Messina (Meyer’s Universum, 1848)
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MESSINA
(Vor dem grossen Erdbeben)
Fressender, verzehrender Hader entzweit diese Zeit ärger als jede frühere, und doch führt keine häufiger die Einheit im Munde. Woher dieser Widerspruch? Ich will’s euch sagen: weil sie sich schämt, eine christliche Zeit zu heißen. Der Strom der Demokratie, der seine Fluth über die zivilisirte Erde wälzt, verleugnet seine lautere Quelle, und die Lehre von der Volkshoheit verirrt sich in künstliche, hinfällige Systeme, statt daß sie auf dem ewigen, unerschütterlichen Fels des Christenthums, als Grund der Demokratie, fortbauen sollte. „Werdet Christen, damit ihr frei werdet!“ rief schon Huß dem Volke zu – und bis auf Lammenais herab haben die größten Geister, die für die Emanzipation der Völker wirkten, die Nationen auf das Evangelium, als den rechten Kodex der Freiheit und Gleichheit, hingewiesen. Die Lehre Dessen, welcher als Demagog den Kreuzestod gelitten, die Christuslehre, indem sie die Gleichheit aller Menschen vor Gott verkündigte und gerade aus dem Proletarier- und Arbeiterstande ihre ersten Organe wählte, (Mauthner, Schiffer, Fischer und Handwerker waren die Jünger), brach mit dem Sklaventhum zugleich das Kasten- und das Ständewesen und stürzte alle Schranken zwischen Hoch und Niedrig ein. Christus, der Erlöser, sprach das große Wort: Alle Menschen sind Brüder. Er hat der Freiheit Brücken gebaut überall; er hat die Regierungsgewalt gesänftigt, indem er ihren Bestand auf Recht und Gesetz gegründet; er hat anerkannt die geistige Ebenbürtigkeit aller Menschen: denn auch die Untersten erklärt er durch die Taufe zu Wiedergebornen! – Mit dem gemeinsamen Bande der Liebe, der Freiheit und Gleichheit will er ein Volk nicht nur, er will damit alle Völker in eine einzige Gemeinschaft verschlingen, damit sie nicht mehr wie feindliche Wesen, sondern wie Brüder in einem Leibe wohnen, damit sie wie Glieder eines Körpers, wie die Fakultäten einer Seele, – alle sich einander dienen, helfen, nützen und in freiem Wirken dem einen Ziele zustreben, dem der allgemeinen Menschenbeglückung! Schöpft, ihr Völker, die ihr Selbstregierung und Freiheit wollt als Grundlage glücklicherer Zustände, an der wahren Quelle der Demokratie eure Lehren und Grundsätze, und der Wirrwarr der Begriffe, der jetzt den Verstand von so Vielen umnebelt, wird schwinden, – es wird helles Sonnenlicht in die Geister dringen, die jetzt von qualmenden Pechfackeln der Leidenschaft ihren trüben Schein bekommen, und das, was die Demokratie überall noch entbehrt – Maß und Ordnung – wird nicht länger vergeblich zu suchen seyn. Christus – nicht der Pfaffengott, sondern der an’s
[86] Kreuz geschlagene Völkermessias, – Christus, der von Gott gesandte Freiheitsapostel, soll im Staate der Volkshoheit der Logos seyn, das ordnende Prinzip, welches von der Höhe herab ebnen, Maß geben und regeln soll die Bewegung der Massen, welche naturgemäß zur Anarchie hinstrebt. – Er, Christus, verleihe der Volkshoheit die religiöse, versöhnende Weihe! Darum noch einmal: „Werdet Christen, wenn ihr frei seyn wollt!“
Ein Doppelruf geht jetzt durch die zivilisirte Welt. Die Einen erheben ihre Stimme für Einheit, die Anderen für Freiheit. Die Einen pochen auf ihren Wahlspruch: Keine Freiheit ohne Einheit! – die Andern auf den ihrigen: Keine Einheit ohne Freiheit! – Die Einen wollen – oder geben vor, zu wollen – durch Einheit zur Freiheit gelangen; die Andern behaupten: An die Freiheit schließt sich von selbst die Einheit an.
Dieser Kampf hat nicht bloß ein Volk ergriffen, er durchzuckt die drei Hauptstämme der europäischen Menschheit, Germanen, Romanen und Slaven. Der Panslavismus ist aus der Literatur herausgetreten. Er steht als ein Riese mit aller Kraft der Jugendlichkeit vor dem alterschwachen Westen. Der Romanismus strebt einem Ganzen zu, und die Stämme der deutschen Nation haben mit dem Schwerte das Wort ergriffen und aus dem Worte die schärfste Waffe der Volksfreiheit geschmiedet.
Jeder dieser Hauptstämme hat sein Ziel. Die slavischen Stämme ringen nach Einheit, sie streben dem Knotenbündel der kaiserlichen Knute zu, sie wollen eine Krone auf dem Haupte der vielzüngigen Slavia. – Die Italiener trachten nach Freiheit; Selbstständigkeit steht auf ihren Fahnen, während das einheitbringende Herrscherhaupt noch kein Gegenstand ihrer Sorgen ist. Und Deutschland? Da stehen zwei streng geschiedene Gruppen. Die kleinere, die Trias (Adel, Beamtenthum und Besitz), hält den alten, zerlumpten Fetzen des neu ausgeflickten Kaisermantels und die alte, so oft geschändete Krone empor, – die andere, das Volk in Masse, den schmucklosen Bürgerhut. Die große Mehrheit der deutschen Nation – sie will Einheit durch Freiheit. Kein Minderes stellt sie zufrieden.
Italiener und Deutsche liegen an einer Krankheit darnieder; aber sie unterliegen ihr nicht. Zerrissen sind sie seit Jahrhunderten, sie bildeten nur ein von der Noth zusammengeklammertes Ganze. Krant sah es aus – aber jedes einzelne Glied war doch gut, war kräftig, war kerngesund. Beide Länder tragen die Keime der Volksgröße in sich, beide erkennen die Individualität der Volksstämme, wie das Ehren und Grundrecht der geringsten Gemeinde, an, sie wollen nur aus der Verbindung des Rechts mit der Freiheit den Staat gründen; [87] nicht umgekehrt, wie das unglückliche Frankreich! Die Zusammenschnürung der Nationalkraft auf einen Knoten, die Zentralisation, welche Frankreich für Augenblicke stark und für die Dauer schwach gemacht hat, wird von den gesunden Gliedern der germanischen wie der italienischen Staatskette zurückgewiesen. Runzelt sich doch das dünne Lumpenpapier unserer Parlamentsdebatten selbst vor Lachen über die unsterbliche Notiz, daß die große deutsche Nation von 45 Millionen durch eine Majorität von 9 Menschen, deren Redlichkeit und Gesinnung sich nie anders als dadurch äußerte, zu jedem volks- und freiheitsfeindlichen Antrag Ja zu sagen, einen Kaiser auf einen siebenunddreißigbeinigen Stuhl setzen will!! Solche Reichs-Hanswurstenstreiche sollten die Herren in Frankfurt bleiben lassen. Sie passen nicht in diese ernste Zeit. –
Italien und Deutschland erleiden das gleiche Schicksal. Eine der Ursachen desselben ist ihre Lage. Deutschland liegt im Herzen Europa’s, jenes im Herzen der alten Welt. Dadurch sind sie zwar einmal zu Weltreichen geworden, aber auch zu Märkten, zum Forum, zum Circus für alle Nachbarvölker.
Kein Fleckchen der Erde hat jedoch ein strengeres Geschick gehabt, als der Garten des Mittelmeers, das ewig blühende Sizilien. Aus den grauen Tagen der Mythe geht sein bleicher Stern auf und ist erst in der neuesten Zeit zu einem hellen Glanz gekommen. Alle Völker, welche die drei Erdtheile der alten Welt durch Anker und Schwert zusammenführte, haben eine Zeit lang ihren Herrscherthron auf die Lava des Aetna gebaut; keines kam zu dauernder Herrschaft, aber – Sizilien ist auch nie zu sich selbst gekommen. Gehetzt, so weit das Auge der Geschichte reicht, von den Männern des Sikulus, von Kretern, Phocensen, ausgebeutet von Phöniziern, Karthagern, Griechen, mit dem Schwert regiert von Römern, Vandalen, Gothen und Sarazenen, mit Blut bedeckt von Normannen und Deutschen, von Franzosen und Spaniern, war es endlich ein päpstliches Erblehn und ein Zankapfel geworden zwischen den beiden Hauptgewalten der mittelalterlichen Christenheit. Wie Irland hat die unglückliche Insel sich zuletzt fremden Dynastenstämmen unterwerfen müssen, und es hat mit Herrschern gewechselt, wie eben die Laune des Schicksals die Herrscher durcheinander warf. Es war savonisch, österreichisch, spanisch und neapolitanisch in wenigen Jahren und es würde an der bourbonischen Pest verschieden seyn, wenn nicht der Sturmwind unserer Tage auch dort frische Luft in’s Staatsleben gebracht hätte.
Sizilien ist endlich losgerissen von der Hemmkette des italienischen Kontinents und athmet wieder auf. Sein Volk offenbart eine Kraft, die man im italienischen Stamme längst untergegangen glaubte. Nach dem ersten Erwachen aus dem langen schweren Traum flimmerte ihm zwar noch der Glanz einer Fürstenkrone vor Augen: es war schlaftrunken. Jetzt wird ihm jedoch der Blick von Tag zu Tag heller; es erkennt im Hut des freien Bürgers die höchste Krone der Völker.
[88] Wir werden gewiß noch den großen Festtag erleben, an dem man auf der Karte von Europa lesen wird: „Vereinigte Freistaaten von Deutschland –Vereinigte Freistaaten von Italien.“ Wie es aber auch komme, Sizilien gehört der Ruhm, daß es den Reigen der italienischen Volkserhebung eröffnete.
Jedes Land hat geistige Mittelpunkte. Diese sind nicht nimmer die Residenzen der Fürsten oder die Hauptstädte offizieller Bezeichnung. Hanau ist z. B., was geistige Regsamkeit und politische Bildung angeht, die Hauptstadt von Kurhessen, Nürnberg die Hauptstadt von Bayern, Leipzig von Sachsen, und so ist Messina die von Sizilien. Seine Lage in der Meerenge, dem Festlande gegenüber, hat es von jeher zum ersten Angriffs- und Vertheidigungspunkte der Insel gemacht. Eine Einwohnerschaft, welche oft in Gefahr ist und im Anblick der Waffen auflebt, wird immer die schlagfertige Faust einer Nation seyn. So finden wir denn auch in der ganzen Geschichte von Sizilien Messina stets als Wecker der Insel. Jeder Versuch zum Erkämpfen der Selbstständigkeit fand hier seine ersten Kräfte und keine Stadt der Insel zählt eine solche Menge von Katastrophen, eine solche Anzahl von Aufständen, Belagerungen, Siegen und Niederlagen. Fast jede Generation hat hier Tage des Unglücks erlebt, sey es im Kampfe mit äußern Feinden oder mit tyrannischen Herren, oder unter der Geißel zerstörender Naturkräfte, vor deren Allgewalt die Menschenkraft in Ohnmacht vergeht.
Denn Messina steht auf beweglichem Boden und ist Preis gegeben der verheerendsten und fürchterlichsten aller Naturerscheinungen, welche die Menschheit heimsuchen. Die höchste europäische Esse der Erdschmelze steht an seinen Thoren. Doch so malerisch-schrecklich auch das Bild ist, welches der flammenspeiende Aetna den Messinesen manchmal zeigt, wenn glühende Lavaströme von seinem Gipfel herabfließen, so ist das doch nicht mit den Gefahren zu vergleichen, welche für Messina aus den Erdbeben entstehen, welche es schon mehrmals verwüsteten. Fast kein Monat vergeht, ohne daß nicht mehr oder minder heftige Oscillationen des Erdbodens die Einwohner an die Gegenwart des Feindes erinnern, welcher, im Leibe der Erde verborgen, von Zeit zu Zeit seine Hand herausreckt, um zu vernichten: – an den Feind, vor dem, wenn er sich erhebt, die Berge den Boden der Thaler küssen, die Ströme ihre Betten verlassen, der finstere Meergrund aus der Tiefe emporsteigt an’s Licht der Sonne, Quellen vertrocknen, Flammen aus der gespaltenen Erde steigen und die starren Felsmauern der Küsten, die für die Ewigkeit gebaut scheinen, zerbrechen wie dünnes Glas und in Trümmern in’s Meer stürzen. Die Umgegend von Messina zeigt überall noch das Bild der Wandlungen, welche sie in Folge der Erdbeben fort und fort erlitten. Man erkennt bis zu einer Höhe von 50 Fuß über dem Meere die alten Uferlinien und Meergründe in wechselnden Schichten von Kalk und Muscheln und ein mehrmaliges Heben und Senken des Bodens zeigt sich an tausend Stellen. In einem Traßbruche an der Küste fand man sogar Bruchstücke von Schiffen und bei stiller, klarer See gewahrt man noch alte Bauruinen in bedeutender Entfernung vom Ufer.
[89] Es ist der traditionelle Glaube der Messinesen, daß, so lange der Aetna Lebensthätigkeit zeigt, so lange die Esse raucht oder seine Flammensäule die Nacht erleuchtet, keine Erdbebengefahr vorhanden ist. Wenn hingegen die Rauchwolken des Gipfels schwach werden, oder gar verschwinden, dann erwartet man Erschütterungen, und sie äußern sich entweder durch ein unschädliches, leises, oft mehre Tage andauerndes Zittern des Erdbodens, oder durch mit dumpfem Getöse verbundene wellenförmige Bewegungen, welche die gewöhnlichen Vorläufer der Explosionen sind. Schrecken und Angst ergreift dann jeden Menschen. Sein Glaube an die Ruhe und Stetigkeit, an die Festigkeit und Sicherheit des Starren, auf dem er steht, fällt von ihm, und die geheimnisvolle Naturkraft, welche das Starre bewegt, tritt ihm urplötzlich, handelnd und mit ihrer ganzen Schreckensgestalt entgegen. Ein Augenblick macht gewohnte Vorstellungen zu nichte. Die Ruhe der Erdfeste erscheint als Lüge, man fühlt sich wehrlos in der Gewalt unbekannter Mächte. Selbst die Thierwelt theilt das Gefühl des Schreckens. Der Hund rennt heulend umher, das scheue Wild verläßt die Wälder und irrt um die Wohnungen, als suche es Zuflucht und Hülfe bei den Menschen; die Ungeheuer der Tiefe steigen aus dem Meergrund und versammeln sich am Ufer; die Heerden laufen blöckend von der Weide, oder stürzen sich, um dem wankenden Boden zu entfliehen, verzweiflungsvoll in’s Meer. Dem Menschen stellt sich die zerstörende Naturkraft als etwas Allgegenwärtiges, Unbegrenztes dar, und das raubt ihm die Besinnung. Er glaubt sich überall, wohin auch die Flucht gerichtet sey, über dem Herde des Verderbens, und in diesem Glauben ergreift er entweder gar kein Mittel zu seiner Rettung oder die verkehrtesten. So rannten in dem schaudervollen Erdbeben von 1783, welches Messina’s Pracht in wenigen Stunden zerstörte, Tausende in die Kirchen, um das Erbarmen Gottes anzurufen, und wurden von den einfallenden Thürmen zerschmettert, und andere Tausende lagen händeringend auf den Knieen in den Straßen, bis sie die einstürzenden Häuser begruben. 14,000 Menschen verloren damals ihr Leben und die Stadt selbst wurde ein Schutthaufen. Dennoch erhob sie sich wieder zur prächtigsten Stadt Siziliens im Laufe eines halben Jahrhunderts, während welcher Zeit zwar leichte Erschütterungen dieselbe zuweilen in Angst setzten, doch ohne verwüstende Folgen. Aber Messina’s neue Blüthe, welche die furchtbare Naturgewalt so lange verschont hatte, ward von der Hand Dessen teuflisch geknickt, der sie pflegen sollte – von der Hand ihres Königs. Kaum sind einige Monate vergangen, seitdem der gekrönte Schurke, welcher, mit dem Fluche und Unglück seines Volkes beladen, in Neapel zu Thron sitzt, jenes Bubenstück gegen Messina verübte, in Folge dessen die herrliche Stadt von Mord, Brand und Plünderung verheert worden ist. Die Kraft ihres Lebens ist nun gebrochen bis zur innersten Wurzel. Und warum opferte der Mann von Gottes Gnaden Messina und mit ihm zugleich 8000 seiner Krieger, die blinden Werkzeuge seiner Despotie? Beherrschten die Kanonen seiner Zitadelle nicht vor der Zerstörung die reiche Stadt auch? und ist die [90] Herrschaft über eine verwüstete was Besseres? Es konnte der Macht des Tyrannen keinerlei Gewinn daraus erwachsen, – es war höllische, persönliche Rachsucht allein, welche seinen Satelliten den Befehl ertheilte: zieht aus gegen Messina und vertilgt es! 15,000 Menschen bluteten in Messina’s Straßen und Häusern, und die Brandfackel leuchtete unbeschreiblichen Gräueln gegen Unschuldige! So rächen sich Könige an Völkern, die ihr Recht fordern, und das nennen sie Ordnung im Staate wahren und Gerechtigkeit üben! Aber auch dieser neapolitanische Zweig eines Stammes, welcher aus dem Fluch der Nationen empor gewachsen ist, er wird vom Blitz des vergeltenden Gottes zerschmettert werden. Das Gericht bleibt nicht aus. Es sagen alle Zeichen, daß der Tag, wo Alle, die jenem Wütheriche gleichen, zum Fall kommen werden, nahe ist, und an ihnen wird geschehen, was sie gethan haben an Andern. Die erlösten Völker aber werden dann der Worte der Bibel gedenken:
Unser Bild zeigt den Hafen von Messina, wie er vor dem großen Erdbeben war. Alle Pracht ist hin, die alte, wie die neue. Die herrlichen Kayen sind in Schutt begraben und von einer Bevölkerung von einst 45,000 sind kaum 18,000 übrig geblieben. Was Pulver und Blei und das Schwert nicht fraßen, fraß das Elend. Nichts ist unverändert, als der Blick aus dem Hafen auf die Küste von Neapel, dahin, woher das Unglück der Tyrannei über den Garten Europa’s und sein Volk gekommen ist seit vielen Jahrhunderten. Gekreuzigt wird heute noch in Neapel die Freiheit; aber auch dort werden „Erdbeben und Engel“ nicht ausbleiben, die den Stein von ihrem Grabe wälzen.