Der Münster in Strassburg

DLXII. Das Amphitheater in Pola Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DLXIII. Der Münster in Strassburg
DLXIV. Der Münster in Freiburg
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STRASSBURGER MÜNSTER.

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DLXIII. Der Münster in Strassburg.




Das Universum ist mehr, als ein Bilderbuch. Sein Hauptzweck ist nicht, das kunstliebende Auge zu befriedigen, die Müßigen zu unterhalten, oder den Wißbegierigen mit geographischen, ethnographischen, statistischen und historischen Notizen zu sättigen. Für solche Zwecke sind Hunderte von Federn, Stiften und Pressen thätig, und wir freuen uns ihres Wirkens, denn „Wissen ist Macht.“

Unsere Blätter gehören einem anderen Baume an: dem Baume der Erkenntniß. – Erkenntniß! Liege sie in des Meeres Abgrund, wir holen sie herauf; verberge sie sich in des Weltraums Unendlichkeit: wir finden sie! – Die Werke des Herrn sind vor uns aufgeschlagen und wir stehen vor ihnen mit einem Herzen, das offen ist für jede Regung, die der Anblick derselben hervorruft. Wir spielen mit dem Wiesengrün, tändeln mit den Blumenauen einer harmlosen Landschaft, erheben uns mit den Alpen zu den Wolken, sehnen uns mit den ewigen Strömen nach dem ewigen Meer und beben in Ehrfurcht vor der Allmacht des Schöpfers, die aus den Feuerschlünden der Erde und dem Fluthendonner der Katarakte spricht. Die Natur ist für uns nirgends todt. Aber eben weil wir das Leben überall suchen, so halten wir vor Allem am Lebendigen fest, dessen Höchstes der Mensch ist.

Des Menschen große Werke sind uns daher die liebsten Bilder. Steht der Mensch vor den niederdrückenden Riesenmassen der Schöpfung und den unermeßlichen Kräften der Natur zagend still, schwindelt ihm beim Anblick der Leiter, die ihn unmittelbar zur Erkenntniß des Meisters und seines Bauplans hinan führen soll, so sieht er in den großen Werken großer Menschen eine bequeme und sichere Brücke zur Erkenntniß Gottes, und er vertraut sich ihr an mit ruhigem Muthe. Zu solchen Werken gehören ebenso des Dichters und des Denkers Worte, des Forschers Schriftzüge, des Musikers Töne, als die Werke der bildenden und bauenden Künste. An einem großen Bau sehen wir Tausende von Menschenkräften thätig, um das in einem Geiste erstandene Bild gleichsam mit Erz und Stein für die Generationen von Jahrhunderten zu kopiren. Das Durch- und Nebeneinander von Kräften, welches in der Natur nach ewigen Gesehen bindet und trennt, schafft und zerstört, spiegelt sich hier im Kleinen ab. Dort gibt der Gedanke Gottes, hier gibt der Menschengedanke die Gesetze; und vergeht auch die Kopie in Erz und Stein im Sturm der Zeit: was sie gewirkt hat im Geist und Gemüth der Menschen, das bleibt ewig.

[167] Darum ist’s uns allemal eine Freude, wenn uns auf unserer Wanderung durch die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit ein solches Werk entgegentritt. Mit immer neuer Lust betrachten wir seine mächtigen und schönen Glieder, welche der Ameisenfleiß der Menschen in langer Jahre Lauf emporthürmte. Der Gedanke an des Erdensohns Ohnmacht und Vergänglichkeit, an die tausend Werkleute, welche Tage und Jahre lang an den Zacken und Säulen, Quadern und Stützen und hunderterlei Bildwerk herumgemeißelt und die nun alle begraben und vergessen sind, – hat für uns nichts Demüthigendes; denn es hebt Brust und Haupt das Bewußtseyn, daß solches Werk entsprungen ist in eines Menschen Geist, auf den ein Gnadenblick der Gottheit fiel. Nur solche Werke sind es auch, welche die Bewunderung langer Zeiten fesseln. Jedes Jahrhundert ändert die Formen in den Dingen des Lebens, in Schmuck und Bedürfniß; es modelt an den Gebilden der Kunst, und der Geschmack, das bewegliche Kind der Zeit, diktirt andere Gesetze von Generation zu Generation: – aber ihr Einfluß ist nichtig auf jene mächtigen Werke, diese gelten fort und fort als unveränderliche Symbole der Schönheit.

Ein Bauwerk solcher Art ist der deutsche Riese, der auf dem Münsterplatz zu Straßburg wurzelt. Beschrieben habe ich ihn schon auf einem frühern Blatt (Bd. XI, Seite 107), und wir könnten daher wieder nach Hause gehen, wären wir bloß hergekommen wie Kunstliebhaber und Antiquare. Aber nicht die Kirche wollen wir heute besuchen; besteigen wollen wir den Thurm Erwins, hinabzuschauen weniger auf das Paradies, in das der Rhein seine trennende Furche zog, als auf ein Werk anderer Art, ein Werk von Menschen, auf die kein Gnadenblick der Gottheit fiel. –

Da sind wir oben. Horcht! Jubel lärmt in den Straßen der alten deutschen Stadt! Seht! Die Märkte und Plätze wogen, die Häuser prangen in grünem Festschmuck, die Trikolore flattert von Giebeln und Thürmen, hinter Musikbanden ziehen bunte Menschenschweife nach. Durch alle Thore wallt geschmücktes Volk herein, und durch das heraufdringende Gemurmel und Getöse der Menge donnern die grüßenden Kanonen. Was hat das zu bedeuten? Ich werde es errathen haben! Jedes Volk hat ja in seinem Leben Zeiten und Tage, die roth gedruckt in seinem Kalender stehen und dem vorausblätternden Bürger hohe Feste verkündigen. Dergleichen Tage sind ihm wie Alpengipfel, an welchen noch lange das Licht der stolzen und freudigen Erinnerung glüht; es sind die Tage, wo das Volk gleichsam seinen Schnitt macht in’s Kerbholz der Ewigkeit und an denen es sich selber den Freudenbecher, gefüllt bis zum obersten Rande, kredenzt. Und ein solcher Tag wird’s wohl seyn, den heut das Volk des Elsaß feiert: ein Tag, der an Jahrtausenden hinangeklettert von Säkulum zu Säkulum; ein Tag, der, in der deutschen Urzeit wurzelnd, das Herz des Volks mit deutschem Immergrün umrankt; ein Tag, an dem das deutsche Wesen neue Schossen treibt. –

Da tritt ein Mann herzu. „Herr!“ frage ich ihn: „was hat das zu bedeuten?“ „„Der Elsaß feiert heute [168] seine zweihundertjährige Verbindung mit Frankreich! – es feiert seine zweihundertjährige Trennung vom deutschen Mutterlande!!““ –

Ich stehe betroffen. – Wer, so frage ich mich traurig, wer hat Das meinem Deutschland gethan? – Daß ein Theil von einem Volk und Land im blutigen Würfelspiel des Kriegs verloren gehen, daß Waffengewalt die Wiedervereinigung der getrennten Theile lange Zeit hindurch unmöglich machen kann, – davon erzählt uns die Geschichte genug. Daß aber ein durch schmählichen Verrath vom Gesammtvaterlande losgerissener, vom Nachbar unterjochter Volkstheil während ganzer zweier Jahrhunderte nie den schwächsten Versuch gemacht hat, das fremde Joch abzuwerfen und dem Mutterlande sich wieder anzuschließen, ist demüthigend vor allen Nationen; daß er, dem größten Helden der Zeit von Sieg zu Sieg folgend, das alte Vaterland am härtesten schlug, ist erschütternd; – daß aber in einer Zeit, in welcher alle Nationen des Erdtheils sich aufraffen. Verlorenes wieder zu vereinen, daß jetzt, wo sie von ihrem Leib auch nicht das geringste Glied mehr missen wollen, – ein solch losgerissener Volkstheil seine Trennung vom Vaterland mit einem Jubiläum begeht, das steht als Beispiel der Nationalentwürdigung einzig da im ganzen Jahrtausend.

Und wer hat Das verschuldet? – Das hat das Regiment gethan, welches seit dem westphälischen Frieden auf Deutschland lastete. Nachdem viele Fürsten durch fortgesetzte Rebellion die Kraft des Reichs gebrochen, frech die Fahne des Despotismus aufgesteckt und geworfen hatten die deutschen freien Stämme in’s Joch der Knechtschaft, nachdem sie das Kirchengut bestohlen und andere Reichsgenossen unterdrückt und verschlungen hatten, richteten sie ihr ganzes Dichten und Trachten darauf, das Recht, die Sitten, die Erinnerungen des Volks auszurotten und den Untergang aller Freiheit zum alleinigen Vortheil ihrer Familienherrschaft und ihrer despotischen Gelüste herbeizuführen. Sie sahen in den deutschen Ländern nur noch Hofgüter und Leibeigene in den deutschen Bürgern. Sie hatten das Reich zu einem Sumpfe gemacht, dessen Gestank verpestete, und das Reichszepter zum Kinderspott für die ganze Welt. Ein Deutscher zu heißen wurde zum öffentlichen Schimpf. Es gab eine Zeit, wo man sogar die Sprache mit welschen Worten verbrämte, um sie unkenntlich zu machen, eine Zeit, wo die höheren Klassen sich schämten, deutsch zu reden! War es da den Elsassern zu verargen, daß sie sich glücklich schätzten, entlassen zu seyn aus einem Verbande, der nur noch eine Sklavenfessel war und den der Spott anderer Völker brandmarkte? Selbst wenn man den Vergleich stellte zwischen der tollen Wirthschaft im deutschen Reich mit der der liederlichsten französischen Könige während des siebenzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, konnte die Frage: wohin sich wenden? keinen Zweifel in ihnen erregen. Alle Schlechtigkeit und Niederträchtigkeit des Regiments in Frankreich wurde in Deutschland noch überboten, und die Ohnmacht und Schmach war eine Zugabe, welche die Elsasser mit Ekel erfüllen mußte. So war’s bis zur Revolution. Sie machte auch die Deutschen im Elsaß frei. Lag auch die [169] französische Freiheit in einem Meere von Blut: die Elsasser holten sie mit herauf und hatten ihren Theil an der großen Beute. Als dann der Korse kam und die Revolution betrog, und den Franzosen den Ruhm statt der Freiheit gab; als dann die Adler flogen von Schlacht zu Schlacht und von Sieg zu Sieg über den Welttheil: – da war freilich auch das Elsaß im Rausche befangen und es lag mit auf den Knieen vor seinem Götzen im Kaisermantel. Aber es war kein fremder Gott; es war ein Gott, den sie sich selbst gemacht. Die deutschen Fürsten aber mit ihrem herabgewürdigten Volk, sie lagen dutzendweise vor dem Altar des ausländischen Götzen und küßten die Sklavenfessel, die sie aus seinen Händen empfingen! Erst als diese unerträglich geworden war, wurde sie abgeworfen; doch das Volk tauschte nur Kette um Kette. Welcher Druck war ärger, als der des deutschen Bundes? Und was hätte in dieser Periode der Knechtung die Elsasser reizen können, von Frankreich zu lassen und deutsch zu werden? Auch die der Julirevolution folgenden Zustände in Deutschland waren keine Aussaat für deutschen Patriotismus: der damalige deutsche Liberalismus war ein Licht, das der Bundestag schnell auslöschte, und dem kurzen Wetterleuchten folgte die lange, rabenschwarze Nacht des Despotismus, den Metternich und seine Genossen so eifrig hüteten, wie Cerberus die Hölle.

Für die Kronenträger war das die Rosenzeit. Die treuen Phylaxe wachten; das eingepferchte Volk schnarchte; die Presse war stumm und geknebelt: – da konnten die Fürsten sorglos seyn und sie waren es auch: sie gingen auf Reisen. Wie die Mücken vor Sonnenuntergang, so schwärmten die Glieder der Vetterschaft in Europa umher, die Herrlichkeit des Lebens genießend, und die Saugpumpen, die im Volksmark standen, gingen indessen lustig fort, und die Millionen, die das Reisen kostete, hörten nicht auf zu fließen. Wo aber war in dieser Zeit die Erpressung, Unzufriedenheit, Druck und Knechtung am allergrößten? Nicht in Frankreich, sondern in Deutschland! Und so haben wir denn die Elsasser bis zur Revolution dieses Jahres begleitet und konnten den Stein nicht finden, den wir wegen ihrer Gleichgültigkeit gegen das sprach- und stammverwandte Reich auf sie schleudern sollten. Die Steine, die am Wege lagen, sie hatten alle eine andere Aufschrift.

Anders ist es seit dem Sonnenaufgang dieses Jahres. Das Elsaß sah, daß Deutschland sich erhob, daß es kämpfte und daß sein Volk entschlossen die Freiheit wollte. Mochten nun auch die Bewohner jenes alten deutschen Herzogthums jenseits des Rheins nicht allsogleich achten auf den von Lamartine für Frankreich aufgestellten Grundsatz der Revolution: „Die Verträge von 1815 sind gelöst, und die Grenzen werden nur so lange als bindend erkannt, als nicht die Nationen aufstehen und sich mit den Stämmen wieder vereinen wollen, von denen sie in unnatürlicher Weise früher abgehauen worden sind“ – mochten ihnen auch die deutschen Bewegungen, da sich ihrer so bald die Reaktion wieder bemächtigte, nicht das feste Vertrauen [170] einflößen, so durften sie doch nimmermehr Hohn schleudern auf die Mutter, der sie, trotz zweihundertjähriger Trennung und trotz der zahlreichen französischen Nationalisirungsversuche, weder in Sprache noch in Sitte entfremdet werden konnten. Die Schmach dieser Herabwürdigung und Verleugnung ihrer Abstammung, dieses unedle Lossagen von den Pflichten, die ihnen tausend Denkmäler und tausend Blätter ihrer frühern Geschichte auflegen, fällt auf die Festfeirer des Elsaß selbst zurück und stempelt diese Feier zu einer Schande.


Da liegt das schöne Land und schmiegt sich um die alte Stadt und ihren deutschen Dom. Nach Westen verschließen die Vogesen dem Blick die Pforte nach Frankreich: nach Osten öffnen sich die Gauen, als breiteten sie zum Willkomm die Arme aus. Und dort wäre eine Grenze? Der Rhein zerschneidet nichts, er schmückt nur als Silbergürtel das grüne Prachtkleid des schönsten deutschen Landes.

Sprich, mit welchem Band sollen wir dich wieder festknüpfen an die alte Mutter? „Mit dem Band vollkommenster Freiheit und Volksehre.“ – Ja, erst dann, wenn die Nation Michels alten Aberglauben abgestreift hat ganz und gar; erst wenn der Glaube lebendig geworden ist, daß nur sie allein das Recht besitze und kein Herrscherrecht bestehe neben diesem; erst wenn sie ihre Macht stolz fühlt und weiß, daß keine größer seyn soll auf Erden, als die ihrige; erst wenn sie selbst daran nicht mehr zweifeln wird, daß die deutsche Welt ihr allein gehören muß, und nicht der kleinste Theil davon andern Reichen und fremden Königen zustehen darf; kurz, wenn die Erkenntniß ihrer Macht und ihres Rechts durchdrungen hat der Nation Mark und Gebein; wenn alle Dynastenfarben erblichen sind, und statt der vielen Kronen ein einziger Bürgerhut das Haupt bedeckt, von dem das Volk nach den Gesetzen regiert wird, die es sich selbst gegeben hat kraft seines ewigen Rechts: erst dann wird die deutsche Trikolore ihre Wunderkraft bewähren und alle Söhne des Vaterlandes zusammenrufen. Eher nicht! Aber

Läg’ auch der Tag noch Jahre weit,
Wir wissen doch: es kommt die Zeit!