Morgenscene auf dem oberen Mississippi

DCCLXVI. Das Moselthal Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band (1856) von Joseph Meyer
DCCLXVII. Morgenscene auf dem oberen Mississippi
DCCLXVIII. Bei Caën an der bretagne’schen Küste
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THE MISSISSIPPI
Sunrise below St Anthony’s Falls.

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DCCLXVII. Morgenscene auf dem oberen Mississippi.




Ich hatte Freunde besucht, Landsleute, die auf dem Bluff des Mississippi, oberhalb der Einmündung des St. Croix, eine Farm bewohnen, und wartete auf das Dampfboot, welches Abends von Dubuque heraufkommt und mich nach St. Pauls mitnehmen sollte. Die Männer hatten mich zum Fluß hinab begleitet und eine alte Schwarzhaut aus dem benachbarten Missouri hatte an einer offenen Stelle des Ufers eine lodernde Kienfackel hinausgesteckt, das gewohnte Nachtsignal zum Anrufen der passirenden Dampfboote, und so standen wir noch, in der lauen sternhellen Sommernacht und plauderten von dem, was uns eben zunächst lag: – von meinem Gehen und ihrem Bleiben. Das Gesicht eines Freundes aus der Heimath ist eine gar seltene Erscheinung in den Niederlassungen am oberen Mississippi und ein Besuch ist ihr einziges Fest; denn dort hat das Jahr 365 harte Werkeltage.

„Wie gern zöge ich doch mit euch“, sagte der Eine, „wie ist’s doch in unserem Schwabenlande viel tausendmal schöner als hier!“ „Ja wahrlich“, stimmte der Andere ein, „wie gern tauschten wir wieder die alte Heimath gegen die neue, eine Heimath voll Arbeit und Entbehrung, voll Fieber und Mühsal, voll Selbstsucht und Heuchelei, voll Enttäuschung und entsetzlicher Geistesöde“. – „Aber“, fuhr ich mit Wärme fort, „eine Heimath voll Freiheit und Männerstolz, voll Kühnheit und Unternehmungskraft, voll Wohlstand und Bürgerglück, eine Heimath der Größe und Zukunft. Ihr schlagt’s in eurer Rechnung zu gering an, daß euch der Hut auf den Kopf gewachsen ist und der Nacken verlernt hat, sich zu beugen, – daß ihr Freiherren seyd auf eurem Grund und Boden und Fürsten in eurem Blockhause. Sind euch die Menschen, unter denen ihr lebt, mit ihren trotzigen Gesichtern und stets thatbereiten Armen nicht lieber, als daheim die Automatenpuppen mit den menschlichen Larven? Wollt ihr lieber die bunten Livreen und Uniformen, als das selbstgewobene grobe Gewand; lieber die Excellenzen, Titel und Orden, als den Gentleman; lieber die feinen beringten Finger, die beständig in euren Taschen suchen, als die schwielige Hand, die sich euch zum Gruß entgegenstreckt? Athmet ihr lieber die dumpfe Luft der Antichambres und Beamtenstuben, als den freien Zugwind auf eurem Bluff? Wollt ihr, frag’ ich, lieber regiert seyn, als euch selbst regieren? Die Antwort schenk’ ich euch, und [46] wenn ihr selbst aus zu weichem Thon geformt seyd und die harte blanke Münze, welche der Geist eurer Institutionen so scharf ausgeprägt hat und aus seinem Füllhorn so reichlich in den Schooß euch schüttet, ihren Klang verliert, – wenn euch die Herren in der Heimath mit den Doktorspatenten, noch ehe ihr flügge geworden, die Schwingen gestutzt und die Sehnen des Selbstvertrauens in der Kindheit so gänzlich durchhauen haben, daß ihr nun hier, im Wettlauf mit dem Geschlecht von 76, die Rolle der Lahmen übernehmen müßt: – ich sage, wenn die kunstgerechten Gärtner daheim die Schößlinge eurer Kraft so eingeschnitten haben, daß sie nur Blätter treiben, statt Früchte, und euren verwöhnten Gaumen der Trunk aus dem frischen Born der Freiheit gar nicht munden will: so denkt wenigstens an die, die euren Herzen am liebsten und eurer Sorge die nächsten sind: – so freuet euch der freien Bahn eurer Kinder. Was euch ein Opfer ist, ist für sie eine köstliche reifende Saat. Laßt sie ernten! Frei vom Kanzel- und Kathederschwulst lasset sie ihr Erden- und Seelenheil selbst suchen, laßt ihr Gewissen seinen Kultus üben, laßt sie nach eigenen Zielen ringen, freie Bürger freier Staaten!“ –

„Daß ihr der edlen Schätze, welche die rohe Scholle birgt, auf der ihr euren Herd gebaut, doch nie vergessen möchtet! Wahrlich, – hättet ihr eine Herrschaft, Schloß und Park in eurem Schwabenland gelassen, der Preis wäre nicht zu hoch, wenn ihr eurer Kinder Glück und Zukunft, die Ehre und Hoheit des Bürgerthums dafür erkauft. Oder wie? Soll euch der alte, graue Wollkopf da beschämen, den der Freiheitsdrang von Weib und Kind, Haus und Hof, Herrn und Freund aus Alt-Kentuckien unter euer Dach geführt? Fragt ihn doch, ob er nicht lieber sein schwarzes Blut auf eurem thonigen Acker verspritzen will unter schwerer Last der Arbeit, Sorge und des Alters, als auf der blühenden Plantage im Süden, wo der Sklave seinen Herrn für sich sorgen läßt und, gegen mäßige Arbeit, bei Spiel, Sang und Kurzweil das Leben gedankenlos verträumen mag. Und wäre ich selbst nicht mit allen Banden der Pflicht, die der heißesten Wünsche des Herzens spotten, an das Land gekettet, das mir den ersten Athemzug gegeben, wie glücklich wäre ich; denn dann dürft’ ich mit eurer Last und Plage eure Freiheit theilen“.

Meine amerikamüden Freunde waren stumm und mir war’s heiß um’s Herz geworden; ich war gerade im Zug, ihnen von der Leber weg ihre Thorheit vorzupredigen: – da hörten wir die Schaufeln des Bootes plätschern und sahen den weißen Dampf über der Kontur des Uferbusches aufzucken; ein paar Glockenschläge mahnten, mich bereit zu halten; die bewegte Fluth des Stromes schlug an unsere Füße, das rothe Licht am Vordertheil des Bootes wendete nach der Einbucht, wo wir standen, – allerlei Stimmen, Lachen, Flüche und Kommando’s wurden laut, die Maschine hielt an, eine Planke flog vom Vordertheil des Bootes herüber an das Ufer; der Schwarze reichte mir den Reisesack, noch ein Händedruck, ein paar Schritte auf dem nassen Sand, ein Sprung auf den schwanken Steg und schon erschallte es vom Räderkasten: All on board – Go ahead! – die Schaufeln wühlten wieder in der Fluth und „Go ahead!“ rief ich noch als letztes Abschiedswort den Freunden am Ufer nach. Möchten sie’s nur [47] verstanden haben! „Vorwärts!“ ist ja die Losung im Feldlager des großen Zeitkampfes, das Paßwort zu allen Geheimnissen und Wundern jener riesenhaften Entwickelung, das A und Z in den Glaubensartikeln der neuen Welt; wer das Go ahead nicht versteht, soll sich nicht unter die Sturmkolonnen dieser modernen Titanen wagen, denn rücksichtslos schreiten ihre Sohlen über den Fallenden und wer einmal am Boden liegt, dem reicht sich keine theilnehmende, helfende Hand. „Help yourself!“ ist die Antwort, wenn die Hände um Mitleid ringen. Wer es nicht begreift, bleibe ja daheim und lasse sich am Schlepptau seiner hochgeborenen Vormünder durch’s Leben ziehen.

Das Boot trieb schon in der Mitte des Flusses. Nachdem es sein Fahrwasser wieder gewonnen hatte, fingen die Essen an, dicke schwarze Rauch-Parallelen in die Nachtluft zu zeichnen, in immer kürzeren Stößen pusteten die Dampfrohre, immer rascher knatterten die einschlagenden Schaufeln der Räder, und mit wildem Ungestüm brauste unsere „Arche Noah“ stromaufwärts. Die Ufer hatten sich zu beiden Seiten so weit zurückgezogen, daß sie, nur noch zwei dunkle Streifen, den Horizont begrenzten. Es ging, obgleich es nahe Mitternacht war, noch laut und hoch her im Dampfer. Ich stieg auf Deck, einige Augenblicke wurde der neue Ankömmling der Neugierde gewürdigt, den nächsten hatten sich die hunderterlei Gesichter, die einen enttäuscht, die anderen gleichgültig, wieder hundert anderen Gegenständen zugewendet. Ich ließ nun meinerseits die Gesellschaft Revue passiren, so bunt zusammengewürfelt, wie sie ein Mississippi-Boot eben aufzuweisen hat. Um eine Gruppe junger Frauen, die sich vor dem Geräusch der Maschine nach dem Hinteren Theil des Hurrikan-Decks zurückgezogen hatten, standen, saßen und lagerten eine Schaar Männer und lauschten den dünnen Stimmchen, die sich in den fashionabelsten Weisen mit den monotonen Akkorden einer Guitarre mischten. Die Mädchen waren wohl Farmertöchter, lauter feine Gesichtchen und zierlich geputzt, wie Schmetterlinge. Sie schienen sehr heimisch auf der Arche Noah und thaten keck und kirr, mit den leichten Manieren von Damen der großen Welt; und doch waren sie vielleicht nie weiter über ihre Wälder und Blockhäuser hinausgekommen, als auf einer Fahrt nach Alton oder Dubuque. Die Männer trugen allerhand Kleid, vom Frack nach Newyorker Schnitt bis zur härenen Decke des Büffeljägers und Holzschlägers: – Kreolen mit dem schönen Typus des Spaniers und der galanten Art des Franzosen, der lange steife Yankee mit den verschmitzten Augen in seinem faltigen Pergamentgesicht und dem scharfen Witz auf den gekniffenen Lippen, der heißblütige Texaner mit dem rauflustigen, herausfordernden Blick, und der Mann aus dem fernen Westen, eine Bildsäule unbeweglichen Ernstes, der starren Entschlossenheit und Kraft; der „Reverend“ und der Flibustier; der ehrwürdige Judge und der listige Gauner; der Grogtrinker und der Wasserapostel: – jeder aber kramte in der Gesellschaft der Frauen seinen Gentleman aus, jeder brachte sein Bestes dem schönen Geschlecht zum pflichtigen Tribut, alle umgaben die kleine Gruppe mit ihrer Verehrung, ihrem Anstand und stets bereitem Schutz. Das ist auch unter den Früchten der Freiheit nicht die geringste, dieser Kultus der Frauen; es gehören aber auch Amerika’s Frauen dazu, einen so mächtigen [48] Einfluß auf die Sitte der Männer zu üben. Der sauren Arbeit und Sorge entzogen, im Genuß unbeschränkter häuslicher Freiheit, gewinnen sie das sichere Selbstgefühl im ungezwungenen Verkehr mit der Welt, das lebhafte Interesse an allen Dingen zu Meer und zu Land, die heitere Anschauung vom Leben; aber auch den Seelenstolz, die glühende Begeisterung für Ehre und Freiheit ihres Landes, das rechte Verständniß seiner politischen Institutionen und Bedürfnisse, was Alles den Frauen daheim so sehr gebricht. Jene erziehen tüchtige Republikaner, diese höchstens gemüths- und kenntnißreiche Menschen voller Schmiegsamkeit und Gehorsam.

Der Gesang war zu Ende. Man verlangte nach einem Sänger; an mir aber sollte die Zauberkraft der Sirenchen zu Schanden werden. Unter jeder deutschen Kehle stellt sich das Yankeevolk eine gestimmte Flöte vor. Ich schlich weg nach dem Vorderdeck und sah hinab in’s Boot. Das war die Kehrseite der Scene, die ich eben verlassen hatte; es paßte wie Belle-Etage zur Kellerwohnung. Zwischen Fässern, Ballen und Gütern aller Art, die dort zusammengestaut lagen, baumelte eine Schiffslaterne vom Gebälk herab. Ein schwarzer Sohn der Wüste kratzte auf einer Geige lustige Dudelsacksweisen, der Bootsmann pustete auf einer invaliden Klarinette dazwischen und ein Dutzend rußige und wettergepeitschte Figuren, Heizer, Matrosen und anderes Schiffsvolk stampften eine Quadrille dazu, daß das Deck erdröhnte. Bald war mir des Lärmens doch zu viel; ich flüchtete nach der großen Kajüte. Auch kein Gotteshaus! Mehre Tische waren mit Spielern besetzt, wüste Gesellen, die nach Herzenslust fluchten und denen von Grog, Aerger und Habsucht die Köpfe glühten; an der anderen Ecke des Saales aber war ein geweihter Purifikator dieser gotteslästerlichen Atmosphäre angebracht in Gestalt eines bekutteten und tonsurirten Jüngers der römischen Kirche, der in sich gekehrt dasaß, die Lippen lautlos auf und nieder bewegte und eine Seite nach der anderen seines Breviers verschmauste. Die übrige Gesellschaft lag zu Bette. Ich hätte gern noch ein Stündchen der Unterhaltung gepflogen, aber die Wahl zwischen den Dienern des Beelzebub und der Kirche fiel mir zu schwer und ich suchte meine Koje. Unter dem fibrirenden Geräusch der Maschinen und fern her schallendem Gelächter, den verlorenen Tritten auf dem Deck und abgebrochenen Gesangestönen schlief ich ein.

Als ich erwachte, lag das Boot still, um die Tageshelle zu erwarten; wir waren in der Nähe der Stromschnellen. Dichter Nebel lagerte auf dem Fluß; man konnte nicht von einem Ende des Dampfers zum anderen sehen. Nach und nach lüftete die heraufkommende Sonne die dichten Schleier von der Landschaft und rollte sie zu langen Bändern zusammen, die sich um die Uferhöhen und Seitenthäler schlangen. Wie Gespenster tauchten die lieblichen Inseln und Baumgruppen aus der grauen Fluth und kleideten sich allmählig in ihre Farben; die Wasserfläche schmückte sich mit ihrer dunklen Politur und spiegelte immer klarer und sonniger ihre bewaldeten Gelände wieder; – mit dem Entfliehen der letzten Nebelstreifen lachte die reizende Natur in ihrer ganzen bräutlichen Schöne. Ich habe nie ein [49] Bild wieder gesehen, das den Zauber jugendlicher Frische so mächtig mir aufdrängte, als jener Morgen auf dem Mississippi.

„Steam up!“ – kommandirte es wieder vom Räderdeck und langsam schnob und keuchte unsere Arche vorwärts, während ein Mann am Bug das Loth auswarf.

Die Stromschnellen, die vor uns lagen, sind wahrscheinlich die Trümmer eines großen Falls, wie der St. Anthony. Das Bett des Flusses oberhalb besteht nämlich aus einer Ueberlagerung des Kalksteins über den Sand. Im Verlauf der Jahrtausende hat das Wasser durch die Fugen des Kalkflötzes sich einen Weg zu der lockeren Sandschicht gewühlt und sie ausgewaschen. Die nachbrechende Decke verschüttete den jähen Fall und jetzt brausen die Wasser sich bäumend und schäumend über das felsige, abschüssige Bett; ungeheure Brocken liegen wie Ruinen im Flusse zerstreut und die Boote haben Noth, ihr Fahrwasser zwischen durch zu finden. Linien von Schaum und Brodel, die sich quer über den Fluß ziehen, bezeichnen jähe durchlaufende Senkungen im Felsgrund. Unser Boot tastete sich schwerfällig voran und stöhnte vor der ungewohnten Bergfahrt. Ueber die erste Stromschnelle brachte es uns langsam hinweg; bei der zweiten aber unterlag es im Kampf mit dem Ungestüm der herabschießenden Wasser. Unbeweglich stand das Boot, während die Räder in doppelt raschen Schwingungen in der Fluth scharrten, dann hob es sich und schüttelte, wie ein Roß, das über einen Graben soll; vergeblich war der Sporn der Maschine, es schnaubte, setzte von Neuem an, sank aber, wie in Ohnmacht, wieder zusammen. Man steuerte es unwillig zum Ufer, um es mit Tauen zu befestigen und ein Herabkommen der Flachboote zu erwarten, die ihm seine Fracht abnehmen sollten. Ich aber war des Wartens bald müde und verließ mit anderen Passagieren das störrige Boot, um den Landweg nach dem nahen St. Pauls einzuschlagen.