Vicegrad, die ungarische Königsburg
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RUINEN DES SCHLOSSES VICEGRAD
in Ungarn
Heute vor einem Jahre[1] wechselten Oesterreichs Geschicke. Heute vor einem Jahre war aufgestanden die Wiener Bevölkerung und hatte die Ketten des Despotismus zerrissen. Welch ein Tag! Die Kanonen versagten den Inhabern der Staatsgewalt den Gehorsam; die Gewehre weigerten sich, das tödtende Blei in die Brust der Bürger zu schleudern; ein Gefühl umschlang das ganze Volk: Italiener, Czechen, Slowaken, Polen, Kroaten, Ungarn, Ruthenen – sie Alle, die man nach einander gegen die Bürger führte, stürzten ihnen in die Arme und theilten mit ihnen die Seligkeit der Erlösung, des Austausches der Empfindungen brüderlicher Liebe und der Freude über den gemeinsamen Sieg. Zum ersten Male hatten sich die Nationen des Kaiserreichs als Geschwister erkannt und in einem höhern menschlichen Interesse den wahren Mittelpunkt dauernder Vereinigung gefunden. Als Symbol dieser Vereinigung und als Spitze der errungenen Freiheit anerkannten sie aber, jede erlittene Unbill, an ihnen begangen, vergessend, hochherzig ihr altes Kaiserhaus Habsburg.
An diesem großen Tage ging der Geist der Zeit zum letzten Male an der Dynastie vorüber, welche 6 Jahrhunderte lang die Kaiserkrone trug. Habsburg hat ihn nicht begriffen und nicht beschworen. Das vergeltende Verhängniß – so scheint es – war stärker, als die Gnade des Schicksals. Jenes verhüllte den Abgrund, damit das Opfer ihm nicht entrinne.
Ja, die Gnade war groß. Volle Macht hatten die im Reiche vereinigten Völker damals (und auch das Recht), die Dynastie, ob des Bruchs feierlich eingegangener Verpflichtungen und Versprechungen, vor ihr Forum zu ziehen, Rechenschaft zu fordern von ihrem Haushalt und sie anzuklagen wegen der langjährigen scheußlichen Unterdrückung, mit der Metternich, in ihrem Namen, die Treue und Anhänglichkeit der Völker vergolten hatte. Doch diese folgten nur dem Diktate der Großmuth. Das Volk zerbrach das Werkzeug; aber es schonte der kaum zurechnungsfähigen Hand. Es richtete den Galgen auf vor Metternichs Hause; doch den konstitutionellen Kaiser zog es jubelnd durch die Straßen, die noch vom Blute der ersten Märtyrer seiner Freiheit gefärbt waren. [101] „Völker, die sich selbst befreit, finden ihren gefährlichsten Feind in der Großmuth,“ sagt Macchiavell, und Macchiavell ist der „Mund der Geschichte.“
Wie hat nun das österreichische Kabinet jene Großmuth gelohnt? Die Welt weiß es; jedes Zeitungsblatt seit einem Jahre verkündet’s und erinnert und an Dantons schreckliches, die Monarchie verdammendes Wort: „Mit der Hölle ist kein Auskommen!“ Benn dies Wort jetzt im Staate Oesterreich in Millionen Herzen widerhallt, die sonst nur von Liebe erwärmt waren für das angestammte Fürstenhaus, wenn es ein Echo findet da, wo ehedem nur die Treue und die Hingebung einander die Hände reichten: – wer hat’s verschuldet? „Wer Blut säet, wird Blut ärndten.“ Denkt daran, ihr Säeleute, in der Stunde, wo Gott die Urne umkehrt, Richter als Angeklagte vor seinen Assisen stehen und die Volksrache ihr Recht begehrt. – –
Seit jenem Tage, da Oesterreichs Kabinet dem Geiste der Zeit, statt ihm aufrichtig zu huldigen und in seinem Sinne den Neubau des Reichs zum Glück der Völker zu bewerkstelligen, nur das alte Schalksgesicht wies und bloß nachgab, um Zeit zu gewinnen, Kraft zu sammeln und Gelegenheit zu erlauern, den Völkern neue Ketten anzulegen: seit jenem Tage hat es den bittersten Haß gegen die umbildende Zeit genährt. Habsburg, dem vom Schicksal Beruf und Macht geboten worden war, an die Spitze der demokratischen Monarchie in Europa zu treten, die belebenden Funken der bürgerlichen Freiheit in die vom eisigen Despotismus erstarrten Massen der Slavenvölker zu werfen, und so, ohne nur ein Schwert zu ziehen, Europa und die Zivilisation vom Lindwurm russischer Weltherrschaft zu befreien und den aus sechzig Nationalitäten mit Blut, Furcht und Gewalt zusammengekneteten Koloß in seinen Bestandtheilen aufzulösen; Habsburg, welches die Mission übernehmen sollte, durch das Geschenk der Freiheit und der Gesittung die slavischen den germanischen Stämmen auf das Innigste zu befreunden und beide Nationen zu Brüdern zu machen, hat diese hohe, ihm vom Schicksal angewiesene Bestimmung gänzlich verkannt. Dadurch, daß die Idee der Völkerfreiheit in ihm nie Eingang gefunden, hat es seine soziale Bedeutung in Deutschland und in Europa eingebüßt und damit zugleich seine politische Größe untergraben; ja, durch das Verkennen der Macht und der Bedürfnisse des Zeitgeistes und durch sein hartnäckiges Bekämpfen desselben ist es dahin gekommen, daß der Herrscherstamm keine Wurzel mehr hat in der Zeit, daß er ausgerissen ist aus dem Herzen der Völker, und die stärksten Sympathien für ihn erloschen sind, die Gewähr geben könnten für seinen Bestand in die Zukunft. Unheilbar ist alles im Kaiserreiche geworden; es ist Alles verschoben, verrückt und aus den Fugen. Jede Konzession, weil mit gerechtem Mißtrauen und folglich ohne Dank empfangen, bleibt ohne Frucht, und so sehen wir ein Oesterreich, das, in seiner neuesten, durch einen Staatsstreich eingeführten Verfassung, wie ein wesenloser Schatten sich ausnimmt und mehr als eine diplomatische Fiktion in die Welt tritt, denn als eine reale Erscheinung; wir sehen ein Oesterreich, in [102] dem der Deutsche sein Vaterland so wenig findet, wie der Ungar, der Slave, der Czeche, der Pole, der Italiener; ein Oesterreich, dessen Scheinverfassung in den Thatsachen ihre Gegensätze zeigt; ein Oesterreich, in dem die Freiheit der Regierungswillkür als Magd dient, und in dem kein Staatsrecht gilt, als das Naturrecht der Stärke und der Gewalt; ein Oesterreich, in welchem man, während auf einem Fetzen Papier Garantien des freien Bürgerthums gegeben werden, Menschenrecht und Menschenwürde mit Füßen tritt; ein Oesterreich, in welchem die Nationalitäten aufgestachelt werden zu unnatürlichem, tödtlichem Haß wider einander und dann dressirt zum Dienst der Arena, wie die Bestien zur römischen Kaiserzeit, um einander zu zerfleischen; ein Oesterreich, in welchem man die betrogenen mißhandelten Völker wie Heerden hetzt und schlachtet; ein Oesterreich mit Provinzen, in welchen der Schrecken des Belagerungszustandes permanent ist; ein Oesterreich, wo die Soldateska die Gerechtigkeit als Standrecht handhabt, und zum Hohn des heiligsten Fürstenrechts zum Strang Verurtheilte mit „Pulver und Blei“ begnadigt; ein Oesterreich, das den Kommunismus im Großen treibt durch Brandschatzung, Kriegssteuer, Vermögenskonfiskation und Papiergeld; ein Oesterreich, wo man die Hochschulen schließt, und ihren Schmuck, die berühmten Träger der Wissenschaft, durch Füsiladen stumm macht, oder in Kasematten begräbt; ein Oesterreich, in welchem man mit tiberianischer Grausamkeit die hochsinnigste, freiheitsstolzeste Nation des Reichs, die Nation, deren Arme die Dynastie und den Staat mehrmals gerettet haben, mit fünf Heeren zu Tode zu jagen sich vorsetzt, sofern sie sich nicht dem Joch fügen will; ein Oesterreich, welches jeden Widerstand gegen Unterdrückung mit Feuer und Schwert straft in der Manier des Attila, und die Bevölkerungen ganzer Länder der Plünderung und der Willkür roher Soldatenhorden überläßt ohne Mitleid; ein Oesterreich, das man nur zu nennen braucht, um den Groll gegen seine Peiniger in jeder menschlich fühlenden Seele zu wecken; ein Oesterreich, wo, um es mit einem Worte zu sagen, die „rothe Monarchie“ ihren Wohnsitz aufgeschlagen hat, ein Scheusal, das dann um so verabscheuungswürdiger erscheint, wenn es den Mantel des Konstitutionalismus um seine Teufelsgestalt schlägt. Ein Zustand aber, wie dieser, kann nicht dauern, und ein Regierungssystem, wie dieses, ist um so sicherer dem Untergang geweiht, wenn es, wie in Oesterreich, schon so tief gesunken ist, daß es zum Vernichtungs- und Unterdrückungsgeschäft gegen die Völker den gefährlichsten der Nachbarn zu Hülfe nehmen muß. Bis dahin wird, unbekümmert um die Lüge der oktroirten Verfassung, die Willkür der Tyrannei fortführen ihren Kampf mit der Anarchie, bis entweder jene siegt mit dem Schwerte und der Brandfackel, oder sie in diesem Kampfe untergeht. In jenem Fall mag das jetzige Regiment Oesterreichs vielleicht noch kurze Zeit bestehen; bricht es aber zusammen in diesen Stürmen, dann wird auch die Zeit nicht ausbleiben, wo aus der Mitte der Anarchie der Retter ersteht, ein Gemeingeist mit Macht, der die Ordnung herstellt und auf dem Fundamente der Volksherrlichkeit, auf den Säulen der Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Redlichkeit und Sparsamkeit, des Reiches Neubau aufführt zum Glück Aller, die darinnen wohnen.
[103] Daß der Endausgang kein anderer sey, daß über Habsburg vernichtende Stürme kommen werden in kurzer Zeit, ist nur zu wahrscheinlich. Zeichen an dem Geschlecht sind genug geschehen und Warnungen genug an dasselbe ergangen. Auch war ihm, wie allen andern, von Gott ein Maß in die Hand gegeben, daran zu messen all sein Thun und Handeln. Aber hat es diese, hat es jene geachtet? Als die Völker mit Gottes Beistand den Fuß des Korsen von den Nacken der deutschen Fürsten stießen, damals, nach Hinnahme der tiefsten Erniedrigung, hatte auch Habsburg vor aller Welt sich zur Annahme der christlichen Moral als Gesetzbuch bekannt und feierlich gelobt, das menschlich-milde Christenrecht unverbrüchlich zu üben. Wie bald vergaßen aber die Machthaber ihre Rettung durch die Völker und das Erbarmen des Himmels! wie bald fuhren die guten Vorsätze und Gelöbnisse in alle Winde! Der kaum überstandenen Schmach und Noth uneingedenk, trat die alte Herzenshärtigkeit wieder hervor, und seitdem haben Gewaltthat und Ungerechtigkeit (denke, Leser! an Metternichs 33jähriges Regiment) geherrscht in alter Weise. Ein ganzes Menschenleben lang hatte diese Herrschaft schon gewährt, als ein neues Gericht über die hohen Frevler kam und der Herr sie abermals überantwortete den betrogenen Völkern, welche abermals überschwengliche Großmuth an ihnen übten. Auch dem Hause Habsburg wurde noch einmal Frist gegeben, damit es in sich gehe und fortan mit christlicher Milde über freie und treue Völker walte. Und was ist geschehen? Wir hören es im Weheruf von Millionen und am Aufschrei der Nationen gen Himmel. – Und was ward dadurch gewonnen? Ist das alte Herrscherhaus dadurch fester, sind seine Insassen dadurch glücklicher geworden? Keins von Beidem. Wenn wir den prüfenden Blick in die Verhältnisse werfen, so können wir eine Dynastie nur unglücklich nennen, die von ihrer Hauptstadt, wo die Geisterschaaren der Erschlagenen umgehen, verbannt ist und ein Leben führt ohne Ruhe und ohne Freude. Beständig zittert die Erde unter ihren Füßen, die den Abgrund deckt, und in steter Sorge und Angst rinnt ihr Daseyn dahin. Jeden Morgen tritt der Herold des Bürgerkriegs und der Bote der gesendeten Völkerschlächter an des jungen Kaisers Lager, um von neuen Siegen oder Niederlagen, von neuen Unthaten und von neu geschaffenem Elend zu berichten, und die Hunderttausende, welche in Italien und im Ungarlande hingewürgt werden auf Regierungsgeheiß, und die zahllosen Menschen, welche das Elend oder das Schwert gefressen, oder die Kugeln zerrissen, oder die Kerkerluft und Kettenlast gemordet, oder das Blutgerüst, aufgerichtet in des Kaisers Namen, als Opfer forderte, schrecken den zarten Kaisers Jüngling in seinen Träumen auf. Vor den Augen der ganzen Welt straft am Unschuldigsten des Geschlechts die Nemesis mit furchtbarer Härte jene treulose Politik, die von jeher Alles, was sich ihr näherte, in’s Verderben zog, und so lange Menschenwürde, Recht, Wahrheit und Sittlichkeit mit Füßen trat, bis ihr Maß gefüllt war zum Ueberlaufen. Schande aller Art, Wort und Treubruch, Verrath und Niedertracht stritten sich in dieser Politik um den Vorrang, und haben sie gebrandmarkt als die schlechteste auf Erden. Keine hat die Kunst der Arglist und der macchiavellistischen Maximen schamloser zur Schau gelegt, keine hat sich unverhohlener zu ruchlosen, [104] nichtswürdigen und falschen Doktrinen bekannt, keine die höllische Kunst weiter getrieben, die Völker systematisch zu verderben und ihr Herz abzustumpfen gegen gute, edle und begeisternde Gefühle. Auf keiner lastet eine größere Zahl gebrochener Eide, Rechtsverletzungen und Gewaltthätigkeiten, keine hat gewissenloser mit dem Leben und der Habe ihrer Völker gespielt, keine blutigere Kriege geführt im dynastischen Interesse, keine mit kälterem Sinn Hunderttausende von Landeskindern zur Schlachtbank geschleppt, oder grausamer Völker niedergeschmettert, wenn sie, müde der Bedrückung, aufstanden, um ihr gutes Recht zu fordern. Und wer zählt die Plünderungen, am Volkseigenthum begangen durch Sequestration und Confiskation, Brandschatzung und Kriegssteuer, Staatsbankrott und Papiergeld? wer die Plünderungen, an Fürsten begangen durch Besitznahme, Theilung, Tausch und Mediatisirung? wer die Plünderung, an der Kirche begangen durch Säkularisation und Einziehung der Güter? wer den Raub, an den Nationalitäten begangen durch Zerreißung und Vereinigung? wer die Veruntreuungen, am Staatsgute begangen durch Vergeudung und Verschwendung für volksfeindliche Zwecke? und wer berechnet die Wirkung dieser verhaßten Politik durch ihr schlechtes Beispiel auf die andern Staaten und auf die Entsittlichung, welche, von ihr ausgehend, alle Schichten der Gesellschaft verpestete? In der endlosen Liste aller Schuld ist diese doch die allergrößte; denn sie nagt fort und fort wie ein Krebs am Körper der Völker und ist die rechte Mutter der trostlosesten Erscheinungen dieser Zeit. Aber die Hand des rächenden Gottes ist schon ausgestreckt, die Schuldigen zu richten. Schaut nur hin auf das Chaos, über welches das neueste Werk der Arglist und des Wortbruchs, jene oktroirte, babylonische Verfassung, die Lüge des einigen, untheilbaren Reichs hingebreitet! – Alle Tage das Würgen der auf einander gehetzten Raçen; alle Tage Städte und Dörfer in Flammen; alle Tage Plünderung und Schändung; alle Tage neues Verwüsten, neues Morden; alle Tage frische Opfer des Standrechts; drei Viertel der Monarchie im Belagerungszustand, die Hälfte der Reichsbevölkerung außer dem Gesetze und unter dem Regiment der Kanonen und Säbel; Minister, die befehlen, und Feldherren, die ihrer Befehle spotten: – Wirrsal aber nur eine Folie: Das Unglück betrogener Völker. Ist’s bei solchem Zustande denn ein Wunder, wenn endlich die geängstigte, erbitterte, gequälte Natur aus dem Schooße des Despotismus den Geist der Anarchie zur Welt geboren hat, damit die Geburt sich gegen ihren Ursprung kehre, und das jüngere Ungeheuer das größere, ältere verschlinge?
Nun streiten die beiden Drachen auf Leben und Tod, und nicht Ruhe, noch Ordnung, noch Macht, noch Glück werden wieder einkehren in Oesterreichs Völkerhause, bis beide sich vernichtet haben. Wenn der Despotismus verendet ist, hat auch die Anarchie ein Ende. Sehe nur Gott mit Erbarmen darein, daß dieser entsetzliche Kampf bald endige. Wir dürfen es hoffen: denn eilig schreitet das Schicksal in dieser großen Zeit einher.
[105] Dort im fernen Ungarlande, wo ein braves Volk den heldenmüthigen Kampf mit Unterdrückung und Verrath unerschrocken schlägt und entschlossen durchstreiten wird, bis es untergeht oder jene überwältigt, – dort, wo um einen Arm des Bakonywaldgebirgs die Donau in weitem Bogen ihre Wogen wälzt, unfern von der Stadt Gran, ragt auf dem Gipfel eines bewaldeten Bergkegels die Ruine, bei deren Namen das Herz des Magyaren höher schlägt und sein Auge von innerm Feuer leuchtet. Vicegrad (Wissegrad) ist das aufgeschlagene Buch seiner Geschichte, seines Ruhms, seiner Herrlichkeit und feines Wehs. Dort oben wohnten und thronten die Könige Ungarns seit der Eroberung im neunten Jahrhundert, bis der Türke Land und Volk in’s eiserne Joch schlug. Sultan Suleiman nahm Vicegrad 1520 zum ersten Mal. Mehrmals ward es nachher bald ungarischer, bald türkischer Siege Preis. Bei der letzten Erstürmung durch Leopold von Oesterreich ging es in Flammen auf, und seitdem schmückt die Burg – „der magyarischen Heldensage graue Wiege“ – als Ruine die prächtige Landschaft.
Was Kaiser Leopold begann, haben seine Nachfolger in Ungarn beharrlich fortgesetzt. Oesterreich ist nicht müde geworden, die Idee zu verfolgen, Ungarn, wie Italien, durch List und Gewalt sich dienstbar zu machen und die Bande immer enger zu ziehen, durch welche es beide Länder an sich fesselte. Die Türkenkriege begünstigten diese Absicht, und mit wenigen Unterbrechungen hat in Ungarn das Kriegsgetümmel fortgedauert, welches das Land mit Brand, Raub und Blut gefüllt, seine Lebenskraft zerrüttet und seine Säfte verdorben hat. Mit kunstreicher Hand leitete Oesterreich das Werk schlauer Unterdrückung durch viele Jahrzehnte, bis endlich, als die letzte Vollendung nahete, die Zeiten umschlugen und im vorigen Frühling das langjährige Werk der verschlagenen Weltklugheit ein Mann in einem Tage zerstörte. Dieser Mann war Kossuth – der einzige Charakter in Europa, der so groß ist als die große Zeit: der Einzige auch, der ein Volk zu revolutioniren, dauernd zu begeistern und beharrlich – unter den größten Opfern – zu hohen Zielen mit fester Hand zu leiten weiß.
Kossuth ist der Genius von Ungarns Freiheit. Schützend und rettend führt er sein Volk durch Schlachten und Siege zur vollen Selbstständigkeit. Und nach überstandenen Drangsalen und Leiden ohne Zahl, das gerettete Volksleben auf Jahrhunderte befestigend, wird er der Nation gewiß ein glückliches, gesichertes, ehrenvolles, unabhängiges Daseyn schaffen. Indem ihm dies gelingt, schleudert er aber zugleich den Erisapfel in den geschlossenen Kreis der Fürsten, und andern Völkern, zunächst Polen, Deutschen und Italienern, verleiht er neuen Muth und neue Kraft zur Revolution, deren Verlauf nicht eher endigen wird, als bis sie den Sturz der Monarchie in ganz Mitteleuropa herbeigeführt hat. Laßt Kossuth eine einzige entscheidende Schlacht gewinnen, und die furchtbare Gewalt seines Beispiels auf entgegenstehende Verhältnisse wird sich in einem Maßstabe äußern, dessen Größe wir jetzt kaum denken können. Dann erbleichen die Kronen ihres Glanzes und Kossuth, als Heros der Freiheit und der Erlösung der Völker, geht durch die Zeiten in Herrlichkeit.
- ↑ Am 13. März geschrieben.