Der Donauwirbel unterhalb Grein in Oesterreich
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DER DONAU-WIRBEL
Mensch, kannst du die Größe deines Seyns vergessen? Kannst du vergessen, daß dein Leben Theil hat am Leben der Welten und deine Seele versichert ist in der Bank der Ewigkeit? Kannst du vergessen, daß jeder Blick in den nächtlichen gestirnten Himmel dir ein Faustpfand gibt der Unsterblichkeit, und jedes Anschauen des blauen Taghimmels ein Blick ist in das blaue Auge des sanften, väterlichen Gottes? Kannst du vergessen, daß für jede Welt Glückseligkeit aus der Ferne der Zeiten schimmert, und daß an den Staffeln der Vergangenheit die Menschheit, der du zunächst angehörst, nur um glücklicher zu werden, hinauf in die Gegenwart klimmte? Kannst du das und kannst du die liebende führende Gotteshand vergessen, o so steige über die lange Ahnenreihe hinweg und alle Zeitstaffeln hinab bis an den Tag, wo auf diesem Thurm der Wächter rief und die Lanzenspitzen seiner Reisigen in der Abendsonne funkelten! Damals und heute: ist es nicht wie Nacht und Morgen? Und wie konnte ein Morgen dämmern, wenn kein Tag nachfolgen sollte? –
Sieh’ sie nur an diese schwarzen, unheimlichen Trümmer im weißen Wogengischt! Noch sind’s keine 1000 Jahre her, und da saß hier, wie ein Geier im Felsnest, das adeliche Schwertrecht, brandschatzend und mordend, plündernd und wegelagernd, und so saß es auf hundert und aber hundert Zinnen im schönen Deutschland. Kein Gesetz lähmte dem adelichen Räuber den Arm, der sich ausstreckte nach fremdem Gut; keine Gewalt hielt seine Habgier in Schranken; alles Eigenthum war ihm preisgegeben, die Freiheit des Landmanns ward ihm leibeigen, alles Recht der Unterdrückten ruhte in dem Rechte der Nothwehr; die deutschen Ströme und die deutschen Heerstraßen waren Schlachtfelder geworden, in denen der ungleiche Kampf zwischen Räubern und Beraubten niemals endigte, und die Nation erduldete inmitten des Friedens die zehnfache Plage und Marter des Kriegs. Und mit den ritterlichen Raubgeschlechtern theilte die Kaste der Priester die Beute; diese stahl dem bösen Gewissen wieder, was die Verruchtheit jener sich widerrechtlich angeeignet hatte. – Denke dir diese Zustände und dann frage dich: ist’s nicht um Vieles besser geworden auf Erden? und der Zeitraum, in welchem diese Aenderung hervorging, was ist er mehr, im Vergleich zu der Lebensdauer der Menschheit, als ein Sonnenstäubchen im Vergleich zur Sonne?
[133] Darum soll Niemand zagen. Der Zweifler an der Fortentwickelung der menschlichen Glückseligkeit hat nirgends Grund für seinen Unglauben, als in seinem eigenen, gebrochenen Herzen. Wer aber Vertrauen hegt, sänke er auch selbst zusammen unter den Schlägen des Mißgeschicks und würde er zerdrückt von der dunkeln Erdenlast, der findet in jedem Stern am Himmel eine Urkunde seines Glaubens.
Einsam im Strome ragt unterhalb des Städtchens Grein ein Fels mit einem gigantischen Thurmgemäuer, zwiefach verrufen ob der schauerlichen Sagen und der gefährlichen Wasserstelle in seiner Nähe. Es ist der gefürchtete Donauwirbel (Werfel nennen ihn die Schiffleute), in welchem sich die Fluthen des weiten Strombeckens kreiselnd drehen. Das Bett der Donau ist an dieser Stelle trichterförmig ausgehöhlt, wodurch die wirbelnde Bewegung der Fluth hervorgebracht wird, welche, zusammenwirkend mit dem pathetischen Charakter der ganzen Strompartie, einen eigenthümlichen und überraschenden, fremdartigen und ungeheuerlichen Eindruck zurückläßt. Der alte Thurm auf dem Fels heißt noch jetzt der Pein- oder Teufelsthurm, und war in den ritterlichen Zeiten des Faustrechts einer jener Banditenhöhlen, welche den friedlichen Schiffern der Donau die Schrecken der Natur nur um so schrecklicher und gefürchteter machten. – Von den Gräueln, die hier verübt worden sind, laufen die Sagen von Mund zu Mund und von Geschlecht zu Geschlecht fort, und noch zeigt man bei niedrigem Wasserstand die Oeffnungen an der Mauer, welche zu den unter dem Wasserspiegel der Donau befindlichen Verließen führen, in die man die Schlachtopfer der Habsucht stürzte und ersäufte, welche außer Stand waren, binnen gesetzter Frist ihre Auslösung zu bewirken. Um Mitternacht, wenn der Sturm die Wogen peitscht, hört man – so wird erzählt – das Wehgeheul der Gemordeten und kein Schiffer fährt an den schwarzen Mauern vorüber, ohne zum Schutz vor den bösen Geistern andächtig sein Kreuz zu schlagen.
Unterhalb des Wirbels winkt auf einer dem steilen Ufer mühsam abgerungenen Platte das friedliche Gebäude von St. Nicola. Dieses Hospital wurde im Jahre 1144 von einer frommen Frau, Beatrix von Klamm, zur Pflege beraubter, verwundeter und verunglückter Donauschiffer und Handelsleute gestiftet. Es war eine Stiftung im Geiste jener ächten, werkthätigen Frömmigkeit, welche die Hülfe neben die Gefahr hinstellt, und der Segen der guten That hat auf ihr geruht volle sieben Jahrhunderte. Schonend sind die Wetter des Kriegs und der Elemente über sie hingezogen, und dem Fährmann des Spitals, der von den Vorüberfahrenden für die Anstalt eine Gabe heischt, gibt jeder auch heute noch gern nach seinem Vermögen. – Das Unrecht ist vergangen; sein starkes Haus liegt in Trümmer, und von den eisernen, eiskalten Räuberherzen blieb nichts, [134] von ihrem Thun blieb nur der Fluch der Sage zurück: – aber die gute, fromme That freut sich alle Tage ihres Seyns, und selbst wenn sie von Andern heischt, schließt sie, wie ein Frühling, den innern Menschen auf. Wie Viele könnten im gleichen Sinne wirken, wie Viele sich mit vergleichsweise geringen Opfern zur Quelle machen, die ringsum grünes, wallendes Leben verbreitet und Herzen erwärmt, wenn das eigene Herz längst ausgeschlagen! – Und wie gar Wenige thun es doch von Euch, ihr armen reichen Menschen!