Der Kreml von Moskau

Scenerie am Hudson Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band (1860) von Friedrich Hofmann
Der Kreml von Moskau
Finstermünz
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MOSCAU
von der Kreml-Seite.

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Der Kreml von Moskau.




In der Staatskunst wie in der Baukunst bewährt sich als das Beste und das Dauerndste nur – das Nationale. Beide Künste kehrten nach den mannichfachsten Abschweifungen immer wieder zum Nationalen zurück; an ihm erkennen sich die getrenntesten Glieder großer Völkerstämme wieder, und nach ihm drängen sie aus der längsten Geschiedenheit wieder hin, wenn sie an der Hand der Erfahrung und der Bildung zu der Einsicht gelangt sind, daß nur in ihrem eigenen geläuterten Wesen ihr Heil zu finden sei.

Dauer kann auch nur im Nationalen sein, weil dieses selbst nicht ein Werk der Menschen, sondern der Natur ist, und so lehrt uns auch die Geschichte, daß überall, wo ein Staat den Stürmen von Jahrhunderten Trotz bot, Bauriß, Steine und Kitt von nationaler Art waren. Daß aber jede ausgeprägte Nationalität ihre geistige Eigenthümlichkeit am reinsten in ihren öffentlichen Bauwerken verkörpert zeigt, ist ja allbekannt.

Bleiben wir zunächst bei unserem politischen Bilde. Es wird uns über die wahrscheinliche Zukunft unseres Gegenstandes die beste Auskunft geben, wenn wir Angesichts desselben das gewöhnliche Schicksal der Nationalität und der Nationen betrachten.

Am Anfang zeigt sich uns überall die Pflege des Beschränkten, die Ausbildung im Kleinen. Die einzelnen Völkerschaften regen ihre Glieder, versuchen ihre Kraft an jedem ersten besten Gegner und balgen sich wie muthige Jungen am liebsten mit Ihresgleichen. In dieser Zeit prägen sich die Eigenthümlichkeiten der Völkerschaften aus, welche zusammen den Charakter der Nation darstellen. Das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit derselben wird nur durch die Verwandtschaft der Sprache erhalten, und diese hindert nicht, daß die Händelsucht sich austobt von der Schlägerei bis zum Bürgerkrieg. Das Gefühl der brüderlichen Verbindung, der Blutsgemeinschaft aller Glieder einer Nation erwacht erst vor einer großen gemeinsamen Gefahr.

Die Völker allein sind nicht eroberungslustig, sie werden es erst durch ihre Führer. Innerhalb jeder Nationalität wüthet der Kampf um Erweiterung der Herrschaft erst, nachdem Dynasten sich an die Spitze der einzelnen Völkerschaften geschwungen. Da beginnt das Regiment der Herrschsucht und mit ihm die Blüthezeit aller ungezähmten Leidenschaften des selbstherrischen Willens. Hier öffnen sich die reichsten Fundgruben für die Poesie der Romantik, Volks- und Heldenlieder haben da ihre meisten Quellen. Diese Zeit innerer dynastischer Kämpfe [122] ist entscheidend für die Zukunft der meisten Nationen: zeigen sich die einzelnen Völker einander gewachsen an Macht, ist ihre Entwickelung eine ebenmäßige gewesen, so erstarken in diesen Kämpfen auch die Keime freien Bürgerthums; wirft aber eine Dynastie und ein Volksstamm die anderen Völker und Herren zu Boden, so ist wohl für die einheitliche Machtentfaltung gesorgt, die bürgerliche Freiheit dagegen findet einen um so härteren Stand, denn die Dynastie erobert nicht bloß, sie unterdrückt auch.

Sie unterdrückt aber in der Regel doppelt, politisch und moralisch. Denn überall, wo mächtige Höfe ihren Glanz entwickelten, umgaben sie sich mit einem Adel, der politisch sich vom Volk lostrennte, moralisch zum gefährlichsten Feind seiner Wohlfahrt wurde. Hof und Adel hörten auf, national zu sein. Durch den Hof ward das Fremde gepflegt und durch den Adel dem Volke aufgedrungen.

Es ist dies die Prüfungszeit der Nationalitäten, die allen gesunden und innerlich bereits kräftig entwickelten Nationen dennoch zum Heil gereicht, so betrübend sie in der Geschichte sich auch ausnimmt; denn Druck nach innen und Hohn von außen sind die besten Erwecker des nationalen Bewußtseins.

Dieser Gang des Schicksals zieht sich durch die Geschichte aller Nationen und ist bei vielen noch nicht beendet. Der Geist der Nationalität steht siegreich da in England und Frankreich, er trägt die Fahne zum Kampf voran in Italien, er ringt in Ungarn nach Anerkennung vor der Welt, er rüttelt an den Ketten in Schleswig und Polen, stürmt mit dem griechischen Kreuze des Slaventhums gegen die Pforte der Osmanen und läßt selbst Irland nicht zur Ruhe kommen.

Ein anderer ist dieser Kampf in Deutschland und wieder ein anderer in Rußland. – In Deutschland beginnt er mit der Reformation. Der germanische Geist empörte sich zuerst gegen die kirchliche Knechtung durch Rom. Luther zerbrach die geweiheten Ketten, und Melanchthon sprach den großen Gedanken einer deutschen Kirche aus. Die durch die Gemeinschaft mit Rom antinational gewordenen Kaiser zerrissen das Band geistiger Nationaleinheit der Deutschen, führten den dreißigjährigen Krieg herbei und vernichteten in dem unsäglichen Elend das blühende freie Bürgerthum; Höfe und Adel wurden französisch, verspotteten mit dem Begriffe „Volk“ alles deutsche Wesen. Es gehörte eine französische Revolution dazu, um Fürsten und Adel zu demüthigen, und ein Napoleon, um die Nation bis zu ihrer eigenen Erhebung aufzustacheln. Die nationale Unabhängigkeit gegen dasAusland ward errungen, aber die nationale Einheit den Ansprüchen der Dynastien geopfert. Die Einlösung dieses Opfers macht den Kern der deutsch-nationalen Bestrebungen der Gegenwart aus.

Ganz anders in Rußland. Dort sind die Kämpfe zwischen den einst mächtigeren Polen und Schweden gegen die Russen längst vorüber, das Russenthum breitete sich mächtig aus und erstreckt seine Herrschaft über ein asiatisch-europäisches Weltreich. Rußland hat von keiner fremden Macht für seine nationale Unabhängigkeit zu fürchten. Zur Entfaltung solcher Macht bedurfte es jedoch ausländischen Geistes.

[123] Das neue russische Kaiserreich ist erst 170 Jahre alt, also nur 94 Jahre älter, als die gleichmächtige nordamerikanische Republik. Beide Staaten hielten im Wachsthum gleichen Schritt. Das Wachsthum der Republik zog seine Hauptnahrung aus der Einwanderung, die strebsamen fremden Arme verbanden sich mit den im Lande geborenen „Bürgern zweier Welten“, und so entstand, durch die Wallgräben der Meere geschützt gegen die Despotien und Monarchien des Aufgangs und des Niedergangs, das erste Wunder der letzten hundert Jahre, das mächtigste Staatsbollwerk für die bürgerliche Freiheit. – Auch in Rußland sehen wir fremde Kraft am Hebel der Macht. Peter, für Rußland der Große, nahm diese fremde Kraft zuerst in Dienst: es war die des deutschen Geistes.

Obwohl in Sitten selbst ein roher Geselle, hatte Czar Peter doch Scharfblick und Energie im rechten Grade, um mit der Nothwendigkeit zugleich den nächsten Weg der Kultivirung seines Volkes zu erkennen: er öffnete sich mit dem Schwerte des Eroberers die Bahn zum Meere, um mit den kultivirten Nationen des Abendlandes in unmittelbare Verbindung zu treten, ließ sich am Meere nieder, zog die Deutschen als Baumeister, Handwerker und Lehrer seiner Russen herüber, gründete in Petersburg die erste rein europäische Stadt seines damaligen Reichs, in welchem allenthalben noch das asiatische Gewand das alleinherrschende war, und ebnete den Boden für seine neue Pflanzung.

Dieses Ebnen für die Kultur war es aber, was ihn mit der Nationalität in Zwiespalt brachte, denn um jene zu fördern, glaubte er diese unterdrücken zu müssen. Und er that dies nach Despotenart und begann mit der Bildung des Menschen von außen: er ließ seinen Russen Bärte und Röcke stutzen. Und da es in der großen Masse des Volks bei diesem Abschnitt der Kultur verblieb, so hatte Peter hier die Liebe zum Nationalen mit der Erkenntniß desselben erst geweckt und die fremde Bildung um allen Kredit für die Zukunft gebracht. Nur in Petersburg prägte der neue Geist der Regierung sich auch dem Leben ein, Militär und Beamtenthum wandelten im fremden Schnitt, die bürgerlichen Gewerbe hatten fremde Vertreter, und Peters Zuchtruthe gewöhnte die aus dem Innern Rußlands massenhaft herbeigezogene Arbeiterbevölkerung an seine Civilisationsgebote. Petersburg ward die Fremdenstadt des Reichs.

Die Opposition liegt in der Menschennatur, kein Tyrann kann sie vernichten, auch die Macht der Czaren und ihres strahlenden Hofes vermochte den widerstrebenden nationalen Geist des Russenthums nicht zu bändigen: er fand seine Vertreter im alten Adel des Reichs und seinen Sitz in der alten Metropole Moskau, das fortan sich im Gegensatz zu Petersburg erst recht gefiel: es blieb die National-Hauptstadt der Russen. – Wie in Deutschland, so wurde auch in Rußland das nationale Streben gerade durch die provocirende Begünstigung des Ausländischen entfacht, aber nicht vom Volke konnte eine solche nationale Bewegung ausgehen, sondern nur vom Adel. Hatte nun auch stets eine russische Partei am Kaiserhofe einigen Boden, so scheint doch erst seit den Franzosenkriegen [124] ihr Ansehen sich festeren Grundes zu erfreuen, ja, Moskau selbst ist im nationalen Preise unendlich gestiegen, seitdem die Flammen von 1812 den Heiligenschein des nationalen Märtyrerthums um seine Mauern ergossen.

Es ist eine wunderbare Fügung des Schicksals, daß derselbe Napoleon, der alle Nationalität verachtete, mit allen Nationen spielte, alle ausnutzte und alle mit Füßen trat, zuletzt auch das schlummernde Russenthum erwecken und auf eine höhere Stufe erheben mußte. Es gibt kein größeres Bild in der ganzen Geschichte der letzten hundert Jahre, als Napoleon aus dem Fenster des Kreml auf das brennende Moskau blickend. Im Riesen-Epos des modernen Heros bezeichnet diese Flammensäule den Wendepunkt eines ungeheuren Schicksals, das den größten Verbrecher am Geiste der Freiheit über die Blutstätten von Leipzig und Waterloo zu seinem Felsenkerker im Ocean führte. Keine Flamme der Welt hat weiter geleuchtet, denn in Spanien wie in Deutschland strahlte sie an den Spitzen der Gebirge wider, Pyrenäen und Alpen glühten, alle Völker erkannten in dem Zeichen die Feuer der Freiheit, die eine höhere Hand geschürt. Und der Geist der Nationalität, der an ihrem Anblick in ganz Europa sich aufgerichtet, ist seitdem wach geblieben, hat rastlos gekämpft, ward wieder in blutige Fesseln geschlagen und ist wieder erstanden und wird ringen und rütteln an Thronen, Schranken, Ketten und Mauern, bis er, der Geist, der nicht erschlagen, ertreten, erwürgt werden kann, den letzten Sieg gewonnen hat.

Nur Siege der Nationen haben von je zum Heil, zum Frieden, zum Aufschwung der Seelen, zum Segen der Bildung geführt, während die Siege der Dynastien nur gar zu oft mit dem Blute der eigenen Völker die Kerkermauern der Fremden kitteten. Die Geschichte ist der Völker Zeuge für diese rettende Wahrheit. Glück und Frieden der Nationen sind fliehende, unstät umherirrende Engel, so lange noch eine Nation in Europa unter der Schmach der Dienstbarkeit gegen jegliches Herrschergelüste athmet, so lange noch eine Dynastie anders herrschen kann, als im Dienste einer Nation.

Auch Rußland steht nicht außer diesem großen Völkergesetz, das einst über ganz Europa walten wird, weil es vor Allem walten muß an dem Herde der Weltkultur. Das ist kein Dichtertraum, sondern das Ziel alles Geistesstrebens, auf dessen Fahne nicht Kaiserthum, nicht Papstthum, nicht Christenthum steht, sondern das erreichbar Höchste auf Erden, das – Menschenthum.


Müssen wir auch zugeben, daß in Rußland der Weg zu diesem Ziele noch sehr weit ist, so kann man doch jetzt schon nicht verkennen, daß in die Bahn dahin eingelenkt wird. Die nationale Richtung ist bis in die Kaiserfamilie vorgedrungen, das Volk beginnt seine moralische und finanzielle Befreiung vom Adels- und Regierungsdruck auf die ehrenvollste Weise damit, daß es durch seine Enthaltsamkeit die Steuern und Opfer der Branntweinpest vernichtet, und der Kaiser selbst schreitet gegen den Adel mit der Aufhebung der Leibeigenschaft vor. Dies [125] Alles muß das russische Nationalgefühl heben. Sollte nun eine solche Erhebung nicht zurückwirken auf das Nationalgefühl der durch Rußland unterdrückten Völker? Sicherlich wird sie dies, und um so tiefer, je mehr die große Idee des Panslavismus Hoffnung auf Verwirklichung erhält. Diese Hoffnung erfüllt aber mehr die russische Dynastie, als das russische Volk, das noch keine Ahnung zu haben scheint von den schweren Stunden, die ihm der Panslavismus einst bereiten wird. Auch hier wird „die alte Geschichte – immer neu“ sein. Je größer das Reich an fremden Gliedern, desto gewaltiger die Macht des Herrschers gegen jedes einzelne Glied. Die Stammnation wird jedoch, je mehr gerade ihrer Nationalität geschmeichelt wird, um so früher empfindlich werden erst gegen ungerechten Druck, dann, fortschreitend, gegen Vorenthaltung gewisser Rechte u. s. w., und gerade im Herzen des Reichs wird die Kraft sich sammeln, die das Recht fordert und das verweigerte erzwingt. Nicht die Rebellion der unterdrückten Völker wird in Rußland zur bürgerlichen Verfassungsfreiheit führen, sondern die Revolution des Nationalrussenthums, und der Krater ihres Ausbruchs kann nirgends anderswo sein, als in Moskau.

Die Geschichte ist für die Gegenwart der Spiegel der Zukunft. Ein Blick in ihn belehrt uns, daß die Romanoffe nicht willfähriger mit freien Reformen sein werden, als ihre übrigen europäischen Geschäftsgenossen seit der Erfindung der Monarchie. Kein einziges freies Volk kann sich eines unblutigen Siegeskranzes erfreuen. Auch den Russen wird der Kampf um die staatsbürgerliche Freiheit nicht erspart; aber sie werden siegen, wie bisher jede große Nation gesiegt hat, und dann beginnt von Neuem, oder beginnt überhaupt die Blüthezeit der alten Nationalhauptstadt des Russenthums, der Stadt der Nationalkraft, die auf festem Boden steht, und sinken und versinken wird die prachtflimmernde Fremdenstadt Petersburg, das Schooskind der Fürstengunst, in den Sümpfen der Newa, aus welchen nur die Despotie sie hervorzaubern konnte.

Bis dahin strahlt die alte Czarenstadt in milderem Lichte als treue Hüterin der Heiligthümer der Nation und als Herrin des russischen Kapitoliums. „Nascha drewnaja stolnitza“, unsere alte Hauptstadt, so nennt nicht nur der Moskauer, sondern jeder Russe die Czarenstadt an der Moskwa und jeder behauptet mit Stolz, daß kein Fremder fühlen könne, welchen Zauber diese drei Worte über ein russisches Herz üben: selbst diejenigen Russen, sagt Kohl, welche Moskau nicht gesehen haben, hängen mit eben solcher Liebe an ihm, wie an Gott, wie an dem Kaiser und wie an vielen anderen nicht von ihnen gesehenen Dingen. Man begreift daher, wie wichtig diese Stadt für Rußland ist, in welcher nicht nur 350,000 Menschen wohnen, sondern auf welche viele Millionen ein liebendes Auge gerichtet haben.

Da die Bedeutung Moskau’s in der russischen Geschichte, sein großes Schicksal von 1812 und seine Wichtigkeit für Rußlands Industrie und Handel im dritten Jahrgange dieses Werkes vom Gründer desselben dargestellt worden ist, so wenden wir uns dem Hauptgegenstande unseres Stahlstichs, dem Kreml, allein zu, welcher seitdem (1849) das große Nationalfest seiner Wiederherstellung aus der Verwüstung von 1812 und im Jahre 1856 eine [126] neue Kaiserkrönung feiern sah. Wir beschränken uns jedoch auf eine Erläuterung unseres Bildes; zum Führer durch die zahllosen inneren Räume und Herrlichkeiten, Kirchen und Sammlungen etc. bietet sich dem Leser unter vielen Reisebeschreibern auch unser Reisevirtuos Kohl.

Im Mittelpunkte von Moskau, zwischen der Moskwa und der Neglina und bei deren Vereinigung, erhebt sich ein Hügel und auf ihm die Burg oder Festung (tatarisch Kreml oder Kremlin) der Hauptstadt. Der Kreml hat die Form eines Dreiecks und den Umfang von einer Wegstunde. Wir laden unsere Leser auf die Moskwa-Rekoi-Brücke ein und lassen von unserem Führer uns den Prospekt erklären, der sich da vor uns aufthut. Wir folgen dem Führer mit unseren Augen „bis zur Spiegelfläche des Wassers. Sie bildet die unterste Linie. Aus ihr und von Wellen umspült steigt der mit Felsen umgürtete Kai der Uferstraße als feste Basis des Ganzen hervor. An diesem Uferrande läuft eine belebte Straße hin, die mit grünem Buschwerk und Bäumen besetzt ist, und darüber erhebt sich die hohe, weiße Mauer, die mit ihren Thürmen, Thoren und Zinnen den Fuß des Kreml vertheidigt. Dicht hinter der Mauer steigt es, wieder grün, noch höher empor, und über Rasensaum und Buschwerk strahlt uns endlich die Gebäudemasse des Kreml mit ihrer Farbenpracht von Roth und Gold, Silber, Weiß und Grün wie eine Krone entgegen, aus deren Mitte, Alles überragend, die Thurmsäule des Iwan Welikoi sich erhebt. Imposant und gebietend greift in das Gewirre der vielen kleinen Gebäude des Alterthums die neue Zeit ein mit der gewaltigen Masse des großen, von Alexander gebauten Palastes (Bolschoi Dworetz), und über alle religiösen und weltlichen Bauwerke wölben sich die zahlreichen goldenen und silbernen Kuppeln der Gotteshäuser. Wir stehen vor einem Bilde, das trotz der eingedrängten italienischen Palastfaçaden uns plötzlich weit und immer weiter aus Europa entfernt: die glänzende Pracht wie die Formen der national-russischen Bauten versetzen uns nach Asien. Und unverkennbar ist der asiatische Einfluß nicht bloß in dieser äußern Herrlichkeit, sondern auch in den schlanken, minaretartigen Thürmen, die hier oft die Stelle der schlichten Kuppeln der byzantinischen Architektur einnehmen; ganz eigenthümlich dem russischen Baustyle ist aber die Verschmelzung verschiedener Einflüsse zu einem Ganzen. Grundlage, innere Eintheilung und Anordnung der Kirchen lehnen sich ganz an die byzantinischen Vorbilder an, im Aeußern aber herrscht die Freiheit frommer Laune, die in ihren Nachahmungen beliebig zutastet und die eigene Erfindung keck dazwischen stellt: da sehen wir Kuppeln, thurmartige Aufbauten und schlanke Minarets, die Kuppeln von vielerlei Form, bald halbkugel-, bald ei-, bald birnförmig, bald byzantinische, bald italienische, bald arabische und bald ganz barbarische Ornamente und Alles voll stechender Farben. Aber aus dem Ganzen blickt ein nationaler Wille, wir sehen den Ausdruck eines eigenen Geistes, der in diesen Monumenten seines Nationalheiligthums selbstbewußt und mächtig vor die Welt tritt.“