Louisville
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LOUISVILLE
Vor mehreren Jahren, als noch die Gallerie der Art-Union in Newyork bestand, wurde vorzugsweise die Aufmerksamkeit der Besucher von einem Bild angezogen, welches durch die intensiv nationale Bedeutung seines Gegenstandes, durch die wunderbare Energie und Naturfrische seiner Auffassung und die geniale Freiheit in der Ausführung sich auf eine in die Augen springende Weise vor den zahlreichen umgebenden Werken konventioneller Kunst auszeichnete. Auf einer rauhen Felsfläche, dem Gipfel eines steilen Bergabhangs, ruht eine Truppe von Jägern, auf ihre Büchsen gelehnt, voll Staunen und Verlangen nach der weiten bewaldeten Thalebene hinausblickend, welche sich unter ihren Füßen öffnet. Zuvörderst ragt aus der Gruppe eine nervige bewegliche Figur hervor, deren gebieterische Haltung den Führer der Uebrigen bezeichnet. Er zeigt auf die Landschaft mit dem Ausdruck exaltirter Freude, der Wind lüftet das starke, wild gewachsene Haar von einer aus Energie und Entschlossenheit modellirten Stirne; sein rohes, nachlässiges Ledergewand, das frische Braun seiner Wangen und der unternehmende und entschiedene, aber auch seelenvolle und wohlwollende Ausdruck des wettergefurchten Antlitzes kennzeichnen den Jäger und Pionier, den Philosophen der Wildniß, den Columbus der Wälder. Es ist Boone, wie er mit seinen Gefährten die fruchtbare Landschaft von Kentucky entdeckt, und der Strom, der in den Lichtungen der großen Waldebene sichtbar wird, ist der Ohio, da, wo jetzt Louisville steht.
Die früheste Geschichte von Kentucky, seit 1791 erst in die nordamerikanische Staatenfamilie aufgenommen, ist so sehr mit dem Namen, dem Schicksal und dem Charakter von Daniel Boone identificirt, und Geist und Wesen des Pionierlebens haben dem Leben der Kentuckyer ein so eigenthümliches verwandtes Gepräge aufgedrückt, daß unser erstes Bild aus diesem Land, selbst wenn es das Gewühl und den Glanz einer großen belebten Handelsstadt darstellt, uns unwillkürlich in die Wildniß zurücklockt, die vordem diese Stelle eingenommen, und uns zur Betrachtung der Zeit auffordert, welcher so wunderbare Wandlungen der Dinge ihre Entstehung verdanken.
[138] Wir versetzen uns auf unserem Bild um hundert Jahre zurück, in das erste Erwachen eines Frühlingstags in der Wildniß. Mit dem ersten grauenden Morgenschein, der sich auf den Gipfeln der dichten Waldesnacht niederläßt, erhebt sich der Adler von seinem Horst, die schweigende Luft durchfurchend in immer sich verjüngenden Kreisen, bis er, ein kaum noch sichtbarer Punkt am Himmelsblau, hinter den Bergen verschwindet. Thautropfen befeuchten die langen Wimpern der Kiefer und die schwellenden Knospen der Hickory. Aus dem feuchten tiefen Moorboden sprossen Halme und Schlinggewächse durch die Decke der faulen Blätter und hörbar ist nur, in solcher Waldeinsamkeit, das Rascheln des flüchtigen Kaninchens und das Nagen des Eichhörnchens. Erst wenn die Sonne ihre Strahlen durch das geschlossene Blätterdach zwingt, beginnen dessen gefiederte Bewohner ihr Werk und begleiten es mit einem wirren Durcheinander von zirpenden und schwirrenden Tönen. Der Bär durchwatet furchtlos den Waldstrom, und das Elk, das von den herabhängenden Aesten Nahrung sucht, bläst seine Nüstern auf bei einem ungewohnten Geräusch aus dem nahen Rohrbruch, welches ein einzelner Mann, der seine nächtliche Lagerstätte verläßt, verursacht. Mit der Wolldecke über dem Arm und der Büchse in der Faust, nähert er sich dem Bach, in dem er Kopf und Nacken badet, bricht sich Bahn durch das verwachsene Dickicht ringsum und erklimmt einen steinigen Vorsprung, auf dem unter dem Schatten alter Eichen eine rohe, aber fest verwahrte Hütte steht. Bald lodert vor deren Eingang ein Feuer, an dem ein Stück von einem Wild auf einer frisch vom Baum geschnittenen Gabel schmort. Der Mann knetet auf einem Stein seinen Reismehlkuchen und untersucht dann sorgfältig das Schloß an seiner Büchse. Nachdem sein Mahl, das Entbehrung, Hunger und Morgenluft gewürzt, vorüber, verschließt er, so gut als thunlich, den Eingang zu der Hütte und schlendert durch die Wildniß. Sinnend schweift sein Auge von der wilden Blume zu seinen Füßen auf nach den fernen Berghöhen. Bald bleibt er bewundernd vor einem majestätischen Waldriesen stehen, bald späht er einem Thiere nach, das vor dem ungewohnten Eindringling zurückschreckt, oder er schnitzt mit seinem Gürtelmesser, in Gedanken versunken, an einem Span vom Sassafras. Wie der Tag höher steigt, dringt er weiter in die Tiefe des Waldes. Jede Form vegetabilischen Lebens, von den riesigen Farren bis zur zarten Weinrebe, die mannigfaltige Bauart der Baumgattungen, die Laute und Bewegungen des Wildes und der Vögel, flößen seinem Geiste die Empfindung der innigsten Freude, Liebe und Verehrung für die grandiose, ihn umgebende Natur ein, und erfüllen ihn mit einer solchen Stärke des Selbstbewußtseins, wie ihrer der Mensch unter Menschen nimmermehr fähig ist. In jedem Nerv und jeder Ader fühlt er den Hochgenuß der unbegrenzten Unabhängigkeit, den er mit keiner der Wohlthaten eines civilisirten Lebens mehr vertauschen mag, so oft auch seine Seele in Erinnerungen an dasselbe sich ergeht. Ermüdung und Hunger, oder die tiefer werdenden Schatten des sinkenden Tages ermahnen ihn endlich, seine Schritte zurück zu lenken. Ein wilder Truthahn [139] liefert ihm ein leckeres Mahl und beim Wachtfeuer sitzend, unter dem sterneleuchtenden Firmament, erwartet er, vertrauend auf den Schutz der Einsamkeit, Ruhe und Stärkung für seine ermüdeten stahlharten Glieder.
Doch gleiten nicht alle Tage so ungestört, wie der beschriebene, hinab im Waldleben unseres Pioniers. Mit dem Frieden paart sich gar oft der Schrecken, und der Schatten ungeahnter Gefahren schwebt über dem anziehenden Bild der Blockhütte und des Lagerfeuers in der Gestalt eines grausamen, unversöhnlichen Feindes, reißender Bestien, oder von Krankheiten und Kampf mit den Elementen. Der Pionier, im Dickicht schlafend oder dem Pflug folgend oder mit seinem frugalen Mahl beschäftigt, ist so häufig das Ziel einer verrätherischen Kugel, und jeden Augenblick muß er gewärtig sein, von der Stätte seiner ruhigen Beschäftigung zu einem Kampfplatz entboten zu werden, um das Eigenthum seines Nachbars zu retten oder einen gefährdeten Außenposten der Ansiedelung zu vertheidigen. In solcher Uebung schärfen sich die Sinne, der Geist bleibt wachsam und ein ritterlicher Stolz erfüllt die Seele; je größer die Entbehrungen und je ferner die Elemente der Kultur, um so stärker wächst das Selbstvertrauen zur eigenen Kraft und das Bewußtsein der eigenen Manneswürde. Und mehr als alles Andere ist es diese Fülle edler Empfindungen, welche der Mensch an den Brüsten der ursprünglichen Natur einsaugt, die einen Boone, Audubon, Bonpland aus den Armen einer verweichlichenden Civilisation hinaus in die Wälder lockte und sie, nach dem Gesetz eines unwiderstehlichen Naturdrangs, auf die Spuren der Forschung, Entdeckung, der Abenteuer und Wagnisse führte. Aeußert sich dieser Drang doch auch bei uns in der Passion der Seefahrer, Jäger, Touristen, Bergsteiger und Landbauer; in Amerika kommt er noch entschiedener und häufiger zum Ausdruck bei den Vielen, welche freiwillig sich Expeditionen nach den Felsengebirgen, Karavanen nach Oregon und Kalifornien, oder Entdeckungsreisen nach den noch unerforschten Wäldergebieten von Mittel- und Südamerika anschließen, aus keiner andern Absicht, als eben dem Drang nach innigem und ausschließlichem Verkehr mit einer an großartigen und erhebenden Eindrücken fruchtbaren Natur.
Wer an deren mächtiger Wirkung zweifelt, vergleiche das Gebahren unserer künstlichen Kulturmenschen mit solchem Sohn der Natur, den gespreizten Ton oder die fade Gedankenarmuth einer fashionablen Salonunterhaltung mit der frischen Heiterkeit und dem sprudelnden Gedankenquell lebensmuthiger und unternehmungsluftiger Gefährten am Wachtfeuer, die nervigen Sehnen und die gebräunte Haut eines Pioniers mit dem schleichenden Puls und der fahlen Gesichtsfarbe eines Exquisiten der Hauptstadt, und es scheint, als ob der Born ewiger geistiger, wie körperlicher Jugend noch in dem Urwald flösse. –
Monate hatte Boone schon so verlebt, seit sein Bruder ihn verlassen, um von entfernten Niederlassungen Proviant und Munition zu holen. Die Indianer, deren Jagdgründe er betreten, hatten ihn indeß eifersüchtig belauert; während er ohne fremde Hülfe war, überfielen sie ihn in seinem verborgen geglaubten Waldwinkel [140] und machten ihn zum Gefangenen. In solcher Lage aber zeigt sich der Charakter des Pioniers in einer neuen Phase. Die Seele, die so lang und innig mit einer großartigen, ungezähmten Natur verkehrte, hat den Werth und die Potenz ihrer Selbsthülfe genugsam kennengelernt und ist im Selbstvertrauen wunderbar erstarkt. Haben doch schon die Propheten des Alterthums darum die Wüste aufgesucht, um sich Stärke des Charakters und Kraft der Ueberzeugung zu holen, sowie der Muth und die Kühnheit von Jägern und Seefahrern sicherlich der Gewinn eines harten und isolirten Lebens sind.
Boone war ein ausgezeichneter Jäger. Sein überlegenes Geschick und seine Kühnheit erzwangen ihm so sehr die Achtung seiner wilden Feinde, daß diese sich scheuten, ihm Gewalt anzuthun, und mehr als einmal durchkreuzte er ihre blutigen Anschläge oder begegnete ihnen auf dem Schlachtfeld mit solcher kalten Unerschrockenheit und Gewandtheit des Handelns, daß er ihnen mit übermenschlichen Kräften begabt erschien. Wieder und immer wieder sah er seine Gefährten unter den Tomahawks der Rothhäute fallen, seine Tochter wurde ihm aus seiner eigenen Wohnung entführt, sein Sohn fiel vor seinen Augen im Kampf mit Indianern, die ihre Ansiedelung in Kentucky ihnen streitig machten, sein Bruder und seine treuesten Freunde blieben als Opfer von deren Feindseligkeit und Grausamkeit, nur an sein Leben wagten sie sich nicht, so oft er auch in ihre Gewalt fiel, eine Unverletzlichkeit, in der er sich durch seine seltene Erfahrung und sein außerordentliches Talent in Beherrschung des Indianer-Charakters erhielt.
Nun noch zur Kehrseite unseres Pionierlebens. Fünfzig Jahre später finden wir an dem Ufer des Missouri ein Paar einsame, ärmliche, rohe Hütten; in einer derselben liegt die ehrwürdige Gestalt des tapfern Jägers auf hartem Lager ausgestreckt. Im Bereich seiner Hand bratet wieder ein Bissen Wildfleisch, um den Ladestock seiner Büchse gewunden, am Feuer. Er ist wieder allein, nur die umgebenden Hütten werden von seinen überlebenden Nachkommen bewohnt. Mit den Locken des 90jährigen Pioniers ist auch die Lebenskraft am Erbleichen, so wenig die Kühnheit und Beweglichkeit des Blicks es auch zugestehen wollen. Der alte Jäger wollte von den Landgesetzen, die seiner Einwanderung nach Kentucky bald folgten, seinem Jagdrevier keinen Zwang vorschreiben lassen und, gestört von dem Vorschreiten der Civilisation in den Gegenden, welche er in ihrer primitiven Schönheit entdeckt und kennen gelernt hatte, wanderte er hierher, fern vom Schauplatz seiner Mannesthaten und dem Staate, den er gegründet, um in dem Geiste der Freiheit und der Liebe zum Wagen und Jagen, in dem er gelebt, auch zu sterben. In Stunden der Ermüdung und Krankheit, wie sie auch ihm das Alter nicht ersparte, richtete er seinen eigenen Sarg zusammen. Endlich fand man ihn todt im Wald wenige Schritte von seiner Hütte.
Erst 8 Jahre sind es her, daß ein Trauerwagen, mit weißen Pferden bespannt und von Immergrün bekränzt, gefolgt von einem langen Zug Leidtragender, sich durch dieselbe Straße bewegte, welche unser Bild [141] zeigt. Es war das zweite Begräbniß der Ueberreste von Daniel Boone, welche die Legislatur von Kentucky mit allen Beweisen öffentlicher Trauer und Verehrung beisetzen ließ. Erst dann hat man sich um die Geschichte des merkwürdigen Mannes bekümmert. Ein Pennsylvanier von Geburt, war Boone frühzeitig nach Nord-Carolina ausgewandert. Kentucky scheint er zum ersten Mal um’s Jahr 1769 besucht zu haben. Seine Entdeckung blieb indem länderreichen Amerika unbeachtet, bis die Regierung 1775 große Strecken am Kentucky von den Cheronees kaufte, um ihre Freiheitstruppen damit zu belohnen, und Boone’s Kenntniß des von ihm entdeckten und erforschten Landes und seine Stellung zu den Eingeborenen, wie seine Kühnheit und Unbestechlichkeit so zu Ehren kam, daß er mit Abschluß des Kaufs und Vermessung des Landes betraut wurde. Der Pionier bahnte die erste Straße durch die Wildniß und errichtete sich ein Blockhaus, das bald der Mittelpunkt einer Kolonie und der Keim eines blühenden Staates wurde, auf dem Platz der jetzigen Stadt Boonesborough. Als er seine Familie dahin übersiedeln wollte, gerieth er mit Indianern in Kampf, bei dem ihm seine beiden jüngsten Töchter entrissen wurden, und mußte sich nach den nächsten Niederlassungen zurückziehen. Dennoch erzwang und befestigte er noch im selben Jahr seinen Aufenthalt in dem Land. Im Jahr 1778, während er mit 30 seiner Begleiter beschäftigt war, Salz zu bereiten, wurde er gefangen, seine Unglücksgefährten aber führte man nach Detroit, um ausgewechselt zu werden. In seiner Gefangenschaft war er Zeuge großartiger Rüstungen der vereinigten Indianerstämme gegen die mehr und mehr sich ausbreitende Kolonisation von Kentucky. Es gelang ihm, zu entkommen, um noch zeitig die Bedrohten warnen und ihre Vertheidigung anordnen zu können. Neun Tagelang wurde er im Fort von Blue Licks von 500 Indianern belagert, und nur seiner unerschrockenen Führung der Vertheidigung hatten die schwache Garnison und die unter ihren Schutz geflüchteten Ansiedler ihre Rettung zu danken. Erst im Jahr 1783 nach dem Friedensschluß mit England wurden die Feindseligkeiten der Eingeborenen nachdrücklich zum Schweigen gebracht und war es dem rastlosen Pionier vergönnt, die Freiheit, Sicherheit und Civilisation des Landes, um welches er so lange den Kampf mit der Wildniß, den Bestien und Wilden bestanden hatte, befestigt und garantirt zu sehen. Die Regierung zeichnete ihn später aus mit dem Kommando der sämmtlichen Grenzstationen und der Verwaltung des Indianer-Departements. Immer aber blieb es sein größter Stolz, daß die ersten weißen Frauen, welche an den Ufern des Kentucky standen, sein Weib und seine Töchter waren und daß von seiner Axt der erste Baum fiel, der die Schwelle zu einer dauernden Ansiedelung des Staates bildete.
Aber auch die intellektuelle Bildungsstufe des Staats und der Charakter seiner Bewohner fanden in Boone ihren Begründer und im Pionier ihren Typus, der sich in keinem anderen Theile Nordamerika’s so individuell ausgeprägt hat.
Kentucky, seit Jahrhunderten nur bekannt als Jagdrevier und Kampfplatz wilder Stämme, die sich um [142] seinen Besitz bekriegten, ward im Jahr der Unabhängigkeits-Erklärung Virginien als County einverleibt und mit zahlreichen Forts zum Schutz der Ansiedler besetzt. Diese Befestigungen und die Grenzlage des Landes machten es während des englisch-französischen Kriegs und der Freiheitskriege zum Schauplatz vieler blutigen Scenen. Nach deren Beendigung erfolgte ein Landgesetz, welches Schaaren von Einwanderern über die Grenzen führte und die Spekulation in den gepriesenen Ländereien zu einem hitzigen Fieber anfachte. Mit einem Mal war aus einem primitiven und dünnbevölkerten Ansiedler-Territorium eine Arena für Habgier, Streit und Gewaltthat geworden. Die Konflikte der Landspekulanten wurden von feilen Advokaten genährt, gesetzlose Abenteurer erfüllten die Grenzdistrikte mit ihren Missethaten und das Lynchgesetz suchte vergeblich der allgemeinen Unsicherheit von Gut und Blut Einhalt zu thun. Dabei war die politische Stellung Kentucky’s ohne ihres Gleichen. Abhängig von einem Staat, der unfähig war, die Grenzen vor den Einfällen der Indianer zu schützen, fast mit seiner ganzen künftigen Prosperität auf den großen Strom angewiesen, der seine nördliche Grenze bildete und in Gefahr war, einer fremden Macht anheimzufallen, von den ältern Schwesterstaaten durch das damals noch wilde Gebirge der Alleghanies getrennt, war es kein Wunder, daß treulose politische Abenteurer, wie Genet und Aaron Burr, Kentucky als einen gedeihlichen Herd ihrer Anschläge betrachteten. Dennoch hat über alle diese Gefahren der Patriotismus, der ritterliche Sinn und die Einsicht seines Volks obgesiegt. Erst nachdem es vollständig die Angriffe von Außen zurückgewiesen und die Netze inneren Verraths zerrissen, wurde es von der mütterlichen Regierung als großjährig erklärt und am 4. Februar 1791 in die Union aufgenommen. – Aus diesem geschichtlichen Umriß läßt sich leicht entnehmen, durch welche bunte Elemente der Charakter des amerikanischen Westens seine eigenthümliche Färbung erhalten hat. In höchster Potenz ist er ohne Zweifel bei den Kentuckyern vertreten und illustrirt an ihrem Beispiel am besten den weiten Abstand amerikanischer von europäischer Civilisation. Im Norden ist solche wesentlich gemodelt von dem kosmopolitischen Einfluß der Seeküste, im Süden durch ein Klima, welches eine Verwandtschaft seiner Zustände mit denen derselben Breitengrade anderswo bedingt, aber im Westen und vor allem in Kentucky finden wir den Grund der gesellschaftlichen Existenz von Jägern und Pionieren gelegt, deren Liebe zu den Wäldern, deren Gleichheit in den Bestrebungen, in der Pflege der Jagd und des Ackerbaues, und deren Isolirung von allen Formen und Geboten des Herkommens zusammenwirken, um ein gemeinschaftliches Gefühl der Unabhängigkeit, Stärke im Willen, Geradheit und Offenheit im Streben und einen frischen und unternehmungskühnen Geist zu nähren. Die Leichtigkeit und Freiheit des geselligen Verkehrs, die Anwartschaft auf unbeschränkten Gewinn, die freie Bahn für jedwede Charakter-Entwickelung, haben eine edel geeigenschaftete Race erzogen, und wollen wir sie uns in einer Figur vorstellen, so ist es Daniel Boone, welcher die Ehrenhaftigkeit, die Intelligenz und Ritterlichkeit des Staats in sich verkörpert.
[143] Aeußerlich scheinen allerdings der fast alle Interessen in sich aufnehmende Handel, der durch die großartigsten Verkehrsmittel erleichterte Ideenaustausch und die allen Gliedern des weitläufigen Staatskörpers gemeinsame Durchfluthung politischer Bewegung den anfänglich schroffen nationalen Unterschied zu nivelliren, doch bleiben bei vielen Fragmenten der amerikanischen Bevölkerung, die traditionell an den Charakter-Eigenthümlichkeiten ihrer Vorfahren hängen, bei genauerem Eingehen Unterschiede der schlagendsten Art sichtbar. Die ersten Settlers von Kentucky vereinigten mit dem einfachen und ehrlichen puritanischen Sinn der newyorker Kolonisten einen hohen Grad von Ritterlichkeit. Aus ihrer Vertrautheit mit der Gefahr, der Nothwendigkeit gegenseitiger Hülfeleistung und der anregenden Ausübung der Jagd entsprang ihnen eine Ader natürlichen Heldenthums. Die völlige Unbekanntschaft mit Geburts- und Vermögensunterschieden und der hohe Werth, welchen Geselligkeit da einnimmt, wo die einzelnen Wohnplätze in weiten Entfernungen auseinander liegen, erzeugten dort eine Wärme und Gastfreundschaft im Verkehr, welche im Norden und Osten der Union unbekannt sind. Familienehre stand im höchsten Ansehn der Unverletzlichkeit; die Frauen, in der Freiheit der Natur und Abgeschlossenheit der Familie aufgezogen und an körperliche Abhärtung und Entbehrung alles Luxus gewöhnt, erlangten einen Sinn der Unabhängigkeit und eine Selbstständigkeit der Entwickelung, entgegengesetzt dem zahmen, schüchternen und uniform gestimmten Ton der Erziehung in den großen Handelsstädten. Fast alle Bedürfnisse lieferte die Arbeit der eigenen Hände, Sklaverei hatte vielmehr den Charakter des Patriarchenthums, der Brauch des Zweikampfs forderte für jede Ehrverletzung eine rasche, wenn auch blutige Sühne, und so erhielt der Kentucky-Gentleman frühzeitig die Begabung eines tüchtigen Jägers und ward mit den Ansprüchen an einen Mann von Ehre und Tapferkeit, im besten Sinne des Worts, vertraut. Solchen Ursachen muß der noch heut ritterliche Geist des Staates zugeschrieben werden.
Kentucky war von jeher der Wildeste und Ungeberdigste an der Tafelrunde der Konföderation; man muß bei ihm, dem in der Erziehung vernachlässigten jüngeren Kinde, den Fehlern und Tugenden seines Alters und seines Schicksals Rechnung tragen. Gehärtet durch die langen Wachen an den Außenposten der Civilisation, während noch die wilde Katze in seine ersten Schulhäuser schlich und die Indianer in die zerstreuten Kornfelder einbrachen, wenig väterliche Anerkennung von dem Central-Gouvernement genießend, bewies es doch gegen dasselbe eine natürliche Loyalität des Herzens, verachtete die Intriguen eines Genet und Burr und ehrte die ächten Patrioten der Nation, wie Gallatin und Fulton, als Taufpathen seiner Counties. Nachdem es das Fegefeuer der Indianerkriege, des Fiebers der Landspekulation, politischer Verderbtheit, ungewöhnlicher rechtlicher Bedrängnisse, verworrener Gesetzgebung und in deren Folge gänzlicher finanzieller Zerrüttung bestanden, hat es dennoch eine unabhängige und vorwärts schreitende Haltung bewahrt und repräsentirt den ächten amerikanischen Nationaltypus [144] besser als irgend ein anderer Staat. Zwar ist seine Kultur nicht so verfeinert und sein gesellschaftlicher Ton nicht so geschmeidig, wie in den ältern Gemeinwesen, dagegen ist Kentucky die Pflanzschule ächten Patriotismus, der Tapferkeit und republikanischer Geradheit und Einfachheit. Sein größter Staatsmann, Henry Clay, in dem Adel seiner Gesinnung und auf der Höhe seines unbeugsamen Charakters, beleuchtet glänzend die Nationalität, deren Gründer und Pionier Boone gewesen, und die Freiwilligen von Kentucky, in den Feldzügen gegen England und Mexiko und den Kämpfen mit den Indianern, haben bis jüngst nicht verfehlt, ihr Erstgeburtsrecht in den Reihen der Tapferen zu behaupten.
So viel von Kentucky und den Kentuckyern. Was von Louisville zu sagen übrig bleibt, ist wenig. Es rangirt unter die amerikanischen Städte ersten Ranges, reichlich ausgestattet mit deren Zubehör von bedeutendem Handel, lebhafter Industrie, zahlreichen Kirchen aller Konfessionen, Universität und Colleges, öffentlichen Bibliotheken, Banken, pennsylvanischen Gefängnissen, Märkten, wohlthätigen Anstalten und gelehrten Instituten. Der Ohio, bei Louisville ungefähr eine englische Meile breit, bildet unterhalb der Stadt mehre der Schifffahrt hinderliche Fälle, und es verdankt der Platz dem Umstand, daß der Transport der Waaren und Dampfboote von hier aus per Eisenbahn und Kanal nach der anderen Seite der Fälle geschehen muß, zum großen Theil seinen bedeutenden Verkehr, andern Theils gilt er als das Handels-Emporium und der hauptsächlichste Ex- und Import-Hafen von Kentucky.
Im Jahr 1830 zählte Louisville 10,341 Einwohner. Der Census von 1853 giebt eine Ziffer von 51,726 an und seitdem ist die Bevölkerung weit über 60,000 gestiegen, eine Zunahme, die den Platz unter die überraschenden Beispiele von der wuchernden Ueppigkeit des amerikanischen Städtewesens reiht.