügereien zu verhindern.

Oft sieht man viele Tausende auf einem Satze stehen, und der Unternehmer, ein französischer Oberst, Benazet, soll, außer dem jährlichen Pacht von 40,000 Franken und den großen Kosten für den Bankbetrieb, bei dem allein nahe an 30 Croupiers angestellt sind, in einer Saison oft mehr als 100,000 Gulden reinen Gewinn gehabt haben. Gewähren schon Männer an Spieltischen einen widerwärtigen Anblick, so ist dies in weit stärkerem Grade bei den Frauen der Fall. Förmliches Geschäft vom Spielen, so daß sie sich hinsetzten und auf der Karte nachpointirten, machten in der Regel nur vornehme Russinnen, die, wie überhaupt über alle Schranken der Sitte, so auch hier über den Anstand sich am kecksten hinwegsetzen; außer ihnen auch einige Französinnen der höheren Gesellschaft. Bei Engländerinnen und Deutschen herrscht noch das Ehrgefühl zu sehr vor, als daß sie anders als auf einige Augenblicke sich den Tischen nähern und stehend, gleichsam aus Scherz, einige Goldstücke dann und wann hinwerfen. Das ächte Bild einer wahren Spielerin gab mir eine elegant gekleidete Französin in mittleren Jahren. Sie trug noch die Spuren ehemaliger großer Schönheit. Von 11 Uhr Morgens, wo die Säle der Bank sich öffnen, bis spät um Mitternacht, wo sie geschloffen werden, behauptete sie unablässig ihren Sitz, gewöhnlich beim Trente-un. Sie spielte nicht sehr hoch, ihre Mittel schienen dem großen Spiel nicht gewachsen. Aber mit welcher Spannung haftete ihr großes dunkles Auge, in dem einst die Flammen der Liebe gelodert haben mochten, auf der Hand des Croupiers, der die Karten umschlug! Welche unersättliche Gier spiegelte sich in den scharfen Zügen, in denen Leidenschaften aller Art ihre Furchen zurückgelassen! Ihre Freude über Gewinn war fast noch unschöner, thierischer, als der Zorn über Verlust. Im letzteren Falle verfehlte sie nie, durch eine starke Prise Tabak ihr Gehirn anzufrischen.

An den Sonntagsabenden spielt von 8 Uhr an im großen Hauptsaal ein ausgezeichnetes Orchester, theilweise von den ersten Pariser Virtuosen gebildet, die von dem Unternehmer freigebig bezahlt werden. Dann tönt das Schmettern der Trompeten zu dem Rollen der Kugeln, dem Klappern und Klingen der Goldhaufen, dem eintönigen Ruf der Bankhalter. Die Verlierenden, die an solchen Abenden doppelt zahlreich sind, können sich dann wenigstens trösten, daß Fanfaren ihren Verlust begleiten oder sanfte Flötentöne ihn betrauern.