Der Hohenasberg
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HOHENASBERG
„Dort auf der Burg, im milden Sonnenglanze,
Rundum ein grünend Land, gewundne Thäler,
Von Strömen schimmernd, heerdenreiche Triften,
Des nahen Dörfchens abendlich Geläute: –
Wer wohnt dort? welch gesegnetes Geschlecht?“
„„Treufeste Männer schmachten dort für’s Volk!““
Im würtembergischen Oberamte Ludwigsburg, auf einem freistehenden, kegelförmigen Berge, 700 Fuß hoch, prangt das feste Bergschloß Hohenasberg, einst die Wiege eines verblüheten Grafengeschlechts, dem es den Namen gab. Schon im 10ten Jahrhundert war die Burg vorhanden; später kam sie an die Grafen von Tübingen, und der erste Herzog von Würtemberg erweiterte und verschönerte sie zu einer landesherrlichen Wohnung. Dieser große Fürst sagte die unvergeßlichen Worte: „Ich darf mein Haupt jedem Würtemberger ruhig in den Schoos legen!“ und zu seinen versammelten Räthen: „so Jemandem meine Regierung schwer und ungerecht gewesen und „wider Billigkeit“ – dem soll es mit alle meiner eigenen Habe ersetzt werden, und wenn Dir, Gott und Schöpfer! damit noch nicht genug gethan – so ist hier mein Leib!“ – – Jetzt aber? Wenn die Millionen Seufzer all der Unglücklichen, die aus den Kerkerzellen des Hohenasberg zum Himmel stiegen – und wenn all die Thränen des stillen Grams und tiefen Kummers, die da vergossen wurden, als Sündfluth niederstürzen sollten, um die Hartherzigkeit von der Erde zu vertilgen, – wo wäre für sie Rettung? Wo wäre Erbarmen für sie zu finden? – Der Dichter Schubarth, der erste, der eine Zeitschrift für Volksbelehrung schrieb im Würtemberger Lande, der wurde eingesperrt und stumm und dumm gemacht auf dem Asberg vor 70 Jahren; und statt des Einen sitzen jetzt sieben Redakteure freisinniger Volksblätter droben und so viel näher den Sternen. Wie seltsam klingt dies „Da capo!“ nach siebenzig Jahren. Haben sie denn geschlafen, die Rufenden, diese letzten drei Viertel Jahrhunderte? Selbst Gottes Donner hat sie nicht geweckt, vergeblich schlugen seine Blitze neben ihnen nieder.
[116] So schlaft, schlaft denn fort unter Stummen und Verschnittenen und träumt den letzten Traum. Ja, ja, den letzten! –
Es ist zwar wahr: gegenwärtig überfluthet die Demoralisation Alles, und diese traurigste Erscheinung in dieser unglücklichen und schmachvollen Zeit ist dazu gemacht, schwächere Patriotenherzen mit Niedergeschlagenheit, stärkere mit Ekel zu erfüllen. Irre machen darf es aber nicht, verzagen darf Keiner. Alles das ist schon da gewesen. Dem Corsenjoch und der Rheinbundschande folgten die Erhebung und die Triumphe der Nation von 1813–15, den Karlsbader Beschlüssen die Erschütterung des Absolutismus im Jahre 30, der spätern Volksbedrückung und Verfolgung der Patrioten die Revolution von 48; – die Bundesverbote der deutschen Farben hatten in dem Aufziehen des deutschen Banners auf dem Bundespalaste ihren Ausgang, und das Knebeln der Presse in dem Bundesgesetze: „die deutsche Presse soll frei seyn für ewige Zeiten!“ – Dreimal habe ich das Ebben und Fluthen erlebt in den deutschen Dingen; dreimal haben die Wogen der Freiheit und Knechtschaft gewechselt; dreimal hat das Volk Ketten zerrissen und Ketten angenommen: wird es bei diesem „Dreimal“ bleiben? wird die Nation in den neuen Fesseln sterben, oder sie wieder zerreißen? In meiner Seele steht die Ueberzeugung felsenfest: Die Unterjochung des deutschen Volkes, wie sie im Sinne des Absolutismus gewünscht wird, wird nicht gelingen. Wenn der Absolutismus das Unmögliche versucht; wenn er den Strom hinauf bis zu seiner Quelle schwimmen will: – so ist das Unsinn. So wenig wahre Größe auch in diesem Zeitalter zu finden seyn mag: seine Gewaltmenschen sind doch zu klein, es zu bezwingen. Der Widerwille ist zu allgemein, zu lebendig. Sie können es nicht durchsetzen. Sie bereiten sich ihren Untergang. Keine Offenbarung ist gewisser. Deutschland war so unklug, eine halbe Revolution zu machen, und das war ein Unglück: denn sie mußte die gereizte Autorität zum entgegengesetzten Ziele hindrängen. Aber der Stoff zum Widerstande wird nicht schwächer durch den Druck, und die zersetzenden Elemente haben durch letzteren an Wirkung eher gewonnen, als verloren. Ich kann nicht glauben, der nackte Absolutismus sey das Ende der Bewegung so vieler Völker. Wenn aber die Auflösung der alten Parteien, welche jetzt in so vielen Erscheinungen hervortritt, erfolgt, so ist dieß nicht der Tod, sondern vielmehr das Vorzeichen des neuen Lebens. Wenn der Geist der zukünftigen Gesellschaft in die alten Formen nicht mehr passen will, so findet er auch in den alten Parteibegriffen keine Befriedigung mehr. Junger Most verlangt neue Schläuche. Die Demokratie von 48, der Constitutionalismus von 49, die Reaktion von 50 sind Faktoren, die sich abnutzen, wie die Altliberalen von vormärzlichem Datum sich verbrauchten, und alle die mittelmäßigen oder unfähigen Menschen, welche jene Parteien repräsentiren, sind in der Meinung schon so vollständig zu Grunde gerichtet, daß, wagten sie sich je auf die Bühne der Zukunft, sie ganz gewiß ausgepfiffen werden würden. – An eine dauernde Herrschaft der Reaktion ist gar nicht zu denken. Sie, als derzeitigen Inhaberin der materiellen Gewalt, würde nur dann einigen Respekt ansprechen können, wenn sie eine geistige Größe belebte. [117] Aber ihre Figuranten sind ja lauter kleine Menschen, und in der ganzen Gesellschaft steckt bei aller Kniffig- und Pfiffigkeit nicht so viel gesunder Menschenverstand, um zu wissen, daß man Todte zwar galvanisiren, aber nicht wieder beleben kann. Die Sache der Reaktion ist ohne Chance: sie ist eine verzweifelte. Die Sache der Völker ist aber blos dann verloren, wenn die Völker selbst sie aufgeben; auch dadurch aber könnte die Sache der Menschheit nicht verwüstet werden; denn sie wird von Gott geleitet. Und der Neubau der Gesellschaft – die Aufgabe der Zukunft – sie ist Sache der Menschheit. – – –
Deutschland – es ist wahr – hat niemals schmachvollere Tage gesehen. Das Ungeheuere, das Erbärmliche, das Feige, das Verderbliche, das Schlechte des Rheinbunds, gegenüber der geistigen und politischen Größe des Eroberers war nicht so verächtlich, als jene Politik der Gegenwart, welche nicht erröthet, einen slavischen Selbstherrscher zum Schiedsrichter anzurufen in den Geschicken Deutschlands, und aus Petersburg und Warschau die Orakelsprüche der modernen Pythia mit Knebelbart und Kantschu zu holen. Dem Verrath an der Würde des Vaterlandes folgt inzwischen die Züchtigung so unmittelbar auf dem Fuße nach, daß ein Verlassen dieser Bahn wohl nicht ausbleiben wird. Freilich ist’s immer zu beklagen, wenn auch nur eine Zeitlang die humanitätsfeindlichen russischen Staats- und Regierungsmaximen in Deutschland Einfluß üben dürfen. Das Schicksal wird es rächen, die Geschichte wird es richten. –
Was haben aber die Patrioten bei der jetzigen Lage des Vaterlandes zu thun?
Ich antworte: Schaut den Sternenhimmel an – die Welt des Künftigen; und blickt in die Vergangenheit hinab – die Welt der Erfahrung: in Beiden steht’s geschrieben. Was der Patriot thun soll, kann jeder wissen; denn, wie es gekommen ist, sah Jeder längst voraus. Es trifft Keinen unvorbereitet und unerwartet. Auch ist das Ende Keinem verborgen. Das ruhige Auge des Beobachters überschaut den nothwendigen Gang der Reaktion bis an ihr Ziel hin – den Abgrund. Der Weg, den sie eingeschlagen hat mit ihrem Wagen, dem schwerbeladenen, führt so steil hinunter, daß ihn kein Gott mehr aufhalten und retten kann die Führer und Passagiere. Wir aber, wir wollen muthig und standhaft dem Schlimmsten entgegen treten, was kommen kann. Aendern den Gang der Dinge können wir nicht mehr. Das vergeltende Verhängniß, welches die Verblendeten in’s Verderben forttreibt, ist stärker geworden, als alle menschliche Macht. Und wenn, in patriotischer Selbstaufopferung, wir unsere Leiber vor die hinabrollenden Räder niederwerfen würden: hemmen können wir sie doch nicht; sie würden zermalmend über uns weggehen, wie der Wagen des Götzen zu Jaggernaut über die Opfer des Fanatismus.
Die Reaktion treibt zur Katastrophe hin, die sie verschlingen wird, und die Katastrophe muß erwartet werden als etwas Unvermeidliches. Erst ihr Losbruch ruft die wahren Patrioten auf die Bühne. Erst dann, [118] wenn das Feuer auflodern wird an tausend Enden und der himmelhoch aufgehäufte Zunder in Flammen aufschlägt und ein allgemeiner Brand zu verzehren droht mit allem Bösen auch alles Gute, mit dem Tand auch die Schätze, mit dem Absolutismus auch die theuersten Errungenschaften tausendjähriger Gesittung: – wenn sie Kunst und Wissenschaft und ihre Träger, und alles Bestehende, in ein gemeinschaftlich Grab stürzen will ohne Unterschied und ohne Prüfung – dann sollen wir, zum Opfertod für das Heiligste entschlossen, kühn und kalt den wilden Mächten der Zerstörung uns entgegenwerfen, uns einigen zu ihrer Bekämpfung. Und ein glorreicherer und gerechterer Bund wird auf Erden nicht gewesen seyn!
Diese Ansicht ist zu fassen, festzuhalten und zu verbreiten. An ihrer Durchführung hangt das Schicksal Deutschlands, der Gesellschaft.
Wie groß, oder wie klein die Zahl Derer sey, welche Aufopferungsmuth genug in sich tragen, im entscheidenden Augenblicke entschlossen und freudig Alles daran zu setzen an den Versuch, die Wogen der Zerstörung zu stillen und nach Leiden und Drangsal ohne Gleichen das unglückliche Vaterland vor dem Ruin der Anarchie zu schützen, das kommt jetzt nicht in Frage. Großes Unglück hat noch allemal große Menschen gezeugt. So einzeln sie jetzt stehen, die Treuen und Zuverlässigen, sie werden nicht vereinzelnt bleiben, wenn die Stunde der Gefahr geschlagen hat. Jetzt haben jene Männer den dringenden Beruf, Lehrer der Nation zu seyn, sie, besonnen und leidenschaftslos, zu einer klaren Erkenntniß ihrer Zustände zu bringen, in ihr den Glauben an die Gerechtigkeit Gottes zu stärken, den Sinn für Recht und Ehre zu pflegen, jenen für Deutschlands Größe und Selbstständigkeit wach zu erhalten, auf die Gefahren des Kommenden und Unvermeidlichen hinzudeuten, die Banden der stammlichen Vorurtheile und Antipathien schonend zu lösen, die partikularistische Selbstsucht durch Belehrung und durch die Erhebung der Idee zum Allgemeinen zu bekämpfen und so den Samen auszustreuen für die Wiedergeburt der Nation auf den Grundsätzen der Humanität. Sie sollen Steine sammeln und zusammentragen für den künftigen Neubau, während die Reaktion, im Wahne, das Alte, Einfallende zu erhalten, mit eigenen Händen den Grund aufreißt, auf dem es steht. Und die angedeuteten Mittel des patriotischen Wirkens in dieser entsetzlichen Zeit kann uns selbst der Absolutismus nicht ganz entziehen!
So laßt uns denn wirken, ihr Männer! so lange ein Wirken überhaupt uns noch gelassen ist! Der Leidenschaft baar, den sittlichen Ernst und die geistige Weihe nicht nur auf der Stirn, sondern auch im Herzen tragend, müsse unser Streben und unsere Lehre unablässig auf die bürgerliche, religiöse und moralische Erhebung unsers Volkes gerichtet seyn. In der Reaktion ist keine Gefahr, denn sie entleibt sich selbst. Große Gefahr ist aber in der Roheit des Volks. Bildet das Volk, um das Vaterland zu retten, und mit demselben rettet ihr die Freiheit! –