Das Moselthal

DCCLXV. Die Geroldsauer Kaskade bei Baden-Baden Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band (1856) von Joseph Meyer
DCCLXVI. Das Moselthal
DCCLXVII. Morgenscene auf dem oberen Mississippi
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BURG ELTZ im MOSELTHALE

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DCCLXVI. Das Moselthal.




Die deutschen Fürsten der Kirche waren keine Thoren. Wo sie ihren Krummstab hingesteckt, da war gewiß gut wohnen. Unsere schönsten Länder, die eigentlichen Weinländer namentlich, waren ihnen unterworfen. Am Mittelrhein stießen Würzburg, Kurmainz und Kurtrier zusammen, und in deren Gebiet fielen die köstlichsten Rebgelände. Der Winzer war damals ein beneideter Mann, denn er spekulirte auf die Schwelgerei der unzähligen deutschen Fürsten, Grafen und Edlen, der Aebte und Prälaten, und auf die Kehlen der behäbigen, mannhaften Handwerker und Kaufherren der Städte. Die Feinschmecker bezahlten vor 300 Jahren die guten Jahrgänge und Lagen, in Rücksicht auf den Werth des Geldes, zu jenen Zeiten weit theurer, als gegenwärtig, und auch ein geringeres Gewächs und ein schlechterer Jahrgang hatte noch einen lohnenden Preis. Das ist jetzt anders. Die geistlichen Fürstenthümer sind verschwunden, statt den Krummstab sieht man die Wappenschilder mit allerhand Bestien, den Löwen, Wölfen und Greifen, den Adlern und den Geiern der ungeistlichen Fürsten und Könige, und mit dem neuen Regiment sind neue Abgaben, Plagen und Quälereien gekommen. Die einst so beneideten und gesegneten Weinländer herbergen ein armes, herabgekommenes Volk, das den Getreidebauer glücklich preist, und unter dem Mißverhältnisse der guten Weinlesen zu den schlechten und des veränderten Geschmacks, welcher einen Trunk guten Bieres einem Becher sauren Weines vorzieht, darbt und verdirbt. Wenn man noch vor hundert Jahren der Möglichkeit gedacht hätte, die Rheingauer, die Bewohner des Moselthales, die Winzer im Maingrund würden schaarenweise in die Wildnisse Amerika’s auswandern, um zu versuchen leichteren Herzens ihr Brodkorn auf dem frisch gerodeten Boden zu erbauen, man hätte einen solchen Propheten in’s Narrenhaus verwiesen. Und doch ist es so; schaarenweise verläßt jetzt der Winzer seine alte liebe Heimath, – Obstgelände treten an die Stelle der Rebengelände und selbst in der Nähe des Johannisbergs hat das schmutzige Kartoffelkraut auf Feldern, die ehemals dem Weinbau ausschließlich gehörten, die Rebe verdrängt. Um leben zu können, muß jetzt der Winzer Mehrerlei treiben: ein Gewerbe oder ein Händelchen und dazu mehr oder weniger Ackerbau. Bei dieser getheilten Wirthschaft mit zersplitterten Kräften kann freilich auch nur wenig Segen kommen. –

Unter den deutschen Weinländern ist das Moselthal und die Pfalz am besten dran.

[39] Man kann das Moselthal[1] von Trier bis Koblenz als einen sehr schmalen Landstreifen betrachten, der – die Krümmungen des Flusses nicht mit eingerechnet – etwa 13 Meilen lang und dabei im Durchschnitt von der einen Thaluferhöhe zur anderen, soweit zu beiden Seiten der Weinbau geht, etwa eine Meile breit ist. Das Ganze hat also einen Flächenraum von 13 Quadratmeilen. Auf diesem Streifen gibt es wenigstens 200 menschliche Wohnorte, Städte, Flecken, Dörfer, Weiler, Schlösser, Klöster, deren Gesammtbevölkerung (Koblenz und Trier eingerechnet) man wohl auf 130,000 Menschen anschlagen kann. Demnach kommen hier auf jede Quadratmeile etwa 10,000 Seelen, eine Bevölkerungsdichtigkeit, wie man sie zu beiden Seiten des bezeichneten Striches weit und breit nicht findet.

Der Rhein von Bingen bis Bonn durchbricht das rheinische Schiefergebirge in einer Richtung, welche mit den Schichten dieses Gebirges parallel geht, oder in einem sogenannten Längenthale. Sein Thal und Lauf find in Folge dessen ziemlich gerade gerichtet. Die Mosel dagegen durchbricht die Schichten dieses Gebirges von der Seite her oder der Quere nach in einem sogenannten Querthale. Ihr Lauf ist daher wie der Lauf aller in Querthälern strömenden Flüsse sehr vielfach gewunden. – Die Krümmungen des Flusses sind in der That so groß, daß, obschon die direkte Entfernung von Trier nach Koblenz nur 13 Meilen ist, sich dieselbe bei einer Messung längs der Ufer des Flusses fast verdoppelt. Es scheint zuweilen, als wolle er wie eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt, wieder zu seiner Quelle zurück. Vermittelst dieser Krümmungen schneidet er aus dem Festlandkörper eine Menge von Halbinseln von sehr mannigfaltigen Figuren heraus, auf denen man, wenn man sie zu Fuße durchkreuzt, sehr schnell von einem oberen Flußpunkte zu einem anderen gelangen kann, während man auf dem Flusse selbst oft sechs Mal größere Umwege machen muß.

Daß in Folge dieser Krümmungen die Scenerie am Flusse, wie an einem vielgewundenen Bergpfade, mannigfaltiger werden muß, leuchtet Jedem ein. Der Fluß wird dadurch gleichsam in eine Menge Stücke zerschnitten. Oft ist der Abschnitt so klein und sind die Enden desselben hinter Bergen so versteckt, daß man bei einer Wendung glaubt, man sey in einen Sack gerathen, man befinde sich auf einem kleinen, einsamen Bergsee, fern und abgelegen von aller Welt, bis dann auf einmal bei einer neuen Wendung der Zusammenhang mit der übrigen Welt sich wieder herstellt. – In dem inneren Busen jener Krümmungen ist der Fluß gewöhnlich mit voller Gewalt gegen die Felsen gestürzt, welche ihn zur Umkehr zwangen, und hat sie angenagt. Sein Bett ist hier daher tief ausgehöhlt, die Thalwände sind schroff und steil abgeschliffen, während die gegenüberliegende Halbinsel, von welcher sich der Fluß zurückzog, niedriger und flacher ist, mit gelinde absteigenden Uferlanden gegen den Fluß ausläuft und oft den fruchtbarsten Wiesenboden rings um sich herum angesetzt hat. Es bieten sich in Folge dessen auf beiden Uferseiten der Krümmungen [40] immer die reizendsten Gegensätze dar; auf der einen hochaufgetempelte und vielfach terrassirte Felsengelände, von oben bis unten entweder mit dunkler Buschwaldung oder mit zahllosen Weingärtchen besetzt, dann und wann auf einem besonders schroffen Vorsprunge eine alte Burgruine und auf der anderen Seite die flachere Halbinsel mit weidendem Vieh, mit kleinen Aeckern und rings am Saume des niedrigen Flußufers die Flecken oder Dörfer.

Ohne diese Flußkrümmungen würde sich der ganze Anbau des Thales einförmig darstellen. Wald-, Wiesen-, Ackerbau und Viehzucht auf der einen nach Norden gerichteten Seite, Garten-, Gemüse-, Obst- und Weinbau auf der anderen. Jene Windungen bewirken nun aber eine äußerst mannigfaltige Stellung der Ufergelände zur Sonne und bringen fast jeden kleinen Abschnitt des Flusses und Thales in andere klimatische Verhältnisse. Hier ist ein kleiner, eine oder zwei Stunden langer Busen, dessen Abhänge ganz nach Süden gekehrt sind, in dessen Felsgeklüfte die Sonnenstrahlen heiß reflektirend zusammenschießen, und der für den Wärme verlangenden Wein ganz vorzüglich gelegen ist. An diesen Abhängen ist dann jedes Fleckchen für den Weinbau in Anspruch genommen und mit Reben besetzt. Bald ist ein solcher Busen auf der rechten Seite des Flusses, bald, wenn dieser eine seiner kapriciösen Windungen ausführte, wieder auf der linken. Solche ganz dem Süden zugekehrte Busen erzeugen dann die schönsten Weine, und hier strebt Jeder ein kleines Gebiet zu gewinnen. Es gibt andere Felsenwände, die mehr nach Südosten oder Osten, oder nach Südwesten und Westen gerichtet sind, und welche die Strahlen der Sonne im Laufe des Jahres unter sehr mannigfaltigen Winkeln empfangen. Sie erzeugen die mittleren Weinsorten. Endlich gibt es auch Abhänge, die ganz dem Süden abgekehrt und geradewegs dem Nordpol zugewendet sind. Diese liegen entweder ganz oder doch einen großen Theil des Tages und Jahres im Schatten. Sie sind kalt und dem Weinbaue unzugänglich. An solchen nördlich gerichteten Abhängen findet man fast nur die Produkte, die Kulturen und die Vegetation des Hundsrücks und der hohen Eifel. Sie sind mit den sogenannten „Lohhecken“ oder „Rodehecken“ bedeckt, d. h. mit niedrigem Eichengebüsch, das die Moselaner, wie die Hundsrückbewohner schälen, um die Rinde an die Lohgerber zu verhandeln. Fünfzehn Jahre lassen sie die Gebüsche wachsen, dann hauen sie sie um, benutzen das gewonnene Holz zu Stäben etc. bei ihrem Weinbaue und verbrennen den Rest, indem aus der Asche und aus den alten Wurzelstöcken die Zweige dann wieder um so kräftiger hervortreiben. Die Lohe oder Eichenrinde dieser Gegenden wird weit und breit verschifft, und die Lohe- oder Rodehecken des Moselthales bilden daher einen nicht unwichtigen Zweig der Landwirthschaft der Thalbewohner. Manche Dörfer lösen jährlich für 20,000–30,000 Thaler an Lohe und Holz aus ihren Rodehecken. – Jeder Weingartenbesitzer muß nun auch ein wenig Wiese und Graswuchs für sein Vieh haben, wo möglich auch etwas Acker und Garten oder Waldland, und da er beides immer auf den beiden entgegengesetzten Seiten des Thales zu suchen hat, so muß er daher auch auf beiden Seiten des Flusses besitzlich werden. Daher ist auch in jeder Wirthschaft ein Nachen fast so nöthig wie anderswo [41] ein Wagen, um bei der Ernte die Trauben, oder das Heu, oder die Lohe, oder das Getreide hinüber- oder herüber zu transportiren.

Die vielen mäandrischen Windungen der Mosel sind endlich, in Verbindung mit der felsigen und gebirgigen Beschaffenheit der benachbarten Felsufer, mit der Schroffheit, Unzugänglichkeit und Zerrissenheit der beiden Flußseiten, die Veranlassung zu einer Eigenthümlichkeit, die auf den Charakter der Mosellande, sowie auf ihre Schicksale einen mächtigen Einfluß geübt hat. Das Moselthal ist ohne Chausséen und Heerstraße. Die letztere zieht 3–4 Stunden neben dem Flußthal über den Hundsrück hin. Diese Hochstraße konnte nämlich auf dem Gebirgskamme viel gerader laufen als in der Thalrinne und ließ sich auch mit weniger Kosten herstellen. Auf ihr bewegen sich in der Regel die Heere, die Reisenden, die Waarenzüge zum Rheine. Das Moselthal selbst ist nie Völkerpassage, ein Handelskanal, ein Theater der Völkerschlachten und Kämpfe gewesen. Der Charakter seiner Bewohner hat dabei nichts verloren.

Es gibt keine Gegend in ganz Deutschland, welche durch den Weinbau einen solchen Reiz wie im Moselthale erhielt, auch keine, wo er zu so großartigen Anstrengungen und Arbeiten Veranlassung gibt, wie hier. In den Ebenen der Lombardei sieht ein Weingarten aus wie der andere. Am Rhein auch hat man sich oft beklagt, daß die unabsehbaren Weingelände, die stets sich wiederholenden Querstriche und einförmigen Schattirungen der, wie die Soldaten in ihren Kompagnien, aufgesteckten, gleich hohen, gleich weit auseinander stehenden Rebstöcke dem Malerischen der Landschaft großen Eintrag thun. An der Mosel kann man eine ähnliche Klage nicht führen. Denn abgesehen davon, daß die Weingelände von Waldpartien, von Wiesenland etc. unterbrochen werden und sich dann und wann einmal höchstens eine ober anderthalb Stunden weit in ununterbrochener Masse forterstrecken, so bieten sie auch schon in sich selbst eine ganz außerordentliche und überraschende Mannigfaltigkeit der Gruppirungen und landschaftlichen Scenen dar. Die Bergabhänge, an denen sie liegen, sind viel höher als am Rhein oder an irgend einem anderen deutschen Flusse und auch viel bunter gestaltet. Da gehen Stufen über Stufen, Terrassen über Terrassen hinaus, und selbst die höchsten, zum Himmelsdome emporgethürmten Felsspitzen tragen noch Reben und erscheinen wie Himmelstische, auf denen Trauben servirt sind. Die Bergpfade, welche vom Ufer des Flusses zu diesen hochgelegenen Terrassen hinaufführen, erfordern oft über eine Stunde mühsamen Ansteigens, und wenn ich die Leute von daher mit den Trauben herunterkommen sah, gedachte ich der Senner und Aelpler in der Schweiz, welche ihre Milch kaum weiter herabholen als diese Winzer der Mosel ihre Traubenbutten. – Wenn man bedenkt, daß auch die Erde und der Dünger, in denen die Stöcke wachsen sollen, vom Fluß aus eben so hoch in die Felsenwelt hinaufgeschafft werden müssen, so erscheint Einem die Kühnheit dieser Weingärtner wahrhaft erstaunenswerth. Sie legen die Wurzeln ihrer Rebenstöcke auf Felsspitzen, auf denen es nur dem Adler bestimmt zu seyn schien, [42] seine Eier in’s Nest zu legen, und sie trotzen da dem unwirthbaren Gestein noch süße, goldene Früchte ab, wo die Natur kaum für Heidelbeeren, Schlehdornen und anderes Gestrüpp ein Plätzchen bereitet zu haben scheint. – Einmal zählte ich nicht weniger als 30 „Chöre“, eines über dem anderen, von denen sich die äußersten in die Wolken verlieren zu wollen schienen. „Chöre“ nennt man nämlich hier die verschiedenen mit Reben besetzten Stufen oder Terrassen eines Weinbergs.

Diese Chöre sind auf die mannigfaltigste Weise angelegt, gerichtet und geformt, je nach der Gestaltung des Bodenterrains und je nach der Laune oder den Ansichten der Besitzer. Fast jeder Besitzer hat bei der Anlage und Kultur seiner Weinberge sein eigenes System. Man mußte sehr mannigfaltige Anstalten treffen, vielfache, oft kostspielige Bauten unternehmen, um so viel flach geneigtes Terrain zu gewinnen, auf dem etwas Erde und die Wurzeln der Pflanzen haften könnten. Zuweilen sind die Felsenköpfe durch hochschwebende Brücken mit der Hauptmasse verbunden, damit man das schmale Terrain, das die Scheitel der Felsen darbieten, noch zum Weinbau benutzen konnte. Ueberall sieht man Gewölbe auf langen, hoch emporragenden Pfeilern gebaut, auf deren Decke dann das Chor oder der Weingarten geordnet wurde. Auf solchen Gewölben wird hier an hundert Stellen der Weinstock, wie durch Aquäducte das Wasser, an den steilen Felsen herumgeführt, damit er das warme Sonnenlicht einsauge, das an ihren Wänden zurückprallt. Einst hat man die hängenden Gärten der Semiramis bewundert. Aber wenn man in Gedanken Alles zusammensummirt, was im Laufe der Zeiten die Weinbauer hier im Moselthale an hängenden Gärten geschaffen haben, so kommt dabei gewiß ein viel größeres Wunderwerk der Welt heraus. Die meisten dieser Weinberge sind wahrhafte Labyrinthe von natürlichen Felsen und von übereinander getempelten Brücken, Pfeilern, Gewölben und Terrassen, an denen die Geschlechter der Moselanwohner seit des Ausonius Zeiten emsig bauten und schafften, wie die Bienen an ihrem Wachszellengewebe. So ein Moselweinbergsgelände kommt Einem oft vor wie ein gigantisches Spitzenklöppelwerk aus Stein, und es steckt gewiß mehr Arbeit und Mauerwerk darin als in einem Kölner Dombau.

Au der Mosel erkennt man erst recht, welche unsägliche Mühe dies edle Erzeugniß dem Menschen macht, das die Dichter schlankweg ein Geschenk des Bacchus zu nennen pflegen, das sie aber besser als ein mühsames Produkt vielfachen Menschenfleißes und Schweißes bezeichnen könnten. In Griechenland mag es anders seyn, aber in Deutschland ist von einem Schenken des Bacchus nicht viel zu reden; ein Stückchen Fels und ein Wurzelknollen, das ist die ganze Gabe. Daß der Knollen treibt und süße Früchte bringt, daß diese Früchte nicht nur einen genießbaren, sondern auch einen die Seele des Weinkenners entzückenden und den Geist des Dichters berauschenden Saft geben, das Alles ist ein Ergebniß der mühsamsten Kultur und des eisernen Fleißes. Den ganzen Winter über muß der Bacchuspriester, ich meine den Winzer, an der Mosel „schiefern“, d. h. er muß die Schiefersteine aus den Felsen hervorkratzen, [43] zerhacken und in den Weinbergen zerstreuen. Denn diese Schiefersteine des Moselgebirges haben eine gewisse frische, jungfräuliche Kraft, die sie dem Weinstock mittheilen. Sie halten den Boden feucht, und verwitternd düngen sie ihn, und sie sind daher beständig zu erneuern. Zugleich müssen im Winter, wenn es die Witterung gestattet, die Mauern in den Weinbergen reparirt und ausgebessert, die Felsen geflickt und gestützt werden. Kömmt der Frühling, so müssen die Winzer die Stöcke aufstellen, den Boden lockern, umgraben und düngen. Und hier bei dem Düngen fährt man nicht etwa, wie wohl unsere Bauern thun, mit einem vierspännigen großen Düngerwagen auf’s Feld hinaus, sondern jede Mistgabel von Dünger muß, so zu sagen, besonders auf dem Rücken der Leute oft, wie erwähnt, stundenweit in die Berge hinaufgetragen werden. Die Kornäcker, wenn sie einmal geackert, gedüngt und bestellt sind, und wenn die Körner dem Boden anvertraut wurden, sind fertig, und der Landmann hat dann im Sommer nur zuzuschauen, wie die Aehren ihm in den Schooß reifen. Bei’m Weinbau ist dies anders. Der Winzer darf seine Stecklinge fast das ganze Jahr hindurch nicht außer Acht lassen. Von der heurigen bis zur nächsten Ernte geht die Kette von Arbeiten fast ohne abzubrechen fort. Gleich nach dem Stöckeaufstellen und nach dem Graben muß im Frühjahr auch das alte Holz ausgehauen werden. Der Boden ist immer locker zu halten, wie die Poren unserer Haut, damit er Licht, Wärme und Wasser stets willig in sich aufnehme. Die Winzer müssen ihn daher, damit sich keine dichte Gras- und Unkrautnarbe bilde, im Sommer abermals graben oder, wie man hier sagt, „rühren“. Und ebenfalls muß abermals im Sommer das überflüssige Holz ausgehauen werden, und zwar diesmal das frischgewachsene, damit die Stöcke nicht ihre Kraft in der Ausbildung geiler, unfruchtbarer Zweige vergeuden. – Dies sind aber nur die großen und regelmäßig wiederkehrenden Arbeiten; die kleinere Mühe und Noth, das Anbinden der losgerissenen Zweige, das Jäten etc. und die außerordentlichen Anstrengungen, zu welchen die Zerstörungen von Wind und Wasser Veranlassung geben, gehen noch immer zwischen durch, denn jedes Gewitter richtet in diesen hohen Weinbergen der Mosel die herzbetrübendsten Verwüstungen an und eine Stunde verdirbt oft mehr, als was viele Wochen der Anstrengung mühselig geschaffen haben.

Um das beständige Hin- und Herschleppen der Geräthschaften und Werkzeuge, die ihnen bei ihren mancherlei Arbeiten nöthig sind, zu vermeiden, und um auch sonst noch andere nöthige Dinge bergen und aufbewahren zu können, haben die Leute sich in den Weinbergen kleine Winzerhäuschen gebaut, die dann in der Zeit der Traubenreife als Wachthäuser und Wächterposten dienen. Oft liegen diese Winzer- und Wächterhäuschen so köstlich, daß sie einen Maler entzücken müssen. Zuweilen sind es neue glänzende, kleine Häuschen, das eine in diesem, das andere in jenem Geschmack. Zuweilen hat man ein altes Mauerwerk, einen von den Rittern des Mittelalters oder vielleicht gar noch von den Römern gebauten Wartthurm dazu benutzt. Zuweilen hat man bloß die Felsengrotten und die [44] Höhlen in den Bergabhängen mit verschließbaren Thüren und Eingängen versehen. Vor diesen Häuschen und Höhlen sitzen die Wächter des Abends bei’m Feuer, oder während der Mittagssonne im kühlen Schatten.

Das ganze Moselthal von Trier bis Koblenz soll in besonders guten Jahren 100,000 Fuder (600,000 Ohm) Wein erzeugen, in gewöhnlichen 70,000 bis 80,000 und herab bis auf 50,000, was man dann schon ein sehr mittelmäßiges Jahr nennt. In der neueren Zeit haben leider die Leute mehr darauf gesehen, daß sie recht vielen, als darauf, daß sie recht guten Wein erzeugen, und daher zuweilen ihre alten edlen Rebstöcke vernachlässigt und statt dessen solche angepflanzt, die recht viele „Brühe“ bringen. Dies hat schon zum Verfall des guten Rufes mancher sonst berühmten Lage Anlaß gegeben.

Unser Bild stellt einen der reizendsten Punkte des Moselthals dar. Die Burg Eltz ist der wohlerhaltene Stammsitz eines alten Freiherrngeschlechts, welches denselben Namen trägt, und das in den Rhein- und Moselgegenden noch jetzt in mehren Linien blüht.




  1. Nach Kohls Schilderung.