Brougham-Hall in Westmoreland
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BROUGHAM HALL, WESTMORELAND
(England)
„Es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen“ – und daran ist nicht der Himmel Schuld, sondern das Maß der Triebkraft, das Gott in den Baum gelegt hat. Aber ausbreiten kann sich der Baum, daß er Aller Augen Lust ist. Dazu ist seine Kraft groß und der Himmel hoch genug.
So ist es auch mit dem geistigen Wachsthum der Menschheit. Nie wird die allgemeine Bildung der Völker in die Region emporsteigen, wo für alle Köpfe und Herzen eine gleich reine Atmosphäre herrscht. Ein solches Volk, eine solche Zeit bleibt ewig ein müßiger, wenn auch herrlicher Dichtertraum. Nein, müßig wollen wir ihn nicht nennen; denn so schön dieser Traum ist, so alt ist die Wahrheit, daß das Ziel der Menschheit weiter hinausgesteckt seyn muß, als ihre Strebekraft reicht: das erreichte Ziel wäre ja des Strebens Ende. Nur dem ewigen Vorwärts zu Liebe springt der ewige Quell des Lebens hervor; das Gegentheil ist Stillestehen, Rückwärtsgehen, Stocken, Erstarrung, Tod.
Aber auf höheren, auf würdigeren, heilbringenderen Bahnen könnte die Lebenswallfahrt der Menschheit gehen, wenn von den ungeheuren, unermeßlichen Kräften der Natur und den unerschöpflichen Mitteln der Völker auch nur ein geringer Theil immer mit gleicher Beharrlichkeit zur freien und edlen Entwickelung der Seelenkräfte verwandt worden wäre, wie er zum Gegentheil mißbraucht worden ist. Was hilft alle Triebkraft des Baumes, die Fruchtbarkeit des Bodens und die Güte und Milde des Himmels, wenn die Zähne und Messer der Arglist und Dummheit unaufhörlich an den Wurzeln nagen und schneiden.
So weit uns die Fackel der Geschichte in die Vergangenheit der Völker zurückleuchtet, sehen wir stets nur Einzelne, Stände oder geheim oder öffentlich in sich abgeschlossene Gemeinschaften im Besitz der Gewalt und aller vorräthigen Intelligenz. Wie gern hätte man sich oft selbst mit dieser Vertheilungsart der höchsten Güter befreundet, weil sie den Gesetzen der Natur zu entsprechen scheint, wenn durch dieses doppelte Göttergeschenk der Macht und Intelligenz die begünstigten Besitzer auch zu gewissenhaften Verwaltern derselben umgewandelt worden wären, wenn sie als ihr Ziel das der Menschheit – Ausbreitung der Humanität und Freiheit über alle Völkerfamilien – hingestellt und verfolgt hätten. Statt dessen zeigt uns die Vergangenheit der meisten Staaten nur große düstere Trauerbilder. Die zäheste Beharrlichkeit der Gewalthaber und Intelligenzhüter erschöpfte sich fast immer [92] nur in dem Bestreben, beide Göttergaben als Zügel und Peitsche zu handhaben und damit die großen Massen nach Belieben zu den von der Selbstsucht ersonnenen Zwecken hinzutreiben. Herbei mit allen Landkarten der alten Welt! Sucht mir da den Staat, wo die Macht immer nur auf die Wohlfahrt Aller gerichtet gewesen wäre! In den Reichen der Vorzeit? Nirgends! Ueberall gab es herrschende Kasten und unterjochte Massen. Selbst der edle Grieche, selbst der freiheitliebende Germane hatte Sklaven! In den Ländern des Orients? Dort liegen die Türkei und China! Im Abendland? In Europa, dem Mutterbrunnen aller Wissenschaft der Erde, aller Weisheit der Welt? – Hier hat sich der beleidigte Geist der Menschheit am furchtbarsten gerächt. Dieselben drei Genien, welche berufen sind, den Einzelnen seiner höchsten Entwickelung, die Nationen der möglichsten Veredelung, die Menschheit ihrem Ziele entgegen zu führen, Politik, Justiz und Religion – (Staat, Recht und Glaube!) – sie wurden die blut- und beutegierigen Dämonen der Völker, sie zerrissen, was Gott verbunden hatte, sie besudelten, was rein in des Menschen Brust gelegt war, sie hetzten das heiligste zu Tode. Man nenne nur Namen, wie Portugal, Spanien, Frankreich, Irland, Italien, England, Polen, Scandinavien, Rußland, Oesterreich, Deutschland – und heraufbeschworen ist ein wildes Heer von Bürgerkrieg, Faustrecht, Mönchswesen, Inquisition, Papstthum, Ketzerverfolgungen, Füsilladen, Dragonaden, Mätressenthum, Prinzenthum, Pfaffenthum, Fürstenlug, Hexenprozessen, Scheiterhaufen, Bilderabbitten, Volkselend, Volksverhöhnung, Volksverrath, Nationalschmach, Volksverdummung, Völkermord; von erschlagenen, gehenkten, geköpften und erwürgten Kaisern und Königen; von Kinderraub, Kongressen, Bundestag, Finanz- und Aussaugungskünsten, Standrecht und so weiter! – Wie viele Jahrhunderte lang hat im bildungsstolzen Europa der religiöse und politische Fanatismus gewüthet, um die Ausgeburten aller Scheußlichkeiten an das Licht zu bringen! Und wo sind die Zeiten, wo etwas anderes herrschte, als Eigennutz und schmutzige Habsucht? Der Kampf dieser niedrigsten der Leidenschaften tritt überall hervor; am ärgsten aber in den Monarchien der Gegenwart, wo sie zwischen den Elementen der Gesellschaft einen ewigen Krieg stiften. Da sehen wir die Aristokraten bald den Fürsten, bald dem Volk dienen, wie ihr Vortheil es verlangt, die Fürsten bald mit den Edelleuten, bald mit den Massen liebäugeln, um Beide nicht aufkommen zu lassen: die Pfaffen aber sehen wir Allen dienen und Alle betrügen.
Zwischen den Parteien, welche keinen andern Gott haben, als die Selbstsucht, wandeln einsam mit Glaubenlicht, Erlöserkreuz und Hoffnungsanker die treuen Freunde des Volks. Es sind in jedem Jahrhundert deren nur wenige unter Millionen herauszufinden: die Macht ist ihr Todfeind, die Gewalt verfolgt sie, im Kampfe mit ihr siegen oder sterben sie, und kein Ueberwundener ist je ungebrandmarkt geblieben; denn wo die Herrscher und ihre Gesellen sich nicht an ihnen zu vergreifen wagen, vollbringt ihr Pöbel das Rachegeschäft. –
[93] Selten ist dem treuen Kämpfer des Volks für sein Wirken freier Boden gegeben. Nur da findet er ihn, wo an der Hand des Rechts, nicht der Willkür, starkgewordene Regierungen das Wort nicht fürchten und die Freiheit der Meinungsäußerung so fest gewurzelt ist, daß sie es auch gar nicht wagen dürfen, gegen sie Gewalt zu brauchen! – Folge mir, Leser, auf solchen Boden, daß ich dir einen solchen Kämpfer zeige. – „Wohin? nach Berlin, wo der Mann der kaiserlichen Hoffnung die deutschen Grundrechte durch Wrangel interpretiren läßt? oder nach Wien, wo man jeden Morgen Menschen frei macht mit „Pulver und Blei“? oder nach Lemberg? oder nach Pesth, nach Mailand?“ – Nein! folge mir in’s britische Parlament.
Wer ist der Mann, der dort die Rednerbühne besteigt, als wäre sie sein erblicher Herrscherthron? Alle Augen sind an die überraschende Erscheinung geheftet. Diese rauhen Gesichtszüge und das aufwärtsgesträubte dunkelgraue Haar der hageren Gestalt stoßen nicht ab; bezaubernd wirkt unter der hohen Stirn der durchdringende Blick der rollenden Augen, deren Feuer durch die dunkele Gesichtsfarbe noch gehoben wird. Und wie sie donnert, die volle Stimme aus seiner eisernen Brust! Wie die Hand, dem Kampfzug der Gedanken folgend, den innern Sturm des zornigen Fechters ausdrückt! Der drohende Fingerzeig nennt und untäuschbar den bekämpften Gegner: den alten hochtorystischen, stockaristokratischen Herzog, der überall, auch wo man nicht die klirrenden Waffen führt, mit dem Nachdruck und der Sieghaftigkeit des Feldherrn aufzutreten gewohnt ist. Hören wir auf die Worte des Redners: „Der Feldmarschall und Herzog von Wellington mag die Armee nehmen, er mag die Bischofsmütze nehmen. Laßt ihn mit seiner ganzen Gewalt, das Schwert in Händen, gegen die Konstitution anrücken, das englische Volk wird ihn nicht nur zurückschlagen, es wird über seinen Angriff lachen! Zu andern Zeiten mag das Land mit Schrecken gehört haben: „„Der Soldat überall!““ Es wird jetzt nicht so seyn. Last den Soldaten überall seyn, wenn er will; er kann nichts in dieser Zeit thun. Es gibt eine andere Figur überall, eine weniger imponirende Figur, eine in vielen Augen vielleicht bedeutungslose. Der Schulmeister überall! Ihm vertraue ich, ihm, mit seinem Abcbuch bewaffnet, dem Soldaten in seiner vollen Rüstung gegenüber!“
„Der Schulmeister überall!“ Mit diesem mächtigen Schlagworte eröffnete Englands größter politischer Redner und tapferster, unermüdlichster Volksfreund der Welt den Einblick in die einfache Rüstkammer, aus der er seit Jahren all die Waffen hervorgelangt, die er als die besten erkannt hatte zur Befreiung des größten Theils der Nation von dem Druck, unter welchen es die Männer hoher Geburt und schweren Besitzes, trotz der goldenen Rechte und Freiheiten der stolzen Britannia, niederzubeugen wußten. Er schrieb auf seine Fahne: „Wissen ist Macht“ und widmete den Fleiß seines Lebens dem Ebnen des einzig sicheren und würdigen Wegs zur Demokratie, [94] der Volksbildung. Mit ächtenglischer Zähigkeit hielt er fest an dem einmal entworfenen Plan und er führte ihn siegreich durch nach dreißigjähriger Arbeit.
Und nun last uns den Mann selbst betrachten.
Heinrich Brougham ist ein Schotte. Er ward in Edinburg geboren, und Edinburg war auch die Wiege seiner Bildung. Ein glücklicher Umstand! denn während England in Materialismus versank und im kahlen Nützlichkeitsprinzip erstarrte, schwang sich der kecke und lebensvollere Geist der Schotten zu philosophischer Forschung hinauf und sicherte der britischen Gelehrsamkeit jenen höheren Standpunkt, auf welcher sie, unbeirrt von den Einflüssen des Hofs und der Salons, ihr weites Feld mit unbefangenem Blick überwachen konnte. In den Zöglingen seiner Philosophenschulen gab Schottland dem britischen Staate jene Helden der Freiheit und der Bewegung, welche die alten starren Massen, die von der Sündfluth des geschichtlichen Rechts und seiner tausend Gerechtsame im britischen Staatsgebäude aufgehäuft waren, zersetzten oder zerrissen.
Reform war das Fahnenwort der Männer, die in Edinburg für die Neugestaltung des Staats wirkten. Der Kühnste, der Vorderste, der Standartenträger war Heinrich Brougham.
Die Tiefe seines Geistes – als 22jähriger Jüngling war er schon Mitglied der königl. Sozietät der Wissenschaften – war für das Volk gerade in die rechte Zeit gefallen. Die Ideen der französischen Revolution hatten alle Geister ergriffen. Die alte Welt war in Bewegung. Auch nach England waren Funken über den Kanal gesprungen und hatten in den Köpfen der gebildeten Jugend und in denen der ungebildeten Menge gezündet. Und wen sie nicht erglühen machten, den machten sie erzittern. Gerade wie damals bei uns nach den Befreiungskriegen, als die besternten Wortbrüchigen und Freiheitsdiebe noch nach Ausflüchten suchten, oder wie in den dreißiger Jahren, oder wie heute die Schlangenzungen der Diplomaten und ihrer Fröhner thaten und noch thun, so wußte in Großbritannien die Klugheit der hohen Aristokratie und ihres tausendgliederigen Gefolges jede Billigung der Freiheitsbestrebungen jenseits des Kanals zum Verbrechen zu stempeln und sie verfolgte es mit Hülfe des Arms der Gerichte; in der Masse des Volks aber wurde arglistig, wie jetzt der Raçenhaß in Oesterreich, der Nationalhaß gegen Frankreich in einer Weise angeschürt, daß er dem Vertheidiger liberaler Ideen gefährlich wurde. Gegen solch aus Frankreich herüberdringendes perfides Irreleiten des Volks erhoben die redlichen Oppositionsmänner im Parlament ihre Stimmen vergeblich, ja, sie verloren sogar ihre Popularität. In dieser Krise, welche der britischen Freiheit selbst Gefahr zu bringen drohte, schaarte Brougham die Willenskräfte muthiger, starker Männer in Edinburg zusammen, um der Reaktion einen Damm zu setzen und sie zu überwinden. Das Mittel bot die freie Presse. Der Verein beschloß, den reichen Schatz, der ihm an Kenntnissen, Talent und Muth, den drei Hauptkräften publizistischer Wirksamkeit, innewohnte, fortan nur zum allmähligen [95] Umbau des Staats zu verwenden. Brougham hatte den Plan entworfen. Der Bund sollte der Reform nur durch Volksunterricht Eingang und Geltung verschaffen. Nicht strebte er, die Majorität im Parlament und die dem großen Haufen eingeimpften Ansichten im Sturm zu überwältigen, sondern, um die Geister durch unermüdliches Vorführen liberaler Ideen in tausenderlei Formen und Betrachtungsweisen ihrer Vorurtheile nach und nach zu entwöhnen und dem Patriotismus und dem Liberalismus, die in den Köpfen feindlich aus einander lagen, wieder harmonische Kraft zu geben. Diese Vorsätze riefen eine Menge Schriften für’s Volk und eine Anzahl Journale in’s Leben. Obenan stand die Monatsschrift: „Edinburgh Review“ als der eigentliche Repräsentant des ganzen Strebens. Noch nie vorher ist der Torysmus und sein Staat mit einer schrecklichern Waffe bekämpft worden, als in dieser Zeitschrift. Die Aufsätze Broughams wirkten, wie Brandraketen, zerstörend und vernichtend zugleich. Schlag auf Schlag stürzten die stärksten Bollwerke der Aristokratie nieder. Keine Kunst und keine Tapferkeit half ihr etwas gegen den nimmermüden Gegner.
Mit seiner volksschriftstellerischen Thätigkeit hielt sein Eifer als praktischer Jurist gleichen Schritt. Dieser führte ihn in kurzer Zeit zur höchsten Stufe, die der Ehrgeiz eines Sachwalters in England erstreben kann: Brougham kam in Angelegenheiten der Herzoge von Roxburgh nach London; er ward der berühmteste Advokat der Weltstadt. Wie sein Ruhm wuchs, so wuchs die Zahl und die Bosheit seiner Feinde. Was sie im offenen Kampfe nicht gewinnen konnten, hofften sie durch die im finstern schleichende Intrike zu erreichen. Ihr mächtigstes Angriffsmittel war das, wonach alle feigen Gegner greifen: Verdächtigung. Brougham wurde den Augen der so leicht zum Mißtrauen zu verleitenden Menge vorgehalten als Feind der Hochkirche, als ein Mensch von antinationalen Grundsätzen, der Franzosen und Nordamerikaner vergöttere und die Heimath im Herzen verachte. Man nannte ihn einen falschen Volksfreund, der die Larve des Volksmanns nur aus egoistischen Beweggründen trage und den Umsturz aller Verhältnisse wolle, um seinem unersättlichen Ehrgeiz freie Bahn zu brechen. Religiöser und patriotischer Fanatismus ward gegen ihn in die Schranken gerufen. Aber trotzdem, daß die Rückschrittspartei Alles aufbot, um dem gefährlichen Volksmann die Thüren des Parlaments zu verschließen, trotzdem, daß sogar Handelsstädte, für die er seit 1807 in seinen Schriften und Reden für Handelsfreiheit unermüdlich und furchtlos das Wort geführt, den torystischen Einflüssen gehorchten und seine Kanditatur zurückwiesen, kam er doch zum Ziele. Durch seines Freundes, des Herzogs von Bedford, Unterstützung trat er 1810 in den Rath der britischen Nation.
Brougham im Parlament – das war eines der wichtigsten Ereignisse für Englands neueste Geschichte. Das Ziel war erreicht, von dem aus er für sein Ziel am nachdrücklichsten wirken konnte. Wie er dies that, wie er in alle Kreise eingriff, welche Volksinteressen einschließen, können wir hier nicht in das Einzelne verfolgen. Es [96] ist so wesentlich mit der Entwickelung des britischen Staats- und Volkslebens der neuesten Zeit verflochten, daß, wollten wir es darstellen, wir eine Geschichte Englands schreiben müßten. Wir wollen und hier mit einem Ueberblick der Hauptrichtungen seiner staatsmännischen Thätigkeit begnügen.
Broughams erstes Wort von Britanniens Tribüne galt der Reinigung der Ehre der Menschheit: er erzwang durch seinen siegreichen Vortrag die Aufhebung des Sklavenhandels. Dies geschah 1811. Im folgenden Jahre setzte er seinen 1807 begonnenen Kampf gegen die das Volksrecht mit Füßen tretende Regierungsmaßregel, welche alle Meere den neutralen Mächten verschloß, im Unterhause fort und ging als Sieger gegen das Toryministerium daraus hervor. Doch gelang es seinen mächtigen Feinden bei der neuen Parlamentswahl von 1813, den gefürchteten Mann vom Volksrathe in St. Stephens auszuschließen. Er war Kandidat von Liverpool. Der große Canning, sein Rival, gewann die Wahlschlacht.
Indessen kam er aber 1815 doch wieder in’s Parlament. Es war eine Zeit, die solche Männer brauchte; denn damals trug die Reaktionspartei, von den Ereignissen begünstigt, das Haupt höher, als je: Castlereagh, der Mann des heiligen Bundes zur Vernichtung der Freiheit und zur Unterjochung der Völker, regierte das Weltreich. Wie ein St. Georg, so stark und so muthig, warf sich Brougham auf zum Bekämpfer des Drachen, dessen Schlangenleib in tausendfachen Windungen die Völker zwängte. Seine Diatriben, die nichts schonten, brachten gegen jene fluchbeladene Verbindung der Könige einen solchen Umschlag in der öffentlichen Meinung hervor, daß die Regierung es nicht mehr wagen durfte, tiefer in die Pläne der gekrönten Volksverräther einzugehen, sondern sie vielmehr genöthigt wurde, ihnen entgegen zu treten und sie in engere Schranken zu verweisen. Sodann machte er seinen berühmten Antrag auf Verbesserung der Volkserziehung. Damit griff er das Heiligthum der Unterdrückung an. Der Streit war furchtbar. Die stärksten Pfeile seiner von ganz Europa bewunderten Reden prallten ab an der harten Stirn der Feinde aller vernünftigen Nationalentwickelung und an der starren Rinde geistlicher und weltlicher Privatinteressen. Broughams Antrag wurde nach dem hartnäckigsten Redekampfe, der je gefochten wurde, im Parlamente zurückgewiesen. Nun schlug Brougham wieder den alten langsamen, sichern Weg zu seinem Ziele ein: – den des Unterrichts durch die Presse. Aller Hindernisse zum Trotz entstanden unter seiner und seiner Freunde Leitung im ganzen Reiche Kleinkinderschulen, Handwerkerschulen und unzählige Vereine für die Verbreitung tüchtiger Volksbildung. Eine ganze Literatur wurde zur Förderung dieser Zwecke in’s Daseyn gerufen und die ersten Männer der Wissenschaft stiegen zu Lehrern des Volks hinan. Brougham ging in Allem mit gutem Beispiel vor. Er rief unter Anderm jene illustrirten Pfennigmagazine in’s Leben, in denen die Resultate der Wissenschaften dem Volke in der faßlichsten Form und fast umsonst geboten wurden. Die erste Zeitschrift dieser Art gewann 200,000 Abonnenten. Er schlug die Gemeindebibliotheken [97] und die Bibliotheken für Fabrikarbeiter vor – und bald verbreiteten diese sich über’s ganze Reich. Keine Hütte blieb ganz ohne Unterricht, und wo die Indolenz die geringen Anschaffungskosten der Schriften der Vereine scheute, da gab man sie ihnen umsonst. Auf Broughams und seiner Bundesgenossen Anregung sind in den Jahren 1815 bis 1835 nicht weniger als 47 Millionen Exemplare von Volksschriften in England verbreitet worden. Und nicht auf Britannien allein beschränkte sich dieses gesegnete Wirken. Brougham ging nach Paris und begeisterte auch dort eine Anzahl edler Volksfreunde (Arago und Andere) für ein gleichartiges Streben. Seine Pfennigmagazine wurden nach Frankreich verpflanzt und verbreiteten sich von da über ganz Europa. Volksunterricht wurde das Losungswort aller die Volkshoheit anstrebenden Geister, das Band, das sie alle einig umschlang, und das Wort des bildenden Menschengeistes ward ausgesprochen für alle Völker. Die Wissenschaften erhoben sich zu Pflegerinnen der Freiheit, und unter solcher Pflege wurde der Freiheitsdienst ein Gottesdienst in des Ausdrucks edelster Bedeutung. Des Wissens Flamme löste die Erstarrung des Volkslebens; sie gab den Formen den vergessenen Inhalt wieder.
Ehre und Preis Dem, welcher dies Feuer im Heiligthum der Menschheit als Oberpriester am eifrigsten und unermüdlichsten geschürt hat. Ehre unserm Brougham! Und Ehre ist ihm – wie Wenigen – widerfahren. In welches Land er den Fuß gesetzt hat, das hat ihn gefeiert, und jedes Volk, das er auf seinen Reisen besuchte, gab ihm Feste und sprach durch die Würdigsten und Besten seine Verehrung aus. Je größer er aber ward in der Völker Augen, desto erbitterter und wüthender wurde er gehaßt von den Großen und Gewaltigen.
Schaffe nur Einer mit rücksichtsloser Treue für das Wohl des Volks, – er wird bald erfahren, daß er ein Feind aller Könige ist. George IV. eklatante Ungnade konnte ein Brougham schon verschmerzen; er hatte sie redlich verdient. Als sich aber der Volksmann nicht scheute, in jenem berüchtigten Prozesse als Anwalt der Königin die Verworfenheit ihres Gemahls mit der Unerschrockenheit eines gewissenhaften Rechtsverfechters aufzudecken, – da hatte der Zorn der Majestät kein Maß mehr. Er wüthete bei allen Gelegenheiten gegen den freien, von seines Volks Gesetzen geschützten Mann bis zur Lächerlichkeit. In Deutschland wäre es ihm anders ergangen. Er hätte wenigstens Abbitte vor dem königlichen Konterfei thun und mit geschornem Haupte in’s Zuchthaus wandern müssen.
1824 erschien Broughams berühmtestes Werk über Volkserziehung: „Practical observations upon the education of the people).“ Es ist in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden. Im folgenden Jahre (1825) stiftete er, um sein Wirken zu zentralisiren, die „Gesellschaft zur Verbreitung nützlicher Kenntnisse“, die ein Schrecken aller Feinde der Aufklärung wurde. Die Ernennung Broughams zum Lord-Rektor der Universität Glasgow konnte als Anerkennung seiner Wirksamkeit gelten. Im Jahre 1826 regte er die Gründung der [98] Londoner Universität siegreich an. So liefen die Radien seines Wirkungskreises beständig nach allen Seiten hin. Er war der Schulmeister überall.
Im Parlamente war er nicht müßig. Er führte den Kampf für die Emanzipation der Katholiken[1]. Ein harter Streit. 1828 und 1829 setzte er die Reform der Gerichtshöfe durch. Es war dies sein letzter Triumph im Unterhaus. Broughams Antrag auf Verbesserung des bürgerlichen und peinlichen Verfahrens und der Strafgesetzgebung in England mußte zur Enthüllung manches schwarzen und faulen Flecks im britischen Staatsleben hinführen, und die Weise, wie Brougham solche Stellen betastete und der Oeffentlichkeit bloß legte, gab dem Volke die schlagendste Belehrung über seinen Rechtszustand und der Partei der Freiheitsfreunde eine haarscharfe Waffe gegen die Aristokratie in die Hand. Die Hauptschlacht in diesem Kampfe wurde am 7. Dezember 1828 geliefert: Brougham sprach für seinen Antrag sieben volle Stunden und bewies neben der Unerschöpflichkeit seiner damaligen geistigen Kraft auch die Körperstärke, mit welcher Gott das Rüstzeug des Volks ausgestattet hat.
Als das große Jahr 1830 schlug, fand es in England die Saat Broughams und seiner Genossen zur Reife gediehen; auch hatte ein anderer Monarch, Wilhelm IV., den Thron bestiegen. Dies und der Umstand, daß der stolze und starre Wellington jetzt das Steuer des Staatsschiffs führte, war für die Sache des Fortschritts außerordentlich fördernd: der Hochmuth der Gewalthaber erging sich auf einer von allen Zuckungen des Volksgefühls so entfernten Höhe, daß sie in ihrem Wahnwitze selbst die Männer der Freiheit zum Entscheidungskampfe herausforderten. Diese hoben den Handschuh jubelnd auf. Während noch im Februar 1830 der Antrag Russel’s auf Parlamentsreform verworfen worden war (Wellington sprach damals: „In meinen Augen ist eine Parlamentsreform eben so nutzlos, als schädlich“), sah sich im November desselben Jahrs das Ministerium genöthigt, seine Entlassung zu nehmen. Graf Grey trat an die Spitze des neuen und Brougham erhielt als Kanzler die erste Würde des Reichs. Er wurde zum Baron Brougham und de Vaux ernannt und ließ sich, als Präsident des Hauses der Lords, auf dem Wollsack nieder.
In dieser neuen Stellung, deren Höhe und Glanz ihm behagte, hing er treu an seiner Fahne. Reform blieb sein Feldgeschrei. Er fegte den Augiasstall des britischen Gerichts- und Sportelwesens, wodurch er selbst seine Jahreseinnahme um 80,000 Gulden verkürzte und sich unzählige neue Feinde machte, dem Volke aber eine der größten Wohlthaten erwies. Je höher er gestiegen, je wüthender war die Partei, welche ihm Vernichtung geschworen [99] hatte. Sie rastete nicht in ihren Verfolgungen, und da sie ihm mit den Waffen der Intelligenz nichts anhaben konnte, so nahm sie, seiner los zu werden, zum niedrigsten Mittel ihre Zuflucht – zu persönlichen Unbilden. Brougham, von Ekel übermannt, resignirte auf die so ehrenvoll errungene höchste Stellung im Staate: er dankte als Lord-Kanzler des Reichs ab. Sein gnädiger König aber nannte den Abgehenden „einen wandernden Marktschreier, der nicht nur dem Kabinete, zu dem er gehörte, Schande gemacht, sondern auch das Reichssiegel von England durch den Koth geschleift und durch seine unzähligen Gaukeleien und Kleinlichkeiten das höchste Zivil- und Staatsamt in England entwürdigt habe.“ Das war königlicher Dank!
Seit dieser Zeit ist Broughams parlamentarisches Wirken im Oberhaus beschränkt und entbehrt der frühern Macht. Es richtet sich ausschließlich auf Verfolgung seines Hauptzwecks, „Nationalerziehung und Verbesserung öffentlicher Anstalten zu Gunsten des Volks“. Der Greis Brougham hat durch Gelehrsamkeit, Geisteseminenz und reiche Erfahrung endlich eine Stellung über den Parteien eingenommen, der Haß ruht und alle gönnen ihm jetzt den Ehrentitel des Cato im britischen Oberhause.
In der englischen Grafschaft Westmoreland, auf einer vom Lowtherthale begrenzten Höhe, baute sich Brougham aus den Ersparnissen früherer Jahre sein Brougham-Hall, den freundlichen Landsitz, wo er, wie Cicero in seinem Tuskulum, zurückgezogen von der Welt und ihrem Lärm, jeden Sommer zubringt, obliegend seinen Studien, dem Genuß einer herrlichen Natur und den Freuden des Wohlthuns. Weit und breit in der Runde kennt Jung und Alt den lieben Greis, und wo Hülfe, Rath und Trost noth thun, da trägt er sie selbst in jede Hütte und jedes Haus. „Vater Brougham“ grüßt ihn alles Volk, und kein Gruß ist dem großen Mann so lieb, als dieser.
Ein Park, von ihm selbst angelegt, umgibt die stattliche Villa, in welcher die Kunst und die Literatur seltene Schätze bewahren. Broughams Lieblingsplätzchen aber ist eine zwischen Felsen und alten Eichen versteckte Klause, mit der Inschrift über dem Pförtchen:
Der Mensch zum Haus des Glücks nur eine Hütte.
- ↑ Der erst viele Jahre nachher zum Sieg führte.