Saint Louis am Missisippi

Auch in Frankreich Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Saint Louis am Missisippi
Die Pallisaden des Hudson
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SAN LOUIS
am
MISSISSIPPI

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Saint Louis am Missisippi.




Die meisten jetzt blühenden Städte der nordamerikanischen Union hatten ihre schweren Zeiten in den ersten Jahren nach ihrer Gründung. Von schwachen Anfängen gingen alle aus. Wenige Blockhäuser im Urwald und ein Paar Menschen darin, das war die gewöhnliche Wiege für den zukünftigen Riesen. Wie viele solcher Städtekinder in der Wiege erstickt worden sind, weiß Niemand; das Schicksal der noch lebenden liegt aber im hellen Tageslichte der Geschichte vor uns. Aller gefährlichste Feinde waren die damals noch unbekannten verderblichen Kraftäußerungen der Natur und die Indianer. Mit Indianerkriegen beginnt die Geschichte jeder nordamerikanischen Ansiedelung. Die Kämpfe waren schwer, denn die Indianer waren damals noch die Stärkeren. Hunderte von Ansiedelungen verschwanden in jenen Zeiten spurlos vom Boden, aber immer neue entstanden, und endlich ward das weiße Gesicht Herr über die Rothhaut. Ging während der harten Kindheit der Ansiedelungen ihr Wachsen langsam vor sich, so steigerte es sich in’s Erstaunliche, als diese Gefahr vorüber und allein noch die Natur zu bekämpfen war, über welche der Mensch jeden Tag mächtiger gebietet. Seit den Unabhängigkeitskriegen ist keine menschliche Gewalt dort verheerend durch das Land gezogen, die Früchte des Fleißes von Generationen vernichtend: es ist leicht, groß werden unter so glücklichen Umständen, die in der Lage des Erdtheils begründet sind.

Dieselbe Lebensschule hat das große St. Louis durchgemacht, wohin wir unserem Bilde folgen. Am 15. Februar 1764 erbaute an dieser Uferstelle des Missisippi ein französischer Kreole, Peter Laclède, die erste Blockhütte. Zu ihm gesellten sich zwei Brüder, August und Peter Chouteau aus New-Orleans, ebenfalls französische Kreolen. Diese erste Ansiedelung wurde bald verstärkt durch französische Einwanderer aus Kaskahia, [34] Cahokia, Fort Chartres und Vincennes und anderen Orten des östlichen Missisippi-Ufers, Einwanderer, die der Nationalstolz aus jenen Gegenden vertrieb, weil dieselben im Jahre 1763 von Frankreich an Großbritannien abgetreten worden waren. Schon am 10. Oktober 1764 wurde die blutjunge Niederlassung von 400 Indianern heimgesucht. Sie verlangten zwar nur Lebensmittel und Geschenke, aber so ein gewaltiger Schrecken fuhr in die Ansiedler, daß ein Theil davon die gefährliche Stätte verließ und stromabwärts segelte. Der Krieg war aber begonnen und dauerte nun fort, und zwar mit gleicher Heftigkeit an beiden Uferseiten des Missisippi. Die Engländern wurden ihrer Feinde zuerst Herr. St. Louis aber war 1768 an Spanien gekommen, das den Ansiedlern noch weniger Schutz gewährte, als Frankreich. Denn als am 8. Mai 1780 einer der furchtbarsten Angriffe von Seiten der Indianer erfolgte, zogen die spanischen Truppen der Kolonie sich in ihren steinernen Thurm zurück und überließen es den französischen Ansiedlern, mit den eigenen Waffen Frauen und Kinder, Hab’ und Gut gegen die wüthenden Haufen der Wilden zu vertheidigen. Im Jahr 1803 kam St. Louis wieder an Frankreich und wurde vom Konsul Bonaparte unmittelbar darauf mit dem ganzen Missisippithal an die Vereinigten Staaten abgetreten.

Von diesem Augenblick an tritt St. Louis aus seiner unbehülflichen Kindheit heraus: der Angloamerikaner und der Deutsche legen dort das schwere Pfund ihrer Rührigkeit, ihres ausdauernden Fleißes an, Franzose und Spanier weichen vor beiden mehr und mehr zurück, auch hier wird das germanische Geschlecht dem romanischen verderblich, und heute, nach 93 Jahren, trägt die Stadt von ihren ersten Gründern keine Spur mehr.

Die Einwohnerzahl von St. Louis erlebte nun folgende Steigerung: 1810: 1600; 1820: 4600; 1830: 6700; 1840: 16,500; 1848: 43,000; 1850 (letzter Census): 77,860; 1853: gegen 100,000; 1857: schwerlich unter 140,000, und davon sind der vierte Theil Deutsche. – In gleich kühnem Verhältniß wuchs die Dampfschifffahrt der Stadt und des gesammten Missisippi. Der erste Steamer kam im Jahre 1819 an. Im Jahre 1822 schilderte Herzog Paul von Würtemberg die hiesige Dampfschifffahrt als noch sehr in der Kindheit begriffen. Im Oktober 1841 besaß die Stadt bereits 67 Steamers von 150 bis 800 Tonnen, und auf dem Missisippi und seinen Nebenflüssen fuhren 300 Dampfer. Elf Jahre später, als M. Wagner und K. Scherzer auf ihrer wissenschaftlichen Reise durch Nordamerika den Strom hinabdampften, war die Zahl der Missisippi-Steamers auf 841 angewachsen und dem hohen steinernen Kai von St. Louis entlang lagen nicht weniger als 93 dieser zwei- und dreistöckigen Riesenschiffe, deren eiserne Schlöte wie Säulen hoch in die Luft ragten und die Reisenden mehr überraschten, als der Anblick der Stadt selbst. Mit Recht wird sie das große Emporium des Westens genannt. Sie ist im Binnenlande der wichtigste Hafenplatz des ganzen Stromgebiets. Schon im Jahre 1846 belief sich die Zahl der Dampfbootausladungen auf 2380 mit 467,824 Tonnengehalt; der Gehalt der Dampfboote, welche damals [35] der Stadt selbst gehörten, betrug 23,800 Tonnen mit einem Gesammtwerthe von 1,547,000 Dollars. Es ist kein Zweifel mehr möglich, daß St. Louis, bei seiner Lage, den Illinois und Missisippi im Norden, den Ohio, und dessen Nebenflüsse im Südosten, den Missouri im Westen, einst der Centralpunkt Nordamerika’s werden müsse.

Treten wir der Stadt näher, so verliert sie nicht an Großartigkeit, wir müssen gestehen: stattlich ist Alles. Aber eine Aehnlichkeit haben die Missisippistädte und alle übrigen nordamerikanischen neuesten Styls eben doch mit denen der Türkei und des übrigen herabgekommenen Morgenlands: schön erscheinen sie nur in gewisser Entfernung; da geben Beide sogar die imponirendsten Bilder. Was den orientalischen Städten in der Nähe fehlt, ist allbekannt; den amerikanischen fehlt vor der Hand noch – die Ruhe, die zur Pflege des Schönen unerläßlich ist und deren Mangel sich eben so deutlich, wie im öffentlichen Leben, in sämmtlichen Bauwerken ausspricht, vom Farmer-Blockhaus bis zur Aktien-Kirche. Aber nur – vor der Hand, und das ist vor der Hand gut. Trotz des endlosen Zeterns über die abscheuliche Yankee-Dollar-Jägerei wird man noch zu der Einsicht kommen, daß das dermalige Amerika nicht anders sein kann, weil es dermalen noch nicht anders in seinem Blute liegt. Amerika ist angehender Jüngling, in der ersten Sturm- und Drangperiode, und – die Jugend will vertoben, sagt das deutsche Sprüchwort. Und will man, mit einem schielenden Blick auf die „Welt-Krisis“ dieser Tage, hindeuten auf das andere Sprüchwort: „Jugend hat – keine Tugend“ – so ist zu beachten, daß denn doch eigentlich die alte, sittsame, so oft naserümpfende Europa sich über alle Maßen an diesen letzten amerikanischen Jugendstreichen betheiligt und das dritte Sprüchwort für sich bestätigt hat: „Alter schützt vor Thorheit nicht.“ –

Bei der Anlage amerikanischer Städte wird weder Rücksicht auf Schönheit noch auf Gesundheit der Gegend genommen, sondern einzig auf Fruchtbarkeit des Landes oder vortheilhafte Handelslage. Die letztere Rücksicht hat für St. Louis den Bauplatz bestimmt. Es liegt am rechten Ufer des Missisippi, auf einem Lehmgrunde der Alluvialbildung, unter welchem Kohlenkalkstein aufgeschlossen wurde und der sich landeinwärts unbedeutend erhebt. Da 18 Meilen oberhalb der Stadt der wilde Sohn des Felsengebirgs, der wasserreiche Missouri, welcher dem Staat, dessen größter Ort (die Hauptstadt ist Jefferson City) St. Louis ist, den Namen gibt, in den Missisippi mündet, so sind die am Stromufer hinlaufenden Straßen häufig verderblichen Ueberschwemmungen ausgesetzt, wie dies im Jahr 1844 sogar zwei Male der Fall war. Die dem Strom parallel gezogenen Hauptstraßen werden von Querstraßen rechtwinkelig durchschnitten; Frontstreet und Firststreet gelten für die schönsten. Die Häuser sind meist aus rothem Baustein gebaut, hoch und breit, zweckmäßig und bequem, aber ohne alle architektonischen Geschmacksrücksichten. Deshalb unterlassen wir ein näheres Herantreten an die einzelnen durch Zweck oder Größe hervorragenderen Bauwerke, denn daß eine Stadt wie St. Louis Rathhaus und Kirchen aller Sekten, Klöster und Akademien, Arsenale und Bibliotheken, Bildungs-, Vergnügungs- und Wohlthätigkeitsanstalten aller Art und mit [36] oft sehr reicher Ausstattung hat, versteht sich von selbst. – Solchem Lande und solcher Stadt gegenüber brechen aber jene wundersamen Dichterwünsche hervor:

„Und aber nach fünfhundert Jahren
Möchte’ ich desselben Weges fahren.“