Schloß Kurburg mit dem Ortles

Schloß Tetschen Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band (1859) von Friedrich Hofmann
Schloß Kurburg mit dem Ortles
Das General-Postamt in Washington
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SCHLOSS KURBURG MIT DEM ORTLES
(in Tyrol)

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Schloß Kurburg mit dem Ortles.




Das Vintschgau ist’s, in das wir vom Standpunkt unseres Zeichners hinabsehen, das lieblichste Hochthal Deutsch-Tyrols, und der Bergriese, der in glänzender Majestät über die Wolken ragt, der König der deutschen Alpen, die hohe Felsenburg, die Deutschlands Pforten hütet, ist der Ortles. Seine Eiseszinne leuchtet weithin über die blutbethauten Gefilde des Po, über die frischen Grabhügel deutscher Ehre, und um seine Hüften windet sich über das Stilfserjoch zum Land der Wälschen der große Heerweg, um den vor Kurzem noch heißer Kampf tobte.

Ob er ausgetobt hat? – Wem läge die Binde so dicht auf den Augen, daß er nicht die blutigen Saaten sprießen sähe aus den noch rauchenden Schlachtfeldern Lombardiens, wer besäße Stumpfsinn genug, beschriebenen Fetzen Papiers jüngsten Datums mehr Haltbarkeit zuzutrauen, als der Schneide des Schwerts, wessen Köhlerglaube wäre so groß, faules Diplomatenwerk für Sieg des Rechts zu erkennen, wer hätte die Zahl der Meineide, die Größe der Arglist, die Leere der Versprechen, die Falschheit der Betheuerungen, die Grausamkeit der Herrschsucht, die Rücksichtslosigkeit des Ehrgeizes, die Schlechtigkeit der Mittel, die Niedrigkeit der Zwecke vergessen, die jüngst den Vertrag besiegelten, welcher Europa den Frieden wieder geben soll? Solcher Friede ist Danaer-Geschenk. Den Krieg für solchen Frieden! –

Wie oft und wie lange schon ward Ach und Weh über das sonnige Italien ausgeschrieen, daß sie nimmer heile Deutschlands große Schmerzenswunde, wie oft wurde diese lockende Sirene verflucht, daß sie nimmer satt unserer Söhne bestes Herzblut trank! Und doch führt der falsche Wahn immer frische Schaaren in die Arena, doch beginnt das Gladiatorenspiel stets auf’s Neue, und würgen sich die Völker ab um den dürren, dorn’gen Siegeskranz.

Nicht des Ottonen unheilvoller Sieg trägt allein die Schuld, daß seit ihm Italien nie aufgehört hat, die Pandora-Büchse für das Glück unseres Vaterlandes zu sein, der Zwiespalt des Rechts der Nationalität, der Selbstbestimmung, der Vaterlandsliebe mit dem starren kanonischen historischen Recht ist es, es ist der nimmer ermüdende Kampf der Freiheit gegen das usurpirte Recht der Gewalt, es ist die Mißhandlung, die Verachtung des heiligen, angebornen, unveräußerlichen Rechts eines Volkes, welches immer wieder die Schwerter gegen einander führt. So lange nicht die Völker Gerechtigkeit gegen einander üben, so lange nur die Interessen der Dynasten, und nicht das Wohl und die Ehre der Nation das Schwert in die Schale werfen, so lange hinter den Eiswällen des [64] deutschen Ortles kein starkes, einiges deutsches Volk an seinen Grenzen wacht, so lange Haß und Zwietracht die deutschen Bruderstämme auf einander hetzen, so lange noch vielfarbige Grenzbäume die deutschen Gauen trennen und das deutsche Blut nicht unter einem einfarbigen Gewand und in gemeinsamen Pulsschlägen siedet, so lange nicht das eine deutsche Panier von den Grenzmarken unseres Vaterlandes weht, so lange wird in diesen Grenzen kein Glück und Friede wohnen, und wahrlich, so lange wird die Strahlenkrone des Ortles nicht aufhören, in den blutigen Lachen der Völker-Metzeleien sich wiederzuspiegeln.

Wenden wir uns ab von dieser düstern Betrachtung, die die Zeit uns nicht erläßt, und zurück nach den grünen idyllischen Thälern des Ortles, in denen ja der Hirte wieder seine Rinder aufsucht und der Knall des Stutzen wieder nur dem flüchtigen Wilde der Berge gilt. – Unsere Burg, die dem Bild den Namen gibt, liegt über dem Austritt des Matscher Thales in das breite üppige Brachfeld, welches die Etsch durchströmt. Erbaut soll sie vor uralten Zeiten von den Bischöfen von Chur sein. Später saß darauf ein eigenes Geschlecht, welches im Anfang des 14. Jahrhunderts ausstarb; diesem folgten die mächtigen Vögte von Matsch, reich an Gütern im Vintschgau und Engadin, auch Schutzherrn des Stiftes Marienberg, das sie indeß oft mehr bedrängten, als die schlimmsten Feinde. Die Geschichtsschreiber wissen viel von ihren Händeln zu erzählen. Außer der schönen Aussicht, welche die Fenster der Burg gewähren, ist der Waffensaal interessant; auch wird der Reichthum des Archivs gerühmt. Unten, das Thal hinab, sind Glurns und Mals sichtbar. Ersteres ist ein hochbetagtes Städtchen, mitten im Feld, von Mauern umschlossen und blühenden Gärten umgeben. Noch mehr ist der Flecken Mals ein malerisches Durcheinander von hohen Häusern, verfallenen Mauern, römischen Trümmern, mittelalterlichen Thürmen, uralten Kirchen, Kornfeldern, Wiesenmatten, lebendigen Hecken und Obstgärten. Es hat bereits ein italienisches Aussehen und man spricht von großen Reichthümern, die der venetianische Handel dort zusammengetragen. Eine Stunde davon liegt das reiche Benediktinerstift Marienberg. Ein anderer weithin sichtbarer Schmuck des Thales sind die beiden prächtigen Schlösser, die rechts an einem hohen Abhang über einander stehen, die Burgen Botmud und Reichenberg. Sie sind auf den Grundmauern eines großen römischen Kastells erbaut. Wer nach Meran geht, versäume nicht den lohnenden Ausflug nach dem Vintschgau. –

Die Ortlesspitze ist Anfangs dieses Jahrhunderts zum ersten Mal bestiegen worden. Erzherzog Johann hatte eine Belohnung dafür ausgesetzt, und manche der anwohnenden Nachbarn versuchten ihr Glück, beschämt aber kehrten sie jedesmal heim. Erst 1804 am 26. September unternahm ein Passeier Gemsjäger, Bichler, das Josele genannt, das Wagniß mit Erfolg. Mit noch zwei Männern aus dem Zillerthal erreichte er denselben Tag die höchste Spitze des Ortles und langte glücklich im Thal wieder an, wo sie von den bestandenen Schrecknissen genug zu erzählen hatten. Im folgenden Jahr bestieg der Botaniker Gebhard die Spitze dreimal und maß [65] die Höhe auf 12,044 pariser Fuß. „Welch ein Bild der erhabensten Natur!“ ruft Gebhard aus, „hier schwebt das Auge über einem unermeßlichen Sehkreis; freilich keine Aussicht auf Thäler und Ebenen, nur über das Meer der Gebirge, die sich wie erstarrte Wogen übereinander thürmen. Gegen Osten erblickt man die hohen mit Schnee und Eis bedeckten Oelzthäler-, gegen Westen die Graubündtner- und rückwärts liegende Schweizer-Gebirge. Deutlich zeigt sich der Eisstock des Monte-Rosa, und rechts von ihm, in Schleier gehüllt, das ehrwürdige Haupt des Montblanc. Im Süden ziehen sich die scharfspitzigen Fleimser Kalkgebirge in die lombardische Ebene hinab und in der Ferne tauchen die Züge des Apennin in die tiefblauen Spiegel der adriatischen und genuesischen Meere hinab.“

Später, 1826, wurde der Berg vom Geometer Schebecke aus Wien und 1834 von Professor Thuswieser aus Salzburg erstiegen. Die Besteigung gilt, nach der des Monte Rosa, als die schwierigste und gefahrvollste unter den bekannten Alpenhöhen.