Speyer (Meyer’s Universum)
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SPEIER
Jedes Volk hat in dem Lande, in welchem es lebt oder seinen Ursprung sucht, eine heilige Stätte, einen Berg oder eine Au, einen Strom oder eine Stadt, einen Wald oder eine Quelle, um die es den goldenen Reif seiner schönsten Sagen und Geschichten legt. So ist Auge und Herz des deutschen Volks vorzugsweise dem Rheine zugewandt seit uralter Zeit. Der Rheinstrom mit seinen Gauen, Städten, Domen, Burgen und Klöstern bleibt des Deutschen liebste Sehnsucht, vom begeisterten Jüngling bis zum berechnenden Mann und träumenden Greis erkennen Alle in dem mächtigen Schiffeträger die kräftigste Ader des deutschen Lebens, und als ob seine Fluthen an jedes Herz auch in den entferntesten Theilen des Vaterlandes schlügen, hallen die Lieder vom Rhein und seinen Sagen und seinen Reben an den Ufern aller deutschen Ströme wider.
Am Rhein ist unser klassisches Land. Von den Alpen bis zum Meere reiht sich an ihm Stätte an Stätte, die im Verlaufe der Jahrhunderte die Blicke des gesammten Vaterlandes auf sich gezogen haben und deren Namen als Wegsäulen in unserer Geschichte stehen. Dort kämpften die germanischen Stamme ewigen, unversöhnlichen Krieg mit dem römischen Weltreiche, und dort stürmten sie seine Burgen und errangen sie die großen Siege, welche ihnen zu dem Kapitol selbst den Weg bahnten. Dort gründete die deutsche Wissenschaft ihre ältesten Sitze, dort entfaltete sich die deutsche Kunst zur ersten Blüthe, dort hat sie ihre Meisterwerke hingestellt, die noch jetzt die Bewunderung der Völker sind; am Rhein druckte Guttenberg das erste Buch; am Rhein fanden deutsche Gewerbe den fruchtbarsten Boden und verbreitete den Ruf von der Kunstfertigkeit und dem Fleiße der Bewohner über weite Länder; Schiffer und Winzer erfüllten das gesammte Rheinland mit den lockenden und fesselnden Bildern der Rüstigkeit und des Frohsinns; starke und schöne Städte zeugten von Wohlstand und Bildung und in der Mitte der mächtigen und freiheitstolzen Bürger schlugen Kaiser und Fürsten ihre glänzenden Sitze auf. Aber leider! auch die Blätter der Trauer und Unehre in den Jahrbüchern unseres Volks sind bedeckt mit rheinischen Namen. An keiner anderen Grenze des Reiches treten dem Deutschen Merksteine von so schlimmer Bedeutung vor Augen, als in den rheinischen Landen. Hier liegen vor aller Weit die Zeugnisse von der Zerrissenheit der Nation und der Ohnmacht und Schlechtigkeit ihrer Fürsten; hier kündigen die Burgtrümmer auf den Bergen von dem Elend des ungeschützten Volks in den Thälern; hier erzählen die grauen Prachtbauten der Städte von der einstigen Macht des später so schmählich niedergetretenen Bürgerthums; hier sehen wir die von Gott den Völkern durch die Sprache gezogenen Grenzen verwischt, verschoben und zerschnitten, und Hunderte von Schutthaufen und [102] Brandstätten bewahren die Spuren vom Schwerte siegreicher Eroberer, vor denen sich das deutsche Volk, vom eigenen Blute verlassen und verrathen, beugen mußte, und der Rhein gab dem Gipfel deutsch-fürstlicher, volksverrätherischer Niedertracht und Schande – dem Rheinbunde – seinen Namen.
Besonders schmerzliche Gefühle über die Verwahrlosung und Verkümmerung der Nationalehre erregen dem Deutschen zwei Ruinen an den Ufern des Rheins – (Ruinen nennen wir sie im Vergleich ihrer kleinen Gegenwart zu ihrer erhabenen Vergangenheit) – Worms und Speyer: Worms, groß gezogen durch die Gunst der Kaiser, die gern hier lebten, und Speyer, gepflegt vom frommen oder ängstlich gläubigen Sinn der Gekrönten, die sich im Kaiserdom ein Grab bestellt hatten.
Von Worms hat unser Buch bereits Bild und Wort gebracht. Zu der andern Denksäule deutscher Schmach leitet die Stahlplatte, welche uns den einzigen Zeugen vorführt, der von dem großen, blühenden, alten Speyer übrig ist: den Dom. Kaiser Konrad II. legte am 12. Juni 1030 den Grundstein zu diesem Prachtbau, um den Himmel zu versöhnen, der ihn, wegen seiner nahen Verwandtschaft mit seiner Gemahlin Gisela, nach dem sprichwörtlichen Ausdruck des Volksglaubens mit „Sterben und Verderben ohne Erben“ drohen mußte. Konrad und Gisela und ihr Sohn Heinrich III. waren die ersten in der Gruft des Doms, dessen Bau Heinrich IV. vollendete; diesem aber gönnten seine beiden bittersten Feinde im Leben, die Kirche und sein Sohn, erst lange nach seinem Tode die Ruhe in den selbst gebauten Hallen der Verwesung. Mit ihrem Sohn bestatteten sie hier den letzten Salier. Neben ihn legten sie seine treue Bertha, von deren Häuslichkeit und Fleiß noch jetzt das Sprüchwort Kunde gibt: „Die Zeit ist vorbei, wo Bertha spann.“ Aus dem hohenstaufischen Geschlechte wurden die Kaiserin Beatrix, des Rothbarts Gemahlin, und Philipp von Schwaben hier bestattet; zu ihren Särgen reiheten sich der Rudolfs von Habsburg, der seines Sohnes Albrecht und endlich jener Adolfs von Nassau.
Man wartet die Ruhestätte großer Todten mit Liebe und Sorgfalt und umgibt sie gern mit dem Glanz, welchen Kunst und Reichthum verleihen können. Die Früchte dieser Pietät der Kaiser und des Reichs gegen die dahingegangenen Herrscher kamen der kaiserlichen Todtenstadt zu Gute und erfüllten sie mit Leben und Gedeihen. Das freie Speyer wurde groß und schön und stark, feste Mauern schirmten die stattlichen Wohnungen und tapfere Bürger trotzten jedem Feinde. Lag doch schon im Jahre 1129 Kaiser Lothar mit seiner Heeresmacht vergeblich vor seinen Wällen! Und noch zwei Jahrhunderte später gelang es weder den Raubrittern der Nachbarschaft, noch dem Verrathe der Patrizier, den Muth der wachsamen Bürger zu brechen, ja selbst der noch mächtiger, Feind, welcher in den verrätherischen Bischöfen Adolf und Rabanus gegen sie aufstand, zerstob vor den wohlgerüsteten Vertheidigern der reichsstädtischen Freiheit. Die Zeit vollster Blüthe und höchsten Glanzes genoß Speyer im Verlaufe des sechzehnten Jahrhunderts : es wurde Sitz des Reichskammergerichts (1513) und sah den Reichstag von 1529, welcher den Protestanten ihren Namen gab, innerhalb seiner Mauern. Mit dem siebenzehnten Jahrhundert beginnt das Sinken der Stadt. Der dreißigjährige Krieg beschleunigte ihren Verfall, indem [103] er sie abwechselnd den Schweden und den Kaiserlichen, und endlich 1644 den Franzosen unter die Füße warf, und das Ende des Jahrhunderts zeigte dem Wanderer auf der Stätte, wo einst Speyer stand, einen von Mauertrümmern umgebenen Schutthaufen, aus welchen als einziges Denkmal aus den Tagen ihrer Pracht und Größe der Kaiserdom emporragte.
Es war ein schweres Gericht über die Stadt ergangen; mit der ganzen Pfalz büßte sie für die Sünden des im westphälischen Frieden von seinen Fürsten für immer zerrissenen Kaiserreichs.
Im Frühling des Jahres 1689, an einen, Maitage, hatte des alten Speyer letzte Stunde geschlagen. Ludwigs XIV. Söldlinge, die im Jahre zuvor Herren der Stadt geworden waren, sahen sich genöthigt, dem endlich herbeiziehenden Heere des Kaisers und seiner Verbündeten das Feld zu räumen. Vor ihrem Abzuge fügten sie zu den Titeln ihres „großen“ Königs den eines gekrönten Mordbrenners. Nachdem sie die Befestigungswerke der Erde gleich gemacht, alles Werthvolle, die Archive und Gerichtsakten sogar, davon geschleppt und die Bürger geplündert hatten, gingen sie an die Zerstörung der ganzen Stadt. Unter das Thier war im Wüthen und im Verwüstungseifer die Soldateska gesunken! Am Dome wurde bis auf das unerreichbare Mauerwerk alle Pracht vernichtet, man drang in die Gruft, riß die Särge an das Tageslicht, beraubte die Leichen ihres Schmucks, warf die Gebeine umher und schob mit den Köpfen der deutschen Kaiser Kegel! Da rollten die Schädel von Mann und Weib, von Vater und Sohn, von Freund und Feind, und nur Einen hat man später wieder erkannt – den Schädel des Königs Albrecht – an dem Schwerthieb, an welchem er in des Bettelweibes Schooß gestorben war. Als die Franzosen sich an diesem weltgeschichtlichen Kegelschub sattsam ergötzt hatten, steckten sie die Stadt an allen Ecken in Brand. Ueber das einst so herrliche Speyer schien der jüngste Tag hereingebrochen zu seyn. Ja, es war der Wille des Franzosenkönigs, daß eine Wüste seine Stätte bezeichnen solle, denn die Bewohner, welche ihr Leben aus Brand und Mord gerettet hatten, sollten, so wollte es Ludwig XIV., sich auf französischem Gebiete niederlassen und dafür der monarchischen Großmuth ein Jahr lang Unterhalt und die folgenden zehn Jahre Abgabenfreiheit zu danken haben. – Die treuen Speyerer wandten aber der königlichen Gnade ihres Henkers den Rücken, sie wanderten am Bettelstab zurück an den Ort, wo ihre Paläste gestanden hatten und bauten um den alten Dom eine neue Stadt an. Der Baum ihres Glücks war jedoch an der Wurzel beschädigt. Speyer hat sich nie wieder erhoben. Wo einst die mächtige freie Reichsstadt ihr gefürchtetes und geachtetes Banner erhob, belehren uns seit 1815 blauundweiße Schlagbäume und Wappen, daß man vor einem bayerischen Orte steht, und sein Titel „Kreishauptstadt“ höhnt gleichsam die alte Herrlichkeit.
Das Schicksal Speyers und die Verwüstung der Pfalz ist seit zwei Jahrhunderten das offizielle Thema, um Franzosenhaß und Franzosenfresserei im deutschen Volke zu unterhalten, und noch 1840 mußte der gute Michel das freie Rheinlied singen, als die erschrockenen Vierunddreißig hinter seinem breiten Rücken Sicherheit suchten. Das ist nun hoffentlich auch vorbei für immer. Der Deutsche weiß jetzt, daß er nicht erst von den Franzosen [104] geschlagen wurde, sondern daß er längst von seinem Kaiser und seinen Fürsten geschlagen war; er weiß, daß die todten Kaiser schutzlos dem Feinde in die frevelnden Hände fielen, weil der lebende Kaiser und seine Lehnsleute das Reich dem Feinde gegenüber schutzlos gelassen hatten; er weiß, daß Deutschland dem Verrath seiner Fürsten alle Schmach und allen Schaden dankt; er weiß endlich, daß es die größte Dummheit der Völker war, sich zum Ruhm und Gedeihen einzelner Dynastenstämme gegenseitig zu zerfleischen, und achtet nur noch ein Wappen: das der Freiheit und Ehre der Nationen! Völker, welche dieses Wappen in ihrer Fahne führen, geizen nicht nach Schlachtenruhm und nähren nicht Eroberungsgelüste, Mittel, durch welche nur Einzelne, nur Herrscherfamilien, nimmermehr Völker groß und glücklich werden. Alle gesitteten Völker haben ein Ziel und zwischen sich und diesem Ziele einen gemeinsamen Feind: ihre Eintracht ist ihres Feindes Verderben, und dieser Feind, er ist den Mächten des Unterreichs, seiner Heimath, langst verfehmt; – hingegeben ist er den Rachegeistern und nicht Heere, noch diplomatische Arglist können ihn vor dem Verderben schirmen, noch eine geweihte Stätte ihm ein Asyl gewähren. Der Geist der Vergeltung ist zürnend in die Geschichte getreten – und dieser Geist ist kein säumiger. Die Ladung ist geschehen; das Urtheil schwebt wie das Damoklesschwert über seinem Haupte. Bald wird’s vollzogen seyn und dann wird’s heißen: „sein Daseyn war der Duell alles Bösen auf der Erde, aber vergangen ist’s und verflucht sey es auf ewig!“ – Nein, jener unnatürliche Zwiespalt, der vom Erbfeinde der Nationen Jahrtausende lang künstlich genährt wurde, und den er voller Arglist auch jetzt neu entzünden möchte, findet keine Nahrung mehr, – die Völker sind Brüder; sie hegen keinen Haß, keinen Neid gegen einander; sie geben sich willig jenen Gefühlen hin, die in jeder Menschenbrust laut zu Gunsten jedes Bedrängten sprechen, und wo ein Volk sich frei macht von seinen Drängern, da wird’s begrüßt von der Akklamation der ganzen gesitteten Welt, es empfängt den Bruderkuß von allen andern.
Darum blicken auch jetzt wir Deutsche ohne Rachegedanken von dem zerstörten Speyer nach Frankreich hinüber, dessen edles Volk hundert Jahre nach der Verwüstung der Pfalz durch die Vertreibung seiner Könige bewiesen hat, wie tief es deren Thaten verachtete. Mit den Gebeinen der deutschen Kaiser hatten französische Soldknechte Kegel geschoben; die Gebeine jenes Ludwigs XIV. aber riß das französische Volk aus der Gruft von St. Denis und warf sie in eine Kalkgrube. So schreibt das Volk seine Noten zu den Lügen der Hof-Historiographen. – Fürstengräber können nie Altäre für die Nationen seyn; denn aus ihnen weht der böse Geist, der die Lebendigen erfüllt hat. Ueber dem Sarge Friedrichs II. von Preußen schwuren sich Napoleon von Frankreich und Alexander von Rußland ewige Treue, und – sie brachen den Eid. Wenn aber Deutschlands und Frankreichs Nationen sich jetzt die Hände über dem Altare der Humanität und Freiheit reichen, – so wird aus ihrer Vereinigung ein Völkerbund erwachsen, die stärkste Bürgschaft für das Glück und den Frieden des Welttheils.