Auch in Frankreich

Griechenchor der Calvarienkirche zu Jerusalem Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Auch in Frankreich
Saint Louis am Missisippi
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AUCH
in den Pyrenaeen

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Auch in Frankreich.




„Die Originale werden immer seltener.“ So lautet eine der allgemeinsten Bemerkungen, ja fast Klagen der gegenwärtigen Gesellschaft. Sonst, sagen die Alten, hat jedes Städtchen, jedes Dorf seinen „originellen Kerl“ gehabt: jetzt gibt es nur noch wohlgezogene, artige Leute, sieht Einer aus wie der Andere, und die Entgegengesetzten haben nichts Originelles mehr, sondern sind höchstens grob. Das Bleibende im Wechsel ist allein die Fortsetzung des Beispiels jener biblischen vierzehn Jungfrauen: daß eben Thörichte und Kluge auf dem Lebensweg nebeneinander dahin laufen mit oder ohne Oel in den Lampen. –

Die Wahrheit dieser Bemerkung hat guten Grund, die Erscheinung selbst ist eine lokale, keine allgemeine. Wo ein „origineller Kerl“ gedeihen soll, muß kräftiger Boden und frische freie Luft sein, sonst verkümmert diese edle Pflanze. Und edel ist eine solche Pflanze stets. Ein richtiger origineller Kerl ist der „Kunz von der Rosen“ seines Orts, seiner ganzen Umgebung. Die Guten lieben, die Schlechten scheuen ihn, denn er hat das stillschweigend anerkannte Recht, Jedermann die schnurgerade Wahrheit zu sagen, weil er es versteht, dieses Recht auf seine besondere Manier zu handhaben. Für diese große Gerechtsame trägt er gern zur Erheiterung der Menge mitunter eine Narrenkappe zur Schau, und das ist der Theil vom Stück, welchen der große Haufe als sein „Originelles“ erkennt. Zu einem originellen Kerl gehört das stolze Gefühl der Selbstständigkeit seiner ganzen Umgebung gegenüber, einer sicheren geistigen Ueberlegenheit über die Denkhöhe der Menge und die scharfe Waffe des Witzes zur klaren Gemüthlichkeit eines reinen Herzens. Eine andere charakteristische Haupteigenthümlichkeit der originellen Kerle ist ihre leichtere Behandlung des Lebens überhaupt, d. h. sie sind nur gar zu oft den „Vögeln unter dem Himmel“ gleich: sie säen nicht, sie ernten nicht, und ihr himmlischer Vater ernährt sie doch. Die Besten des Standes hängen diesem Zuge wenigstens insofern an, als sie das philiströse Einerlei regelmäßiger Thätigkeit verschmähen, mit fester Kraft und glücklich arbeiten, so lange die Lust dazu ihnen im Herzen sitzt, aber dafür auch diesem Herzen die Freude machen, ihm allezeit gehorsam zu [30] seinen anderen Lustbarkeiten zu folgen. Ein solcher Origineller ist überall der Liebling der Kinder und die Kinder sind seine Lieblinge, weil sie sich verwandten Herzens fühlen: aus so tiefem Grunde rührt der Scharfblick der Kinder, die stets Den herausfinden, der sie wirklich lieb hat. Ein Origineller darf endlich nie selbstsüchtig sein, im Gegentheil, „wenn er hat, haben Alle“, sonst macht er sich seines hohen Standes unwürdig und steigt zur weit tieferen Klasse des „Sonderlings“ herab, den weiter gar nichts auszeichnet, als daß er sein wirkliches geheimes Privat-Unwesen standhaft für sich so hin treibt, auch wenn die Leute darüber lachen.

Nur aus dem Stande der originellen Kerle gehen die Genies hervor und die geistig fruchtbaren Talente, welche ihren Fleiß dem Wohl der Menschheit widmen; oder umgekehrt, alle diese originellen Kerle sind eben nur dies, weil ihnen diejenige Stellung im Leben nicht wurde, für die sie hinsichtlich ihrer geistigen Begabung von der Natur bestimmt waren. Gerade dieser Kontrast zwischen Geist und Lebensstellung macht sie im Auge der urtheilsarmen Menge zu komischen Figuren, welche „so närrische Einfälle“ haben. Hätte aber die menschliche Gesellschaft endlich einmal den richtigen Einfall, nicht vorzugsweise der wohlhabenden Mittelmäßigkeit, dem erwerbsüchtigen Reichthum und gepflegter Vetterschaft die Wege zur höchsten Bildung bequem zu machen, sondern würde vorzugsweise das wirkliche Talent schulpolizeilich ausspionirt und von Staatswegen auf die ihm gebührende Bahn geführt, so sollte es wohl der „originellen Kerle“ noch weniger, aber desto mehr Originale in Wissenschaft und Kunst und hochgesinnte, thatkräftige, opferfreudige Männer im Dienste des Staats und der Menschheit geben, wahrlich ganz andere, als jetzt die gehätschelte und stets selbstsüchtige Mittelmäßigkeit mit einer wissenschaftlichen Bildung, die das Herz auspumpt, um den Kopf zu füllen, vor und über das Volk stellt. Wäre es möglich, daß ein Federzug des Schicksals dieses fehlervolle Exercitium des Menschenlebens plötzlich corrigirte, wie viele arme Leinweber, Seiler und andere Handlanger säßen auf hohen Lehrstühlen und Präsidentensesseln, und wie viele Hofräthe müßten sofort Schuster und Schneider werden!

Die Unlust der originellen Kerle am philiströsen Tageserwerb liegt eben nur darin, daß sie den abgerackerten Pegasus im Ochsenjoch darstellen sollen. Wo aber die Mittelmäßigkeit lange Zeit die Alleinherrschaft führt, wird der Boden des Lebens entkräftet und die Luft verdumpft. Wie lange arbeiten nun schon Polizei und Geistlichkeit an der Ausrottung aller alten kernigen Volkssitten! Wie sorgsam werden die Löcher verstopft, aus denen das Herz die frische Luft der Lust schöpft! „Bete und arbeite!“ wird an jede Hüttenthür geschrieben, aber „der Freude schönen Götterfunken“ mit demselben Eifer in des Volkes Brust zu wecken, daran denken höchstens noch die vom siegenden Materialismus mehr und mehr decimirten armen „originellen Kerle“. – Und daher, aus diesem Gefühle mehr und mehr versiechender Quellen rüstiger, kräftiger, sittentüchtiger Freuden, stammt wohl der klagende Lon in jener Bemerkung, daß die Originale bei uns immer seltener würden.

[31] Aber auf der Erde sterben sie nicht aus: sie wandern mit in neue Länder und setzen sich fest, wo sie ihren guten Boden, ihre rechte Luft finden. Eine dauerndere Heimath überall haben sie in einzelnen Ständen, die dem Forscher nach solchen erquicklichen Erscheinungen stets gute Ausbeute liefern werden. Das sind die in sich noch fest verbundenen und durch die Eigenthümlichkeit ihres Lebenserwerbs von der gewöhnlichen Gesellschaft abgeschlossenen Stände, wie die Männer der See, der hohen Gebirge, der Tiefen der Erde und weit abseits liegender Landwohnungen. Nur abseits vom Strom des civilisirenden Alltags gedeihen auch bei uns noch diese Originellen; ebenso in Städten, welche groß genug sind zur Einsamkeit für den Einzelnen.

Im Einzelnen spiegelt sich das Ganze ab; im großen Ganzen erkennen wir die Bilder des Einzelnen wieder. Von originellen Kerlen, von originellen Ständen werden wir geführt zu originellen Völkerschaften. Jede Nation hat im Kranze ihrer Völker eine solche „wunderliche“ Blume, jede Nation hat ihren belachten und doch geliebten „Kunz von der Rosen.“ Welcher Deutsche denkt in diesem Augenblick nicht an unsere braven Schwaben? Wo ist noch ein deutscher Volksstamm, der so viel Stoff zu lustigen und lächerlichen Geschichten geboten hätte? Und wo ist noch ein deutscher Volksstamm, aus dessen Mitte für die Nation eine Reihe von Original-Männern der Wissenschaften und der Künste, der Industrie und jeder Richtung des öffentlichen Lebens hervorgegangen wäre, wie aus dem der Schwaben? Und Männer der Wahrheit waren sie alle, die Dichter und Philosophen, Gelehrte aller Fächer, Staats- und Geschäftsmänner, Fürsten und Helden, welche ihres Landes Stolz waren und der stolzesten deutschen Länder höchste Zierden wurden. Darum mag des Schwabenvolkes Antlitz immer schalkhaft lächeln zu dem ihm nacherzählten „Schwabenstreichen“, der Lorbeer bleibt doch ewig grün auf seinem Haupte, und ganz Deutschland sieht in ihm seinen hochherzigen Kunz von der Rosen, den Retter aus mancher Geistesnoth und den treuesten Freund in jeder Gefahr des Vaterlandes.

Auch Frankreich hat sein Schwabenland, das jedoch mit dem deutschen weniger von der Ehren-, als von der komischen Seite gemein hat. Es ist die Gascogne, das französische Hauptland der originellen Kerle. Bekanntlich, und wie erst im Artikel Paris angedeutet worden, war es ein Hauptbestreben des französischen Königthums, die Volksthümlichkeiten der einzelnen früher selbstständigen Bestandtheile des Reichs zu vernichten, um durch die Uniformität des Nationalgeprägs sich die Herrschaft zu erleichtern und gegen jedes Erwachen von Selbstständigkeitsgedanken zu sichern. Dies Bestreben ist nicht durchweg von Erfolg gewesen, am wenigsten aber in der Gascogne. Dort war, wie überall, das Gebirg und die Armuth des Landes der Schutz des Volksthums, das sogar Herr wurde über seinen ärgsten Feind: die vielfache dynastische Zersplitterung der Gascogne. So finden wir denn noch heute die Million Menschen, welche auf dem alten Gebiete des jetzt in dreizehn Departements zertheilten Landes leben, ganz und fest in ihrer interessanten Volksthümlichkeit, sowohl in ihrer äußern Erscheinung, [32] als in Sprache und Sitten. Die Gascogner sind ein gutmüthiges, tapferes und kluges Volk; ihren komischen Zug verdanken sie allein ihrer etwas außer Verhältniß gerathenen Eitelkeit. Diese ist die Mutter der berühmten Gasconaden. Die Armuth des Landes zwang nämlich stets viele junge kräftige Leute, auswärts in Dienste und am liebsten in Kriegsdienste zu treten. Unsere ehrlichen Schwaben würden da, wie unsere wandernden und kriegsdienenden Tiroler und Schweizer, gesagt haben, daß sie in die Fremde gegangen wären, weil sie daheim nichts zu schleißen und zu beißen gehabt hätten. Des Gascogners Eitelkeit sprach anders; sie schilderte herrliche Schlösser und große Waldungen voll edlen Wilds, reiche Heerden und weite Felder voll Fruchtbarkeit als erbliches Eigenthum des Prahlhans, bei dem Schmalhans erblicher Küchenmeister war, aber den dennoch nur die Liebe und Sehnsucht nach Kampf und Ruhm aus dem Schooß des Ueberflusses getrieben haben sollte. So repräsentiren beide Völkerschaften in einem Hauptcharakterzug ihre Nationen: der Schwabe mit seiner lachenden Selbstironie, Klugheit und Muth verleugnend, während er Beides im reichsten Maße besitzt, und der Gascogner, seiner Heimath Armuth und seine eigene verleugnend, während er daran den weltbekanntesten Ueberfluß hat: dort Uebermaß in der Bescheidenheit, hier Uebermaß in der Eitelkeit, dort Deutschland und hier Frankreich.

Auch die Gascogner haben ihrem großen französischen Vaterlande eine Reihe tüchtiger Männer geliefert, würdige Früchte des originellen Baums. Aus der Stadt allein, die unser Bild uns zeigt, gingen zwei Größen hohen Rangs hervor: der Naturforscher Duchesne, besonders als Chemiker und Anhänger der chemisch-medicinischen Schule des Paracelsus bekannt, und der Marschall Montesquiou d’Artagan († 1725).

Auch galt bis auf die Departemental-Eintheilung Frankreichs als Hauptstadt von Armagnac und zeitweise von ganz Gascogne. Gegenwärtig ist es die Hauptstadt des Departements Gers und des Bezirks von Auch und Sitz der Departementalbehörden, eines Erzbischofs (schon seit dem 4. Jahrhundert), eines Handelsgerichts und einer Börse. Im Alterthum war es als Climbernum, auch Civitas Ausciorum oder Augusta Ausciorum, Hauptstadt der Auscier. Seit dem 10. Jahrhundert residirten hier die Grafen von Armagnac, und vom 11. bis 14. Jahrhundert wurden mehre Kirchenversammlungen und Synoden hier gehalten. Die Stadt liegt am linken Ufer des Gers und besteht aus einer Ober- und einer Unterstadt, die durch abschüssige, zum Theil unfahrbare Straßen verbunden sind. In ihrem üppigen Rahmen von Obstgärten gewährt die alte Stadt einen imposanten Anblick; das Imposanteste aber ist die Alles überragende Kirche. Sie ist eine der größten und prachtvollsten in ganz Frankreich. Stylrein ist sie nicht; sie ist im gothischen Style begonnen und im griechischen vollendet. Die Kirche selbst ist rein gothisch, hat ein Schiff von 90′ Höhe, Glasmalereien von wunderbarer Schönheit und hohe Gewölbe von 80′ Spannung; über sie erheben sich zwei Thürme, deren Gerippe, die nackte Mauer, dem der Notre-Dame-Thürme in Paris sehr ähnlich ist, deren Umkleidung jedoch aus lauter korinthischen gekoppelten [33] Säulen besteht, zwischen denen noch Altane, Gallerien, Fenster und dergleichen Unzierden mehr angebracht sind. Es ist Schade um den herrlich begonnenen Bau, denn trotzdem, daß diese Thürme auf einer Kirche in der Gascogne stehen, so sehen diese Griechenköpfe auf dem Germanenleib durchaus nicht aus wie das Obertheil von ein Paar originellen Kerlen, sondern sie sind aus Nachgemachtem zusammengestoppelte Waare, der braven originellen Gascogne nicht angemessen.