Finstermünz
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FINSTERMÜNZ
Viel enger, düsterer und schauerlicher, als unser Bild uns zeigen kann, ist der Engpaß, in welchem der Weiler Finstermünz liegt. So hart am Ufer des Inn treten die steilen himmelhoch aufragenden Felsenmauern an einander und so schrecklich und schroff recken noch hoch über sie hinaus ihre Nachbarn die granitnen Glieder, daß bis zu den Menschen, die bei der Brücke ihre Wohnungen gebaut, nur im Hochsommer wenige Stunden des Tags der Strahl der Sonne dringt. Die Brücke selbst führt durch den steinernen Wartthurm aus Tirol nach Engadin; derWeg ist dem Menschen geöffnet, aber nur so weit, daß er jeden Augenblick geschlossen werden kann. Zu dem Trotz der Natur stellen hier die Gewaltigen die Zeichen ihres Trotzes, durch die der Eindruck auf das menschliche Gemüth noch finsterer wird in dieser Schlucht „mit den wilden braunen Felsen, aus denen sparsam die Tannen aufsprießen, mit dem rauschenden Flusse tief unten und der schmalen blauen Himmelsdecke oberhalb, zusammen mit den einsamen Nestchen, die sich die Menschen in diese drückende Enge hineingebaut“ (Steub). Jeder Wanderer eilt hier rascheren Schrittes vorwärts, um das jenseitige Ufer zu erreichen, wo das Schlößchen Siegmundseck am Felsen klebt und wo einst eine Klause stand, die das dringendere Bedürfniß des Verkehrs zu einem Bräu- und Wirthshaus erweitert hat.
Wir gehen nicht vorüber an der gastlichen Thür, über welcher das Schild mit dem Bräubottich hängt, aus welchem ein Paar Gerstenähren erblühen; hier reden die Männer gern von der Vergangenheit der Länder, welche jetzt nicht bloß durch die Schranken der Bergwelt, sondern noch feindlicher, als durch diese, durch Herrschaft, Religion und Sprache von einander getrennt sind.
Das Engadin stand in früheren Zeiten mit dem Vintschgau Tirols in engster Beziehung; im Unter-Engadin bis Pontalto hinauf galt tirolische Herrschaft, während dagegen die Bischöfe von Chur mit dem Krummstab bis nach Meran hin walteten. Auch die romanische Sprache und mit ihr Sitte und Art des Volks war noch über beide Thäler dies- und jenseits der Felsensperre verbreitet. Dies dauerte bis in das fünfzehnte Jahrhundert hinein. Da erglänzte der Widerschein von der Schweizer Freiheitssonne auch an den Engadiner Gletschern, das Volk der armen Thäler wandte sich den rhätischen Bünden zu und verfiel somit dem Zorne Oesterreichs, das sich auch in diesem Erdenwinkel die Gewalt nicht so leicht entreißen ließ. Von den vielen kleinen Fehden der erbitterten Nachbarn schweigt die Geschichte, obwohl sie an Blut und Unglück reich waren. Unvergessen sind nur die größeren Kämpfe. Der erste heißt der Hennenkrieg, welcher im Jahre 1478 ausbrach, weil die Engadiner [128] den Hühnerzins verweigerten, welchen die herzoglichen Beamten für die Fastnacht forderten. Wohl drangen die Tiroler unter Roland von Schlandersberg mit großer Macht in’s Engadin, aber der Sieg blieb ihren Feinden, nachdem Gebhard Wilhelm, der Stolz von Ramis, den gewaltigen Martihans von Naudersberg unter der brennenden Burg von Tschanuf im Zweikampf erschlagen hatte. Nicht glücklicher war Kaiser Max im Jahre 1499, wo er, mit den Eidgenossen zerfallen, den letzten Versuch machte, die wankenden oder verlorenen Rechte im Engadin zu befestigen oder wieder an sich zu bringen. Diesmal schritten die Ladiner zum Angriff, verheerten das Thal, verbrannten Nauders (die jetzige Landgerichtsstadt am Finstermünz), gewannen die in diesen Bergen gar berühmte Schlacht auf der Malser Heide und legten zum Triumph alle Orte des oberen Vintschgaus in Asche. In demselben Frühjahr waren auch die Bergknappen von Schwaz sammt der Tiroler Landwehr in der blutigen Schlacht bei Fratenz den Waffen der Schweizer erlegen. – Die Wunden solcher Kämpfe fressen am tiefsten in die Herzen und bluten oft Jahrhunderte nach. – Es wäre somit für das Volk beider Thäler kein neuer Haß zur Trennung nöthig gewesen, und doch ward erst der tiefste Spalt zwischen beiden gerissen durch die Reformation: Die Engadiner wurden calvinisch und hielten an ihrer romanischen Abkunft fest, die Vintschgauer blieben katholisch und kehrten sich von dieser Zeit an mehr und mehr dem deutschen Wesen zu. – Und so ist das Verhältniß zwischen beiden bis auf den heutigen Tag geblieben, ja, es ist in dieser jüngsten Zeit noch schlimmer geworden, seitdem der Romane sich mit seinen Gefühlen ganz dem Italiener anschließt und der Haß desselben gegen alles Deutsche mit seinem alten Groll gegen Oesterreich zusammenfließt.
Nachdem das Engadin verloren war, wendete Oesterreich bedeutende Summen auf die Befestigung des Engpasses. Etwas oberhalb des Weilers, am rauschenden Stillebach, ist die, was Bau und Lage betrifft, unüberwindliche Veste Finstermünz gebaut. Sie besteht ganz aus grauem Granit und ist in den Felsen zum Theil eingehauen, zum Theil von ihm überragt; namentlich ist das Proviantmagazin ganz in den Berg eingesprengt, oder vielmehr in eine mächtige eingesprengte Höhlung so eingebaut, daß zwischen der Mauer des Magazins und dem Mutterfelsen ein gangbarer Stollen hinzieht, der jenes vor Feuchtigkeit bewahrt. Die Veste, eigentlich, wie Steub sich ausdrückt, nichts weiter, als ein ungemein festgebautes Haus voll Schießscharten, voll Kanonen, Mörser und anderem Gewehr, bestreicht allerdings alle Punkte des Thals, beherrscht also den Paß vollständig und versieht hier denselben Dienst, wie das noch mächtigere Befestigungswerk oberhalb Brixen; beide werden von Kriegsleuten für genügend erklärt, um jedem Feinde, er komme vom Norden oder vom Süden, den Durchzug durch die Centralkette der Alpen in Tirol zu verwehren.
So meinen die Kriegsleute und betrachten die Werke ihrer Baukunst mit Wohlgefallen. Und doch hängen sie an den Riesenmauern des Hochgebirgs wie Kinderspielzeug, – und sind denn solche Vesten in Ländern, wo die stärkste Burg, die Treue des eigenen Volks, gebrochen ist, mehr werth, so lange man noch nicht Automaten [129] erfunden hat, welche ohne menschliches Zuthun in ihnen den Dienst verrichten? Wo stehen die Zwingburgen der königlichen Macht von Neapel? Wo die des Papstes, der einst über Kaiser gebot? Wer herrscht in den berühmten Bollwerken des lombardischen Landes? Wo sind ihre Vertheidiger geblieben? –
Wir gehen einer Zeit entgegen, welche vor Allem das Heerwesen umgestalten wird. Wie das Werbesystem der Konskription gewichen ist, welche den Kriegsdienst für den Landesherrn zur Pflicht der Landeskinder und zum Gesetz des Landes erhob, und wie dann dieses Fürstenrecht der Konskription gezügelt werden mußte durch eine Verfassung, welche dem Volke das Recht der Steuerverweigerung gab, um ungerechtfertigter fürstlicher Kriegslust einen Riegel vorzuschieben: so wird man endlich auch bei uns den letzten Schritt vorwärts thun und, nach dem Vorgange freierer Gemeinwesen, jedem Staatsbürger, ohne alle Ausnahme, die Pflicht der Landesvertheidigung zuerkennen. Nur da, wo diese Pflicht zum Gesetz erhoben, erhebt sich auch für die Rechte des Volks ein wirksamer Schutz: ein Schutz nach innen und gegen außen zugleich. So wird es werden. – Die Bahn, welche von den Nationen täglich entschiedener eingeschlagen und fester betreten wird, kann kein anderes Ziel haben, als Sicherung gegen jede selbstherrische Laune wie gegen alle eigenmächtigen Gelüste der Machthaber; wo der Mann die höchste Ehre in die Wahrung seines Rechtes als Staatsbürger setzt, da wird es dem Lande nie an Vertheidigern fehlen gegen den äußern Feind, – wo aber ein Volk im Innern seine Ehre mißachtet sieht und von seinem Rechte schweigen muß, da werden die stärksten Vesten gegen außen nicht mehr werth sein, als neapolitanische Zwingburgen.