Riva am Gardasee

Sarnen in der Schweiz Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band (1859) von Friedrich Hofmann
Riva am Gardasee
Northumberland am Susquehanna
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RIVA
am Garda See.

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Riva am Gardasee.




Die Wälder und die Wasser rauchen,
Die Nebel rollen niederwärts,
Nur durch des See’s verklärte Augen
Blick’ ich hinab bis in sein Herz.

Die Fische seh’ ich tief im Grunde
Lustwandeln in der grünen Au,
Und heiter schaut des Himmels Runde
Ihr Wolkenspiel im dunklen Blau.

Der Morgen webt die Nebel lichter,
Und plötzlich schweben ob dem See
Der Unterwelt erstandner Dichter
Und trauernd eine schöne Fee.

„Sprich, Dante, wird im Fegefeuer
Auch eines Volkes Seele rein?“ –
„„Sie wird es, doch ein Ungeheuer
Spinnt sie in dunkle Netze ein.““

„„Willst für dein Volk du Heil erflehen,
So höre, erst durch ärgste Noth
Kann es zum Geistes-Licht erstehen:
Licht ist des Ungeheuers Tod!““ –

Wohl schwingt ihr Blick sich auf zur Höhe:
„Wenn Noth hilft, ist Erlösung nah’!“
Doch bleibt es Nacht, und „Wehe! Wehe!“ –
Versinkt die Fee – Italia.

Diese Erscheinung habe ich auf dem Gardasee erlebt, als mich der Dampfer von Desenzano nach Riva trug. Es war vor dem Kriege von 1859. Auf der Halbinsel des Catull, den drei Felsenhäuptern von Sermione, flatterte noch das Banner Oesterreichs, und Tyrol grenzte noch nicht an Sardinien. Seitdem weckte noch einmal Kanonendonner die klagende Fee des Garda, französische Rothhosen winkten ihr zu, und zweier Kaiser Heere spiegelten sich vor ihr in den Fluthen. Und abermal floh sie zu Dante, dem Kundigen der Unterwelt und der Zukunft. Wohl hat er ihr einen guten Rath ertheilt, denn er kennt von Allen die Ahnen, die in der Hölle sitzen, und schätzet mit Gerechtigkeit die Bäume nach ihren Früchten. Nach der Orakel Art hat der Dichter seine Gedanken in dunkle Verse gehüllt, die da heißen:

     Sover und Ora kämpften nie,
Des Süds und Nords beschwingte Geister;
     Das Gute dort, das Schöne hie,
In Einem ist je Einer Meister:
     Die Alpen ehr’, wie sie dich ehren,
     Und hüte, Zee, dich vor zwei Scheeren.

[136] Ich kenne die Ora. Es ist der Wind, der jeden Mittag in der italischen Ebene sich aufmacht und des Südens Grüße, milden Hauch und Wohlgerüche über den See zu den Alpen und ihren Bewohnern trägt und freundlich die Schiffe voll goldener Früchte hinaufsendet zu den wilden, schroffen Gestaden des Nordens. Und der Sover ist des Nordens Gegengruß, der um Mitternacht in den Felsgründen erwacht und an das Ufer eilt, um mit seinem frischen Athem die Schiffe voll Maultrommeln aus dem Hafen von Riva zu blasen und mit ihnen auf breiten Schwingen, die von den Brescianer Alpen bis zum Monte Baldo reichen, der lockenden Riviera entlang nach Süden zu fliegen, über Sermione hin, wo er so oft den Lorbeer auf Catulls Lieder streute, und in der blühenden Ebene zu verwehen. Das sind die Beiden, von welchen Dante’s Orakelspruch erzählt.

Es gibt wenige Seen, welche dem Gardasee an Schönheit gleichen und an Reiz für jeden Fremdling, er mag am Nord- oder am Südgestade das Schiff betreten. Der Wanderer vom Norden schwärmt schon in Riva, dieser Uferstadt Wälschtyrols, in der Luft Italiens, aber noch umragen ihn die Riesenhäupter des deutschen Gebirges, dessen Thäler und Schluchten ihn an den See führten. Hier aber öffnet sich dem Blicke das Bild des Südens, der über den See herübergrüßt, und je weiter der Dampfer oder das auf der ewig klaren Fluth hinschwebende Segelschiff vordringt, um so weiter treten erst die Ufer, dann die schroffen Felswände zurück, bis endlich die Wasserfläche in einer Breite von drei Meilen sich ausdehnt, die Berge zu Hügeln geworden sind und zuletzt Fluth und Ebene in einander übergehen. Und welche Bilderreihe steht an den Ufern vor uns! Die Hoheit des Monte Baldo mit seinen Wänden, Buchten und Wasserfällen, und mit den Gardafelsen und der Stadt zu Füßen, welche dem See den Namen gibt; und ihm gegenüber, am Westgestade, die prächtige Felsenreihe bis zum Monte Fraine und zum Busen von Gargnano, an welchen die freudestrahlenden Orte Viella, Bogliacco und San Pietro sich so verliebt anschmiegen, daß sie dem Auge des Vorüberfahrenden wie eine Häuserfamilie erscheinen; und dazu auf dem Schiffe im blinkenden Pokale den feurigen Vino santo von den Nebengeländen des Ufers: wahrlich, in immer höheren Tönen jubelt das Herz und – immer fester ballt sich die Faust vor Ingrimm gegen die ruchlosen Verbrecher an der Menschheit, welche das von Gott geschaffene Paradies der Erde mit den Teufeln und Teufeleien ihrer Herrsch- und Habgier, ihres Ehrgeizes und ihrer Selbstsucht bevölkern und besudeln.

Pfui, wer wird den Wein verschütten! – Lassen wir uns wieder von der Ora einschmeicheln und zu dem Gegenstande unseres Bildes, hinauf nach Riva, tragen. Unterwegs fesselt uns eine neue Herrlichkeit: die Geheimnisse der Tiefe. Es geht da unten im See gar wunderlich zu. Die Schmiede Vulkans reicht bis an den Grund heran, nach Schwefel riechende Wasserperlen steigen aus ihrer Esse empor, und dies geschieht längs der ganzen Ostseite von Sermione. Aus der Nähe dieser höllischen Spende flieht das Leben des Sees, und nur der [137] naturforschende Mensch dringt bis an die Pforte des Geheimnisses vor. Wir verlassen ihn und fahren weiter. Da regt es sich in der Tiefe wie eine Windsbraut unter’m See; während wir ruhig auf der stillen Fluth dahin schwimmen, unter ihr verfolgen die Wogen streng und hastig ihre Bahn der unsern entgegen. Das ist die Wasserströmung nach dem Sturm. So sinnig ist die Bewegung der Wasser, so ganz für den friedlichen Verkehr zwischen dem Norden und dem Süden geschaffen, daß die vom Sturme des Nordens nach Süden getriebenen Fluthen in der Tiefe wieder heim ziehen, um die geschäftige Oberfläche nicht zu beunruhigen; und gerade so machen es die Wasser des Südens, wenn sie vom Norden wieder heim kehren. Ich glaube, daß uns Dante’s Orakel immer verständlicher wird, bis auf die Netze und Scheeren, die Niemand versteht.

Mittlerweile ist der Naturforscher uns nachgekommen und ereifert sich, uns den wunderbaren See als etwas ganz Natürliches zu erklären, als einen ungeheuer großen, d. h. sechs Meilen langen und hie und da bei tausend Fuß tiefen Felsenspalt, in welchen oben, von den Alpen her, die Sarca hineinfließt und, nachdem sie ihn mit Hülfe von hundert andern Bergwassern total ausgefüllt, sich nach Italien begibt, wo sie, breit und hochmüthig geworden, sich ihres weiblichen Ursprungs schämt und als Mincio berühmt wird.

Riva liegt in der andern, der Sarcamündung entgegengesetzten Nordecke des See’s, der hier auch der See von Riva genannt wird. Trotz aller Erinnerung, daß wir hier eine Stadt des deutschen Bundes vor uns haben, begegnet uns doch allenthalben die italienische Art, weil auf die Gesetze der Natur sogar die Bundesakte keinen Einfluß hat und der deutsche Geist nirgends siegt, wo ihm die Flügel beschnitten sind. Nach der politischen Eintheilung gehört die Stadt Riva zum Kreis Roveredo, der gegen 7000 Einwohner zählt. Riva selbst liegt warm und schön zwischen dem See und den Bergen. Trotz der abseitigen Lage von der Heerstraße im Thal der Etsch überraschte es doch das Schicksal mit manchem harten Schlag. Ursprünglich römische Niederlassung, später Theil des Hochstifts Trient und diesem mehrmals in heftigen Kämpfen entrissen, erhielt es 1575 Stadtrechte. Die Pest verheerte es 1512 und 1522. Im Jahre 1703 zog sich der berüchtigte „bayerische Rummel“ bis hieher und zerstörte die Festungswerke von Riva. Die Einwohnerzahl der Stadt hat noch nie 5000 überstiegen. Die Lage erleichtert wohl Nahrung und Genuß, aber ohne der Vergrößerung des Orts günstig zu sein. Gegenwärtig ist Riva der Sitz eines Landgerichts, eines Dekanats, Mauthoberamts und eines Postamts. Die ansehnlichsten Gebäude sind das Schloß, ein Hieronymitanerkloster und eine Wallfahrtskirche. Das Gewerbsleben ist rege und umfaßt Seidenbau und Seidenspinnerei, Orangerien, Olivenölbereitung, Papierfabrikation, mehre Geschirrfabriken, Fabriken in Eisenwaaren (Maultrommeln allein werden jährlich in 12 großen Werkstätten über 800,000 verfertigt), Holzwerkzeuge, Stecknadeln, Stöcke, Sonnenschirme. Durch diese Geschäftigkeit hat Riva [138] sich zu einem nicht unwichtigen Stapelplatz zwischen Italien und Deutschland erhoben, denen beiden Dante ein friedliches Heil der Zukunft wünschte.

Die Umgebungen Riva’s bieten eben so großartige als reizende Partien, wie die Burg Arco, der Wasserfall des Ledro und manche andere Fels- und Wasserpracht.