Die Bai von Newyork
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NEW YORK-BAY
VON STATEN-ISLAND AUS GESEHEN

BAY OF NEWYORK
FROM HOBOKEN.
„Vedere e puoi mori“ heißt’s vom Golf von Neapel. – Auch über mich sind Todesgedanken gekommen, als ich jüngst zum ersten Mal in meinem Leben Neapel sah und wagte vom Pausilipp einen freien Blick über Stadt, Kastell, Golf und Inseln spazieren zu lassen. Denn es ist ein Blick auf eine Todesstätte, auf ein herrlich geschmücktes blumiges Grab, in das im Laufe von zwei Jahrtausenden eine Herrschaft nach der andern, ein Volk nach dem andern, eine Kultur nach der andern gesunken sind; Eines der Zerstörer des Andern, Eines geschichtet über das Andere, Jedes gedeckt mit den Trümmern seines Schmuckes, seiner gebrochenen Tempel, Paläste, Denksäulen, Statuen und dem Leichentuch, das der ewig geschäftige Todtengräber daneben aus den Eingeweiden der Erde webt und von Zeit zu Zeit über seine Umgebung breitet, so weit seine glühenden Polypenarme reichen. Aber auf das Leben ringsum, im Hafen, in den Straßen, deutet der Cicerone und auf jene prächtigen Bauwerke, die hohen im Sonnenschein blendenden Mauern und Schlösser auf den vorspringenden Landzungen; diese sind doch Wohnstätten des Lebens. – Beschau’ sie näher, die träg umherschleichenden Kutten und die Gestalten in Lumpen, die schlafend oder lungernd die Straßen bevölkern; was für ein Leben stellen denn die vor? – stinkende Blasen, die aus einem faulen Sumpf aufsteigen; – und die blitzenden Uniformen und der tönende Waffenlärm? – unheimliche Irrlichter und Unkenruf über der verrätherischen Lache; – und die Schiffe im Hafen? – sie liegen lauernd vor Anker und durch die offenen Luken grinst der Tod; – und die Paläste mit den schönen Säulenhallen und offenen Arkaden? – Da drinnen waltet eine Gerechtigkeit ohne Binde und mit falscher Wage; – und die weißen Mauern mit den schlanken Strebepfeilern? – von ihren Zinnen starren glänzende Geschützreihen, wie zähnefletschende Gebisse, und darunter, wo kein Auge und Ohr, wo kein Lichtstrahl des Tages noch der Hoffnung hindringt? – das sind die Gefängnisse von St. Elmo – auch dort ist Leben – Hu! was für ein Leben! –
Die Rauchsäulen wirbeln aus dem Haupte des Vesuv und die Erde dröhnt in ihren Eingeweiden; es graust mir in deinem Paradies, Italien, Todesgedanken starren mich an von allen Seiten; fort von dieser Stätte, dein „vedere e puoi mori“ droht mir wie ein fürchterlicher Hohn.
„Sehen und leben!“ rufen wir aus beim Anblick unserer zwei Bilder, und so jauchzt es aus der Brust der Tausende und Abertausende, welche alljährlich nach langer Meerfahrt und Trennung vom heimischen Boden die Bai von Newyork erreichen. Sehen und leben, ein neues Leben der Hoffnung und Zukunft, der Freiheit und [146] Wohlfahrt, der Kraft und Lust, das ist die gemeinsame Empfindung, die mit jedem Schiff, aus jedem Auge und Mund diese Küsten begrüßt, die Alles, Jung und Alt, im Festkleid auf’s Verdeck drängt, die Noth der Heimath und Trübsal der Reise vergessen macht und den wonnetrunkenen Blick im Spiegel der grünen See badet, der die Reize einer bräutlich geschmückten Landschaft wiederstrahlt. Vorbei an den zackigen violett gefärbten Felsen von Sandy Hoock, an den blendenden Sanddünen von Cooney Island und an den sanft geschwungenen grünen Hügeln der Nordseite von Staten-Island, passiren wir das Thor zur Bai von Newyork, da, wo der Zeichner unseres ersten Bildchens seinen Standpunkt hatte, gebildet durch zwei vorspringende Landzungen von Staten-Island zur Linken und Long-Island zur Rechten, bewacht von zwei hochaufragenden Leuchtthürmen und gehütet von den beiden in die See vorgeschobenen Forts Washington und Lafayette. Die Ufer weichen zu beiden Seiten zurück und öffnen den üppigsten Busen des atlantischen Oceans, an den sich, im Hintergrund, die Empire City der neuen Welt gebettet hat. Eine Steamtug hat uns eingeholt, unser Schiff in’s Tau genommen, und plätschert, wie ein erboster Entrich gewaltig zischend und keuchend und dickere Rauchwolken aus seiner Esse pustend, voran, während sein Schutzbefohlener, mit eingenommenen Segeln und vom Mast bis zum Kiel gescheuert und geputzt, wie zu einer Staatsvisite, dem Schwan vergleichbar, eine breite weiße Furche durch die glatte Fluth zieht. Aber wir haben keine Zeit, uns mit uns selbst zu beschäftigen; sehen und – leben heißt’s, und was für ein Leben umgibt uns! – Wie auf einer Straße zum Markt begegnen sich mit geschäftigem Lärm tausenderlei Gestalten, die diese Arena der See beleben. In allen Richtungen durchkreuzen Dampfboote der verschiedensten Größe, Gestalt und Bestimmung unser Kielwasser; unwirsch aussehende schwarze Schleppboote, gleich dem unsrigen, kurz und dick gebaut, wie ein Lastträger, mit breiten Schaufelrädern und schwerfälliger Bewegung, rasseln vorüber, um den einlaufenden Schiffen ihre Dienste anzubieten; behende weichen vor ihnen die weißgetünchten schlanken Exkursionsboote aus, die innerhalb der Bai oder nach den nahegelegenen Küsten und Badeorten fliegen, wie Libellen, so elegant und zartgliederig gebaut, mit der fensterreichen Kajüte auf dem Deck und der bunten Gesellschaft Vergnügen oder Geschäft suchender Menschen auf dem Hurrikanedeck; dann die flachen, breiten und sich kaum über dem Wasser erhebenden Ferryboote, die fliegenden Brücken zwischen der Stadt und den über dem Wasser gelegenen Vorstädten mit Allem beladen, was der Verkehr der Straßen entleert, Menschen, Waaren, Pferde, Leichenzüge und sogar ganze Eisenbahntrains; sie begegnen sich, wie die Omnibusse, so regelmäßig und häufig auf den von ihren Schaufelschlägen stets sichtbaren Wasserlinien, die sich von den Mündungen der Stadt aus in allen Radien hinaus ziehen. Von Zeit zu Zeit bewegt sich durch dieses bunt umherschnurrende, kriechende und keuchende Gewürm an der Oberfläche der Wasserwelt ein stolz daher rudernder Seesteamer. Er, der Riese, kümmert sich um die Pygmäen nicht, die unter [147] seinem Bugspriet oder Stern vorbei gleiten und scheu zur Seite weichen oder wie Nußschalen von den aufgewühlten Wasserschollen seiner Räder und Schrauben geschaukelt werden. Seine hohen Essen tragen die Spuren wilden Wetters und hoher See, die bis zu dem Funkenkranz emporgeleckt und den rothen und schwarzen Anstrich mit weißer Salzkruste überzogen hat. Noch viel und über alle Beschreibung mannigfaltiger ist das Gewühl der mit Segeln geflügelten Fahrzeuge. Neben den stattlichen Vollschiffen, gleich dem unsrigen, den Barken und Briggs, die im Tau oder mit geschwellten Segeln kommen und gehen, am Jib die wehenden Flaggen von aller Herren Länder, mit Produkten aus allen Zonen befrachtet oder die Erzeugnisse amerikanischen Bodens und Fleißes nach den entlegensten Häfen der Welt führend, durch die verschiedenartigste Bauart sich auszeichnend, unterscheidet sich der dickbauchige wettertrotzende und sehnige Holländer von dem elegant gewachsenen Dänen und Engländer, der plumpe Russe von dem leichten, aber gebrechlichen Griechen oder dem soliden, aber gemächlichen Hanseaten; vor allen aber, wie ein edles Roß vor einer Koppel roher Ackergäule, der amerikanische Klipper, mit der schlanken elastischen Taille, dem lang gestreckten, schön geschwungenen Bug, den windwärts stehenden hohen Masten und dem scharfgeschnittenen Bugspriet, das ihm auch durch den vehementesten Wogendrang Bahn bricht. Mit diesen Schiffen haben die Yankee’s das Wunder erreicht, daß sie mit den atlantischen Seesteamern um die Wette segeln.
So verschieden wie ihr Bau ist auch ihre Toilette. Dort eine Barke mit dem Blue Jack oder den Sternen und Streifen auf der Flagge, wie schmuck und stolz schwebt sie einher; sie ist neu kalfatert und der blanke Kupferbeschlag wirft lange blitzende Streiflichter auf die Wasserfläche; die neue Takelage harrt noch der Taufe des Seewassers, und die Segel, mit dem blauen oder rothen Streifen, sind noch ohne Flicken, die Masten neu gefirnißt, Name und Figur des Schiffes frisch vergoldet und gemalt, das Schiffsvolk in weißer Wäsche und sauberer Kleidung, Alles neu und proper, zur Mitreise einladend. Dort kommt ein Grönländer Wallfischfänger herein, man sieht’s ihm an, daß er zwei Jahre keinen Hafen gesehen und mit Eisbergen zu schaffen gehabt hat. Die oxydirte Bekupferung hängt in Fetzen an ihm herab, dick rostig ist jedes Stück Metall, das Roth der gemalten Wasserlinie, das Weiß der Kajütluken und selbst die dicke Theerhaut des Hulls hat das Seewasser abgenagt, die Taue sind schwarz und ausgefranzt, die Segel geflickt, die Matrosen zerlumpt, aber die vielen Barden, die außen an der Gallerie des Schiffs festhängen, zeugen von einem reichen Fang, und lustig und in frischen Farben flattert die sorglich verwahrt gewesene Flagge über dem Stern. Noch schlimmer sieht jene Brigg aus, die ein Tow-Boot in’s Schlepp genommen hat; sie hat in voriger Nacht vor der Küste Hawarie gelitten; der Bugspriet verloren, das Steuer ohne Führung, kein ganzes Segel mehr, die Takelage um die Raaen flatternd, Mast verloren und Nothspieren aufgesetzt, von der Gallerie des Schiffes keine Spur mehr zu sehen. Obgleich alle Hände an den Pumpen, liegt das Schiff doch auf der Seite und hat, wie man aus seinem Tiefgang bemerkt, schon viel [148] Wasser gezogen. Es ist hohe Zeit, daß es in den Dock kommt, um nach ein Paar Wochen wieder frisch aufgetakelt und so neugeboren aussehend wie jene in See zu gehen. Noch ein anderes hereinkommendes Schiff fällt uns auf durch die langen Fahnen von Seegras, die es hinter sich durch’s Wasser schleift. Es hat eine lange Fahrt im südlichen Golfstrome gemacht, dessen warme Gewässer eine so außerordentliche vegetabilische Kraft an dem alten Eichenholz ausüben. Selten verkündet eine Salve von den Forts die Einfahrt eines Kriegsschiffs. Die äußere Erscheinung eines solchen ist eine ebenso weit verschiedene von den übrigen Schiffsgattungen, wie die eines mit Wehr und Uniform angethanen Mannes des Kriegs von dem im Civilrock oder Handwerkerschurz. Man sieht ihm den Dienst des Kriegs von weitem an, auch ohne auf die gebohrten Geschützluken Acht zu haben; die Masten stehen scharf im Loth, so straff und regelrecht ist das Takelwerk angezogen, so glatt die Segel gereeft, so schmucklos und einfach der Anstrich, aber auch so sauber und so vornehm und ernst, wie an keinem andern Schiffe. Die tausenderlei Gegenstände, welche der Kriegsapparat in sich begreift, sind so vortrefflich geordnet und so streng ist jedes Ding an seinen Platz gewiesen, daß man sieht, hier regiert nicht bloß das Kommando eines Kapitäns und das Ende eines schlichten Taus, sondern das starre Gesetz der Kriegsartikel, aufrecht erhalten vom Säbel und der neungeschwänzten Katze. Die Matrosen und Marinesoldaten stehen auf den Raaen in Reih und Glied, der Wimpel, die Epaulette des Kriegsschiffs, weht vom Topmast, und jauchzender Hurrahruf hallt herüber und hinüber, wenn das Schiff ein bürgerliches unter gleicher Flagge passirt. So sehr es auch in der Bai Aufsehen erregen mag, so wird es doch ausgestochen von dem festlichen Aufzug eines größeren Seefahrers, der, eben vom Stapel gelassen, seine Probefahrt durch die Bai macht; frisch von der Art und so blank wie ein geschältes Ei, paradirt das jungfräuliche Schiff auf dem Rücken des Elements, mit dem es sich eben vermählt hat. In frischen leuchtenden Farben weht die Comptoir-Flagge am Vormast, die Farben des Landes entrollen sich am Jib und die aller seefahrenden Nationen flattern in vielen hundert kleinen Fähnchen vom Deck bis zu den Mastspitzen am Takelwerk hinauf und hinab. Die Büste oder Figur des Taufpathen unter dem Bugspriet ist mit Kränzen und Bändern geschmückt, geputzte Damen und Herren füllen das Quarterdeck und eine Musikbande verkündet in lustigen Weisen, daß ein neues Schiff geboren ist. Die kleineren Fahrzeuge: das ebenso gewandte wie sturmfeste Lootsenboot, zu fortwährender Wachsamkeit und immerwährendem Kampf mit den Elementen gerüstet, wie der verlorene Posten eines Außenwerks; der plebejische Austernschooner und die aristokratische Yacht; das schmutzige Fischerboot und die einsegelige Sloop schwirren und jagen durch, neben und gegen einander, wie ein Flug Schmetterlinge, und eine Unzahl Ruderboote, die den kleinen Verkehr zwischen den Schiffen und dem Land vermitteln oder zum Zeitvertreib umherspielen, vollenden die lebensvolle Staffage auf diesem kleinen Stück See, welches der Rahmen unseres Bildes umschließt.
[149] Links begleitet von der immer belebteren, immer dichter von Landhäusern, Gärten, dampfenden Fabriken und blinkenden Ortschaften angebauten Küste von Staten-Island, rechts von dem flachern, aber eine große Stadt (Brooklyn) aufnehmenden Ufer von Long-Island, gelangen wir zur Quarantäne. Die Formalitäten der Untersuchung sind im Nu vorüber und wir, glücklicher als die dort vor Anker gebannten Auswandererschiffe, nähern uns dem Hafen von Newyork. Immer enger wird das Gedränge der Fahrzeuge, immer langsamer die Fahrt. Die rothen Häusermassen der Stadt verbergen sich hinter einem immer dichter und höher hervorragenden Wald von Masten; vorüber an der baumgrünen Spitze der Stadtzunge, der Battery mit Castle Garden, laufen wir in die Mündung des Hudson ein; es krächzt das Steuer, mit einer Wendung verlieren wir das linke Ufer, die waldigen Anhöhen von New Jersey, aus dem Gesicht; Masten ringsum, das Schiff legt an einem aus Pfahlwerk weit in den Fluß hineingerammten Pier an, der Anker rasselt nieder, wir sind im Hafen.
Unser zweites Bildchen zeigt den Blick rückwärts, von der die Mündung des Hudson dominirenden Höhe von Westhoboken hinaus über die Bai, nach der Enge, welche der Vorgrund unseres ersten Bildchens darstellt. Beide Aussichten streiten um den Vorzug. Sie sind von keiner Küstenscenerie der Welt übertroffen an Großartigkeit, Mannigfaltigkeit, Lieblichkeit und bewegtem Leben; zu vergleichen sind sie nur mit der vom Golf von Neapel.