Girard’s-College in Philadelphia
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GIRARD-COLLEGE in PHILADELPHIA
Septimius Severus hinterließ seinem Sohne und Nachfolger als letzten Ausdruck aller Regentenweisheit die Mahnung: die bewaffneten Legionen allein zu ehren, alles Uebrige aber, Kunst, Wissenschaft, Bildung, Unterricht für nichts zu achten.
Wohin das römische Weltreich auf diesem Wege gekommen ist, weiß jeder Schulknabe.
Die Lehren der Geschichte gehen an den Lebenden unbeachtet vorüber. Seit den letzten Erschütterungen der westeuropäischen Gesellschaft durch die Revolutionen hat es Inhaber der Gewalt gegeben, welche sich nicht geschämt haben, das Wort des Cäsaren zu wiederholen, und an manchen andern Orten, wo es nicht ausgesprochen wurde, weisen Thatsachen darauf hin, daß man in der Praxis dem Grundsatze nicht abhold sey, wenn auch ihn offen zu bekennen noch nicht an der Zeit erschienen. Dieser Geist frißt sich alle Tage tiefer in die Schichten der Gesellschaft. Er bereitet der Rohheit und Barbarei den Pfad; er bringt Urtheile, Gefühle und Anschauungen in Umlauf, die den Humanitätsinteressen feindlich sind. Eine augenfällige Mißachtung der Attribute ächter Bildung ist aus den obern Regionen in das Volk herabgestiegen, die Ehrfurcht vor dem Erhabenen und Schönen in Kunst, Wissenschaft, Leben und Streben ist von dem barbarischen Respekt vor den bloß materiellen Gütern und Genüssen in den Hintergrund gedrängt. Wir sehen Männer, die als Zierden ihrer Zeit noch vor wenigen Jahren so hoch in der Meinung ihrer Zeitgenossen standen, daß sie für unantastbar galten, von der Gewalt mit Füßen getreten, und während dies geschieht, zollt das entartete Volk ihnen kaum einen Blick der Beachtung; wir sehen ausgezeichnete Erscheinungen der Literatur, welche man sonst mit Ehrfurcht in die Hand nahm und mit Heißhunger verschlang, mit Gleichgültigkeit empfangen, und die höchsten Bestrebungen des Menschengeistes in der sinkenden Gesellschaft mit Achselzucken oder Mißachtung begegnen, weil sie für Mehrung sinnlicher Genüsse und für das materielle Wohlbehagen nichts beizutragen vermögen. Das Reich des Gedankens, sofern es sich über die Schranken des Materiellen erhebt, das geistige Schaffen, sofern es nicht greifbaren Nutzen bringt, ist in den Augen der Mehrzahl ein phantastisches Nebelreich, ein fades und nutzloses Spiel, der Mühe nicht werth, die es kostet. Wüßte man nicht aus der Geschichte, was solche Phasen in den Begriffen einer der Verwilderung sich zuneigenden Zeit auf sich haben, wie sie enden und wie sie wechseln, so könnte man wohl an dem Fortschreiten menschlicher Gesittung irre werden und den Funken verwünschen, der seine Träger über die Masse erhebt. Aber allen Fortschritt begleitet von jeher ein [16] Ebben und Fluthen, und wenn auch zu Zeiten einzelne Kulturformen zerfallen, und das Gemeine das Bessere zu überwuchern und zu unterdrücken droht, das Wirken für geistige Zwecke, das Schaffen für geistiges Gut bleibt doch immer das Ewige, das Obenbleibende, das des Menschen Würdige; das Einzige auch, welches das materielle Streben adelt, indem es sich mit demselben verbindet. Wenn der Reichthum sich selbst nur als ein Mittel für höhere Zwecke betrachtet und diesen Zwecken sich opfert, so erscheint er ehrwürdig, während Derjenige, welcher das Geld um des Geldes willen aufhäuft, oder es mißbraucht, um sich in Lust zu wälzen, ein Thor ist oder ein gemeiner Mensch, der unsere Verachtung verdient.
Es ist oft behauptet worden, daß niemals müheloser, rascher und häufiger Reichthümer erworben wurden als jetzt; niemals aber auch zugleich die Beispiele eines edlen, würdigen, ehrenden Gebrauchs derselben so selten verkamen als in unserer Zeit. Ich glaube, das Verhältniß ist immer so gewesen. In der moralischen Durchschnittsgröße der Menschen zwischen Sonst und Jetzt gibt es keinen Unterschied. Die großen Geister, welche sich über die Menge erhoben, waren im Alterthum nicht häufiger, als gegenwärtig. Die Fortschritte, welche in neueren Zeiten Wissenschaft, Kunst, Religion und Philosophie gemacht haben, stehen damit in keiner Beziehung; denn sie können so wenig große Männer machen, als ihre Erscheinung verhindern. Dieselben Ursachen, welche Plutarchs Helden vor drei- oder vierundzwanzig Jahrhunderten hervorriefen, sind auch heute noch wirksam. In der Zeit ist das Geschlecht nicht progressiv. Phocion, Sokrates, Anaxagoras haben keine Schule hinterlassen. Die ihnen Ebenbürtigen werden nicht nach ihren Namen genannt, sie sind selbst Meister und Lehrer. Was den Zeiten d’rum und d’ran hängt: Wissenschaft, Künste, Erfindungen, – sind nur ihr Gewand; die Menschen erstarken sie nicht. Huß und Luther thaten mit geringen Mitteln tausend Mal mehr als die Kirchen-Reformatoren der Neuzeit; Galilei machte mit einem Fernrohr, kaum unseren Opernguckern an Lichtstärke gleich, prächtigere Entdeckungen im Himmelsraume als mancher neuere Astronom mit seinem Riesenteleskopen; Newton erforschte das Gesetz, welches das Weltall zusammenhält, nach dem Fall eines Apfels; Columbus fand Amerika in einem unbedeckten Boote; die Drake, Hudson und Franklin umschifften die Erde und drangen in die unbekannten Regionen des Polarmeers in Fahrzeugen, auf denen sich jetzt kein Schiffer über die Nordsee wagt; wir zählen die Verbesserungen der Kriegskunst unter die Triumphe der Wissenschaft, und doch eroberte Napoleon Europa durch den Bivouak, – durch die Entlastung der Heere von allen Hülfsmitteln, wodurch er ihnen schnellere und leichtere Bewegung gab. Alle diese Menschen folgten dem Grundsatz: „Hilf dir selbst, so wird dir Gott helfen“. Jeder Mensch, der weiß, daß ihm die Kraft eingeboren ist, geht selbstvertrauend und aufgereckten Hauptes durch das Leben, er gebietet seinen Mitteln, er wirkt Wunder.
[17] In solcher Weise that und schaffte der Mann, dessen großartiger Sinn für ein gemeinnütziges und wohlthätiges Wirken jene Prachtbauten aufrichtete, welche unser Bild in seinen engen Rahmen gefaßt hat. Girard gebrauchte kühn das Glück, wenn es sich ihm anbot; er faßte es beim Schopf, wenn es ihm begegnete. Er machte es nicht wie die meisten Menschen, die mit ihm spielen, und bald gewinnen, bald Alles verlieren, je nachdem sein Rad rollt. Er hielt den Reichthum werth; aber er pflegte zu sagen: „Reichthum bringt nicht Frieden. Nichts kann den Frieden bringen, denn die Verfolgung eines großen und guten Lebenszwecks“.
Stephan Girard begann seine Laufbahn als Schiffsjunge auf einem kleinen Kauffahrer. Schläge waren sein täglich Brod. Er hielt aus, wurde Matrose, stieg zum Steuermann und im 24. Jahre führte er als Kapitän seines Herrn Schiff. Das tückische Element war ihm jedoch nicht hold. Schiffbrüchig, rettete er kaum das nackte Leben, gab das Schiffergewerbe auf und fing einen Hausirhandel auf dem Lande an, mit dem es ihm anfänglich auch nicht glücken wollte. Er zog mit seinem Waarenkarrn von Ort zu Ort, von Staat zu Staat, tauschte, gab Kredit, machte bald da einen Gewinn, und wurde bald dort um noch mehr betrogen. Er gerieth in Schulden und Verlegenheiten, welche keine andere Wirkung hatten, als seine Anstrengungen zu verdoppeln, und ihn vorsichtiger zu machen. In wenigen Jahren überwand er alle Verluste, er kam zu Vermögen, und durch seinen persönlichen Kredit konnte er über das Vermögen Anderer gebieten. Strenge Redlichkeit und unverbrüchliche Treue im Einhalten seiner Versprechungen und Verpflichtungen waren die Träger seiner Handelsweise und erwarben ihm bei Allen, die mit ihm verkehrten, unbeschränktes Vertrauen.– Der Millionär Stephan Girard machte einst die Bemerkung: „Als ich 1000 Dollars werth war, kommandirte ich mehr Geld als heute“.
Ohne eigentlich vom Glück begünstigt zu werden, aber durch kluge, umsichtige Kombinationen und ein spekulatives, großartiges, kühnes Benutzen derselben, verbunden mit eisernem Fleiße, wurde Girard allmählig der reichste Mann des Landes. Kein Zweig der Geschäfte war ihm fremd. Er hatte sich in Philadelphia niedergelassen, und von da aus errichtete er seine Filiale in allen Theilen Amerika’s. Er baute Schiffe, Kanäle, Eisenbahnen, errichtete Banken, seine Spekulationen umfaßten den Erdkreis. Dabei blieb seine Lebensweise so einfach, wie sie gewesen, als er im kleinen Store feil hielt. Er arbeitete täglich zehn Stunden auf seinem Kontore, und opferte von der übrigen, ihm zur Ruhe und Erholung nöthigen Zeit noch einen beträchtlichen Theil, um Andern zu rathen, Hülfsbedürftige anzuhören, Vorschläge und Pläne zum gemeinen Nutzen zu prüfen und den öffentlichen Angelegenheiten des Staats als guter Bürger zu dienen. Kein Wunder, daß er unter seinen Mitbürgern der Gegenstand allgemeiner Verehrung war. Wenn das kleine schwächliche Männchen mit der von Sorge und Arbeit tiefgefurchten Stirn und dem wohlwollenden Auge (das eine war erblindet) durch die Straßen ging, so begegneten ihm auf jedem Schritt die Zeichen der öffentlichen Aufmerksamkeit und Hochachtung. Viele kamen expreß nach Philadelphia, um eine Gelegenheit zu haben, den [18] Mann von Angesicht zu sehen, dem ihre enthusiastische Bewunderung gehörte. Girard war der Ehren wohl werth, die ihm erzeigt wurden, und die er mehr als eine Last, denn einen Lohn betrachtete. Als ihn einst der Präsident Jackson besuchte und Girard sich wunderte, daß der Cincinnatus den reichen Geldmann heimsuchte, antwortete jener: „Ich besuche Sie nicht um Dessen willen, was Sie haben, sondern wegen Dessen, was Sie geben“. –
In äußeren Manieren war Girard schlicht und einfach, in seinem Wesen kurz angebunden, in seiner Unterhaltung wortkarg; wenn sich aber die Neugier an ihn drängte, so konnte er, ohne auf die Person zu sehen, selbst hart und zurückstoßend werden; denn er pflegte zu sagen: „Ich will lieber einen Spitzbuben an meiner Kasse als einen Zeitdieb auf meiner Stube sehen“. Gegen seine Untergebenen war er in der Forderung treuer Pflichterfüllung streng und hart; aber hatte einer die Prüfung bestanden, dann konnte er auf ihn in allen Nöthen des Lebens, wie auf einen treuen Freund und Vater rechnen, und seine Fürsorge für Diener und Gehülfen blieb noch ihren Familien, wenn jene schon längst gestorben waren. Girard besaß die unschätzbare Kunst, jede Fähigkeit und jedes Talent schnell zu erkennen und mit sicherem Takte die Stellung zu wählen, in der es am nützlichsten zu wirken vermochte. Alle Eigenschaften eines Herrschers waren ihm angeboren. Er hätte ein Reich mit eben der Sicherheit und dem Erfolg verwalten können, mit dem er seine zahlreichen Etablissements und die ausgedehntesten Spekulationen leitete. Seinem Glücke, sagte man, vertraue er so zuversichtig, wie Cäsar. Es mochte Wahres daran seyn. Er assekurirte niemals gegen Seegefahr.
Girard forderte jederzeit die unbedingte Erfüllung seiner Befehle von seinen Dienern und Gehülfen. Auch die beste Absicht konnte den Zuwiderhandelnden nicht entschuldigen. Einstens gab er einem seiner Schiffskapitäne den Abschied, weil er von einem Befehle abgewichen war, dessen strikte Befolgung Schiff und Ladung zu unvermeidlichem Verlust gebracht haben würde. „Aber ich habe ja“ – sagte der Betroffene, – „Schiff und Ladung gerettet!“ – „Aber Sie haben“, antwortete Girard, „in mir das Bewußtseyn erschüttert, daß meine Befehle wörtlich vollzogen werden, und dies empfinde ich schmerzlicher als den Verlust einer Flotte. Hier sind 1000 Dollars; wir bleiben geschiedene Leute“. Während dem unverschuldeten Unglück und dem hülfebedürftigen Verdienst Ohr und Kasse bei ihm immer offen standen, wies er gewöhnliche Bettelei barsch zurück. „Ich habe keine Zeit, euch anzuhören, und keinen Cent für euch entbehrlich“, – sagte er trocken, wenn ihm die Zudringlichen lästig wurden. In Geschäften wahrte er seinen ehrlichen Vortheil bis in’s Kleinste und vertheidigte ihn mit Hartnäckigkeit. „Der ist kein Geschäftsmann“, pflegte er zu sagen, „der nicht den Cent festhält, welcher ihm mit Recht gehört. Der Geschäftsmann hat nichts zu verschenken; wenn vom Geben die Rede ist, muß man zum Patrioten und zum Menschen gehen“. Girard borgte dem Staate nur dann, wenn ihm die öffentliche Noth alle Kassen verschloß. „Dann ist Mr. Girard zu Hause“, sagte er dem Finanzminister, „eher nicht“. Und dann borgte er zu gewöhnlichem Zins, [19] ohne weiteren Vortheil zu suchen. – Als Jemand ihn einst fragte: „Aber Herr Girard, wie machten Sie es möglich, ein so ungeheures Vermögen zu erwerben?“ – antwortete er: – „Sie hätten fragen sollen, wie ich’s machte, zu den ersten hundert Dollars zu kommen“.
In Glaubenssachen hatte Girard freie Ansichten. Er haßte Pfaffen und Pfaffenwesen aus dem tiefsten Seelengrunde, und nannte sie die Hauptursachen alles Verderbens und das ewige Hinderniß des menschlichen Fortschritts. Für christliche Kirchenparteien und Sekten hatte er keinen Respekt. – Wenn er zu Beiträgen für Kirchenbauten etc. aufgefordert wurde, gab er zwar reichlich und alle Zeit, aber bei solchen Anlässen fielen oft beißende Bemerkungen. „Die Welt ist das Haus Gottes und der Himmel ist sein Altar; und ihr wollt ihm einen Käfig machen?“ – schnurrte er einst den Sammler für einen Kirchenbau an.
Alt geworden, zog er seine Geschäfte in engere Kreise zusammen; erlöste seine Filiale auf und suchte sein Vermögen zu centralisiren. – Kein Jahr verging, daß er nicht wohlthätige Anstalten in einem oder dem anderen Theile der Union fördern half, oder gemeinnützige Zwecke mit ansehnlichen Summen unterstützte. Doch den großen Gedanken für die Hauptverwendung seiner gesammelten Schätze hielt er geheim bis wenige Jahre vor seinem Tode. Da veröffentlichte er seinen Plan für sein berühmtes College, das die Waisenkinder ganz Pennsylvaniens erzieht und unterrichtet, – und ehe ein Jahr verging, erhoben sich die Marmorsäulen auf ihren Sockeln, und nach vier weiteren Jahren erlebte er die Eröffnung seiner großherzigen Anstalt, welche seines Namens Gedächtniß und sein menschliches Wirken auf die fernsten Zeiten bringen wird.
Die Organisation der Anstalt schließt die Mitwirkung der Geistlichkeit gänzlich und für alle Zeiten aus. Er sagt in der Stiftungsurkunde ohne alle Umschweife: – „Kein Pfaffenfuß soll je die Schwelle meines Werks berühren; denn er würde es verunreinigen. Keiner meiner Zöglinge soll in religiösen Vorurtheilen aufgezogen werden. Alle sollen ihren Glauben unbefangen aus sich selbst schöpfen, wenn die Zeit gekommen ist, wo sie dazu fähig sind, Gott aus seinen Werken zu erkennen“. Girard gestattete das Lesen des Neuen Testaments unter Lehrern, die Laien seyn müssen. – „Ich schließe die Priesterschaft aus“, sagte er – „mich auf des Herrn Ausspruch stützend: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“.
In „Girards-College“ finden die Waisen des Staats Pennsylvanien die sorgfältigste leibliche Pflege, trefflichen Unterricht in allein Nützlichen und Schönen und alle Talente die Mittel zu ihrer Entwickelung und Ausbildung, bis die Zöglinge die Jahre erreicht haben, wo sie sich, gestützt auf eigene Kraft, selbstständig fortbringen können. Alle Einrichtungen, vom Geiste ächter Humanität getragen, sind musterhaft. Stephan Girard lebte noch lange genug, um Zeuge vom Aufblühen seines großen Werks zu seyn, und sich am Spätabend seines langen Werkeltags daran zu erfreuen.
[20] Als Girard vor einigen Jahren starb, kleidete sich ganz Philadelphia in Trauer, und der Kongreß sprach seine Klage über den Verlust des großen Patrioten und Philanthropen auf die ehrendste Weise aus. Die Universalerben seines ungeheuern Vermögens waren – die Waisen und Verlassenen.