Wittenberg (Meyer’s Universum)

DCXXIV. St. Cloud Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band (1850) von Joseph Meyer
DCXXV. Wittenberg
DCXXVI. Autun in Frankreich
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WITTENBERG an der ELBE

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DCXXV. Wittenberg.




Dort drüben, lieber Leser, wo das schlanke Thurmpaar über das Dach des Gotteshauses schaut, ist eine heilige Stätte des deutschen Landes. Dort lehrte Luther, dort liegt er begraben. Gottes Friede über die Asche des Apostels und des Helden!

Wenn ich sein gedenke, dann möchte ich niedersinken und zum Himmel rufen: „Komm’ herab und rette!“ Wenn ein Luther sein Volk um die heilige Fahne rief, wie schnell würde die Kraft von der Gewalt fallen! wie würden die Wechsler von ihren Tischen fliehen! wie würden die Throne erbeben, wie würden die Mächte des Widerstands verschwinden und in welcher Herrlichkeit wurde dann erstehen ein Bau der Freiheit, des Friedens und der Ordnung! – Kein Luther da? fragt das Schicksal umher im Volke, in den Heerlagern, in den Parlamenten, in den Gerichten, in den Rathsstuben der Fürsten, unter den Fürsten selber; es fragt in den Palästen, es fragt in den Hütten; es klopft an die Thüre des Glücks, es winkt dem Unglück: aber stumm bleibt’s überall, oder es werden ihm lose Reden. – Nur das Eine ist noch zu fragen – das Eine, was noch nicht da ist, aber kommen wird: das Chaos. – – – –

[57] „Fortbildung ist das Gebot für alles Erschaffene“. – Die Sonne geht auf und unter und die Sterne versinken und kommen wieder, und die Sphären haben ihren Zirkeltanz; aber sie kommen nie so wieder, wie sie verschwanden, denn in den leuchtenden Quellen des Lebens selbst ist Leben und Fortbildung. Jede Stunde, von ihnen herbeigeführt, jeder Morgen und jeder Abend sinkt mit neuem Gedeihen herab auf die Welt; neues Leben und neue Liebe entträufeln den Sternen, wie die Thautropfen den Wolken, und umfangen die Erde kräftigend, wie die Nacht die Natur, wie der Schlaf die Menschen.

Weil aller Tod Geburt ist, so muß auch schon im Sterben sichtbar werden die Erhöhung des Lebens. Nicht der Tod tödtet, sondern das lebendige Leben, welches, hinter dem alten verborgen, nach diesem beginnt. Darum ist jede Geburt blos das Ringen des Lebens mit sich selbst zu höherer Vollkommenheit. Daß die Natur ein Leben durch den Tod vernichten könne, – ein solcher Gedanke streitet gegen die Vernunft, er widerspricht aller Erfahrung, aller Beobachtung, aller Forschung, er ist unverträglich mit den unabänderlichen Naturgesetzen, er ist der Gedanke des Unmöglichen.

Aber nicht blos das geistige Selbst jedes Menschen, die Seele, ist unsterblich, auch die irdische Wirksamkeit des innern, unsichtbaren Lebens kann keine Zeit, kein Tod vernichten, sofern dieses Wirken selbst des Lebens nicht entbehrte. Indem es die Zeit verwischen will, frischt sie es auf; und während es zu sterben scheint, zieht es in ein höheres, entwickelteres Leben ein. Was einmal eingetreten ist in den Kreis der Entwickelung, dem klebt auch die Ewigkeit an. Wären Tod und Vernichtung gleichbedeutend, so wäre ja das ganze Weltleben endlich, es wäre ein langer Akt des Sterbens und der Kreis der Schöpfung wäre ein geschlossener. Jeder Blick in dieselbe beweist aber das Gegentheil: Leben, Fortentwickelung, Ewigkeit stellen überall sich als unzertrennliche Begriffe dar.

Die Vergangenheit hat die Gegenwart geboren, und diese ist die Mutter der Zukunft. So zeugt die Vergänglichkeit der Zeit ebenfalls nur für die Unvergänglichkeit! Die Vernichtung trifft nicht einmal die Form; denn alle Form ist nur der Vorhang gleichsam, durch den eine unendlich vollkommnere Form verborgen wird, und der Keim, aus der sich diese entwickeln soll.

Was der Mensch auf Erden lebendig schafft und wirkt, hat ebenfalls Anspruch auf Unvergänglichkeit.

Es ist der erhabenste, der allerstolzeste, der allerbegeisterndste Gedanke, daß Jeder, welcher die große Aufgabe übernimmt, seine Brüder und Schwestern weiser und glücklicher zu machen, auch auf Erden ewig fortwirke; [58] daß also auch seines Daseyns Spur auf Erden nie aufhören wird. Sey Apostel der Tugend durch Beispiel und Wort; sey Apostel der Wahrheit und der Freiheit; bekämpfe das Schlechte furchtlos; führe rastlos Krieg gegen Tyrannei und Unterdrückung: der Tod kann dein Werk nicht abbrechen; denn jede lebendige That trägt die Fortdauer in sich und keine Zeit stellt ihrer Entwickelung Grenzen. Jeder große und tüchtige Mensch, welcher für die heiligen Interessen der Menschheit und für die Elemente der Gesittung streitet und wirkt, hat mit der Uebernahme seiner hohen Aufgabe die Ewigkeit an sich gerissen. Er hebt sein Haupt kühn empor gegen die finstern Gewalten, die ihm entgegen treten, er stellt sich vor seine giftigen, dräuenden Widersacher ruhigen Auges und spricht: Ich bin ewig und ich trotze eurer Macht! Brecht Alle los gegen mich, ruft die Hölle zu eurem Beistand herauf, schäumt und tobt, hebt Schwert und Strang gegen mich und zermalmt in eurer Wuth meinen Körper zu Sonnenstäubchen: mein Wille allein mit seinen festen Vorsätzen wird kühn und kalt über euere Leidenschaften schweben und euern Zorn belächeln: denn ich streite unter den Augen Gottes, und je mehr ihr mich verfolgt, um so herrlicher ist mein Sieg. Mein Wirken ist dauernder, als ihr, denn es ist ewig.“ – So spricht er, und er weist auf Christus, den armen Zimmermannssohn, den sie vor 1800 Jahren als Rebellen an’s Kreuz genagelt haben.

„Im Martertod hat er’s vollbracht,
Das Kreuz hat ihn zum Gott gemacht!“


Jeder begabte Mensch kann sich auf Erden eine Unsterblichkeit schaffen, sobald er sich mit reinem, festem Willen und unverbrüchlicher Treue dem Dienste der Menschheit weiht. Die übersinnliche Welt ist keineswegs eine solche, welche der Zukunft ausschließlich angehört. Sie ist gegenwärtig und sie kann in keinem Punkte unseres Daseyns gegenwärtiger seyn, als in dem andern. Wir leben mitten in derselben; wir gehören ihr an, wir sind ihre Bürger. – Wenn diese Ueberzeugung doch alle Menschen erwärmte! Sie ist das Fundament der großen Vorsätze, des weithin wirkenden Strebens, sie bringt die großen Thaten zur Welt, sie trägt die großen Menschen. Wo sie die Seele durchdringt, da verliert das Erdenwehe seinen Stachel und der Leidenskelch seine Bitterkeit. Selbst der Tod bringt dann Freude; er ladet ja zum neuen, höhern Leben. Ein solcher Mensch sieht sein Wirken unverloren; durch seinen Tod wird es der Menschheit Erbe und seine weitere Entwickelung ist dadurch gesichert.

[59]

Das Saatkorn warfst Du. –
Die weiteren Mühen,
Das Wachsen und Blühen,
Das Reifen im Feld,
Das Streu’n über die Welt
Thut Gott dazu! –

sagte einst Spalatin zu Luther, und Luther antwortete frisch:

„Und der Teufel begießt’s,
Ob’s gleich ihm verdrießt.“

Was Luther jetzt sagen würde? Wohl eben so; freilich in anderm Sinne!

Unaufhörlich sitzt die Geschichte zu Gericht, und das Richtschwert Gottes ist thätig ohne Unterlaß. – Jetzt werden die Sünden der Hohen und der Niedrigen zu gleicher Zeit heimgesucht. Die Schuld der Ehrlosigkeit, Feigheit, Wortbrüchigkeit und Leichtgläubigkeit unten empfängt mit der Schuld der Wortbrüchigkeit und Grausamkeit oben zugleich ihren wohlverdienten Lohn. Aufgeriegelt liegt das finstere Reich des Abgrunds vor uns; die dunkeln Mächte haben den Geist der Versöhnung, des Verständnisses und des Friedens in Blut ersäuft und die edlern Gefühle sind versenkt in die tiefsten Brunnen: – in einem Labyrinthe sind jetzt Beide, Regierungen und Volk, befangen, und die höllischen Mächte haben den Faden in Verwahr genommen, der einen Ausweg vielleicht noch zeigen könnte. Wann wird das Unglück der Zeit das Siegel nehmen vom Urtheil Gottes! Wie dieses lautet, das ahnen Alle; aber Keiner kann an den Vollzug denken, ohne daß jeder Nerv zuckt und jedes Haar sich sträubt! Welche Geister werden dazu berufen werden, welche Schrecken werden in ihrem Gefolge gehen!

Bis dieser Tag kommt, an welchem der Stab gebrochen wird über Glück und Leben von Hunderttausenden, – sind wir in der Lage der Verdammten, die ihr Urtheil kennen, und den Tag des Vollzugs ohne Gnadenhoffnung erwarten.

Oben die Hülflosigkeit; Halt und Steuer gebrochen; keinen Glauben mehr an sich selbst und an die Dauer des Daseyns; lebend von einem Tag zum andern; rathlos sogar für die nächste Zukunft, in Aengsten und Argwohn ohne Unterlaß und von Gewalthat zu Gewalthat, von Mißgriff zu Mißgriff taumelnd, um den Bestand in der Gegenwart nothdürftig zu fristen; im Volke aber das Vorgefühl der nahenden Umwälzung, ein Gefühl, welches jegliches Verhältniß dominirt. Alle Gemüther sind in höchster Spannung; empört [60] sind die Herzen ob so vieler Täuschung, Lüge, Schmach und Arglist; Allwärts Trauer oder Entrüstung ob des Niedertretens des Rechts und der Verkümmerung der Freiheit; ob des Bruchs der heiligsten Schwüre und Zusagen; ob der Entäußerung der Ehre und Scham in den Verhältnissen Deutschlands gegen das Ausland; die Herzen sind vergiftet; der Unwille, der Haß, die Verachtung, das Mißtrauen und alle bösen Leidenschaften, die genährt werden von den täglichen Ereignissen und von der Maaßlosigkeit der Faktionen sind auf den höchsten Grad hinangetrieben, und Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit sind die bösen Geister, welche über den finstern Gewässern der Erwartung schweben. Jeder fühlt es, daß für menschliche Kräfte eine friedliche Lösung des schwindelerregenden Wirrsals unmöglich geworden ist. Alle Friedensmittel sind verworfen, keine Gewaltmaßregel hilft mehr; jeder Verstand wird vom Unverstand, jede Kraft von der Gegenkraft verzehrt, jede Bewegung durch die entgegengesetzte aufgehoben, und wo kluge Männer sich zusammenthun, um zu rathen, zerfließt jede Anstrengung in nutzlose Deliberationen, wie beim Thurmbau zu Babel. Kommts auch einmal zu einem Entschluß, so fehlt ihm die Spitze – die That. Was haben die unter den schmerzhaftesten Wehen zur Welt gebrachten Zangengeburten: die Drei- und Vierkönigsverträge, die Verfassungsentwürfe, die Minoritätsparlamente und Lakayenkammern, was haben die Galvanisirungs-Experimente an dem Cadaver „Bundestag“, was hat der grandiose Akt der Einsetzung einer vollziehenden Centralgewalt gefruchtet? Alles dies hat auf die Autorität, die von der Volksachtung nicht mehr getragen ist, noch das Odium der Lächerlichkeit gelegt und von der Impotenz und Zerfallenheit den letzten Schleier hinweggezogen. Das Herz der Nation ist von solchen leidigen Experimenten gänzlich abgewendet; sie hat nach den Gespenstern der Todten nicht die geringste Sehnsucht. Wer aber meint, das Allerletzte, was allenfalls die souveräne Rathlosigkeit noch versuchen kann und wird, ein Fürstenkongreß nämlich, werde fähig seyn den durch und durch morschen, aus den Fugen gegangenen und auseinanderfallenden Bau zu halten und die faule Auflösung, die sich bereits in ihrem letzten Stadium befindet, ungeschehen zu machen: – der gibt sich dem Irrthum preiß. Gegen den Naturgang der Dinge ist die vereinte Gewalt aller Gewaltigen durchaus nichtig. Ein Fürstenkongreß hält die Katastrophe so wenig zurück, wie eine königliche Ordonnanz einen heranbrausenden Meersturm. Der Umsturz kommt, sobald der Weiser auf der Uhr der Zeit die rechte Stunde zeigt, und die Stunde – naht.

Wenn es mit der Gesellschaft auf einen Punkt gekommen, wie derjenige ist, auf welchem sich die deutschen Verhältnisse gegenwärtig befinden, dann ist es Zeit, daran zu denken, wie in frühern ähnlichen Perioden die Vorsehung handelte, um das gänzliche Verderben des Geschlechts in so zerütteten Ländern zu hindern und dem Verwesungsprozeß Grenzen zu setzen. Erinnern wir uns der Perioden, da die römische Welt, faulend von innen heraus, aus einander brach. Da öffnete sie den Völkerströmen des Ostens die Schleußen, und durch die Fluthen [61] der Barbaren, welche sich über jene Welt ergossen, kam frisches, gesundes Blut in das stockende Leben und der schon dorrende Stamm schoßte, von andern Säften verjüngt, in großen, neuen Trieben. Zwar fließen jetzt die Völker-Brunnen im Orient nicht mehr so reichlich, seit die Kultur dort gelichtet hat das Dunkel des Urwalds und die Pflugschar die wilde Erde zähmte. Dagegen aber hat Columbus die Siegel genommen von den Pforten des fernen Westens und die andere Hälfte der Erde mit ihren überschwenglichen Gütern und Reichthümern der bedrängten Menschheit der alten Welt zum Asyl und zur Besitznahme geöffnet. Es ist dieß ein unermeßlicher Vortheil, welcher der Gesittung der Jetztwelt zu gute kommt; sie rettet dadurch ihren ganzen Bestand, sie überträgt ihn ohne Verlust in die neue Heimath und dort, das Leben des neuen Landes in sich aufnehmend und von ihm durchdrungen, wird sie, gleichsam verjüngt und mit frischen Kräften ausgestattet, die Stufenjahre zu immer höherer Vollkommenheit viel rascher durchlaufen, als es ihr in der alten Welt selbst bei der ungestörtesten Entwickelung möglich gewesen wäre. Dieses Fortwandern in die neue Welt, dieses Aufgeben des heimathlichen Bodens von den rüstigsten, lebenskräftigsten Theilen des Volks hat schon seit einigen Jahren viel dazu beigetragen, den Zerstörungsprozeß der deutschen Gesellschaft zu befördern. Jetzt aber, wo nicht blos in Hunderttausenden der Drang zur Auswanderung nach Amerika lebendig ist, jetzt, wo er die Masse des Volks erfaßt und in Millionen deutscher Familien der Gedanke wach geworden ist: in der neuen Welt sich ein neues Haus zu bauen und sich zu retten vor den Gräueln der Verwirrung und Barbarei, die das Vaterland bedrohen, ist die Auswanderungsidee das allermächtigste Element der Zersetzung geworden; – sie löst von Innen heraus alle Bande des alten Organismus auf.

Deshalb – ich muß es immer und immer wieder sagen – ist es vergeblich und in der That thörigt, daß die Autorität sich abquäle, am Alten zu flicken und zu restauriren. Je eifriger sie sich dabei geberdet, je mehr beschleunigt sie die Auflösung. Alle Gewaltmaßregeln fügen der Agentien mehr zu denen, welche für die Zerstörung bereits in Thätigkeit sind. Die Zeit, wo sie die losgebundenen Volksgeister, in Eintracht mit den dynastischen Interessen, in die segenvolle Bahn höherer Gesittung und eines wahren Rechtsstaates hätte leiten können, ein Werk, zu dem sie ihre sittlichen Pflichten unaufhörlich mahnten und die Stimmen aller wahren Vaterlandsfreunde unermüdet, aber vergeblich, aufforderten, ist ein für allemal vorüber und sie mag nun beginnen, thun, zusagen, versprechen, was sie will, es hilft ihr nichts mehr, weil alles und jegliches Vertrauen in ihre Humanität, Gerechtigkeit, Treue und Redlichkeit auf’s tiefste erschüttert ist. Man gesteht ihr zu, die Gewalt zu üben, so lange sie sie hat; man fügt sich ihr, so lange man sie nicht besiegen kann; man thut’s mit Resignation; aber man thut’s ohne Entmuthigung; denn man weiß, die Sundsluth kommt und die Sündfluth ändert’s.

[62] Alle Menschen, mit Ausnahme jener kleinen Faktionen, die sich vom Volke ausgeschieden haben, sind jetzt eines Sinns geworden und, sichtbar für Alle, die der Herr nicht geschlagen hat mit Blindheit, sichtbar für Alle, die Beobachtungsfähigkeit und Urtheil haben, schweben die durch den Zersetzungsprozeß der Gesellschaft verflüchtigten Geister umher und suchen gleichsam die Anfänge zu neuen Verbindungen! Gebt Acht, wenn sie im ersten Moment der Katastrophe sich niederlassen werden auf die Häupter dieser Zeit, wie sie reden werden mit feurigen Zungen! Gebt Acht, wie die Ideen der neuen Gesellschaft dann einziehen werden in alle Sinne und in alle Geister, gleich einem Contagium, unwiderstehlich und unvermeidlich, um die Menschen zum neu begonnenen Werke zu weihen! Die größte und gefährlichste aller Thorheiten in solcher Zeit ist, sich mit Illusionen zu tragen, sich was weiß zu machen, seine Wünsche zum Glauben zu potenziren und angesichts der heranziehenden Gefahr den Kopf in den Sand zu stecken wie der Strauß, um auszurufen: es ist keine Gefahr! Tausende, welche Pflicht und Beruf haben, die öffentliche Meinung darüber ins Klare zu setzen, werden jetzt, wo über der freien und furchtlosen Meinungsaußerung in diesen Dingen das Schwert der Gewalt schwebt, durch Furcht, Feigheit und Eigennutz bestimmt, ihre Ueberzeugung zurückzuhalten, oder sie zu fälschen; Viele, ja nur zu Viele, erröthen sogar nicht, das Gegentheil ihrer Ueberzeugung zu predigen, und diese Nichtswürdigen, welche an den heiligsten Pflichten zum Verbrecher werden, laden sich die schwere Schuld auf, Andere geflissentlich irre zu leiten, ihnen ein Vertrauen in den Bestand der Dinge einzuflößen, das sie selbst nicht hegen, und so ihre Nebenmenschen zu hindern, sich gegen die Gefahr zeitig zu rüsten. Sie bedenken nicht, daß sie dadurch vielleicht für Tausende Ursachen ihres Verderbens und Unglücks werden! Das ist nimmer ein rechter Weg! Gerade jetzt soll die Humanität ihre warnende Stimme, trotz der Gefahr, die daran haftet, unverdrossen fort und fort erheben, und sie soll namentlich den Leichtfertigen, welche ihre erwachenden Besorgnisse in Vergnügen und falschen Vorstellungen zu begraben suchen, das Mene Tekel an die Wand schreiben. Sie soll auch den Mächtigen zurufen ohne Unterlaß: „Es ist der Thorheiten unverzeihlichste, das große Schöpfungswerk dieser Zeit zu stören und sich zu unterfangen, mit ihren Ideen einen Streit auf Tod und Leben zu beginnen. In solchem Kampf hat noch Keiner gesiegt. Allezeit hat er die wilden, thierischen Kräfte den Ideen zur Seite gestellt und die Völker zu Gewaltthat und allgemeinem Umsturz hingedrängt, und stets hat er damit geendigt, das Schwertrecht gegen Die zu kehren, welche es zuerst angerufen. Alle Maßregeln zu gewaltsamer Aenderung der Gesetze, zur volksfeindlichen Interpretation des Rechts, zur Verletzung und Fälschung der Freiheit, zur Unterdrückung der Majoritäten, zur Mehrung der Heere als Werkzeuge solcher Unterdrückung, zur Steigerung der Abgaben, zur Minderung des Verkehrs u. zur Stockung des Erwerbs, auch jede Grausamkeit u. Verfolgung gegen Andersmeinende sind in einer solchen Zeit Sünden gegen den gesunden Menschenverstand; sie wirken aufreizend, nicht niederdrückend, auf das [63] Volk und stacheln es zur Selbsthülfe auf. Ist es aber nicht ein verwegenes, frevelndes und leichtsinniges Spiel jederzeit gewesen, ein Volk zur Revolution zu treiben und es anzuweisen auf den Umsturz, um sein Recht zu wahren? Können das Regierungen vernünftigerweise wollen? Macht man sich aber jenes Strebens nicht schuldig, wenn man mit brutaler Strenge und Haß in das von den Ideen der Zeit bis in’s Innerste aufgeregte Volksleben verletzend greift, wenn man dem Verlangen nach größerer Freiheit den Despotismus entgegensetzt, wenn man vor dem Gedanken nicht zurückschaudert, für den alten Staat, den abgelebten, das Herzblut von Millionen Bürgern zu vergießen, und – wenn er nicht anders zu retten wäre, – es darauf ankommen zu lassen, daß die Hälfte der lebenden Generation die andere Hälfte im Bruderkriege erwürgete? Deutsche Fürsten! Ihr zeigt auf die Pforte der Vergangenheit, als den Verschluß Euerer Rechte! Die deutsche Geschichte hat sie der Nation vorgehalten, das Volk hat sie gewogen, und es ist nicht seine Schuld, daß es gar manche zu leicht gefunden! Das Volk ist gerecht. Es ist mit seinen Dynastien aufgewachsen in vielen Stammen aus einer Wurzel – und wie sie zusammen ausgedauert haben in den Stürmen der Jahrhunderte, davon weiß Jeder zu sagen. Jeder weiß, wie viele deutsche Fürsten in vergangener Zeit Muster waren ihres Berufs und welche Last des Segens auf ihrem Andenken ruht. Aber es hat auch für die Schuld ein Gedächtniß und die Verbrechen an der Hoheit, Ehre und Macht des Reichs, an der gemeinen Freiheit und am Recht der Nation begangen, leben frisch in der Erinnerung. Im Volke geht eine Vorstellung um, – ein Zeichen, auf das wohl zu merken ist; denn es wirft ein Streiflicht auf manche Erscheinung. Es heißt: Die alten Dynastien sind unterthan dem Naturgesetz, wie alles Menschliche; sie sind folglich altersschwach geworden, der Geist ihrer großen Ahnen beginnt sie zu verlassen, ihre Stammbäume hören auf zu grünen und jene hohe Volksidee, welche in ihnen verkörpert war, fängt an zu verschwinden. Wenn die Fürsten, ablassend von der Hoffahrt, in christlicher Demuth diesem Volksglauben Rechnung getragen und ihren Blick gerichtet hätten, nicht stolz auf die glänzenden Thronhimmel, sondern bescheiden auf die Erde: – es sähe wohl anders aus in Deutschland und wir ständen nicht an dem Rande eines Abgrunds, der Schuldige und Unschuldige verschlingen wird. –

Doch die Sphinx sieht mich stumm an und lächelt, als wollte sie sagen: – „Gott naht ja, du kleiner Menschengeist, und die Wage ist schon erhoben.“

Ich sage es mit Trauer: Jedes Wort ist wohl „zu spät“ und vergebens, und ich schließe diese Betrachtung mit den Worten Luther’s:

„Ich rede auch nicht, daß ich hoffe, die Fürsten werden’s annehmen. Doch bin ich gewiß, daß Gottes Wort sich nicht lenken noch biegen wird nach den Fürsten.“

Und weiter:

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„Ich habe nichts gethan; das Wort hat Alles gethan und ausgericht. Ja, hätte ich wollen mit Ungemach fahren, ich wollte Deutschland in ein groß Blutvergießen bracht haben. Aber was wäre es? Ein Narrenspiel wäre es gewesen und ein Verderbniß an Leib und Seele. Ich habe das Wort lassen handeln. Das ist allmächtig, das nimmt gefangen die Herzen. Amen.“

Und wenn ich daran den Wunsch hänge, daß ein solches Wort aus solchem Munde doch noch eine Stätte finden möge im Vaterlande: – sind dann nicht Wunsch und Hoffnung feindliche Geschwister? – – –


Wittenberg, die Wiege der Reformation und die Grabstätte der Reformatoren, gehört zur Trias der preußischen Elbfestungen. Der Schmuck seiner großen Zeit, die Universität, ist, seit Preußen die Stadt mit dem halben Lande von Sachsen abriß, aufgehoben – und das an ihre Stelle errichtete Predigerseminar gibt dafür keinen Ersatz. Das geistige Leben ist hier verödet, und von den Zeiten, wo die Fackeln der Wissenschaft in Wittenberg glänzten und ihr Licht über Europa verbreiteten, wo die Hörsäle zu klein waren und die Stadt zu enge, die Durstigen zu fassen, die zum Born des Wissens und der Glaubensfreiheit hierher strömten aus allen Ländern, ist blos die Erinnerung übrig. Die bürgerlichen Gewerbe sind schwach; sie haben gegenwärtig in der starken Garnison ihren Stützpunkt. Der Antheil an dem Elbhandel ist auch von keiner Erheblichkeit, und erst in neuester Zeit sind durch den Eisenbahnverkehr frische, wenn auch nicht reiche Quellen des Verdienstes hergeleitet worden. Die Bevölkerung zählt nicht über 10,000.

In der Universitätskirche, an deren Pforte der Augustiner 1517 seine 95 Theses gegen den Tetzel’schen Ablaßkram schlug und damit dem allmächtigen Rom den Fehdehandschuh hinschleuderte zur Befreiung des Glaubens aus den ehernen Fesseln, die anderthalb Jahrtausende jedem Bestreben, sie zu zerreißen, gespottet hatten, – ruht die Asche Luther’s neben der Melanchthon’s und seiner Beschützer und Freunde, der Kurfürsten Friedrich des Weisen und Johann des Beständigen. –

Man hat vor einigen Jahren in Wittenberg dem Reformator ein Denkmal gesetzt von Stein und Erz. Das war verständig von den kleinen Menschen dieser Zeit, die, um das Große zu sehen, die Verkleinerungsbrille brauchen. – Liliputer! Den Luther denkmalen! Sie denkmalen wohl noch den Mohamed, den Confucius, Christus – den Herrgott selber! –