Meran (Meyer’s Universum)
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MERAN
„Maia, Meran! dir nähr’ ich mit Holz die Flamme des Herdes,
Aber als theures Entgelt nehm’ ich die Mauern dir oft.“
Mit diesem ehrlichen Geständniß läßt Lertha, der Dichter von Kains, die wilde Passer das schöne Meran begrüßen, und sie deutet damit einen Theil von dem Schicksal an, welches dieser Stadt den Kranz äußerer Pracht und sorgloser Fröhlichkeit entrissen hat. Der andere, weit mächtigere Theil jenes Schicksals hat keinen Dichter gefunden, er fühlte sich wohl zu hart an, um in die zarte Form des Verses gegossen zu werden.
Auf unserem Rundgang durch die Wohnstätten der Menschen begegnet uns am häufigsten in ihrer Geschichte die traurige Thatsache, daß sie die gepriesenste Zeit ihrer Blüthe nicht innerer Kraft, sondern äußerer Gunst verdanken und daß nur allzuoft vom Wechsel ihrer Herren der Wandel ihres Glücks abhängt.
Wir blicken auf unser eigenes Leben und das unserer Lebensgenossen zurück und finden dieselbe Erscheinung. Unsere goldene und schönste Zeit, die Strecke, die jeder Mensch, und wäre es noch so kurze Frist, im wonnigen Luftstrom der Poesie dahin fliegt, fällt in die Jahre, wo Andere für uns sorgen. Da trägt sich noch der bunt geschmückte Hut harmlos auf dem Haupte, das sich unter den vollen Locken für frei dünkt und Wünsche und Hoffnungen mit dem Adler um die Wette fliegen läßt. Die Schranken, an welchen, die trotzige Stirn widerrennen wird, sind jedoch längst aufgerichtet, und die Minute des Erwachens aus dem bilderreichen Traum kommt für Jeden. Dann pocht es von jener andern Schicksalsseite an des Menschen Brust, und regt sich dort nicht die Kraft einer Stimme, welche trotzig zu rufen wagt: „Selbst ist der Mann!“ – so wird die zweite Lehrzeit nach jener der Schule, die Lehrzeit des Lebens, eine harte werden müssen, bis die Noth solch eine verwöhnte Seele erzogen und gefestigt hat oder sie bis zum Verkümmern erdrückt und – bricht.
[140] So ist auch die Jugendzeit der Städte. Es gibt solche, die früh zur Selbstständigkeit gereift sind, früh auf eigene Faust den Kampf begannen gegen jede fremde Beherrschung ihres Schicksals, trotzig auftraten nach oben und unten und im Schweiße ihrer Arbeit voll Stolzes rufen konnten: Selbst ist die Stadt! – Aber solcher Städte sind wenige. Sie sind Günstlinge der Natur, wie die ihnen ebenbürtigen Menschen Günstlinge des Geistes sind: dort half die Lage, hier die Anlage zur selbstbestimmenden Kraft. Auch über solche Städte ergeht des Schicksals Spruch, aber nicht Herrenlaune allein stürzt sie, wie nicht Herrenlaune sie gehoben hat, sondern der Arm des Weltgeschicks, dem selbst die größten Völker sich beugen müssen. – Noch heute bewundern wir die freien Städte des Griechenvolks als Vorbilder bürgerlicher Selbstständigkeit, und mit gleicher Achtung staunen wir noch heute die Denkmäler des bürgerlichen Reichthums an, welche sich in den großen Bauwerken der freien Städte des deutschen Reichs und Italiens erhalten haben; die Rathhäuser der alten Hanseaten allein würden eine Galerie freistädtischen Ruhmes bilden, und die Chronik Aller würde am Ende bekennen, daß nicht der Fürsten Macht und des Adels Gewalt es waren, die sie gebrochen, sondern daß eine neue Richtung des Weltverkehrs, Kriege, welche auch die Schlösser der Herren von ihrer Höhe stürzten, und die innere Zwietracht ihren Fall herbeiführten. Einem solchen Baume ist gleichwohl schwer an die Lebenswurzel zu kommen; es ist eine zähe Kraft, die sie am Leben erhält, und jede frische Wendung zum Völkerglück weckt die alten Triebe und schmückt die Aeste mit Blättern und Blüthen. Mailand, Magdeburg, Hamburg haben in ihrer Asche gelegen, nur ihre Wurzeln waren gerettet, und noch heute überragen sie an städtischer Würde Hunderte gewesener Residenzen weltlicher und geistlicher Gebieter.
Ein anderes Bild stellen uns die verhätschelten Städte vor, die von fürstlicher Huld groß gezogen und aufgeputzt worden sind. Wenn über sie die Wandlung der Herrenlaune kommt, wird ihr Anblick ein kläglicher, ja oft ein widerlicher. Die Hallen des Luxus stehen verwaist, und von ihnen aus greift es wie eine abzehrende Krankheit von Haus zu Haus, so weit die Sorge der Gunst sich erstreckt hatte. Da folgt dem Uebermuth die Klage, dem leichtsinnigen Schlemmen das trübsinnige Darben, der Gewohnheit des leichten Erwerbs die Faulheit des Trotzes und der Verzweiflung, und Gras wächst üppig auf den Schloßhöfen, Kartoffeln blühen zwischen den Götterstatuen der Prachtgärten und verdrossenes Volk läuft in den stillen, öden Straßen, bis die Frist eines mosaischen Wüstenzugs vorüber, ein Geschlecht vergangen und mit einer frischen Generation ein neuer Geist eingezogen, mit anderen Bedürfnissen ein anderes Streben erwacht ist. Wer aber in der Wüstenzeit lebte, hatte ein trauriges Loos.
Vom Schicksale der Städte haben die Völker gelernt, aber nicht alle. Praktischen Nutzen konnten nur diejenigen aus der Lehre ziehen, welchen das Bild eines Mannes am Gängelbande noch zu rechter Zeit lächerlich genug erschienen war. Und auch bei Ländern thut’s nicht die Einsicht und der Wille allein, sondern des Landes Natur [141] und Lage. Ueberall ist aber das Ziel des Ringens werth, denn kann des Menschen Herz und Auge sich etwas Herrlicheres wünschen, als den Anblick eines Volks, das sich die durch Geist und Muth, Fleiß und Bildung errungene Freiheit bewahrt? Und kann etwas Traurigeres die Erde tragen, als ein Volk, das, durch Geist und Natur zur Freiheit berufen, taub und träge dem uralten Zügel, den das verhärtete Gebiß nicht mehr fühlt, in einem uralten Kreise folgt, der nie vorwärts führt? Die Lehre breitet sich täglich mächtiger aus: daß keines großen Staates Macht mehr in derStärke der Gängelbänder besteht, sondern daß dieselbe lediglich in dem Maße wächst, als der Spruch: „Selbst ist das Volk!“ in ihr und unter ihrem Schutze zur Wahrheit wird.
Lieber Leser, begrüße dieses Bildchen besonders freudig, du siehst ja selbst: dort predigen die Berge den Muth und die Thäler das Glück, Gottes helle Sonne scheint auf beide, und in ihrem Strahle wandeln Menschen, an deren Bilde sich das Auge labt. Die Zeit wirft wohl ihren Schatten auch über dieses Thal, und zwar einen Schlagschatten, aber der Gegenstand, der ihn verursacht, ist ein Menschenwerk und der Vergänglichkeit unterthan, wie jene erste Blüthe Meran’s, die auch vergangen ist.
Einst erschallte in dem Thale mancher Trompetenstoß und viel Sang und Klang, als die Grafen von Tyrol hier Hof hielten und der Adel des Landes an den Halden des Hochgebirgs seine Burgen baute. Die glücklichen Freiherren des damaligen Tyrol wählten zur Gründung fester Wohnstätten früher am liebsten dieses Thal, nicht nur weil seine außerordentliche Schönheit die großartigste Alpennatur mit aller Lieblichkeit und Ueppigkeit des Südens vereinigte, sondern weil das nahe Italien ihnen nicht selten Gelegenheit zu Kampf und Beute bot. Daher drängen sich nirgends überraschender und malerischer die Trümmer der untergegangenen Ritterherrlichkeit in einem Raume zusammen, als in den beiden Thälern der Passer und der Etsch, die unweit Meran in einander übergehen.
Wandeln wir aber, ehe wir Thal und Stadt selbst betreten, erst eiligen Schrittes durch ihre Vergangenheit.
Die ersten Steine zu Menschenwohnungen sind vor mehr als tausend Jahren an diese Stelle des Passerthals getragen worden, und Meran lag wohl schon lange als ein unbedeutender Ort da, bis ein fremdes Unglück ihm zu seiner ersten Blüthe verhalf. Unweit von dieser Stätte prangte einst die römische Stadt Maja (Urbs Magiensis) am Fuße des ragenden Naifer, aber nur bis zum Anfang des neunten Jahrhunderts: da begrub sie der stürzende Berg im Schrecken einer Nacht lebendig unter seinen Trümmern. Meran ward der Erbe der Todten, und es wuchs nun, nachdem es an den Gaugrafen des Gebirgs gnädige Herren erhalten, in gleichem [142] Schritte mit der Macht derselben. Bekanntlich sind beim Aufgang der Geschichte von Tyrol die Namen der Grafen von Andechs die gefeiertsten. Der rechte Glanz kam aber erst mit Meinhard I., Grafen von Görz und Tyrol, über diese Herren, die sich aus der königlichen und kaiserlichen Dienstbarkeit zur selbstständigen Fürstenwürde erhoben hatten. Die nahen Burgen Schloß Tyrol und Zenoberg sahen schon damals hohe Pracht in ihren Mauern, und von all dem Schimmer fiel der einträglichste Widerschein auf die Stadt zurück, die allgemach, wie sie gleichsam den Kern der ringsum an den Höhen hangenden Burgen und Schlösser bildete, ebenso der Mittelpunkt und Sammelplatz alles gemeinsamen Lebens nicht bloß der nächsten Thäler, sondern der ganzen Grafschaft Tyrol wurde.
Die goldene Periode des Meraner Lebens fällt in das 14. Jahrhundert und umfaßt die Regierung Meinhards II., des ersten Grafen, in welchem ganz Tyrol seinen Gebieter erkannte, ferner die seines Sohnes Heinrich, der sich König von Böhmen nennen ließ, endlich die seiner einzigen Tochter, der vielberufenen Margaretha Maultasch, und der festlichste Tag Meran’s war die zweite Vermählung derselben mit dem Markgrafen Ludwig von Brandenburg und der Lausitz, nachdem sie, wie der geistreiche Tyrolfahrer Steub erzählt, „Herzog Hansen von Luxemburg, dessen untüchtiger Liebe sie nicht froh werden konnte, davon gejagt.“ – An jenem 10. Hornung 1342 war es, wo die Laubengasse von Meran ihre vornehmste Pracht sah, denn da ritten zwischen ihren staunenden Häusern im volkumwogten Zuge dahin der deutsche Kaiser, der Markgraf von Brandenburg, die Herzoge Ludwig der Römer und Stephan von Bayern, zwei Herzoge von Teck, die Bischöfe von Augsburg, Regensburg und Freising, zwei Grafen von Schwarzburg, darunter der edle Günther, welcher später als Gegenkönig zu früh für Deutschland starb, dann noch eine ganze Cavalkade von Grafen und Rittern aus Deutschland und Wälschland, und als die schönste Zierde des ganzen Zugs in dessen Mitte die blühende Braut von Tyrol. So ritten sie zum „Hauptschloß“ Tyrol hinan, wo das fürstliche Beilager Statt fand. Der einzige noch vorhandene Zeuge dieser hohen Festlichkeit ist der graue mächtige Thurm, in welchem sie geschah.
Es ist natürlich, rein menschlich, nicht bloß fürstlich, daß einem Orte, wo man so viel Liebes erlebte, auch viel Liebes angethan wurde. Und diese Liebe schmückte die kleine Stadt mit Allem, was sie noch Sehenswerthes besitzt, und überhäufte sie mit Rechten, Vorrechten, Wohlthaten und Reichthümern, die, soweit sie nur Geschenke der Gunst waren, mit den Tagen der Herrlichkeit auch wieder vergangen sind. – In jener frohen Zeit entstand das wohlbedachte Stadtspital, die Münze, das Gebäude der fürstlichen Hofhaltung, welches noch heute seinen alten, ein sehr wesentliches altgermanisches Bedürfniß andeutenden Namen des „Kelleramtes“ führt, ebenso das Kloster der Klarissinnen und die schöne Stadtkirche (1310–1335 gebaut), die sich des höchsten Thurms in ganz Tyrol rühmt. Dazu hatten die Landtage und Jahrmärkte hier ihren Sitz, die verkehrreichsten Straßen führten [143] hierher: kurz, für Verdienen und Verthun, für Arm und Reich, für Fromm und Froh gab es in der südlichen Alpenwelt keine gemachtere Stätte, als Meran.
Im Jahre 1363 ward Oesterreich Herr in Tyrol. Mit dem mächtigeren Gebieter betrat es eine ernstere Bühne, auf welcher sein Geschick sich fortan reicher an Kämpfen und Leiden abspielen sollte. Da ging auch die Rolle der Fröhlichkeit und Wonne von Meran zu Ende. Herzog Friedel (Friedrich mit der leeren Tasche) erhob Innsbruck zur Landeshauptstadt, und kaum war Meran dieser erste Reif vom schimmernden Haupte genommen, so verlor das Unglück die Scheu vor ihm und brach um so toller durch die fertige Bresche ein. Was half’s nun, daß die Stadt aus dem Aschenhaufen, in welchen der ergrimmte Hans von Luxemburg sie 1347 verwandelt, sich herrlicher wieder erhoben hatte? Jetzt machte sich der Wildsee des Passerthales die neue Gelegenheit zuerst zu Nutze, seine Fluthen zerstörten einen großen Theil der lustigen Wohnungen und erfüllten die übrigen mit Noth und Trauer. Dann raste der Engadiner Krieg (1499) durch das Thal, die Passer kam wieder, 1503 und 1512, mit noch wilderen Ueberschwemmungen, als wenn sie der Reformation Bahn brechen wollte; aber die Sturmwogen Beider wurden endlich eingedämmt und abgesperrt. Und nachdem die Stadt Alles verloren hatte, woran einst ihr Herz und ihr Glück gehangen, die Fürsten, die Landtage und den zahlreichen Adel, nachdem die Münze nach Hall gezogen und durch neue Straßenzüge selbst die Bedeutung der Jahrmärkte geschwunden war, mußten die Spanier aus Italien auch noch die Pest herbeischleppen, um dem Thale das Beste zu nehmen, was es von je und immer hatte, seine stattlichen Menschen.
Gottlob, daß ist das Einzige, was dem Unglück nicht gelang. Und diesen Menschen, nicht dem fürstlichen Gemäuer, grauem Bauwerk und sonstigem Alterthum zu Liebe eilen wir jetzt in die Stadt, wie sie die Gegenwart und unser Bild uns zeigt.
Dem Wanderer lacht das Herz, wenn er von Weitem der Stadt naht; und wenn er vor ihr steht und dreht sich frohlockend auf dem Absatz herum, so fliegt das bilderreichste Panorama an seinem Auge vorüber: das Dorf Tyrol auf dem Mittelberg, über ihm das „Hauptschloß“, das dem Lande den Namen gab, daneben die alte Pfarre St. Peter und der Durnstein, dies Alles überwölbt vom hohen Partschins; weiter die Gegend von Obermais, wo, reich an Burgen und Geschichten, der Rahmen der Landschaft die Dörfer und Fluren von Schöna und Freiberg mit ihren Schlössern einfaßt, über welchen das Kirchlein Katharina in der Schart thront und der Isinger Alles überragt; weiter, vier Stunden lang, streckt die reizende Ebene sich üppig zwischen den schönsten Bergen hin bis zum Vigilijoch.
Die Stadt Meran besteht eigentlich nur aus einer Hauptgasse, die Laubengasse genannt, an die sich am unteren Ende die Quergasse des Rennwegs anschließt, hat nur zwei Plätze: den Kornplatz und den [144] Sand, und öffnet, den Straßenausgängen entsprechend, sich dem Verkehr durch vier Thore. Der besuchteste Spaziergang seiner einheimischen Bewohner ist die starke, mit wilden Pappeln besetzte Wassermauer, durch welche die Stadt sich von der Passer hat scheiden lassen, über die eine Brücke zur Spitalkirche mit ihren berühmten Glasgemälden führt. Ein alter Thurm dicht ober der Stadt, jetzt von Weinbergen umgeben, hat sogar seine Geschichte verloren; es will Niemand mehr wissen, welch besonderen Zwecken er einst gedient habe. In der Stadt selbst hat man die gewöhnlichen öffentlichen Gebäude, geistliche und weltliche Behörden, sogar ein Gymnasium und die sonst landüblichen Bildungs-, Erziehungs-, Vergnügungs- und Wohlthätigkeitsanstalten. Man trug wenigstens, so weit die allgemeinen Verhältnisse Tyrols dies zuließen, die Sorge, die einst so berühmte Stadt nicht ganz zum offenen Dorfe herabsinken zu lassen. – Der Wohlstand des Volks in und um Meran (im sogenannten Burggrafenamte) liegt bei alledem im Argen; denn wenn auch die meisten der alten Adelsschlösser in die Hände von Landleuten gekommen sind, so hat dies doch Beide nicht vor dem allmähligen Verfall gerettet. Es ist hier ein volkswirthschaftlicher Umschwung nothwendig, um der gesunden Volkskraft ein entsprechenderes Feld der Thätigkeit frei zu geben, und eine Erweiterung oder Beseitigung mancher Verkehrsschranken, um dem Fleiße seinen Lohn zu sichern. Mit Weinbau und Viehzucht allein kann dieses deutsche Südtyrol neben seinen wälschen Nachbarn und Landsleuten, die an Wein, Geld und List ihm überlegen sind, nimmermehr aufkommen.
Eine Hülfsquelle, früher vernachlässigt, jetzt je mehr benutzt, desto reichlicher spendend, dankt Meran der Natur: die wohlthätige Milde und Beständigkeit seines Klima’s neben seiner Schönheit. „Die mittlere Höhe des Barometers beträgt in Meran innerhalb 6 Jahren 26,10°, die mittlere Temperatur 9,9° R., die höchste 27,0° R., die niedrigste – 5 bis 9,0° R.; die Durchschnittszahl der heiteren Lage ist 135, der Regentage 58, dem Schnee gehören 8, den Gewittern 11 Tage. Die Sterblichkeit verhält sich wie 1:37. Endemische Krankheiten gibt es hier nicht.“ Diese kurze Notiz ist das neue Aushängeschild für wahrhaft „belebende Geschäfte“: Meran ist ein vielbesuchter Hoffnungshafen für Brust- und Nervenschwache geworden, die von allen Winden mit dem ersten Gruß der Lerchen hieher gesegelt werden, in der größten Zahl aber Solche, welche, wie Steub sagt, „mit dem süßen Traubenfleisch Schlund und Brustkasten auskalfatern und die Lücken zupichen wollen, die der deutsche Winter hineingerissen hat.“ Neben der Traubenkur steht ebenso empfohlen da der Gebrauch der an aromatischen Theilen so reichen Kuh-, Ziegen- oder Eselinnenmilch, entweder rein, oder als Molken, ebenso der von eingeführten Mineralwassern, von denen die nächsten, den Alpenadern entquellenden: der Säuerling von Ladis und der sehr starke Eisenborn von Rabbi, von patriotischen Gemüthern der Vorzug gegeben wird. Die wirksamste Zugabe bleibt aber das Thal, die Stadt und ihre Menschen: sie kuriren Alles vom Herzen aus, das fühlt der Fremdling beim ersten Gang durch die Laubengasse.
[145] Die Laubengasse Meran’s charakterisirt den Ort und sein Leben. Lauben nennen sie dort die Bogengänge (Arkaden), welche sich längs der Gasse hinziehen und die sich vor denen anderer tyrolischer Städte auszeichnen; sie sind nicht nur länger und offener und laden so freundlich zum Lustwandeln bei Sonnengluth und Regenwetter ein, sondern sie beschatten auch die gemüthlichen Batreien, d. h. die Sitze und Plätze für die bildschönen Verkäuferinnen und ihre reizenden Früchte. Es ist hier schon südlicher Anhauch; man stellt das Schönste in’s Freie und ängstet sich nicht besonders um nordische Wohnlichkeit des Hauses, und wie nicht die Luft der Stube, sondern die vom Athem des eisigen Gebirgs und der warmen Thäler hier zusammenfließende das Menschenkind umweht, so ist auch Milde und Frische das Vorherrschende im leiblichen und geistigen Wesen des Volkes. Auch hier birgt die deutsche Natur noch einen Schatz für die Zukunft, auf den sie um so stolzer sein darf, weil dieses körnige Bauernvolk im Burggrafenamte, wie es umgeben von einem Kranze hoher Schneeberge in der warmen grünen Tiefe lebt, unter dem heißen italienischen Himmel, in der schmalen Ebene, die wie ein Herd erscheint, um Hitze auszukochen, von allen deutschen Stämmen, die einst mit gezücktem Schwerte über die hohe Wand der Alpen nach den Südländern gestiegen, der letzte Rest germanischer Zunge ist, der unter Feigen- und Mandelbäumen Haus hält. Ja, hier im oberitalienischen Paradiese an der Etsch sitzt noch die ganze Gefolgschaft hochstämmiger Recken in urkräftiger Deutschheit beisammen, immer noch abweisend und schroff gegen den wälschen Nachbar, wie vor anderthalb Jahrtausenden.
Möge dies denjenigen Deutschen, welche gegen das nach Freiheit schreiende Ausland allezeit so gefällig und freigebig sind, nicht ganz entgehen! Es ist im Norden wie im Süden unseres Vaterlandes: auf den letzten Hufen wohnen die treuesten Söhne; aber in der weiten Mitte, fern von den Schrecknissen der Gletscher und der Brandung, da, wo wie ein Garten das Land zu schauen ist, haben jene Treuen schon so oft vergeblich nach derselben Treue gesucht. Möge nicht das Schicksal von Schleswig sich in Südtyrol wiederholen!