Die Vorhallen der Universität in München
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Die VESTIBULE der UNIVERSITÄT
in München.
Es ist unter den Irrthümern in dieser Zeit einer der größesten gewesen, zu glauben, daß die Intelligenz, als solche, ausreiche, der Gesellschaft Leben, Harmonie und Kraft zu geben und auf die exklusive Bildung des Verstandes, des Wissens und Könnens ihren Fortschritt zu begründen. Man wähnte und lehrte, die Intelligenz allein, losgelöst von Allem, was sie läutert und befruchtet, genüge, um den Wegfall der sittlichen Kräfte im Menschen zu ersetzen. Moral und Religion wurden als Fesseln des freien Willens erst gehaßt, dann verhöhnt. Befangen in dem Wahne ihrer ausschließlichen Souveränität versank die Intelligenz in den Pfuhl des Egoismus. Je tiefer sie aber in demselben niedertauchte, je höher wurde ihre Selbstüberschätzung. Sie vergötterte sich in ihrem Wahnwitz; sie hielt ihre Entwürfe und ihre Träume für unfehlbar. Sie wollte nur sich gelten lassen mit Ausschluß aller anderen Faktoren der Gesellschaft und im Widerspruch mit den Thatsachen der Gegenwart und Vergangenheit. Sie proklamirte sich als die Grundlage der Civilisation und als berufen und berechtigt zur Alleinherrschaft; sie gab sich aus als das alleinige Mittel zur Macht, als den alleinigen Rechtstitel zum Glück und Erfolg in der Gesellschaft. Anerkannt von der Mehrzahl für Das, wofür sie sich ausgab, warb sie fortan das Ziel aller strebsamen Geister und der auf „ein glänzendes äußeres Glück“ gerichteten Erziehung. Man wollte nicht mehr gute Menschen bilden, nicht mehr sie im lautersten Sinn zur höchsten individuellen Veredelung führen: nein! durch kunstgerechte Dressur die Kraft des Verstandes treibhausartig zu entwickeln, das war der ostensible Zweck der herrschenden Pädagogik. – Kapacitäten sollten sie werden, ihre Zöglinge, Kandidaten für allerhand Würden und Ehren im Staate. Das Siegel ihrer Befähigung im öffentlichen Rennen nach Amt, Ansehen, Einfluß und Macht wurde das Talent und dieses, im Knaben schon zur Selbstvergötterung verzogen, drängte sich, es mochte ein wahres oder ein eingebildetes seyn, anmaßlich aus jedem unbärtigen Mund hervor, um über Alles zu urtheilen, zu streiten über alles und für Alles Pläne der Neuorganisation und Reform zu entwerfen. Dadurch ist es gekommen, daß die jetzige Gesellschaft beschwert ist durch eine Legion von verschrobenen Menschen, die zu nichts Tüchtigem tauglich und zu nichts Rechtem aufgelegt sind, halben, Viertels- und Achtelstalenten,
[122] hohlköpfigen und hochmüthigen Weltverbesserern, Systematikern und verlogenen arglistigen Spekulanten auf die Dummheit und die Schlechtigkeit. Sie belästigen mit ihrer Thorheit und Unerfahrenheit, beschmutzen mit ihrer sittlichen Unreinheit, oder impfen ihre Umgebung mit ihrer Zerfahrenheit, ihrer Zweifelsucht, ihrem Unglauben, ihrer Manie für nichtigen Wortstreit und müßige, thatlose Verhandlung; sie sind die Anstifter jener unwahren Begeisterung für ehrenhafte Interessen, welche in den Freuden des Krugs und der Tafel ihren Ausgang findet. Lebend in einem Zeitalter, in dem die Wissenschaft unerhörte Triumphe feiert, umgeben von den Wunderwerken der Bildung und Gesittung, sehen wie den Geist der sittlichen Verderbniß emporsteigen in häßlicher Gestalt und nur allzuhäufig die Intelligenz sich gatten mit widerlicher Feigheit und Entmannung der Seele; wir sehen sie sich verkehren zur Förderung der sittlichen Entartung der Völker, statt ein beständiger Stab zur Veredelung der Menschen zu seyn. Ein Apostel des theokratischen Absolutismus hat neulich den Ausspruch gethan: „Nach den Sophismen kommen die Revolutionen und mit ihnen die Henker und die Barbarei“, und es ist schwer, sich des Gefühls zu erwehren, daß etwas Wahres daran sey.
Indessen hat auch eine solche Zeit ihr Gutes; denn eine Nothwendigkeit ist es und eine Vorbedingung aller Möglichkeit des Wiederbesserwerdens, daß der Irrthum an’s Tageslicht trete und Jeder ihn sehe. Solche Erkenntnisphasen müssen seyn. Sie wirken heilsam wie Arznei auf den Kranken. Sie lassen uns in den Abgrund schauen, dem wir zueilen, und einsehen, daß mit der bloßen Verstandesbildung weder die Welt besser zu machen ist, noch unser Daseyn glücklicher werden kann; sie führen uns zu der Ueberzeugung zurück, daß Sittlichkeit und Tugend die Anker seyn müssen, das Schiff unserer Hoffnungen daran zu befestigen. Die Erfahrungen dieser letzten Jahre und das Bewußtseyn unserer kritischen Lage zwingen uns, den großen Problemen der Gesellschaft wieder in’s Gesicht zu schauen und nach ihrer rechten Lösung zu forschen. Es ist klar geworden in dieser schweren Zeit, daß die Ehre und der Werth der Intelligenz nicht in dem Maße steigen, als diese Gott und Moral verleugnet und mit Füßen tritt Das, was immerdar als gut und ehrwürdig gegolten hat. Es ist klar geworden, daß der Urquell alles Menschenglücks auch im freiesten Staate kein anderer sey, als Gottesfurcht, Nächstenliebe, Sitte und Tugend allein. So lange als diese nicht wieder zu Throne sitzen, so lange das kluge Laster noch Duldung und Geltung in der Gesellschaft findet, so lange eine Intelligenz ohne Tugend sich über Alles hinaussetzen darf, und ihre Sophismen in der Menge nicht nur Zuhörer, sondern auch Schüler finden, so lange in der Welt Verstandesbildung mit Lasterhaftigkeit und Unsitte noch Ansehen haben oder Beifall erwerben, so lange der nackten Frivolität noch Macht gegeben ist, die Herzen zu verderben und zu verpesten, so lange nicht der Ekel die Insinuationen des Lasters straft auf allen Wegen und Stegen des Lebens, so lange dem Blick in das Familienleben allüberall Verödung [123] und Verbrechen begegnen: – so lange ist die Hoffnung eitel, daß ein Neubau der Gesellschaft auf den Trümmern der alten erstehen könne, wohnlich für die Menschen und förderlich ihrer Beglückung. Ohne Tugend und Glauben an Gott kann uns auch die Freiheit nicht erlösen, denn nur reinen und würdigen Händen reicht die Himmelstochter Arm und Kranz. –
Der Schule liegt die Pflicht am allernächsten, für die sittliche Wiedererhebung des deutschen Volkes zu wirken, und von den deutschen Universitäten ist zu fordern, daß sie fortan das moralische und religiöse Moment neben der Wissenschaft als nothwendige und gleichberechtigte Faktoren der Menschenbildung betrachten. Daß sie dies, seit den Zeiten Voltaire’s, vernachlässigten oder negirten, hat zu unheilvollen Resultaten geführt, die nun klar am Tage liegen. Die Hochschule soll die geistige Freiheit, welcher die Wissenschaft nicht entsagen kann und darf, ehren: aber sie soll Moral und Religion nicht dem Leben entfremden. Aufzufinden die Wege, auf welchen die Wiedervereinigung, ohne der Freiheit der Ueberzeugung Zwang anzuthun, in’s Werk gesetzt werden kann, ist eine so dringende als schwierige Aufgabe der nächstfolgenden Zeit, und ihre glückliche Lösung würde zum großen Gewinn des Vaterlandes gereichen.
In der angedeuteten Verbindung wird die Wissenschaft allezeit zur Quelle, an der sich nicht nur das reifere Alter erfrischen mag, sondern auch zum Oel, das den raschen brausenden Wein der Jugend sänftigt. Es werden dann die Universitäten die gefeierten Brennpunkte der Geisterwelt seyn, wo die moralischen Gesetze ihre Huldigung empfangen, wo man anerkennt, daß Recht und Pflicht, Freiheit und Gehorsam sich wechselseitig bedingen, daß jede Ueberschreitung des Rechts die Ungerechtigkeit hervorruft, jede Gewaltthat eine entgegengesetzte herausfordert und jedes Aeußerste auf der einen Seite zum Aeußersten auf der andern Seite führt: wo man einsieht, daß keine Gesellschaft gedeihen kann, in welcher sich nicht die ethischen Gesetze der Religion und Tugend geltend machen wie mathematische Axiome, und daß an volle bürgerliche Freiheit und an den Erwerb, an den sichern Genuß der Güter, welche sie bietet, so lange kaum zu denken ist, als die Nation in ihrer Mehrheit nicht durchdrungen ist von ihrem Geiste, als ihre Grundsätze nicht als feste Maximen gelten, die Niemand zu bezweifeln, oder anzutasten wagt. Nur erst dann, wenn die bürgerliche Tugend im Volke herrscht, wird der Polizeistaat, – welcher die Schlechtigkeit aller Menschen voraussetzt, zur Unmöglichkeit werden.
Die Beschreibung des Münchner Universitätsgebäudes, von welchem eine zweite Ansicht in den Händen des Künstlers ist, behalte ich einer spätern Stelle meines Buchs vor.