Der Thronsaal im Königspalaste zu München

DCLXII. Rendsburg Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band (1850) von Joseph Meyer
DCLXIII. Der Thronsaal im Königspalaste zu München
DCLXIV. Itasca Lake; die Quellen des Mississippi
  Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
[Ξ]

Der THRONSAAL im KÖNIGSSCHLOSS
in München.

[219]
DCLXIII. Der Thronsaal im Königspalaste zu München.




Nicht mit Unrecht nennt man den Bayernkönig Ludwig den deutschen Hadrian. Wie diesem die römische Welt das Wiederaufblühen des griechischen Geschmacks in den Künsten verdankt hat, so ist Deutschland jenem Fürsten und dem Kreise seiner Künstler das Meiste schuldig, was den Ruhm der neuern deutschen Kunst auf späte Zeiten bringt. In seinen großen Unternehmungen, obschon sie den verschiedensten Richtungen folgten, war er allezeit bestrebt, der Kunst die höchsten und erhabensten Aufgaben zu stellen, an denen sich das Genie versuchen [220] und begeistern konnte, und den wahren und guten Geschmack zurückzuführen, welcher in der barbarischen Periode von Ludwig XIV. bis zum Kaiserreiche des Korsen untergegangen war. Auf dem Boden der Kunst sproßte der schönste und dauerndste Ruhm der Griechen, und was uns von der perikleischen Zeit übrig geblieben ist, macht den hellenischen Nachruhm beständig wachsen. König Ludwig, indem er durch die Kunst auf die Volksbildung zu wirken trachtete, hat sich den großen Fürsten des Alterthums an die Seite gestellt. Manche Monarchen seiner Zeit huldigen dem Grundsatz, daß barbarische Völker leichter zu regieren seyen, als gebildete; sie hassen darum die Kultur und ihre Zeichen, und jedes Licht, das seine Strahlen in die Kreise des Volks wirft, löschen sie aus. Es ist Ludwig anzurechnen, daß er die Kunst nicht bloß um ihrer selbst willen, sondern auch um ihrer höchsten und edelsten Zwecke willen liebte, förderte und schützte. Er berief sie zur Geschichtschreiberin der germanischen Nation, um ihren Ruhm in unsterblichen Monumenten zu verherrlichen und stellte ihre Tafeln inmitten des Volkes auf, es zu erheben, es stolz zu machen und große Gedanken zu wecken. Dort stehen sie, die Walhalla, die Tempel des Ruhms, die Siegesthore u. s. w. als unvergängliche Tafeln des Volks-Gedächtnisses, und vor ihnen sitzt der Genius der Zukunft, zu ändern oder hinzuzuthun, wie er einst in Hellas gethan hat an den Gesängen Homers. Wenn die Nachwelt auch in jeder andern Beziehung ein tadelndes Urtheil über den Fürsten fällen würde, in dieser einen kann sie ihm die Anerkennung der Größe nicht versagen, und als Mäcen in der edelsten Bedeutung des Worts wird sie seine Büste mit leichtgeschlungenen Ehrenkränzen beständig schmücken. Es ist gewiß, daß Das, was König Ludwig für Deutschland durch seine Kunst-Unternehmungen, durch die Idee wie durch die Ausführung derselben, Großes und Gutes gewirkt hat, unsere Enkel besser und gerechter würdigen werden, als wir selber. –

Allerdings hätte Ludwig nicht vermocht, so Herrliches auszuführen, waren die großen Talente nicht da gewesen, deren vereintes Zusammenwirken jenes ermöglichte. Ihnen gebührt an des Königs Ruhm der volle Theil. Für die Wiederbelebung der Architektur des klassischen Alterthums in größter Reinheit und Vollkommenheit war dem Könige ein Klenze nöthig – ein Mann, der, frei von der gewöhnlichen Berufsbeschränktheit der Architekten, bei all’ seinen Monumentalbauten, übereinstimmend mit des Königs Auffassung, das möglichst vollständige Zusammenwirken der drei bildenden Künste vor Augen hatte. Dem Ernst und der Sorgfalt, mit welcher er die Ausführung der großen Aufgaben des Königs Ludwig überwacht hat, haben diese Werke auch den hohen Grad von technischer Vollkommenheit zu danken, der sie auszeichnet. – Der Gegensatz von Klenze war Gärtner – und Ludwig verwendete diesen berühmten Architekten für das Wiedererblühen der mittelalterlichen Style und zur Ausführung der grandiosen Konceptionen, die jenes erzweckten. Die Ludwigskirche ist der glänzendste Zeuge dieses Strebens, und die Malerei, in der großartigen Auffassung eines Cornelius, gab hier der Architektur [221] den edelsten Schmuck. Gärtners Genius, der sich in großen Massen mit Vorliebe gefällt, fand Befriedigung dieser Neigung in den Prachtbauten zur Verherrlichung des Königthums, deren Herstellung ihm sein Gebieter übertrug. Der Palast der Wittelsbacher ist sein Triumph. Unbeschränkte Mittel, alle Künste und das kostbarste Material standen dem Architekten zu Gebote, um ihn zu unterstützen bei der Aufgabe, eine Wohnung herzustellen, die würdig sey eines Fürsten, welcher die Kunst selbst gleichsam gekrönt hat, und der es verdiente, aus ihren Händen das Schönste zu empfangen, was hervorzubringen sie im Stande war.

Betrachten wir unser treffliches Bild! Es zeigt uns das Sanktuarium des Königs-Palastes – den Thronsaal.

In dieser von Gold und kostbarem Gestein glänzenden und von unsterblichen Künstlerhänden geschmückten Säulenhalle der Pracht, sitzend auf dem goldenen Stuhl, umgeben von den Bildern der großen Ahnen seines Geschlechts, von denen drei die Zeichen der deutschen Kaiserwürde in den Händen tragen, agirte Ludwig I. bei den prunkvollen Hof- und Staatsaktionen als der allerdurchlauchtigste, großmächtigste Herr und König von Gottes Gnaden und seine Repräsentation war in der That die vollkommenste, welche seit Ludwig XIV. jemals einem Monarchen die Bewunderung seiner Höflinge erwarb. Man sah’s ihm an, dem sonst leutseligen Fürsten, der ein ander Mal sich mit dem Bauer Arm in Arm führen konnte, – daß er in solchen Momenten keine Rolle spielte, sondern daß er sich wirklich für Das hielt, was er darstellte. Ludwig hat’s ehrlich gemeint mit dem Begriff von seiner Gottesgnadenschaft; und als er ihn nicht mehr mit der Krone vereinigen konnte, warf er diese von sich, wie ein schlechtes Ding, nicht der Mühe des Tragens werth. Ludwig wollte nicht markten und feilschen um das Mehr oder Weniger des Königsrechts; er war kein Mann der Kurse und der Rothschilde, und er hat nie die Börse als die Seele seines Reichs und der königlichen Wohlfahrt betrachtet. Er hat den Hohenpriestern des Geldsacks keine Gunst verliehen und Opfergaben von ihnen empfangen, und auch niemals daran gedacht, Schulden zu machen bei den Tempelherren und sich Absolution dafür zu holen. Was er gethan hat, Gutes wie Böses, er hat es offen und ehrlich gethan, und ehrlich ist ein Beiwort, das dem Bauer wie dem König ziemt.

Zwischen dem Tage, wo Ludwig zum Erstenmal den Thron in diesem Saale der Pracht bestieg, bis zu der Stunde, wo er die Pforten desselben in Unwillen hinter sich zuwarf, liegt eine kleine Spanne Zeit. Wie kurz war der süße Traum und wie plötzlich das Erwachen! Ludwig hat’s erfahren, eindringlicher als mancher Andere, welche wilden Leidenschaften in einem Lande unter der Decke scheinbarer Ruhe gähren und zur höchsten Spannkraft gelangen können, welches sprüchwörtlich für das des politischen Phlegma gilt. München, das gepflegte, behäbige Schooßkind, gab dem ganzen Reiche das Signal zum Ausbruch des Volksunwillens, und als allerwärts die Würfel gefallen waren; als die Revolution der Monarchie da, wo sie sie noch duldete, Gesetze [222] diktirte: – da erklärte König Ludwig seinem Volke in’s Angesicht: ich will nicht thun, was die Revolution verlangt; da sie aber die stärkere ist, und weil ich nicht heucheln mag und schön thun mit ihr, – so nehme ich die Krone von meinem Haupte und bin mir selbst genug. – Versöhnung mit seinem Volke war sein Lohn. Während draußen überall feueriger Wetterschlag war und der Sturm tobte, ein Sturm, wie er nie gewesen ist, seit Menschen in Europa wohnen, – lebte Ludwig glücklicher, denn als König, ruhig schaffend und fortwirkend für Das, was er alle Zeit als ein schönes Lebensziel erkannt hat, unangefochten und zufrieden inmitten seines Künstlerkreises, der ihn verehrt. – König Ludwig ergriff das beste Loos. Der Neid kann ihn nicht mehr erreichen, des Hasses Pfeile sind zerbrochen; und wenn die Revolution von Neuem ihr Haupt erheben sollte, und er alle Kronen fallen sähe und die Gräber grünen auf dem Friedhofe der Monarchie – so könnte er mit dem griechischen Philosophen sagen: Es war ein Traum und – Dank den Göttern! es war ein schöner Traum.