St. Cloud

DCXXIII. „Maria zum Schnee“ auf dem Rigi in der Schweiz Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band (1850) von Joseph Meyer
DCXXIV. St. Cloud
DCXXV. Wittenberg
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ST CLOUD bei PARIS

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DCXXIV. St. Cloud.




Welch ein Bild der erhabene Mensch! Verweile betrachtend,
     Mit dem Blid des Gemüths schaue bewundernd ihn an.
Sieh’! er kämpfet die Kämpfe der Leidenschaft, bändigt die Stürme
     Jedes mächtigen Triebs, jedes empörten Gefühls.
Nicht beugt den Helden die Last der aufgebürdeten Leiden,
     Selbst nicht der spottende Blick, selbst nicht das Lachen des Hohns,
Alles erträgt er mit würdiger Kraft und mit Adel der Seele;
     Wenn die Welt ihn verläßt – stützt er sich sich auf sich selbst! – –


In der Idee von Gott geht alles Erhabene auf; in der Idee des Unendlichen versinkt alle menschliche Größe. Klein und ohnmächtig sehen wir uns der Allmacht gegenüber; doch hat ein solches Erkennen nichts Niederdrückendes: wir fühlen uns vielmehr aufgerichtet durch die Fähigkeit, das Unendliche denken und Gottes Größe fassen zu können in seinen Werken. Also entsteht das Gefühl des Erhabenen, jene Empfindung, vor der sich Alles in Höhe und Tiefe, in Himmlisches und Irdisches scheidet. – Die sichtbare Ordnung in dem unermeßlichen Weltgebäude, die Bahnen, welche die Trabanten der Sonne in der Wüste des Aethers beschreiten, der Sternenhimmel als Bürge unserer Unsterblichkeit, – alle diese erhabenen Gegenstände betrachten wir mit einem unaussprechlichem Vergnügen, dessen die Seele nicht satt werden kann. Wir empfinden über jede Erscheinung des Allgewaltigen und Allweisen ein Entzücken, vor dem das Mißvergnügen über unsere eigene Kleinheit und Schwäche verschwindet.

Wie in der Natur, so ist’s in der sittlichen Welt. Ein wahrhaft großer Mensch, in welchem der göttliche Funke ausgeprägt ist durch Genie und Tugend zum Heros, füllt unsere Seele mit Schauern der Verehrung, der Freude und des Stolzes. Das Gefühl der eigenen Winzigkeit, solchen Menschen gegenüber, hat nichts Entmuthigendes; vielmehr weckt es ein Hochgefühl; denn in dem Gegenstand unserer Bewunderung sehen wir doch immer [50] die Gestalt eines Menschen; wir sehen gleichsam unser Ideal verwirklicht. Wir blicken hinan zu dem hohen Sterblichen und messen den Abstand, und so groß er ist, so finden wir ihn doch endlich und innerhalb der Erreichbarkeit menschlicher Fähigkeit. Wir sehen gleichsam einen Vermittler zwischen Gott und dem Göttlichen in uns; er ist die Kerze, an der sich edle Gedanken entzünden; er gibt uns das Licht zur Orientirung in einer Welt von neuen Begriffen; er ist der Wecker hoher Gesinnung und steht als glänzendes Vorbild, würdig der Nacheiferung, vor unserer Seele. Ja, auf ganze Völker übt ein solcher Mensch oft einen fast überirdischen Einfluß. Er wird im Volksbegriff zum mythischen Wesen, und die Bewunderung und Verehrung steigern sich zum Kultus. Der Glaube, daß ein Heros dieser Art wirklich göttlicher Natur sey, oder doch unter Gottes unmittelbarem und speziellem Schutze handele, daß Alles, was er thue, vortrefflich sey, vollkommen und beseligend, erfaßt oft Millionen und wird unaustilgbar. Die Völker sagen von ihm: Er will, und es wird; er gebeut, und es steht da! Und ein solcher Mensch, der getragen wird von einem solchen Glauben, der kann auch das Größte wagen, und es wird gelingen; der kann Wunder thun wollen, – und Wunder werden geschehen. – Ein solcher Himmelsgeist: –

„Der aufwärts steigt,
Der über die Gedanken
Gebückter Seelen geht,“

kennt aber auch stets seine Kraft und seine Regionen. Aus diesen herab wirkt er gewaltig, erleuchtend, befruchtend, bildend, beherrschend auf die Tiefe. Während der niedere Mensch immer nur Kleines denkt und strebt; während dieser mit den größten Mitteln nur wenig wirkt oder nichts: schafft der große Mensch Wunder mit der bloßen Idee und richtet mit Wenigem Unglaubliches aus.

Die fernsten Ziele sieht er nahe liegen,
Die kleinen Menschen unerreichbar scheinen;
Er schwingt sich auf, den Himmel zu erfliegen,
Er taucht hinab im Brunn der Morgenröthe,
Er schiffet mit der Wolken Sturmesflug,
Und Menschen, Geister und Dämonen sind
Die Diener seines Genius. Die Zukunft
Liegt aufgerollt vor seinem Adlerblick,
Und nach des großen Weltenordners Vorbild
Bringt er Gestalt und Regel in das Chaos. –

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Doch am erhabensten und größten ist der Held,
Wenn Stürme heulen über seine Schopfung,
Wenn unter seinem Bau der Abgrund bebt;
Wenn die gewalt’ge Hand des Schicksals ihn
Im Nu vom Gipfel in die Tiefe schleudert.
Dann zeigt der große Mensch sich wahrhaft als
Ein Wesen, angehörend höh’rer Ordnung;
Er richtet größer sich vom Sturze auf,
Und herrlicher denn früher steigt empor
Sein Werk zu seinem Ruhm und Gottes Ehre.

Es gibt aber auch große Menschen anderer Art, deren Größe sich als ein Dualismus darstellt; neben der Ehrfurcht flößen sie Schrecken ein. Diese sind weit häufiger, als jene hohen Gestalten, welche wie Sendlinge Gottes von Zeit zu Zeit über die Erde wandeln, und deren Wirken im Gedächtniß der Menschen in Verehrung und Liebe fortlebt. Wie die hoch aufstrebenden und drohend überhängenden Wände einer Felsschlucht, wie die Vulkane in ihrer zerstörenden Herrlichkeit, wie die Stürme in ihrer verwüstenden Kraft, wie der Strudel, der Schiffe verschlingt, wie die Brunst, welche Städte verheert, Bewunderung und Schrecken zugleich einflößen, so jene Menschen, in deren Seele das Göttliche mit dem Dämonischen streitet und diesen Kampf offenbart in ihrem irdischen Wirken. Die Kriegshelden und Eroberer, welche seit 6 Jahrtausenden durch die Geschichte gehen, gehören fast ohne Ausnahme in diese Kathegorie. Ein Alexander, ein Cäsar, ein Karl der Große werden zwar immer Ehrfurcht erregen durch ihre geistige Größe; aber in die Bewunderung ihrer Thaten mengt sich der Schrecken. Man betrachtet sie mit dem Wohlgefallen, mit dem man das stürmende Meer betrachtet, das Wellen auf Wellen thürmt und die Gestade zittern macht. Man hat Lust an dem Ungeheuern ihrer Kraft und man findet einen Genuß in der Erschütterung der Seele, die sie hervorbringt: aber von der Freude und Seligkeit, mit denen wir jene makellosen Auserwählten Gottes betrachten, geben sie keine Ahnung.

Der jüngste in der glänzenden Reihe der Helden und Eroberer war der kleine Mann, welcher vor einem Menschenalter in diesem Garten wandelte und da so oft die Loose warf über das Schicksal von Reichen und Völkern. – St. Cloud und Napoleon sind so unzertrennliche Begriffe, wie Olymp und Zeus. Napoleon war damals auf dem Gipfel seiner Macht. Von St. Cloud aus herrschte der Imperator im Styl des alten Roms; hier entwarf er die großen Pläne für die Verherrlichung Frankreichs und für die Unterjochung der Welt. Auf den einsamen Gängen im Park v. St. Cloud war es, wo er die Ruhe fand zu den Betrachtungen des Philosophen, [52] Gesetzgebers und für jene Werke der tiefen Staatsweisheit, welche sein Haupt noch mit Glanz umgeben werden, wenn alle seine Triumphbögen und Siegessäulen von der Erde verschwunden sind. Von St. Cloud datiren jene Dekrete, welche die Staats-Verwaltung gänzlich neugestalteten und ihren Getrieben jene einfache Konstruktion gaben, die nie übertroffen werden kann; – in St. Cloud ordnete er, nach Aussöhnung mit dem Papste, die Verhältnisse der Kirche und machte aus ihr, der Widerstrebenden, die Dienerin seiner Macht und das stärkste, mächtigste Werkzeug seines Willens; von St. Cloud aus regelte er die Erziehung des Volks, freilich als Kaiser und Herr, nicht als des Volkes Freund; nicht zum Dienste der Humanität, sondern zum Dienste der Selbstsucht; nicht zur Freiheit, sondern zur Sklaverei: – zur Heranbildung eines Geschlechts, das gehorchte aus Gewohnheit und des Bürgers Würde und Selbstbewußtseyn kaum dem Namen nach kannte. – Von St. Cloud aus ordnete er auch die Rechtspflege seines weiten Reichs. Er gab ihr Gravität und Würde zurück, stellte den Richterstand auf den Kothurn, und indem er dem Prozeßgang Festigkeit, Einfachheit, Schnelligkeit und Wohlfeilheit verlieh, wurde er der Wohlthäter des Reichs, das ihm gehorchte. Damit aber die Unabhängigkeit der Richter nicht ein drückendes Band werde für seinen Despotismus, so schuf er gleichzeitig jene furchtbare Polizeigewalt, die alle Fäden des öffentlichen Lebens in ihrer Hand hielt und, seines Winkes gewärtig, stets bereit war, den imperatorischen Willen in den fernsten Winkeln seines Reiches zur That zu machen. Wie ein Netz breitete Napoleon sein Polizeisystem über das Land, und ein Stern von Telegraphenlinien, welche in St. Cloud ihren Mittelpunkt hatten, gab seinen Befehlen die Aktion des Blitzes. – Auch das Beamtensystem reformirte er völlig, und durch konsequente Abstufung und Centralisation machte er die Staatsdienerschaft zu willenlosen und zuverlässigen Vollstreckern seiner Befehle. – Eben so wandelte er die Finanzwirthschaft ganz um; sie war ein Chaos geworden; er vereinfachte sie und ordnete sie. Napoleon wirthschaftete mit dem Volksvermögen wie ein sparsamer Haushalter, und mit einem Budget, das kaum ein Drittel der Summe erreichte, welche der König des Friedens, Philipp von Orleans, durch sein Regiment verschlang, schuf der große Mann sich die Mittel, den halben Welttheil zu erobern, und gleichzeitig jene Werke des öffentlichen Wohls zu bauen, welche Mit- und Nachwelt anstaunen. Aber so haushälterisch er mit dem Gelde seiner Völker umging, so verschwenderisch war er mit ihrem Blute. Napoleon nahm davon, so viel ihm gelüstete, und so viel seine Pläne forderten mußte ihm gegeben werden. Seine Dekrete aus St. Cloud vollendeten das Conscriptionssystem, und nie hat die Erde ein wirksameres Instrument für den Krieg gesehen, als dieses. Die Blüthe der Nation gehörte den Schlachtfeldern. Sie zog, von dem Geiste des Ruhms voll bis zur Trunkenheit, in die fernen Länder, wo Sieg und Tod ihrer harrten, wie zum Tanze. Die ganze Summe dieses Wirkens verlieh aber seinem Reiche eine Staatseinheit, stärker als jemals von einem Monarchen eine erdacht worden war. Fortan ward für Napoleon das Werk [53] der Eroberung leichter. Manche harrten des Angriffs nicht und taumelten ihm von selbst in den Rachen; Andere überwand die List; die Starken aber warf er nieder in einer Reihe von Schlachten, und vor seinem Schwert und seinem Genie zerstob aller Widerstand wie leere Spreu. Bald gab es nichts mehr zu überwinden auf dem Continente des Welttheils; die Nationen lagen gefesselt, und Karls des Großen Reich war wieder neu geworden! Von den dalmatischen Küsten bis zu den Pyrenäen, und von der Ostsee bis zu Neapels Golf herrschte Napoleons Hand mit unumschränkterer Gewalt, als je ein Fürst des Alterthums geübt. Seine Völker waren willenlose Werkzeuge; seine Bundesgenossen trugen das Zeichen der Dienstbarkeit, und als Preis dafür, daß die Fürsten die Unabhängigkeit dem fremden Joch hingegeben, wurde ihnen nachgelassen, Tyrannei zu spielen mit ihren eigenen Völkern. Und sie, die aus den Händen des Gewaltigen Krone und Szepter hingenommen als Kaufpreis der Unterwürfigkeit, gingen nun zu Hof in St. Cloud und nahmen die Erniedrigung und den Hohn freiwillig in den Kauf, als hätten sie am vollen Maß ihrer Schmach noch nicht genug! Wer da nachschlagen möchte in dem Tagebuch dieses Schlosses, in welchem die schmutzigsten Blätter deutscher Regentengeschichten eingebunden sind! wer jetzt noch erzählen möchte, wie sich damals die neuen Souveräne, angethan mit den Lappen, die der Mann der Insel ihnen aus dem zerrissenen Reichsmantel zugeworfen hatte, sich in den Vorzimmern des Imperators geberdeten und wie dieser sie behandelte! Wie ein persischer Gesandter einst ein Vierteldutzend deutsche Hoheiten für Kammerdiener ansah und ein anderes Mal der Leib-Mameluck einen König fortbeschied mit den Worten: „Der Kaiser befiehlt, daß der wartende deutsche Herr morgen wieder zufrage; morgen; morgen früh eilf Uhr!“ – Wir Alten haben ja diese Zeit der Schmach selbst durchgelebt und erinnern uns Alle noch der Rollen, welche deutsche Dynastengeschlechter damals gespielt haben. Ja, wir werden es nie vergessen, wer dem Corsen die Stücke der zerbrochenen Kaiserkrone abgehandelt hat und womit man sie bezahlte! Wir werden es nie vergessen, wer die waren, die in den deutschen Ländern vom Mechanismus des Kaiserreichs so viel einführten, als nur möglich war; wie sie durch die Conscription das deutsche Volk blutzehnteten, um dem fremden Moloch Opfer zu bringen und um ein eisernes Band über alle treibenden Volkskräfte zu schlagen; wie sie den unbedingten Gehorsam zur Militärehre ausprägten und die Heere selber zu Institutionen der unbeschränkten Fürstengewalt erniedrigten; wie sie die Beamtenschaft dressirten zu einem zweiten Friedensheere, den Staatsdiener in Uniform steckten, ihn militärisch disciplinirten und, ihn gliedernd von Staffel zu Staffel und Rang zu Rang, daran gewöhnten, im Fürstenwillen die einzige Quelle seines Sollens zu suchen; wie Alles, was dem System des Despotismus hindernd entgegentrat – die Tradition von Stammes Art und Sitte, das örtliche und provinzielle Recht, die Freiheiten und Privilegien von Ständen und Körperschaften, die Macht des Herkommens und der Gewohnheit, der Stolz selbstständiger und unabhängiger Gesinnung, - bekämpft wurde fort [54] und fort, damit man ausrotte alle Kraft des Widerstands; wie endlich alles Regieren darauf hinausgegangen war, die Massen zu conglomeriren in ein Ganzes, dem man den Gehorsam als Lebensprinzip einimpfte und unter dessen Herrschaft die Staatsbürger nur als Ziffern und Zahlen nach der Höhe des Ertrags galten! Damals war es, wo, um zugleich dem fremden Dienstherrn und der eigenen Hoffahrt zu genügen, die deutschen Regierungen jenes Pump- und Saugwerk an alle produktiven Kräfte der Nation legten, auszuziehen das Mark aus Bürger und Bauer und die Verarmung in die Massen zu verbreiten, welche endlich nichts übrig lassen wird, als – Reiche und Dürftige. Damit aber ja keine einzige Quelle verborgen bliebe, aus der ein Tropfen zu schöpfen sey, und auch keine Regung des Volkslebens unbewacht und unbeachtet: so wurde zu allem andern Bösen auch noch jene horchende, spähende, schleichende Macht eingeführt, welche den Argwohn auf die Stufen der Throne setzte und den Fürsten wie das böse Gewissen nachging. O schmachvolle, unvergeßliche Zeit! Deutschland war verurtheilt, doppelte Ketten zu tragen: dle des fremden Oberherrn, und die von den eigenen Fürsten, welche ihrerseits vor keinem Sklavendienst errötheten. In den Schlössern der Souveraine räucherte man dem fremden Herrn, golden glänzte sein Name in den deutschen Kalendern, und seine Geburts- und Namenstage wurden der Nation von ihren Regierungen als Freudenfeste empfohlen! War es da ein Wunder, daß alles Ehrgefühl und alles nationale Bewußtseyn getödtet und jeglicher Sinn für bürgerliche Freiheit und Selbstständigkeit bis zur Wurzel zerfressen wurde? Die Legende: „Empire francais,“ ging quer über die Karte Deutschlands hin bis zur Ostsee, und die Pulsadern des deutschen Lebens unterbanden französische Präfekten. Nur das Eine theilten damals die Fürsten mit den Völkern: die Erniedrigung. Dieses Loos traf jedoch Deutschland nicht allein. Weit über seine Grenzen hinaus reichte die Fluth, bis an die Säulen des Herkules ging sie, und alle Nationen und Fürsten des europäischen Continents beugten ihr Haupt vor dem Adler, der in St. Cloud horstete.

Und in St. Cloud war es, wo ein Federzug und ein Moment das zwanzigjährige Riesenwerk vernichteten. Die Urkunde seiner zweiten Abdankung hat Napoleon in St. Cloud unterzeichnet. Verrathen, gefangen, angeschmiedet an den einsamen Felsen des Ozeans verwandelte sich nun der Heros in den Seher, und von den Lippen des Sterbenden trugen die Wogen jene Weissagungen in die alte Welt, welche eingetroffen sind bis zur heutigen Stunde.


St. Cloud hat noch manches interessante Blatt in seiner Chronik. Hier unterzeichnete Carl X. im Juli 1830 jene Ordonnanzen, welche die schlafende Revolution aus ihrem Grabe riefen und ihre Geister aus der [55] Tiefe. Von St. Cloud floh der Thronerbe aus Frankreich, Heinrich V., und ist seitdem der fahrende Ritter der Restauration. Die Republik öffnete Schloß, Park und Gärten dem Volke – und das Volk, einem Kinde gleich, lacht und scherzt jetzt da, wo die Pläne gemacht wurden, welche die Welt mit Blut und Thränen füllten.


Der Palast von St. Cloud steht am Seine-Ufer, zwei Stunden unterhalb Paris, malerisch auf einem Hügel, umgeben von den prächtigen Parkanlagen, welche die Gelände und Anhöhen über eine Stunde weit bedecken. Es war in alter Zeit ein Kloster, das der Enkel Clodowichs, Clodoald, gründete, der auch in demselben starb. Später wurde ein königliches Jagdhaus daraus und Ludwig XIV. baute das heutige Schloß. Es besteht aus einem Hauptgebäude und zwei Pavillons und imponirt weniger durch seine Größe, als durch die Harmonie der Verhältnisse und den Reichthum seines äußern Schmucks. Die innere Ausstattung trägt den großen Charakter Napoleons. Sie ist einfach und edel. Der Kaiser verschmähete es, den kleinlichen Flitter der Macht zur Schau zu tragen. Aber die herrlichsten Werke der Kunst, – Trophäen seiner Eroberungen und Siege, – machten St. Cloud zu einer Villa Hadriana. Zwar ist Manches verschwunden; aber zum Bewundern ist genug übrig geblieben. Die einstigen Wohnungen des Kaisers haben theilweise noch ihre ursprüngliche Einrichtung und Ausstattung. Die Lilien, welche die Adler während der Restauration verdrängt hatten, sind abgefallen; die Embleme der Macht und des Ruhms sind seit der Revolution überall an ihren Platz zurückgekehrt. Das Volk freut sich dieser Zeichen. Sie sind eine Hinterlassenschaft seines Ruhms; an ihnen spinnt der Volksgeist den Faden fort, der dem Gestorbenen entfallen ist, und es hofft von der Zukunft, daß sie vollende, was er begonnen.

Die Gärten des Palastes sind von Le Notre angelegt. Sie wurden stets auf das sorgfältigste erhalten. Bassins, Wasserkünste, Statuen von Marmor und Erz, hohe Taxuswände und Blumenparterres geben dasselbe Bild, welches ich unter der Ueberschrift „Versailles“ schon einmal ausführlich schilderte. Die Prachtpartie ist die Caskade, der Gegenstand des vortrefflich ausgeführten Stahlstichs. Die Wassermasse steigt in Absätzen aus einer Höhe von 108 Fuß in das große Bassin hinab, aus dessen Tiefe mächtige Wasserstrahlen 100 Fuß hoch in die Lüfte steigen. Das Ganze verhält sich freilich gegen die großen Werke der Natur, z. B. gegen den Rheinfall bei Schaffhausen, wie ein Feuerberg auf dem Theater gegen den speienden Aetna, – und die Löwen, Hyänen, Schlangen und Seeungeheuer, die sich einander die Wasser in’s Gesicht speien, mahnen an die Träume eines Wahnsinnigen. Nur im Frühjahr und Herbst haben die Werke volles Wasser; dann aber strömt die [56] Bevölkerung von Paris jeden Sonntag hinaus, und Park und Garten werden Lustlager, wo sich Alles findet, selbst das Elend, jedoch im Kleide des Vergnügens. Die Armuth ist vergoldet, das Unglück lächelt, das Volk ist froh. Es wandelt durch die Salons des Palastes, es denkt an Wien, Berlin und Moskau; es kämpft die zahllosen Siege seines Heros noch einmal: es schlürft Glorie in vollen Zügen. Geht es dann berauscht zu Hause, so spottet es des Betrügers im Elisée, der das Kaiserhütchen als Schellenkappe trägt und ein Kartenhaus baut, um sich vor dem Sturme zu schützen. „Wer stellt Leimruthen für den Adler“! – ruft es; „Wer will den Löwen in der Mausefalle fangen?“