Sunderland, die Kohlenstadt, an der Wear in England

DLXXXIX. Linz Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band (1848) von Joseph Meyer
DXC. Sunderland, die Kohlenstadt, an der Wear in England
DXCI. Messina
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SUNDERLAND in DURHAM
(England)

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DXC. Sunderland, die Kohlenstadt,
an der Wear in England.




Im Weltraum geht kein Atom verloren. Nur die Formen sind wandelbar und diese Wandelbarkeit ist des Lebens Mutter. Die strahlenden Welten selbst sind nur zerbrechliche Formen, und wie es Zeiten gab, wo sie nicht da gewesen, so werden Zeiten kommen, wo sie vergangen sind wie die Blumen des vorigen Jahrs. Auch unsere kleine Erde – die Kugel, auf der der Mensch sich sorgt und müht um leeren Wahnes willen – war in ihrer jetzigen Gestalt einst nicht vorhanden. Ihr Bau ist das Werk vieler Tausende von Jahrtausenden, eines Zeitraums:

So unermeßlich, daß er nicht zu denken, –
Und doch im Schöpfungstag nur ein – Moment.“ –

Ein Embryonenleben hat alles Geschaffene. Auch die Weltkörper haben das ihrige. Das Fötusleben unserer Erde war nicht anders, als das, welches wir an den jüngern Welten wahrnehmen, die jetzt im Raume sich bewegen. Wie die Kometen, die durchsichtig und in Gasform mit langem Lichtschweif am Himmel wandern, so war auch unsere Erde einst ein dunstförmiger Körper, und undenkliche Zeiträume verstrichen, ehe sie sich verdichtete, entzündete und endlich, auf der Oberfläche erstarrend, sich in den engen Raum zusammenzog, den sie jetzt im Universum ausfüllt.

Zwischen jenem ersten Erstarren der feuerflüssigen Erdkugel, zwischen jenem ersten Bilden der Schlackenrinde derselben und der neuesten Erdschichten liegt wieder ein großer Zeitraum. Wahrscheinlich umfaßt er viele Millionen Jahre, während welchen eine ununterbrochene Reihe von Entwickelungsprozessen vor sich ging, vom ersten Krystall an bis zum Menschen, dem Repräsentanten der höchsten Organismen. Erst mit seinem Erscheinen tritt das Erdleben in ein ruhigeres Stadium. In den Erdbeben sehen wir das letzte Zucken der Titanengewalt, die Vulkane, die Essen der Erdschmelze, erlöschen, bis auf eine verhältnißmäßig kleine Zahl; die geistigen Kräfte gewinnen die Oberhand über die irdischen.

[79] Die Mannichfaltigkeit der Erdschichten fällt auch dem oberflächlichsten Beobachter auf. Bald erblickt er die starren Massen der Granite, Porphyre und alten Laven, bald Kalke, bald Sand, bald Schiefer, bald Thon, bald Mergellager; er bemerkt an allen diesen Gesteinen eine Menge Verschiedenheiten und Abarten; er findet manche Versteinerungen von Schaalthieren etc. und Pflanzen, denen er in andern Schichten nicht wieder begegnet. Schon diese oberflächliche Beobachtung, welche Jeder machen kann, führt darauf hin, daß ihre Bildung nicht gleichzeitig geschehen konnte und große Zeitabschnitte dazu gehörten, die verschiedenen Erdrinden, von denen jene Gesteine die Ueberbleibsel, die Ruinen sind, zu machen und wieder zu zerstören, und welch großen Naturkräfte dabei wirksam gewesen seyn müssen, ganze Schöpfungen der Thier- und Pflanzenwelt zu vertilgen und andere an ihre Stelle zu rufen. Und doch, wie wenig ist ist’s, was wir von der Masse des Erdkörpers wirklich kennen! Unser Wissen ist nirgends tiefer als 4000 Fuß in die Erdkruste gedrungen, was sich zum Erdhalbmesser verhält, wie der zehnte Theil der Dicke der zerbrechlichen Schale eines Hühnereis zu der Dicke des Ei’s selbst. Wir haben auch keine Hoffnung, jemals viel tiefer mit unsern Forschungen einzudringen; denn selbst der Erdbohrer würde schon bei 8000 Fuß kochendes Wasser treffen, mit 120,000 Fuß aber würde die starre Erdrinde ganz durchbrochen seyn, weil in dieser Tiefe die Erdwärme (welche mit 100 Fuß um je einen Grad zunimmt) 1200 Grad Reaumur ist und bei dieser die strengflüssigsten Gesteine schmelzen. Der Kern der Erde selbst besteht aus Metallen im Zustande der Schmelzung. Es ist dies keine Hypothese; denn das spezifische Gewicht des Erdkerns berechnet sich gerade so hoch, als das Durchschnittsgewicht der Metalle. Sie werden den Erdkern in konzentrischen Kreisen umgeben und die schwersten, Gold und Platina, die Mitte ausfüllen. Alles Vorkommen der letztern auf der Erde hat jene unergründbare Tiefen zur Geburtsstätte. In der Frühzeit, als Erdbeben fort und fort die dünne Umhüllung sprengten, da konnte es wohl kommen, daß zuweilen etwas von den schwersten Metallen mit emporgerissen wurde, und bei der spätern Zerstörung der Erdrinden unter der Mitwirkung des Wassers sammelte sich das goldhaltige Gerölle in Niederungen, Thälern und Schluchten. So sind die meisten Goldsandlager im Ural, am Altai, in Südamerika, in Afrika, in Kalifornien entstanden.

So lange die Erdoberfläche eine sehr hohe Temperatur besaß, konnte auch kein Wasser auf derselben seyn. Sie war eine glühende Schlacke. Erst nach bedeutender Abkühlung war die Bildung des Wassers möglich. Kochend umrauschte es die Erde, stieg schnell in Dämpfen empor, verdichtete sich und stürzte unter Donner und Blitz in Strömen wieder zur Erde nieder. Wie nun die Abkühlung der Erdschaale wuchs, nahm auch die Temperatur der Gewässer ab, der Turnus von Verdampfung und Verdichtung wurde langsamer, die großen Wassermassen, welche nun die ganze Erdkugel umgaben, übten Druck auf die dünne Erdrinde. Die eingeschlossenen [80] Gase, welche früher wenig Widerstand fanden und durch die Risse und Spalten der schlackigen Oberfläche ausströmten, erlitten dadurch eine größere Spannung und ihre Kraft trieb die Schale zu Blasen auf, welche aus den Meeren an’s Tageslicht emporstiegen. So entstand das erste Land, die erste Insel, das erste Gebirge. Das Sonnenlicht beschien zeugend das an den Tag getretene Gestein. Das erste Pflanzenleben entwickelte sich und wir gelangen zu jener Flora, die uns bewahrt ist in den Schichten der Grauwacke. Sie ist spärlich; ihre Organismen stehen auf niedern Stufen. Es find riesenhafte Sumpf- und Seepflanzen, schenkeldicke Binsen, die, zusammengeschwemmt, die Mulden ausfüllten, oder abgesetzt wurden auf dem Boden der Seen. Dort haben sie der ältesten fossilen Kohle Entstehung gegeben: dem Anthracit.

Nach neuen Umwälzungen und Zerstörungen der Erdrinde, bei denen immer das Wasser die Hauptrolle spielt und unter denen die erste organische Schöpfung ihr Grab findet, wird die Erdschale im Laufe langer Zeit mit jenen bis 3000 Fuß dicken Sandschichten röthlicher Färbung bedeckt, welche der Geolog unter dem Gesammtnamen: „die rothe Sandformation,“ bezeichnet. Ihr Entstehungsprozeß schließt eine ganze Reihe organischer Schöpfungen ein, die abwechselnd kommen und verschwinden.

In den untersten Schichten dieser Formation sind die Pflanzenarten noch nicht zahlreich: es sind meistens Sumpf- und Seepflanzen. Weiter nach Oben treten die Ueberbleibsel von Landpflanzen in Menge auf und ihr wohlerhaltener Zustand gibt ihnen einen um so höhern Werth, als sie sowohl die Geschichte der ältern Vegetation unsers Planeten, der Klimate und geologischen Veränderungen, welche damals vorherrschten, beleuchten, als auch darum, weil sie keinen geringen Einfluß auf das gegenwärtige Schicksal des Menschengeschlechts ausüben. Diese Schichten, in welchen die Pflanzenüberreste in so großer Menge aufgehäuft liegen, führen den Namen: die Steinkohlenformation. Zuerst auf dem Boden der frühern Meere, der Flußmündungen und Seen hingeschwemmt und daselbst in Lager von Sand und Schlamm begraben, wurden sie in mineralische Kohle verwandelt, während Sand und Schlamm zu Sandstein und Schieferlagen sich verhärteten. Letztere namentlich sind wahre Herbarien der Vorwelt. Sie enthalten die Pflanzenabdrücke oft so vollständig und genau, daß z. B. bei den Blumen sogar der Blüthenstaub noch zu erkennen ist.

Die Zahl der Pflanzenspezies, aus denen die Steinkohlenlager zusammengesetzt sind, beläuft sich auf etwa 400. Wenn wir auch annehmen wollen, daß noch ein paar hundert für spätere Forschungen verborgen blieben, so geben sie doch zu erkennen, wie viel ärmer jene Floren der Vorwelt gegen die jetzige sind. Sie bestehen großentheils noch aus Pflanzen niederer Gattung: den Farren, Equiseten und Kryptogamen, auch solchen, die den krautartigen, [81] dickblätterigen, saftreichen Gewächsen der Sumpfländer in den Wendekreisen ähneln. Die Binsen z. B. schossen zu Stämmen von 60–80 Fuß und enormer Dicke auf und über sie erhob sich die Sumpfpalme mit ihrem Blätterdach bis zur Höhe von 150 Fuß. Es muß eine Vegetation gewesen seyn, von deren Ueppigkeit die gegenwärtige, selbst jene luxuriöse am Maranhon und Orinoco, nur eine schwache Vorstellung geben kann. Die wenigsten Pflanzen hatten festes Holz; ihre Zellgewebe strotzten vielmehr von Saft, welche Struktur, in Verbindung mit der gleichmäßig verbreiteten Wärme und raschen Ueberdeckung durch Schlamm, den Verkohlungsprozeß zur Bildung der Steinkohlenflötze sehr begünstigte.

Dieser Verkohlungsprozeß, welcher unermeßliche Zeiträume dauerte und erst in der ältesten Steinkohle, (dem Anthrazit der Grauwacke) vollendet ist, war der Wissenschaft lange ein Räthsel. Jetzt weiß man, daß ein, die saftige Pflanzenmasse durchwirkender Gährungsprozeß eine teigartige Vereinigung der Pflanzen herbeiführte und die Abschneidung der atmosphärischen Luft die in langsamer Verkohlung begriffene Masse vor Verbrennung mit Flamme schützte. Der Schöpfer hat den meisten dieser Kohlenschichten unerschöpfliche Lager von Eisenerzen hinzugefügt, welche mittelst der Kohle zu Metall reduzirt werden können, und diese Reduktion wird auch noch durch Bänke von Kalk erleichtert, welcher als Flußmittel zur Scheidung des Metalls dient und in der untern Abtheilung der kohlenführenden Schichten sehr gewöhnlich vorkömmt.

Kohlen und Eisen sind Bedingungen der Zivilisation. Ohne sie ist ein menschliches Daseyn nicht mehr denkbar; ja die großen Faktoren unserer Gesittung – Dampfmaschinen, Eisenbahnen, Schnellpressen – wären ohne sie gar nicht da. Die Befriedigung unserer Bedürfnisse bringt uns so zu sagen jeden Augenblick in persönliche Beziehung mit jenen geologischen Phänomenen ferner Zeitalter; sie bringt uns in unmittelbare Berührung mit der Vegetation, welche jene alte Welt schmückte, und die vor tausend Jahrtausenden zerbrochen ward, um wieder jung zu werden in nutzbaren Gestalten. Wer könnte, wenn ich dabei an göttliche Voraussicht denke, darüber lächeln? Während die jetzige prachtvolle Pflanzenwelt, durch Zurückgabe ihrer Elemente an die Erde und die Atmosphäre, denen sie entnommen sind, zu Staub sich auflöst, sehen wir jene ältere sorgfältig in unterirdische Vorrathskammern aufgestapelt und als Kohle eine unerschöpfliche Fundgrube des Reichthums und die Stütze der Gewerbe und der Arbeit werden – werden zu Quellen des Lichts und der Wärme; – ein Schatz, ohne den ein großer Theil der Erde gar nicht bewohnbar seyn, oder doch nur eine dünne Bevölkerung haben würde. Ich heize mein Zimmer mit einem Brennstoff, meine Lampe gibt das Licht eines Gases her, die beide Erzeugnisse jener Pflanzenmassen sind, welche vor ungezählten Jahren aufgehoben wurden im Leib der Gebirge. Ganze Völker bereiten [82] ihre Nahrung, wir unterhalten unsere Schmieden, unsere Schmelzöfen, und die Maschinen, welche der Industrie die bewegende Kraft leihen, mit den Ueberbleibseln von Pflanzen, deren Geschlechter und Formen Fremdlinge sind auf der heutigen Erde. Ohne Steinkohlen würde der Holzmangel halb Europa zur Wüste machen. Und unsere Schneidinstrumente, die Werkzeuge unserer Mechanik, unsere Eisenwege bestehen größtentheils aus dem Erze, das eben so alt, als der Brennstoff ist, mittelst dessen man es zu Metall reduziren und nutzbar machen kann für tausenderlei Gebrauch und Bedürfniß. – Die Gold-, Silber- und Edelsteingruben der ganzen Erde haben nicht den hundertsten Theil so viel dazu beigetragen, um den Reichthum zu vermehren, die Bequemlichkeit des Lebens zu erhöhen und den Zustand des Menschen glückseliger zu machen, als jene Magazine für die Reste der ersten Pflanzenwelt und den Eisenschlamm, welcher den Grund der Ströme und Seen bedeckt hat zu einer Zeit, „da kein Name war auf Erden und keine Stimme, denn allein der Donner der Erdbeben, der Fluthen und Gewitter.“ –

Vor allen andern Ländern ist – England mit jenen Schätzen überschwenglich gesegnet. Fünf Prozent seines ganzen Areals besteht aus bauwürdigem Kohlenlande, während in Frankreich das Verhältniß nur ½ Prozent, in Belgien 4 Prozent, in Deutschland ¾ Prozent ist. Die größten britischen Kohlenfelder sind die von New-Castle (100 geogr. Quadratmeilen), Schottland (Glasgow) von fast gleicher Größe; Derby und Wales, jenes 60, dieses 50 Geviertmeilen groß. Bloß das New-Castler Kohlenbecken könnte Englands unermeßliche Kohlenkonsumtion (800 Millionen Zentner jährlich) für noch 2000 Jahre versorgen. Dieses Lager repräsentirt eine Holzmenge von 160,000 Millionen Klafter und, die Tonne Kohlen nur zu 5 Schilling gerechnet, den Werth von 20,000 Millionen Pfund Sterling, was dreimal so viel ist, als das ganze steuerbare Vermögen Großbritanniens zusammen. Die Wälder von Europa, wenn man sie abtreiben und verkohlen würde, würden höchstens ¾ des Kohlenquantums erzeugen, welche jene einzige Partie des britischen Steinkohlenschatzes enthält. Ohne seine Kohlengruben hätte sich Großbritannien nie zur Weltmacht erhoben, es wäre nie zur Werkstätte geworden für alle Länder. Nur der Kohlenschatz gibt seiner Industrie jene Uebergewalt, gegen welche keine andere aufkommen kann ohne Schutz, und die zinspflichtig macht alle Nationen der Erde.

Das New-Castler Kohlenfeld findet in den Thälern der Tyne und der Wear die Zentralpunkte seiner Ausbeutung. Die Mächtigkeit der Schieferthon- und Sandsteinschichten, in welchen nicht weniger als 32 Steinkohlenflötze eingebettet sind, beträgt etwa 400 Fuß. 16,000 Bergleute sind mit der Gewinnung und Förderung der Kohlen unter der Erde beschäftigt, 6000 Arbeiter über Tage mit dem Transport, Sortiren und Verkoaken; die Bemannung der Kohlenschiffe übersteigt 16,000, der Bootsleute, Handlanger etc. auf den Werften und Ladeplätzen sind über 2500, Agenten, Kommissionäre und Beamte über 1500, der für die Gruben beschäftigten Seiler, [83] Schmiede, Maschinen- und Schiffsbauer über 15,000, und mit allen Hülfsarbeitern berechnet sich die Zahl der durch die Kohlengruben an der Wear und Tyne beschäftigten Menschen überhaupt auf mehr als 100,000.

Der jährliche Ertrag aus diesem Kohlenlager wird auf nicht weniger als 6 Millionen Tonnen oder 120 Millionen Zentner berechnet. Nicht ganz eine Million Tonnen gehen davon in’s Ausland, größtentheils nach Deutschland, das die Schmach nicht fühlt, jährlich 2 Millionen Gulden für britische Steinkohlen zu bezahlen, obschon es selbst so großen Kohlenreichthum besitzt und seine Arbeiterbevölkerung die bitterste Noth leidet.

Während New-Castle fast den gesammten Handel mit dem Auslande in Händen hat, besitzt Sunderland hauptsächlich das Kohlenlieferungsgeschäft zur Versorgung Londons, und 700 größere Seeschiffe dienen ausschließlich dem Zweck, Kohlen in Sunderland zu laden und nach der Themse zu transportiren. Der Verbrauch von Sunderlandskohlen in der Hauptstadt ist auf das kaum glaubliche Quantum von 2½ Millionen Tons (45 Millionen Zentner) angewachsen und der Gesammtverbrauch Londons auf 2¼ Mill. Chaldrons im Werthe von 2⅓ Millionen Pfund Sterl. oder 54 Millionen Gulden. 11,000 Schiffsladungen Kohlen kommen jährlich in London an. Der Kohlenträgerlohn vom Schiff bis in das Haus des Konsumenten beträgt nicht weniger als 130,000 Pfund oder 1½ Million Gulden und an städtischen Abgaben bezieht der Londoner Magistrat jährlich eine Reinrevenue von 145,000 Pfund oder 1¾ Million Gulden. Dies eine Geschäft Londons wiegt den ganzen Export und Import Bremens auf, und doch ist die Waare dem Preise nach die geringste: Steinkohle.

Sunderland aber ist durch den Kohlenhandel reich geworden und die schwarzberäucherte Stadt, welche sich auf den hohen Felsufern der Wear wohl eine halbe Stunde lang hinstreckt, zählt unter dem anspruchlosen Titel „Kohlenhändler“ Manchen, der viele Millionen besitzt. Die ganze Bevölkerung ist auf irgend eine Weise im Kohlengeschäft betheiligt; es ist die Seele des städtischen Lebens und alle Thätigkeiten gehen in demselben auf, oder werden durch dasselbe bedingt. Das ganze Thal der Wear, mehre Stunden aufwärts, ist eine Kette von Kohlenschächten, Maschinenhäusern und Bergmannshütten. In die Stadt selbst münden die Förderungsstollen und Schächte von mehren Gruben, was die Bequemlichkeit gewährt, daß die Fördergefäße unmittelbar in die unten im Strome liegenden Schiffe entleert werden können, wodurch viele Kosten und Arbeit erspart werden. Unser Stahlstich macht die sinnreiche Weise, die Schiffe zu beladen, deutlich. – Uferwände und beide Stadttheile verbinden Kettenbrücken unter einander. Ihre Bahnen sind so hoch über dem Wasserspiegel gelegt, daß überall die Schiffe mit stehenden Masten unter ihnen passiren können und sie der Schiffahrt nirgends ein Hemmniß bereiten. – Sunderland ist alt. Es bekam schon im zwölften Jahrhundert Hafen- und Stadtrechte, jedoch Bedeutung erst dann, als der Steinkohlenverbrauch zunahm und in Sunderland sich der Kohlenexport nach London [84] konzentrirte. In neuester Zeit sind noch einige andere Geschäfte dazu getreten, welche sich auf wohlfeile Kohlenpreise stützen; nämlich: Glasfabrikation und Kalkbrennerei, deren Erzeugnisse jährlich mehr als drei Millionen Gulden betragen und einer Menge Schiffe zur Verfrachtung bedürfen. Das blühendste Geschäft ist aber der Schiffbau selbst. Auf ein und dreißig Werften, die jährlich 150 bis 200 Seeschiffe, meistens für den Kohlentransport, fertigen, sind stets 3–4000 Arbeiter in Thätigkeit, und man schätzt das darin und in der Rhederei angelegte Sunderlandsche Kapital über 2 Millionen Pfund Sterling: ein glänzendes Zeugniß von dem Reichthum der „Kohlenstadt“.