Der Eßlinger Dom

Fragment (Meyer’s Universum) Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band (1856) von Joseph Meyer
DCCXCV. Der Eßlinger Dom
DCCXCVI. Rustschuk
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ESSLINGEN am NECKAR

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DCCXCV. Der Eßlinger Dom.




Die ersten Versuche der Kunst sind so alt wie das Menschengeschlecht selber. Es sind entweder Bildwerke zur Erinnerung an geliebte oder verehrte Todte, oder sie emaniren aus dem religiösen Gesicht und der Gottidee. Bauen ist schon der äußeren Noth des Lebens halber eine der frühesten Thätigkeiten des Menschen, die Architektur ist daher auch unter den bildenden Künsten die älteste Kunstart. Und in diesem Sinne hat Hegel treffend gesagt, daß ganze Nationen ihre Religion und ihre tiefsten geistigen Bedürfnisse gar nicht anders als bauend oder doch vornehmlich architektonisch auszusprechen gewußt haben. Am wunderbarsten aber ist, daß diese unzweifelhaft ursprünglichste Kunstthätigkeit nicht bloß überall aus gleicher Zweckbestimmung hervorgegangen ist, sondern daß sich in ihr auch durchweg ein und derselbe, allen ursprünglichen Völkern gemeinsame Formensinn kund thut. Am deutlichsten zeigt dies das Grabmal. Die ältesten Gräber sind entweder Felsengräber, oder, was noch häufiger der Fall ist, künstlich aufgeworfene Erdhügel (Tumuli). In der Bibel und in der Ilias werden diese Grabhügel in gleicher Weise erwähnt. Sie sind in der troischen Ebene wie in allen Gauen Griechenlands, in Thessalien wie in Thracien zu finden, sie waren auch bei den Scythen in Gebrauch, kehren im innern Rußland wieder, wandern mit den Slaven bis nach Böhmen, stoßen uns bei den altitalischen Völkern, besonders häufig aber und auch durch Größe und Ausdehnung ausgezeichnet bei den Celten in Gallien und Britannien, seltener bei den Cimbern und Teutonen in Germanien auf und begleiten uns über den atlantischen Ocean bis an das Mississippigebiet, wo sie zu Tausenden vorkommen und den Urbewohnern, einem sonst spurlos aus der Geschichte verschwundenen Stamme, den Namen der „Mountbuilder“ – Hügelbauer – gegeben haben. Man kann sicher sagen, je älter diese Grabhügel, desto kolossaler sind sie. Dabei hat man, namentlich an celtischen Grabmalen, die Bemerkung gemacht, daß die größten Gräber immer die ärmsten an Geräth sind. Ausgrabungen auf griechischem Boden ergeben dieselbe Erscheinung.

Eine ähnliche und in vieler Hinsicht noch überraschendere Uebereinstimmung zeigen die ältesten Formen der Heiligthümer. Der Altar, die platte Tischform mit Oeffnungen und Vertiefungen, um das Opferblut abfließen zu machen, ist die ursprünglichste Grundform. Sie ist allen Völkern gemeinsam. Man legte einen [159] natürlichen Felsblock quer über andere aufgerichtete Felsblöcke, wie wir z. B. an einer Anzahl keltischer Altäre in der Bretagne noch gut erhaltene Beispiele haben. Oft bearbeitete man auch die Bergkuppen selbst zu Altären. Die abgeplattete Tischform sehr vieler Berge, namentlich in Griechenland, zeigt dies unzweideutig; von der berühmten Altarform des Apesas sagt Pausanias ausdrücklich, daß schon Perseus dem Zeus dort geopfert habe. Auf den Bergen glaubte man den hochthronenden Göttern näher zu seyn. Es ist dies dasselbe Gefühl, das die alten Mexikaner antrieb, ihre Opferaltäre auf thurmhohen Plattformen zu errichten.

An die Stelle des einfachen Altars tritt später der Tempel. Man baute entweder geräumige Höhlen zu Tempeln aus, oder freischaffend, freistehende Tempel. Höhlen- und Grottentempel finden sich überall. Düsterer Ernst ist ihr Charakter. Sie reichen bis in die ältesten Zeiten. Aber auch die Grundformen der freistehenden ältesten Tempel sind überall dieselben. Der unreife Anfang dieser Tempelbauten ist durchaus naturwüchsig. Rohe Felsblöcke werden einfach über- und aneinandergeschichtet; aber der Gegensatz von tragenden und lastenden Baustücken offenbart sich bereits und bildet als Gegensatz von Decke und Wand geschlossene Räume, die sich hie und da sogar in besondere Abtheilungen gliedern und in innere Gänge fortsetzen. Hauptsächlich hat sich uns diese Bauweise in celtischen Bauwerken erhalten, die in Britannien Kist-ven, in Deutschland Steinkisten und in Frankreich Feenhöhlen genannt werden. Ebenso finden sich Spuren derselben in Ländern, die, so viel bekannt ist, niemals von Celten bewohnt waren: am Kaukasus, in der Krimm und in Persien. – Die nächste höhere Stufe in der Form ist der Pyramidalbau. Auch dieser ist überall. Er reicht aus dem Alterthum bis heran an die Gegenwart und hat sich an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten mannigfach ausgebildet. Aber die Grundform blieb und diese durchgängige Uebereinstimmung wird durch die Technik erklärt. Die schrägen, nach oben spitz zulaufenden Seitenflächen des Pyramidalbaues werden sich gegenseitig zur Stütze; freistehende und freischwebende Flächen liegen äußer dem Bereich seiner Natur. Pyramidal war der sagenhafte Thurm zu Babel, pyramidal waren die hängenden Gärten der Semiramis; pyramidal sind die großen Begräbnißmale des Nillands, auf den Inseln des großen Oceans, pyramidal sind die hochaufgethürmten Opferstätten der altmexikanischen Völkerschaften, die Torcalli. Ja, in der altmexikanischen Baukunst ist sogar der Privatbau pyramidalisch, die einzelnen Stockwerke treten nach Innen zurück und verjüngen sich. Und ebenso sind auch die Pagoden, die freistehenden Tempel der Indier, wesentlich von dieser pyramidalen Grundform, wenn auch indisch verzerrt und vielfach verschnörkelt. Die ägyptischen Pyramiden sind also keineswegs die einzigen Denkmale dieses Baustyls; doch sind sie die gewaltigsten, die massenhaftesten, und in dieser Massenhaftigkeit zugleich die durchgebildetsten. Der mexikanische Pyramidalbau stimmt zwar mit dem ägyptischen darin überein, daß die quadrate Grundfläche genau nach den vier Weltgegenden sich wendet; jedoch nur der ägyptische Bau gliedert und belebt die todte Masse und bringt, die [160] Mauerkanten mit Rundstäben und den Kranzgesims mit Hohlkehlen einfassend, in die äußere Kernform dekorative Charakteristik. Auch das ist als eine allen Völkern gemeinschaftliche Eigenthümlichkeit dieses Pyramidalbaues zu betrachten, daß überall die inneren und äußeren Wände geschmückt sind, bald mit hieroglyphischem Bildwerk, bald mit gemalten oder skulptirten Ornamenten. Und zwar sind diese Ornamente in ihren Grundzügen ebenfalls überall gleich, immer freie Schwingungen der Linie in sich, verschiedenartiges Facettenwerk, Zickzackzüge, Mäanderwindungen, selten mechanische Nachahmungen äußerer Thier- und Pflanzenformen.

Mit diesen architektonischen Anfängen gehen die Anfänge der Plastik Hand in Hand. Oder vielmehr: Architektur und Plastik sind ursprünglich durchaus eins. Wenn die Bibel erzählt, daß Jakob an dem Orte, wo er im Traum die Himmelsleiter gesehen, einen Stein errichtet, habe, oder wenn alte Völker eine Schicht Steine zusammenhäufen, um damit die Stätte zu bezeichnen, auf der sie eine blutige Schlacht schlugen, so weiß man in der That nicht, soll man in diesen kindlichen Erinnerungsmalen einen architektonischen oder einen plastischen Trieb erkennen. Dieses Ringen zwischen der plastischen Idee und der architektonischen Durchführung dauert lange Zeit und findet sich bei allen Völkern; es hat zum Theil Werke von wahrhaft künstlerischer Schönheit hervorgebracht. Der einfache Denkstein ist der Ausgangspunkt gewesen; der Denkstein hat sich dann durch mannigfache Zwischenstufen hindurch zur Denksäule entwickelt; die Sprache ist sinnig und drückt auch im Worte die Doppelseitigkeit aus, die diesen Begriffen innewohnt. Auch hier ist wieder überall dieselbe Grundform. Bei allen Völkern findet sich die Form des Obelisk. Obelisken, theils einzeln, theils in Gruppen, sind die sogenannten Baudasteine des skandinavischen Nordens; Obelisken, die Men-hir oder Paul-ven, in der Bretagne; ja, der Obelisk zu Lokmariakar, 61 Fuß hoch, erhebt sich zur Höhe der ägyptischen Obelisken. Auch der Obelisk ist eine statische Nothwendigkeit; er ist die Pyramide der Plastik. Und auch hier ist es wieder die ägyptische Kunst, die dies Kunstprincip, das die anderen Völker mehr nur ahnten als wirklich begriffen, zu seiner vollen künstlerischen Schönheit und Bedeutung brachte.

Nicht aber hatte der Mensch an diesen Denksteinen und Steinpfeilern ein Genüge. Sie sind zwar mächtig durch ihre Massenhaftigkeit, aber sie sind inhaltsarm; sie bedeuten nichts an und für sich, der Mensch muß erst von Außen die Bedeutung in sie hineintragen. Wie daher der Tempelbau bald nach reicheren Bauformen sucht, die fähig sind, den Zweck und die Stimmung, aus der das Heiligthum entsprungen ist, an sich selbst zur Anschauung zu bringen, so ist auch die Plastik zu einer nicht erst auszudeutenden, sondern in sich selbst bedeutungsvollen Gestalt allmählig fortgeschritten, und wie sie als Hieroglyphen der pyramidalen Architektur früher Zier und Bedeutung gegeben, so gibt sie den Baumonumenten späterer Zeiten durch die Bildwerke und Ornamente voll tiefsinniger Symbolik Auslegung und Verständniß.

[161] Am reichsten und glänzendsten hat sich die Verbindung des Monumentalen mit dem Plastischen in der germanischen Baukunst entfaltet und hier die reinste Harmonie und die Spitze ihrer denkbaren Vollendung erreicht, so weit nur der Gedanke des Menschen in der Architektur aussprechbar ist. Das starre Denkmal, welches bei den Asiaten, Aegyptern und selbst noch bei den Griechen eine gewaltige isolirte Idee versinnlicht, eine imposante herrschende Wahrheit bekundet und nur durch die Massenhaftigkeit seiner äußeren Erscheinung auf den Beschauer wirkt, ist im gothischen Bauwerk zum Wohnsitz der Idee selbst geworden. Glaubensschwärmerei, religiöse Poesie und Mystik namentlich bekleiden unsere Dome in tausenderlei Gestaltung und buntem Spiel, ranken sich in endloser Bewegung durch alle Räume der todten Mauermasse, füllen jede Wandfläche, jede Bogenöffnung, jede Nische und jeden Winkel mit ihren Symbolen, an allen Spitzen und Kanten klettern sie empor, wachsen aus allen Fugen und Rippen, blühen in den wundersamsten Formen aus allem Steinwerk, ja selbst die offenen Fensterräume weben sie zu mit ihren farbigen Gebilden, wie aus Luft und Licht geschaffen. Der Mauerkörper ist bloß der Stamm, in dem die lebende Plastik emporsteigt, um sich in Blättern und Blüthen fesselfrei zu entfalten, und ihn mit ihren Gliederungen zu umschlingen und zu formen, und so ist das gothische Bauwerk nicht mehr ein bloßes Denkmal, nicht mehr die nackte Hieroglyphe einer Idee, sondern das Haus, welches die in der Plastik ausgeprägte Idee selbst bewohnt und belebt und dessen Aeußeres nur als unmittelbarer Ausdruck seines Inneren erscheint.

Diesen Bund der Plastik mit der Architektur, der so Herrliches geschaffen, hat die neue Zeit wieder geschieden. Seitdem ein tödtlicher Streit zwischen weltlicher und geistlicher Macht die Kraft des Mittelalters gebrochen, seine Ideen und Vorstellungen zerstört hat, seitdem vor der Sonne des Wissens das mystische Licht des Glaubens erbleicht, und an die Stelle einer schwärmerischen Sehnsucht, welche die körperlichen Formen so weit als möglich zu vergeistigen strebte, der nüchterne Realismus getreten ist, der das körperliche Leben in seiner Selbstständigkeit durchzubilden sich bemüht, ist auch das gemeinsame Band gelöst, welches die Architektur mit der Plastik zu einem so vollendeten Kunstwerke vermählt hatte. Die Wechselwirkung der beiden mächtigsten Kunstelemente ist zerrissen worden, die Idee der Kunst ist in künstlerische Interessen zerfallen und von Rechtswegen darf nicht mehr von der Kunst unserer Zeit, sondern nur noch von Künsten gesprochen werden, in die sie sich aufgelöst. Die Idee ist herausgestorben und die lose Hülle fällt in Fetzen vom todten Körper.

Das westliche Deutschland, die Gaue des Rheins und seiner Zuflüsse, waren vorzugsweise der Boden, auf dem die Kreuzesblume der Gothik zu ihrer vollkommensten Blüthe und Pracht gedieh, da, wo der germanische Geist am frühesten und mächtigsten sich entwickelt hatte. In Köln, Trier, Speier, Freiburg, Straßburg predigen noch alle Tage die großen Werke der christlichen Kunst, in unversehrter Pracht, von der großen Zeit des Glaubens – [162] während drinnen kleine Menschen im Priestergewand unchristlich eifern, daß es klingt wie Lästerwort zum Gebet der Steine. Taub ist die Menge drinnen wie draußen, und ungläubig und hohnlachend gehen die Meisten vorbei. –

Eßlingen, die uralte, von Reichsacht und Belagerungen vielgeprüfte und von allen Fehden und Kriegen im Lande schwer heimgesuchte freie Reichsstadt am Neckar, rühmt sich zweier der schönsten kirchlichen Bauwerke gothischer Kunst, der St. Dionysius-Kirche, mit zwei Thürmen, um’s Jahr 804 erbaut, und der Liebfrauenkirche mit einer bis zu 230 Fuß aufsteigenden Spitze, die an Kühnheit und Anmuth der Proportionen, Meisterschaft der Ausführung und Reichthum des Schmuckes nur mit dem Münster von Straßburg verglichen werden kann.