Der Eriekanal bei Lockport und Little Falls

Meran (Meyer’s Universum) Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band (1859) von Friedrich Hofmann
Der Eriekanal bei Lockport und Little Falls
Der Leuchtthurm von Desert-Rock
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ERIE-CANAL, LOCKPORT

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ERIE CANAL BEI LITTLE FALLS

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Der Eriekanal bei Lockport und Little Falls.




Mehr Mißgunst als Mißverstand ist es, daß die europäische, namentlich die deutsche Presse die Behauptung festhält: der Nordamerikaner wunderbare Machtentfaltung und Kulturfortschritte, ihre Alles überbietenden Leistungen in Werken des Friedens, ihre Anhäufung kolossaler Reichthümer, die reißend schnelle Ausdehnung ihres Ackerbaues und ihrer Handelsthätigkeit seien lediglich die natürlichen, wenn nicht unausweichlichen Folgen vom Reichthum ihres Bodens, von der Gunst ihrer Lage, dem vorzugsweisen Zusammentreffen aller natürlichen Bedingungen zur Förderung so beispielloser Resultate.

Davon ist nur die Hälfte wahr. Ohne die ebenso beispiellose Energie, Kühnheit, Intelligenz und eiserne Beharrlichkeit seines Volkes würden die großen naturverliehenen Ressourçen jenes Landes als ein ungehobener Schatz verborgen bleiben. Jene befruchtenden Eigenschaften sind es, welche die schlummernden Keime zu so üppiger Entwickelung getrieben haben, und ihnen fällt das.größere Verdienst an den Erscheinungen zu, welche die europäische Welt fort und fort in Erstaunen versetzen.

Man nehme die Südamerikaner zum Vergleich. Deren Erdtheil ist mit Anlagen gesegnet, wie sich die nördlichen Staaten solcher nicht rühmen können; er genießt ein freundlicheres Klima, hat einen fruchtbareren Boden, größere und vortheilhafter gegrabene Strombetten, eine ältere und dichtere Bevölkerung, und doch wie unendlich weit steht diese hinter den Nordamerikanern in jeder volkswirthschaftlichen Beziehung zurück! – Während letztere zu einer der einflußreichsten Nationen der Erde sich emporgeschwungen haben, sind jene unfähig geblieben, sich selbst zu regieren. Die Ueberlegenheit liegt in der Raçe. Die Anglosachsen sind geborene Eroberer. Schwierigkeiten und Hindernisse schrecken sie nicht, sondern reizen ihre Thatkraft, und um so verführerischer erscheinen ihnen die Ziele, mit je größerer Gefahr und Anstrengung sie errungen werden müssen. Offenbar auserlesen, den westlichen Erdtheil zu einer glücklichen Wohnung der Menschen umzugestalten, dazu sind sie mit allen Erfordernissen angethan, und wahrlich, sie erfüllen diese ihre Mission vollkommen. Berge ebenen, Wasserstraßen graben, Wälder in fruchtbringendes Ackerfeld umwandeln, Abgründe überbrücken, rohe Völkerstämme ausrotten, welche die Erde beherrschen, ohne sie zu nützen, Glück und Gesittung an deren Stelle verbreiten, – das ist ihr selbsterwählter Theil an der Aufgabe der Schöpfung, und, über die Grenzen ihres eigenen Welttheils hinaus, die entferntesten Küsten der Festländer mit einander zu verbinden, die sich noch fremden Glieder der Menschenfamilien [147] zu einander zu führen, die Solidarität aller humanen Interessen zu fördern, – das sind die weiter verfolgten Ziele ihrer rast- und schrankenlosen Thätigkeit auf beiden Hemisphären.

Noch hat es in diesem civilisatorischen Eroberungstalent keiner dem Stamm der Angelsachsen gleich gethan, und unaufhaltsam haben sich ihre Siege über die Welt ausgebreitet und jeglichen Widerstand bewältigt, den beschränkter Nationalgeist, starres Abschließen gegen außen, despotisches Niederhalten des aufstrebenden Menschengeistes ihnen entgegengesetzt haben.

Das absolut größte Werk öffentlichen Nutzens, ein Riesenwerk an Kühnheit der Idee und Aufwand von Kraft, und der Amerikaner höchster Stolz ist der Eriekanal, der größte künstliche Schifffahrtsweg der Welt. Ein amerikanischer Schriftsteller vergleicht das Ereigniß seiner Vollendung mit dem der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Es war in der That ein so großer Triumph des großen Volkes über die Hemmnisse, welche die Natur seiner materiellen Entwickelung in den Weg gelegt hatte, wie die Bewältigung der politischen Fesseln, mit denen der englische Löwe die ausgewachsenen Schwingen des jungen Adlers gebunden halten wollte. Dort, im Herzen des Landes, lagen die großen Binnenmeere des Erie, Hudson, Ontario, Michigan und Superior, umgeben von undurchdringlichen Forsten des herrlichsten Bauholzes, von unabsehbaren Flächen des fruchtbarsten Bodens, von allen Elementen zu der größern produktiven menschlichen Thätigkeit, aber nutzlos, wegen des Mangels einer Straße, auf der die Erzeugnisse jener Landestheile nach den atlantischen Märkten gelangen konnten. Zwischen dem nächstgelegenen Ufer des Erie und den schiffbaren Gewässern des Hudson drängten sich Berge, Flüsse, Sümpfe, Felsen und Schluchten, welche unübersteigliche Hindernisse einer Verbindung darzubieten schienen. Jedoch das Genie eines Mannes, des unsterblichen Dewitt Clinton, erkannte die Mittel und besaß den Muth, diesen ungleichen Kampf mit der Natur zu wagen; seiner Energie, Klugheit und Ausdauer gelang es, ein ganzes Volk für seine Idee zu überzeugen, zu gewinnen und zu begeistern, und mit dessen Hülfe das große Werk zu vollbringen, welches dem Handel ganz Nordamerika’s neuen Impuls verlieh, seiner Kultur neue Bahnen vorzeichnete und dem Unternehmungsgeist seiner Bürger eine neue Aera eröffnete, welcher seitdem unbemessenen Wohlstand in’s Land getragen und seine Bevölkerung um Millionen gemehrt hat. Dies ist die That, auf welche die Amerikaner mit Recht so stolz sind; nicht die Titanenarbeit, welche die Felsen durchwühlte und Seen auf den Bergen schuf, nicht einmal die Millionen Dollars, welche der Erfolg in den Taschen der Spekulanten anhäufte, werden daneben genannt.

Jetzt wird der große künstliche Fluß nur noch von Denen befahren, welche ihr Geschäftsinteresse in Begleitung ihrer Schiffe und Ladungen auf ihm entsendet; mit der Eröffnung der großen Eisenbahnlinie nach dem Westen hat sich der Reisenden-Verkehr dem Eriekanal entzogen. Wir lassen uns, um an Ort und Stelle unserer Veduten zu gelangen, von einer der Kanalbootflottillen geleiten, welche man täglich, dicht geschaart um einen keuchenden Schleppdampfer, von Newyork aus sich in Bewegung setzen sieht.

[148] Lockport, einer italienischen Stadt ähnlicher als einem neuen, erst kürzlich aus der Wildniß aufgeschossenen amerikanischen Flecken, hat seinen Namen von den großen Schleußen, welche dort aus dem Felsen gehauen sind. Diese tiefen Durchschnitte, meint mein amerikanischer Freund, seien eben so bewundernswürdig, als die Tempel auf Elephanta oder die ausgehauenen Felswohnungen der alten Peträer. Zum Vortheil der ersteren bezeichnet er den Unterschied zwischen den großen Werken des Alterthums und der modernen Kunst darin, daß jene zu Denkmälern menschlichen Stolzes oder religiöser Kulte, während die ihrigen nur öffentlichen Wohlfahrtszwecken bestimmt seien. Jene wären die Ergebnisse physischer Kraft und Geduld, während diese mehr mit dem Geist als den rohen Werkzeugen geschaffen seien. Hier haben Wissenschaft und Ingenieurgeschick das Werk vollendet, während dort Armeen von Arbeitern dabei geopfert und eine Reihe von Menschenaltern aufgeboten werden mußten. Und in der That, der junge und kleine Staat Newyork allein kann großartigere Bauten öffentlichen Nutzens aufweisen, als das gesammte Alterthum, so sehr dieses sich auch mit seinen Tempeln und Triumphbogen brüsten mag.

Als im ersten Decennium dieses Jahrhunderts Clinton und Morris, die großen „Feldherren des Friedens“, wie sie der Newyorker Geschichtsschreiber nennt, das Projekt des Eriekanals in Anregung brachten, hielt selbst der kühne Jefferson, damals Präsident, dasselbe für voreilig und vorzeitig. Die Bundesregierung verweigerte Theilnahme und Unterstützung. Erst durch die lebhafteste unermüdlichste Agitation konnte die öffentliche Meinung nach und nach für das große Unternehmen gewonnen werden und der Eriekanal wurde zur brennenden politischen Frage, mehr noch als heut zu Tage die Eisenbahn nach dem stillen Ocean. Die Macht der Idee und die Stärke ihrer Partei siegten nach langen harten Kämpfen in der gesetzgebenden Versammlung des Staates Newyork, und 1808 wurde eine Regierungskommission mit der Prüfung des Planes beauftragt, welche nicht nur die Ausführbarkeit desselben bestätigte, sondern auch ergab, daß der Eriekanal zu einem Netz von Nebenzweigen und Seitenkanälen ausgesponnen werden könne, welches alle südlichen und nördlichen Grenzgebiete mit einander in Verbindung zu bringen geeignet sei. Mit dieser erweiterten Anschauung wurde nun das riesenhafte, die Verkehrsverhältnisse der Staaten gänzlich umgestaltende Unternehmen aufgenommen und endlich, am Unabhängigkeitsfeste 1817, geschah der erste Spatenstich zu dem großen Werk. Nach zwei Jahren schon war der ganze mittlere Abschnitt des Kanals beendigt, und wie hervorgezaubert stiegen auf seinen Ufern, inmitten einer durchaus wüsten und wildbewachsenen Gegend, neue volkreiche Städte empor. Im Jahre 1821 rückten gleichzeitig die beiden anderen Abschnitte von Westen und Osten vor und die Schifffahrt ward vom Schenektady bis zum westlichen Ende der mittleren Abtheilung eröffnet. 1822 waren schon 116 engl. Meilen schiffbar und 1825 war der ganze Kanal mit der Mehrzahl seiner Zweiglinien beendigt. Colton’s Denkschrift darüber schließt mit dem emphatischen Ausruf: „Im Augenblicke, während ich schreibe, ertönt der Kanonendonner, welcher verkündet, daß das erste Boot aus dem Eriesee die erste Schleuße des Eriekanals passirt hat, auf seinem neuen, 513 Meilen langen Weg [149] nach dem atlantischen Ocean. Wer, der das Vorrecht dazu hat, kann umhin, mit Stolz auszurufen: Auch ich bin ein Amerikaner!“ – Dieses erste Boot trug Clinton und seine Gehülfen im Triumphzuge den Kanal hinab, unter dem Jubel eines freien Volkes, um dessen Wohlfahrt und Einigkeit sie sich so sehr verdient gemacht hatten, und an den festlich geschmückten Städten und Ortschaften vorüber, welche ihr großes Werk in’s Dasein gerufen hatte.

Der Kanal ist 78 deutsche Meilen lang[1], steigt und fällt 692 Fuß, ist auf der Oberfläche 40, am Boden 28 Fuß breit, 4 Fuß tief, mit 80 Schleußen versehen, trägt Fahrzeuge von 100 Tonnen und kostete 7,600,000 Dollars. In Rochester überschreitet der Kanal auf einem steinernen, 780 Fuß langen Aquädukt den Genesseefluß. Bei Lockport wird das Wasser des Kanals mittelst 5 doppelter Schleußen 76Fuß hoch gehoben und über eine Reihe Felsen hinweg geleitet. Diese Schleußen sind so ingeniös konstruirt, daß, während in der einen Reihe Boote hinaufsteigen, andere gleichzeitig durch die andere Reihe herabkommen. Es gilt dieses in 100 Fuß hohen Felsenmauern eingebaute imposante Werk als der größte, schwierigste und gelungenste Wasserbau der Erde.

Die Tragweite des Unternehmens in der Hebung des Verkehrs überraschte schon in den nächsten Jahren auch die sanguinischsten Erwartungen. Die höchste Berechnung der jährlichen Zolleinnahmen hatte man auf 150,000 Dollars jährlich angeschlagen, und die Einnahmen der ersten 10 Jahre überstiegen bereits 10 Millionen, mehr als das gesammte Anlagekapital. Alles Land auf beiden Seiten des Kanals stieg außerordentlich im Preis, die Ansiedelungen wuchsen zu Städten, Depots und Fabriken entstanden aller Orten, von nah und fern drängte sich die Bevölkerung, an der „neuen Verkehrsader“ sich niederzulassen. Rochester zählte 1822 bloß 1500 Einwohner, 1835 schon 15,000; Buffalo, der Ausgangspunkt am Eriesee, wuchs in demselben Zeitraum von 2000 auf 16,000 Seelen; die Bevölkerung von Albany und Newyork verdoppelte sich in denselben Jahren, und nur dem Eriekanal hat Newyork es zu verdanken, daß es zur Empire City wurde und das größere Philadelphia und Baltimore für immer überflügelte.

Unbegnügt damit, daß der verhältnißmäßig kleine Staat Newyork aus eigenen Mitteln und durch eigene Kraft den längsten Kanal der Erde gebaut hatte, fuhr es unermüdlich am Ausbau des projektirten Kanalnetzes[2] fort und hatte im Jahr 1839 190 deutsche Meilen Kanäle, auf denen jährlich über 100 Millionen Dollars Werth an Gütern sich bewegen. Obgleich während eines Dritttheils des Jahres (in den Wintermonaten) die Kanäle [150] nicht befahren werden, passirten in einem Jahr die Schleuße bei Schenektady 26,000 Schiffe und befuhren in einem Jahr 67,270 Schiffe die Kanäle Newyorks. Man bedenke, daß der größte Theil dieses kolossalen Verkehrs nur durch die Billigkeit der Kanalschifffahrt in’s Leben gerufen wurde, daß er an anderen Beförderungsmitteln, Eisenbahnen, Flußschifffahrt etc. nie einen Ersatz hätte finden können, und ermesse danach die ungeheure Summe der Handelsthätigkeit, welche durch den einen Eriekanal geschaffen wurde.

Unser zweites Bild zeigt den Eriekanal in seiner wildromantischsten Umgebung, bei Little Falls, gleichzeitig Station der Utika-Schenektady-Eisenbahn. Zwei Meilen lang ist das Kanalbette durch festen Granit gehauen, dessen Wände zu beiden Seiten des Thales bis 500 Fuß sich erheben. Der Mohawkfluß, dessen malerische Fälle dem Oertchen den Namen gegeben haben, speist mit einem Theil seiner Wasser den Kanal.




  1. Der längste europäische Kanal (der von Languedoc) mißt nur 30 Meilen.
  2. Es umfaßt dasselbe, wobei wir auf die Karte verweisen, um sich über die Großartigkeit und Wichtigkeit dieser Verkehrslinien orientiren zu können: den Champlainkanal, mit dem Champlainsee, den Oswegokanal, mit dem Ontariosee, den Cayuga-Senekakanal, mit dem Senekasee, den Utika-Binghamptonkanal, mit dem Susquehanna die Verbindung des Eriekanals herstellend; ferner den Rochester-Danvillekanal, den Chamunykanal zwischen dem Senekasee und dem Fluß Tioga, den Crookekanal, die Seen Seneka und Crooke verbindend. Noch an 200 Meilen weitere Kanallinien sind im Bau begriffen.