Das Amphitheater in Pola

DLXI. Der Leipziger Markt Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DLXII. Das Amphitheater in Pola
DLXIII. Der Münster in Strassburg
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Das AMPHITHEATER in POLA

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DLXII. Das Amphitheater in Pola.




„Panis et Circenses!“ – Brod und Spiele! – an diesen Ringen ließ man den Bären tanzen in der alten klassischen Zeit. Friedrich II. sagte: „Wenn ich die ganze Welt speisen und amüsiren könnte, würde ich sie auch beherrschen; da ich jenes aber nicht kann, behelfe ich mich mit der Ehrfurcht, den Ehren und dem Golde; mit Beamten, Soldaten und Kanonen.“ Lebte der alte Fritz heute, so würde er vielleicht hinzusetzen: „mit Versprechungen und Konstitutionen.“ Die schönen Tage dieser Behelfe sind jedoch auch vorüber; die Völker glauben ihnen nicht mehr. Es geht den Gewaltigen damit, wie einem sinkenden Geschäftsmann; man will erst dessen alte Wechsel bezahlt haben, ehe man ihm neue abnimmt. Und der Wechsel sind so viele an die Ordre der leichtgläubigen Völker gezogen worden, daß, wenn die Inhaber auf Bezahlung drängten, die Aussteller sich meistens insolvent erklären müßten. Das Hauptelement des Gährens, Auflösens, Hoffens und Neugestaltens in dieser Zeit liegt ja eben darin, daß die alten Leitringe abgenutzt und durchgerieben sind und keiner mehr halten will. Das geistig erweckte Volk mag nicht mehr bloß sich satt essen: Spiel allein macht ihm Langeweile; mit dem Katzengeld der Ehre, der Titel und Orden ists nicht mehr zu kirren; seine abergläubische Ehrfurcht vor den Gesalbten des Herrn ist abgestreift und umgeschlagen in Mißachtung; die Beamten sieht es als Diener, nicht als Herren an, und im Soldaten wird der Bürger wach und kömmt der Zweifel auf, ob denn die Kriegsartikel, welche er im Tornister trägt, auch wirklich die einzige Richtschnur seines Verhaltens und der Inbegriff seyen aller seiner Pflichten gegen Staat und Volk. So bleiben denn die Kanonen allein übrig als letzter und einziger Verlaß der Fürsten. Auch sie donnern nicht ewig! Wie lange wird denn noch der Rachen der Geschütze gebildeten Völkern unterwürfigen Gehorsam predigen, und wird nicht vielmehr die Zeit bald kommen, daß ihr Mund sich aufthut zur allgemeinen Siegesfeier der Nationen über ihre Dränger? Gott allein weiß die Stunde; aber komme sie über kurz oder lang, immer bleibt es zu beklagen, daß den Stimmen der Billigkeit und Gerechtigkeit nicht mehr Vertrauen wurde von Seite der Fürsten, da es noch Zeit war! Wäre dieß geschehen, wie ganz anders sähe es jetzt um den Frieden in der Gesellschaft aus, wie ganz anders um das Völkerglück in Europa, und fest stände die staatliche Ordnung, trotz den Stürmen, die auf dem Meere der Ideen und der Meinungen rasen.

[163] Sie wollten’s aber nicht anders, und aus der Thränen- und Blutsaat geht ihr Verderben auf. Nichts Besseres können sie ärnten; sonst wäre ja das Sittengesetz auf Erden eine Fabel und der Glaubt an Gottes Gerechtigkeit ein Aberglaube. Die das Volk gequält haben, sie werden fallen durch ihre eigene Schuld, sie werden sterben an ihrem eigenen Gifte. Und alle Andern, die ihnen beigestanden und die mit verschuldet haben die Zerrüttung und das Unglück eines halben Welttheils, sie werden auch mit ihnen büßen. Vergebens schütteln sie jetzt, verzweifelten Spielern gleich, die Loose zu neuem ungeheuern Verrath; vergebens haben sie die Heere mit kaltem Blute zum Kriege gegen die Bürger abgerichtet; vergebens ist ihr Bund mit dem Despoten, der jedes Werk zur Unterdrückung und Gewaltherrschaft fördert; vergeblich sind sie zusammengetreten gegen die Rechte der Nationen und zum Mord ihrer Freiheit; ich sage euch: – durch dieselben Mittel, durch welche die Verbundenen die Völker in das eiserne Joch spannen wollen, werden sie gestürzt werden. – Die Sonne sinkt, die ihnen so lange warm geschienen hat, es bricht herein ihre kalte sternlose Nacht, und die hehren Worte der Bibel: „Könige haben geherrscht und das Volk war ihre Magd; nun aber wird Gott regieren durch die Völker, und die Könige sind dahin!“ – Diese Worte werden That werden und ein Echo finden vom Tajo bis zum Niemen. Augenblickliche Siege der volksfeindlichen Gewalten dürfen unsern Glauben an den Ausgang des Streits nicht erschüttern. Wie im Meere Fluth und Ebbe wechseln, so wechselt der Sieg im Kampf der Tyrannei mit der Freiheit; aber aus jeder Niederlage wie aus jedem Siege schöpfen die Völker neue Kräfte, während die der Gegner mit jedem Tage sich vermindern. Von Napoleons Weissagung wird sich die bessere Hälfte: „in 50 Jahren ist Europa eine Republik“ erfüllen noch vor dem Termine.

Damit aber der Sieg beständiger, als bisher, an die Fahne der Freiheit sich kette, sind gegen die Unterdrücker dieselben Waffen zu gebrauchen, welche diese führen. Solches haben die Völker bisher verschmäht. Es widerstrebte ihrer Natur; denn die ist hochherzig, und jene Waffen sind nicht immer edle. Jetzt zwingt sie aber die Nothwendigkeit dazu, daß sie ihren Widerwillen bekämpfen und das thun, was die Klugheit schon längst geboten! Wie vielmal in diesem halben Jahrhundert haben die Völker sich zur Befreiung erhoben und wie vielmal haben sie mit ihrem Blute die Freiheit auch erobert; aber immer wieder verloren sie sie nach kurzem Besitze, weil sie die Mittel scheuten, sie zu befestigen, weil sie Großmuth statt Recht walten ließen, weil sie zu mäßig waren und zu schüchtern in ihren Ansprüchen und Begehren, und arglos den Versprechungen Derer vertrauten, die keine Treue kennen. Jetzt weiß das bedrängte Volk, wie es daran ist mit seinen Drängern; und wenn irgend noch ein Zweifel wäre, die Namen Warschau, Wien, Neapel und Mailand werden sie entfernen. Die Nationen wissen jetzt zuverlässig, daß sie kein Heil mehr auf Erden zu hoffen haben, als von sich selber; sie wissen aber auch, daß sie von Dem, was sie thun müssen zu ihrem Heile, Niemandem Rechenschaft schuldig sind, außer Gott allein. Es liegt zwar in ihrer [164] edlen Natur, daß sie immer gut und billig erscheinen wollen im Streite mit ihren Fürsten und großmüthig sind nach jedem Siege; wenn sie aber stets Hohn und Undank dafür empfingen, wird es ihnen verargt werden können, wenn sie endlich einen andern Weg einschlagen? Wenn sie selbst Rechtfertigung begehren, statt sich zu entschuldigen? wenn sie fordern, statt zu bitten? wenn sie nehmen, was ihnen gebührt und ihr Recht ist, ohne lange zu fragen, ob man’s geben will? wenn sie ihren Schuldnern zurufen: „zahlt! von Stundung und Aufschub ist nicht mehr die Rede!“ – Ströme des edelsten Bluts sind genug vergossen worden in vergeblichem Ringen; sie sollen nicht immer umsonst vergossen werden.

Warum siegten bisher Verrath und Bosheit nach jeder Niederlage wieder und wodurch machten sie jeden Volkssieg wieder zu nichte? Weil Verrath und Bosheit stets den kürzesten Weg gehen zu ihrem Ziel, unbekümmert wie schmutzig er sey, oder wie scheußlich; die Völker aber zurückscheuen vor jedem unreinen Wege zu ihrem Zwecke, sie darum oft Umwege suchen und einschlagen und die beste Zeit verlieren. Dadurch geben sie ihren Gegnern den Vorsprung und den Vortheil selbst in die Hände. Das wird künftig anders werden müssen. Wie die Gegner für die Gewaltherrschaft thun, so thue das Volk für die Freiheit: Schwert gegen Schwert, Feuer gegen Feuer, List gegen List. Börne hat Recht, wenn er sagt: „Die Freiheit, wenn sie das Feld behaupten will, muß Alles haben, was im feindlichen Lager zu finden ist: Stückknechte, Rothmäntel, Kroaten, Szerezaner, Baschkiren, Marodeurs, Paukenschläger und Troßbuben: denn die Tyrannen fürchten nur solche Waffen, die sie selbst führen.“


Es liegt im Wesen dieser gewaltigen Zeit, daß sie mit magnetischer Kraft in ihren Kreis Alles hineinzieht, was rege wird im Reiche des Gedankens. Nichts liegt so fern, dessen sie sich nicht bemeisterte, und nichts ist ihr zu fremd, es an sich zu knüpfen. So rankte mein Gedanke unvermerkt am grauen Denkmal der römischen Imperatoren zur Gegenwart hinan, und von der Arena für die Gladiatorenkämpfe bin ich unbewußt auf die Schlachtfelder gekommen, wo jetzt Völker-Freiheit und Fürsten-Willkühr über die Herrschaft des Welttheils sich streiten. Ich folgte einer unsichtbaren Kraft. Steigen wir nun wieder hinunter zur Vergangenheit, um ein Werk aus der altrömischen Welt zu betrachten.

Pola, im istrischen Küstenlande, ist der Todtenhügel der stolzen Pietas-Julia, in der einst 80,000 römische Bürger lebten. Das Amphitheater ist ihr Grabstein. Da Roms Glanz im Occident erbleichte, als die Adler aus den Provinzen scheu zum Kapitol zurück flüchteten und als die aufgestandenen und beutelustigen Völker von Nord und Ost die Mauern Italiens gestürmt hatten und hinabgestiegen waren von den Alpen, um im Herzen des Weltreichs die himmelhoch angewachsene Schuld zu strafen am Römervolk bis zur Vernichtung: da ging [165] auch Julia’s Herrlichkeit schnell dahin. Nach oft wiederholten Schlägen durch die Barbaren mit Feuer und Schwert, Plünderung und Verheerung, verließ der Rest der Einwohner im 6. Jahrhundert den Schutt ihres untergegangenen Glücks; sie flohen in’s Gebirge oder auf die benachbarten Inseln des adriatischen Meers.

Lange blieb nun die Stätte unbewohnt. Später sammelten sich allmählig wieder Menschen in der schönen, fruchtbaren Gegend, und sie bauten ihre Hütten in die Ruinen, wie Schwalben ihre Nester. So ist nach und nach das heutige Pola entstanden, ein armseliger Flecken von 900 Einwohnern, die berüchtigt sind wegen ihrer Bigotterie und Bettelhaftigkeit. Sie verhalten sich zu den römischen Bürgern der alten Stadt wie Kreaturen einer andern Schöpfung, wie Menschen eines andern Planeten.

Das Amphitheater ist eines der größten unter den vorhandenen. Alles Mauerwerk ist noch wohlerhalten. Es ist dreistöckig und jedes Stock hat 72 Fensteröffnungen oder Arkaden. Das Innere ist verschüttet. Fragmente von Säulen und Skulpturen schauen aus dem Boden hervor und hohes Buschwerk hat die Sitze überwachsen, auf denen 18–20,000 Zuschauer Platz hatten. Für die Forschungen der Antiquare ist hier ein reiches Feld offen und auch noch manche Schatzkammer alterhümlicher Kunstwerke verborgen. Bis jetzt ist wenig geschehen, sie an’s Tageslicht zu ziehen; das ist spätern Zeiten vorbehalten.

Pola, obschon nur ein schlechter Flecken, ist doch der Sitz eines römischen Bischofs. Die Siebenhügelstadt übt nach wie vor ihre Herrschaft: freilich mit andern Waffen. Statt mit der Schärfe des Schwertes schlagen die Männer des Kapitols die Völker mit dem Krummstab, und an die Stelle der erbarmungslosen Gewaltregierung der Imperatoren ist die nichtswürdige und trugvolle Politik der Kirche getreten. Doch der Zeiger der Zeit nähert sich auch ihrer letzten Stunde; die zerstörende Kraft des Wissens und Erkennens, das gedrungen ist in alle Völker, wühlt im Konklave so gut, wie in den Kabineten des Absolutismus. Der Grund, auf dem die geisterkettenden, dämonischen Mächte so lange feststanden zum Verderben der Menschen, er ist hohl, und je größer die Anstrengungen jener Mächte sind, um sich auf demselben aufrecht zu erhalten, um so gewisser stürzen sie in den Abgrund. Ihre Stunde – Mitternacht – schlägt bald und mit dem Schlage beginnt der neue Tag.