Die Ruinen von Bulgar
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RUINEN VON BULGAR
Zwischen dem südlichen Ural, der mittlern Wolga und bis zu der Quellen des Don hin wohnte einst das Volk der Bulgaren von Asien, und Groß-Bulgarien heißt in der Geschichte das Land, dessen einstige Königsstadt wir im Bilde ihrer Ruinen vor uns haben.
Wir stehen vor dem Grabe einer Nation, die in ihrer Jugend gestorben ist. Trotz der vielen Münzen, Grabschriften und Städtetrümmer, welche von ihrem Dasein zeugen, finden wir nirgends schriftliche Denkmäler ihres Geisteslebens. Was wir von ihr wissen, lernten wir aus den Berichten ihrer Zeitgenossen, die in Berührung [130] mit ihr gekommen waren. Daher das tiefe Dunkel über ihrer Geschichte, das sich selbst bei ihrem Untergang kaum bis zur Dämmerung erhellt hat.
Der Name jener alten Bulgaren ist an der Stätte, wo sie Herren waren, verschwunden; armselige Hütten bedecken jetzt das Land, in welchem Nogaier und Tschuwaschen, Tschermissen und Mordwinen unter russischer Zucht hausen. Dagegen dauert der Name in Europa fort, wo frühzeitig ein gesunder vom alten Stamme losgelöster Zweig Wurzel schlug und, wie zur Erinnerung an die große, die kleine Bulgarei gründete. Während aber die Groß-Bulgaren fest am Islam hielten und in Vertheidigung ihres Landes und ihres Glaubens gegen Russen und Mongolen endlich erlagen, ergaben sich die Klein-Bulgaren dem religiösen Einfluß von Byzanz, gründeten dann ein selbstständiges bulgarisch-walachisches Reich, das sich gegen Byzanz hielt, bis beider Herrlichkeit vor den Türken zusammenbrach, bewahrten trotzdem ihren Glauben gegen die fürchterlichsten Verfolgungen der Pforte und scheinen nunmehr berufen, demselben Rußland, das die Wiege ihres Stammes zertrat, den Weg nach Konstantinopel zu bahnen.
Wir kehren zu den alten Bulgaren zurück, von welchen arabische Schriftsteller des 10. Jahrhunderts uns die erste Kunde bringen. Sie sprechen bereits von ihnen als von den im alten Lande Zurückgebliebenen, denn der Auszug der Wanderschaaren nach dem Don und Dniester bis zur Donau war schon in den Jahren 500 bis 550 geschehen, als Anastasius Dicorus und Justinianus I. in Byzanz herrschten. Die Daheimgebliebenen nannte man fortan „weiße Bulgaren“ oder auch „kamische“, von dem Flusse Kama, an welchem ihre Hauptstadt lag. Sie waren offenbar ein rühriges Volk auf der Uebergangsstufe vom Nomadenthum zum Bürgerthum, d. h. zu festen Wohnsitzen, denn es wird von ihnen erzählt, daß sie im Winter in Dörfern und Städten weilten, im Sommer aber mit den Heerden in das offene Land hinausgezogen seien. Die Erzeugnisse ihres Landes (Juchten, Nüsse, Honig, Wachs, Rauchwerk) waren zugleich die Gegenstände eines über ihre nördlichen, südlichen und östlichen Nachbarn ausgebreiteten Handels; sie selbst waren die Vermittler zwischen den Russen, Wesen, Ingren und Khasaren bis nach Khowaresmien und Khorassan, brachten dem Süden die Pelze aus dem christlichen Norden und diesem die Säbelklingen aus dem mohammedanischen Süden und vergaßen sich selbst nicht in Beidem. Sie waren auch ein kriegerisches Volk; die Zeit für Kunst und Wissenschaft erlebten sie nicht. Selbst ihre Mauern und Moscheen waren fremde Werke, die meisten von Baumeistern aus Bagdad errichtet; und auch die Schrift, die sie gekannt haben sollen, scheint nicht über die nächsten Bedürfnisse des alltäglichen Verkehrs hinaus in Anwendung gekommen zu sein. Der Handel war wohl nur Tauschhandel; Juchten waren die Münze, in welcher sie die Abgaben an ihre Gebieter bezahlten. Der Verkehr mit so vielerlei Völkern mußte indeß eine durchaus eigenthümliche Bildung in ihnen erzeugt haben, und daß uns von dieser kein Zeugniß, kein Zug von eigener Hand erhalten worden, ist immerhin ein Verlust für die Geschichtskunde, den alle Bautrümmer des Landes nicht ersetzen.
[131] An der Zerstörung ihres Staats arbeiteten zuerst, und viele Jahre vergeblich, die Russen; die Mongolen vollendeten sie in zwei Kriegszügen unter ihrem Anführer Subutai, von 1236 an, und Rußland wurde der Erbe der verödenden Hinterlassenschaft, die gleichwohl noch bedeutend genug erschien, daß Peter der Große seinen Regententiteln den eines „Königs von Bulgarien“ hinzufügte.
Der alten Hauptstadt dieses Königreichs schreibt die Sage ein mährchenhaftes Alter zu: bald ein Enkel Japhets, bald Alexander der Große, bald ein Konig Kasir von Samarkand sollen die Gründer derselben gewesen sein. Auf Münzen kommt sie im 10. Jahrhundert, in russischen Chroniken erst 1360 vor. – Sie galt auch nach der mongolischen Eroberung noch für eine „große Stadt“, obwohl ihre Bevölkerung nach einzelnen Verheerungen bis auf 10,000 zusammengeschmolzen war. Am raschesten sank sie, als sie ein Zankapfel der mongolischen Fürsten geworden war. Den Gnadenstoß gab ihr aber Tamerlan am Ende des 14. Jahrhunderts; den Untergang der goldenen Horde sollte sie nicht überleben.
Die gegenwärtigen Trümmer sind der Schmuck eines – russischen Dorfes im Gouvernement Kasan, Uspenskoie, das aber auch den alten Namen, in Bolgarü verwandelt, noch fortführt. Sie liegen innerhalb eines von einem Graben umgebenen Walles zerstreut, dessen Umfang ungefähr sieben Werst beträgt. Am besten erhalten sind zwei Thürme (Minarets) und von den Gebäuden das sogenannte schwarze oder Gerichtshaus, von welchem noch drei Stockwerke mit Thür- und Fensteröffnungen stehen, und das weiße Haus, das 82 Fuß lang und 36 Fuß breit ist und ein Bad gewesen sein mag. Wir sehen es im Vordergrund unseres Stahlstichs. An die Südseite jenes Walles stößt ein kleinerer, ein unregelmäßiges Viereck bildend und die „kleine Stadt“ genannt. Der Umstand, daß sämmtliche Bauwerke aus behauenen Kalk- und Sandsteinen aufgeführt waren, trägt jetzt viel zu ihrer rascheren Zerstörung bei. Bulgar ist eine Fundgrube für die Neubauten in Bolgarü, – „neues Leben keimt in den Ruinen.“
Wenn auch die Zeiten vorbei sind, wo die Dichter in jeder Ruine zu Elegien über die Hinfälligkeit alles Irdischen im Allgemeinen und das Hingefallene insbesondere glaubten begeistert sein zu müssen, so drückt uns doch unwillkürlich der Anblick solcher Trümmer der Vergangenheit in eine trübe Stimmung hinein: von einem großen, blühenden, mächtigen Volksleben nichts, gar nichts übrig, als die stummen Steinhaufen bei einem elenden Dorf! – Da liegt wohl die Frage nahe: Ist ein solcher Untergang eines dem großen Verkehr aufgeschlossenen Volkes noch heute möglich? – Wir rufen mit froher Zuversicht „Nein!“ und blicken von diesen Trümmern getröstet und gehoben auf den Kulturgang der Völker von damals bis heute. Wer nur mit dem Maßstabe seiner Wünsche an die Beurtheilung der Gegenwart geht, nur nach Dem sich umsieht, was er noch vermißt, was alles noch besser sein könnte, den wird die heraufbeschworene Unzufriedenheit nur zu einem harten und ungerechten Wahrspruch führen können, der ihm das Vorwärtsstreben leicht als ein hoffnungsloses verleiden könnte; – wer [132] aber bis in jene Fernen der Vergangenheit die vergleichenden Blicke wirft, der wird den Fortschritten im Völkerleben Recht und Ehre lassen trotz einzelner schwerer Trauerfälle, er wird im Vorwärtsstreben eine freudige Pflicht erkennen, an den Sieg der Bildung und Freiheit glauben, – und dazu sind solche Ruinen gut und solche Bilder, die daran mahnen.