Der Münster in Freiburg
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Der MÜNSTER in FREIBURG
Kampf, Kampf auf Leben und Tod – ist jetzt das Losungswort von Millionen! Was anfänglich nur als leichte Gegensätze erschienen war, das haben die Leidenschaften und Interessen immer weiter aus einander getrieben, die Parteien haben sich geschieden und unversöhnlich stehen sich die Entzweiten einander gegenüber. In den Strudel des Streits wird Jeder gezogen. Bei dem Rufe: „Wer nicht mit uns ist, ist wider uns!“ muß ein Jeder Partei ergreifen. Es ist keine Wahl gelassen.
„Vor dem Kriege flieht die Gerechtigkeit.“ Auch der Meinungsstreit, der jetzt in Deutschland wüthet und dem Bürgerkriege die Schwerter schleift, hat den Boden der Gerechtigkeit verlassen und die Wahrheit tritt er mit Füßen. Keine Waffe wird mehr für zu schlecht geachtet, um dem Feinde zu schaden, und kein Mensch ist so ehrwürdig und so makellos, keiner steht so hoch in der öffentlichen Achtung, der jetzt nicht gefaßt seyn muß, das Schlimmste zu erdulden, was Lüge und Verleumdung, was Bosheit, giftiger Haß und maßlose Leidenschaftlichkeit ihm zufügen können. Geschichte, Sittengesetz und Recht sind herabgezogen von den Altären in den Koth der Gasse, und ihre Tempel sind zu Rüstkammern geworden, aus denen jede Partei, für jede tyrannische Anmaßung und für jede brutale oder abgefeimte Willkür sich nach ihrem Bedarf die nöthigen Waffen holt. So ist es. Helfe Gott, daß es anders werde!
In jenem Sich-Lossagen von aller Gerechtigkeit und Wahrheit, in dem Abstreifen aller Billigkeit und Humanität des Urtheils ist eben die Unversöhnlichkeit der Streitenden begründet. Jede Partei treibt’s auf die äußerste Spitze und macht so den entschlossenen Kampf zur Nothwehr. Die Rollen blutiger Gewaltthat wechseln herüber und hinüber. Mit jedem Zusammenstoße wächst die grenzenlose Erbitterung der Unterliegenden, der Hohn und der Uebermuth der Ueberwinder. Und – das ist das Eigenthümliche in diesem Kampfe! – von jeder Niederlage steht der Geschlagene stärker auf und jeder Sieg macht den Frieden unmöglicher. Grauen kommt über Einen, wenn man den Blick in die nächste Zukunft wirft. Rabenschwarz, wie ein zerstörendes Wetter, steigt sie herauf am deutschen Himmel. Frankfurt war des Wetters erstes Leuchten, Wien ist sein erstes Donnern! –
Furcht kann die Gefahr nicht entfernen. Muth allein kann sie besiegen. Sehen wir dem Ungeheuer fest in’s Auge, dessen weitgeöffneter Rachen dem Vaterlande Verderben droht, und halten wir ihm entschlossen Schild und [172] Lanze entgegen! Jetzt ist die Reaktion die siegende Partei, und für das Volk und die Freiheit wäre Gefahr, wenn sie ihren Sieg mit Mäßigung und Weisheit zu gebrauchen wüßte. Aber sie mißbraucht ihn und kehrt so die Spitze ihres Schwerts gegen sich selbst. Jene Partei, vom Herrn verlassen, will nicht versöhnen. Wie ein verwegener Spieler, der, als er einen großen Einsatz gewonnen hat, Va banque! ruft für die nächste Karte, und wenn auch diese schlägt, von Tisch zu Tisch rennt, um alles Gewonnene auch wieder auf eine Karte zu wagen fort und fort, bis er endlich Alles verliert: – so schreitet die Reaktion auf dem betretenen Pfade roher Gewalt dem Aeußersten zu, hinter welchem der Abgrund ihres Verderbens gähnt. Sie unterdrückt, quält, stachelt, erbittert und wälzt so lange den Felsblock den Berg hinan, bis sie, von ihm überwältigt und zerschmettert, mit ihm hinabrollt. So gewiß als jeder Nacht ein Tag folgt, so gewiß wird die Monarchie auf dem Wege, den sie jetzt betreten hat, ihr Werk der verschlagenen Weltklugheit, ihr Werk, das sie so viele Jahrhunderte aufgebaut hat mit unablässigem Eifer, selbst zerstören in einer verhängnißvollen Stunde. Wer den Dynasten den Rath gab, ihre Mäntel im Bürgerblut aufzufärben, der hat ihnen schlecht gerathen. Blut ist kein Purpur, und indem sich die rothe Monarchie mit der rothen Republik auf eine Linie stellt – so stößt sie sich selbst den Dolch in’s Herz. Je tiefer die Alleinherrschaft in Blut watet, je breiter sie das Bett gräbt, in dem das Leben der Völker dahin strömt, um so schneller wird sie von den Wogen an die äußerste Grenze ihres Bestands getragen, und während sie wähnt, Alles erreicht zu haben, steht sie am Rande der Vernichtung. Da angelangt, ist kein Rückschreiten möglich. Wenn sie abgefallen sind von ihrer Bestimmung ganz und gar, so haben die Männer von Gottes Gnaden keinen Gnadenblick von Gott mehr zu hoffen. Mögen sie dann noch eine Zeit lang wie Nachtwandler über die andern Menschen auf den Firsten der Dächer gehen; mögen sie, wie himmelstürmende Titanen, Berge auf Berge wälzen; mögen sie die Völker mit Bajonnetten spießen und die Städte mit Kanonen zerschmettern im starren, herzlosen, furchtbaren Wahne, eine Krone sey mehr als ein Volk; mögen sie Schädel zu Pyramiden fügen, die an die Wolken reichen und oben drauf ihre Throne stellen: – wenn das Schreckenswerk hoch genug hinaufgewachsen ist, so wird es des Himmels Blitze auf sich ziehen oder zusammen brechen unter seiner eigenen Last und die Baumeister begraben unter den Trümmern. – Alle Macht des Unrechts ist nichts gegen die ethischen Gesetze; und diese sind die treuesten Helfer der mißhandelten Nationen.
Kleinmüthige kann manche Erscheinung der Gegenwart wohl irre machen. Sie sehen, wie das Einschüchterungssystem allwärts um sich greift und vor keiner Gewaltthat zurückbebt. Sie sehen, wie die Reaktion mit Cymbeln und Pfeifen ihre Hoffnung auf die Rückkehr der Volksknechtung frech von Land zu Land führt; sie sehen, wie die Fähnlein von Ehedem flattern auf den Bergen und in den Auen, und die schlechten Gesellen, die damals, als der Lenzsturm des Herrn über die Reiche fuhr, in der Angst des bösen Gewissens sich verkrochen, alle [173] wieder herausschlüpfen aus ihren Winkeln, um sich zu wärmen in der alten Sonne und zu Gefolg zu gehen den alten Herren. Auch jene Volksfreunde, welche der Freiheit dienen wie einst die Juden dem Belial, jene Männer des Fortschritts, mit dem man fortkömmt bei Hof und an der Börse, bei Groß und bei Klein, finden sich wieder zurecht im alten System, das auf’s Neue zu Ehren kommt, und die Ministerstühle füllen sich schon wieder mit den Staatsmännern von altem Datum. Ueber eine gründliche Restauration des Staats, in des seligen Haller’s Geiste, wird in manchem Kabinet alles Ernstes berathen. Es könnte ja seyn – heißt es, – daß der Michel noch einmal an einer konstitutionellen Komödie Geschmack fände, an Landständen, die auf nichts ruhen, als auf den Coterien der Hauptstädte, und zu nichts nützen, als um eine durch alle Elemente durchgeführte Despotie zu stützen; es könnte ja seyn, daß er sich, wie ehedem, mit dem Spaß befriedigte, gelegentlich einen mißliebig gewordenen Minister vom Seile zu stürzen, damit ein anderer, wohlgelittener, heraufsteige, um dieselben Sprünge zu machen; es könnte ja geschehen, daß das Gebäude der deutschen Einheit und Majestät, welches man in Frankfurt in die Luft hinausbaut, einfalle wie ein Kartenhaus vor dem Hauche der Gewalt, sobald diese ihre Zeit ersehen, – oder es endige wie der Thurmbau zu Babel; es könnte ja nicht gefährlich seyn, dann, wenn die Werkleute, mitten in der Sprachverwirrung, die schon begonnen hat, aus einander gelaufen sind, die Idee von der deutschen Einheit erst als Narrheit zu verspotten, und nachher, wie man früher gethan, als Hochverrath zu stempeln ; man dürfe es schon wagen – meinen Viele, – das deutsche Parlament, das da tagt „von Aufstands wegen“, wieder gehen zu heißen. Nun ja, es ist Vieles möglich. Metternich empfängt schon wieder in seinen Soireen an der Themse, sein Kanzlersessel wird neu gepolstert, und käme er morgen wieder – er fände alte Freunde am Ministertisch, und Sedlnitzky ist auch schon da, um ihm zu helfen, den Staatswagen wieder in’s alte Gleis zu schieben. Metternich’s Grundsätze sind von vielen Fürsten noch so hoch geehrt, als ehedem, und wenn es auch Leute gäbe, die starr und eigensinnig sich nicht fügen wollten in die Wiederkehr, so sind Windisch-Grätze da, welche die Schwätzer stumm machen „mit Pulver und Blei,“ und Hände genug willig, Narren in Ketten zu legen und zu begraben in Oubliettes, bis sie gelernt haben mit heitern Mienen nichtswürdigere Fesseln zu tragen und Jene zu preisen, welche sie schmiedeten. Die Hoffnungen fliegen hoch, und nicht in Olmütz allein. In gar vielen Schlössern sind – Kamarillen.
Aber blickt auf! Mitten im Taumel des Sieges erblassen die Sieger: sie erbleichen, wie Belsazar einst im Taumel des königlichen Festmahls erbleichte. Was ist ihnen geschehen?
Ein Blitz, der einen Mann niederwarf, hat in’s deutsche Volk geschlagen, und die Kugel, die ihm in’s Herz gefahren, traf die Nation. Sie erhebt sich wie ein verwundeter Leu und wendet sich gegen die Verfolger. Seit den Tagen des Märzes ist nichts geschehen, was sie so gewaltig ergriffen und bewegt hat, als jene That. Was getrennt war, hat sie geeinigt; was gespalten gewesen, das hat sie geschlossen; die Verschiedenheiten der Meinungen [174] hat sie geebnet; der Stachel der Beleidigung und der Schmach: – er sitzt in allen Herzen. Was lange unverständlich nach Verständigung gerungen hat, das hat jetzt das „rechte Wort“ gefunden; der blutige Fleck im Wiener Augarten ist der Punkt geworden, in dem Deutschlands Gedanken sich versammeln, und alle Parteien haben über das Ereigniß nur eine Meinung und ein Gefühl: das Gefühl des schneidendsten Hohns,den Jeder erlitten, aber auch das Gefühl der Nähe der ewigen Gerechtigkeit und Vergeltung! Blums Ermordung hat, Jedem sichtbar, ein helles grelles Schlaglicht über den Zustand des Vaterlandes geworfen und in Millionen und aber Millionen Herzen eine erneuerte, lebendige Theilnahme an den Ereignissen geweckt, die im Strome der allgemeinen Bewegung die Wogen höher und höher schwellen mit jeder Stunde. Mit dem Mord, den Windisch-Grätz begangen, hat die deutsche Revolution ein neues Stufenjahr angefangen. Ueber Alle, selbst über die ist der Ernst der Zeit gekommen, welche seither die Dinge ruhig oder sorglos betrachteten. Das Volk ist in allen Tiefen aufgeregt; die Folgen werden furchtbar seyn; sie werden die soziale Welt erschüttern.
Jetzt ist das Schicksal, das der Gewalthaber gallenbitterer Uebermuth auf’s Neue herausgefordert hat, in entsetzlicher Gestalt mitten unter sie getreten. Grauen packt sie vor seiner Macht. Die Morgenstunde des 9. November wird vielleicht die Geburtsstunde der verhängnißvollsten Zeit. Birgt diese für die Monarchie in Deutschland die Stunde ihres Untergangs, dann mögen die Fürsten nicht das Volk anklagen, sondern ihr Wehe! über diejenigen ihrer Diener rufen, welche aufgerissen haben mit Gewalt die Pforten des Unterreichs, losgebunden die wüthenden Leidenschaften und herauf beschworen die Furien, welche gefesselt im Orkus lagen. – Warnend und drohend rief die Geschichte: „Noch Keiner hat gesiegt, der mit dem Volke solchen Streit gesucht und ihn geführt hat in solcher Weise.“ – Aber es war in den Wind gesprochen!
Wie es auch werde, auf Eins können wir sicher rechnen. Entwickelung und Fortschritt stehen der Zeit an der Stirn geschrieben, und die Nation verfolgt ihren innersten, ihr von Gott eingepflanzten Trieb, wenn sie vom Staate die Bedingungen beharrlich fordert, welche eine freie Entwickelung gestatten und erleichtern. Wenn es Fürsten gibt, die, von ihrem Hochmuth getrieben, sich unterfangen, die Nation in solchem Begehren zu hemmen und zu irren, so sind sie Despoten, und sie sind Thoren, wenn sie glauben, es werde ihnen damit gelingen. Noch nie hat ein solches Gegenstreben zum Ziel geführt. Von jeher haben die Völker in solchen Lagen ihre Dämme durchbrochen, und ihr eiserner Wille hat noch stets die Fesseln gesprengt, welche man ihnen mit List und Gewalt anlegte. Und was die Geschichte anderer Völker als untrüglichen Erfahrungssatz hinstellt, das wird die deutsche Nation nicht Lügen strafen.
Vor 600 Jahren war in Deutschland auch eine Zeit, der unsrigen zu vergleichen. Auch damals war ein Uebergang aus einem Zeitraume in den andern; es war eine Zeit des Gährens und Brausens, des Trennens und Zerfallens, des Zersetzens der alten Organismen und des Wiedervereinigens ihrer Atome zu neuen Verbindungen [175] und Formen. Es hatte damals das Recht des Stärkern alle Phasen seiner Entwickelung durchlaufen, im Feudalwesen hatte es seine organische Gliederung und seine rechtliche Weihe empfangen, im Ritterwesen, veredelt und vergeistigt, seine schönsten Blüthen entfaltet: – sein besseres Leben war beschlossen und es würde, wie schon die Erscheinungen der Raubritter kund thaten, unfehlbar die Barbarei zurückgeführt haben, wenn dies verträglich gewesen wäre mit der Weltordnung, die das Fortschreiten der Menschheit zu höherer Vollkommenheit unwandelbar bedingt. Der germanische Völkerstamm war schon längst der Träger der Kultur und des Fortschritts: – seine Mission, die noch lange nicht zu Ende ist, konnte daher auch damals keine Unterbrechung dulden.
Darum erweckte Gott in einem armen Mönch einen Gedanken, der die stagnirende Welt neu bewegte: – Peter von Amiens predigte der ritterlichen Christenheit den Zug nach Palästina! Auf Peter folgte in Deutschland der heilige Bernhard, welcher mit brennender Begeisterung alle tapfern und edlen Herzen für die Idee befeuerte, das Land, wo der Heiland gelebt, gelehrt und gelitten, aus der Hand der Ungläubigen zu befreien. Der Ort, wo er zuerst auftrat, war eben das Gotteshaus, dessen herrliche Gestalt im Bilde schon unser Wohlgefallen erregt hat: – der Freiburger Münster. Hier, im Jahre 1146 am 13. Juli, predigte Bernhard den Zug in’s gelobte Land, und noch an diesem ersten Tage nahmen über 300 Ritter und Bürger das Kreuz!
Nur das bestimmte Ziel hatte der begeisterte Mönch im Auge; darüber hinaus reichte sein Blick nicht. Von der unendlichen Tragweite seiner Worte, welche das Abendland gegen den Orient in Bewegung setzten, hatte er keine Ahnung. Niemand hatte sie; denn die unermeßlichen Folgen für die Civilisation traten erst in den nächsten Jahrhunderten klar hervor, nachdem die Kreuzzüge und Gottesfahrten den Pfad gangbar gemacht hatten zu dem wild verwachsenen Morgenlande. Auf der alten wieder geöffneten Götterstraße pilgerte nun eine neue Ideenwelt mit den Heimkehrenden in den Occident. Anderer Glaube, andere Propheten, andere Weisheit wurden zum Erstenmal bekannt in der bisher streng in sich abgeschlossenen occidentalischen Christenheit; neue Gedankenformen, neue Vorstellungen, neue Tonleiter der Empfindungen, neue Sitten und Weltanschauungen traten an die alten heran, forderten sie zum Streite heraus, und unterlagen entweder, oder fingen an, jene zu unternagen und zu lockern. Mit den Ritterschaaren des Westens zogen viele Träger der occidentalen Wissenschaft nach Osten. Hunderte ließen sich in Byzanz nieder und gaben sich da den Studien der griechischen Literaturschätze hin. Altgriechenland stieg nun herauf im Abendlande, wie durch sarazenischen Zauber aus dem Todtenreich beschworen, – die Ideenwelt des Alterthums wurde prägnant in den germanischen Geistern, die klassische Bildung fing an, als ein neues unwiderstehliches Auflösungsmittel die deutsche Gedankenwelt zu zersetzen. Gleichzeitig fraßen die Schwerter der Sarazenen, oder das stürmende Meer, oder die mordende Seuche, oder das wüste, üppige Leben in den Großstädten des Orients und Italiens die Rittergeschlechter des Abendlandes auf, die Burgen verödeten, die Macht des waffenstarken Adels war gebrochen und das Bürgerthum – ein empfänglicher Boden für die [176] Saat der Bildung, der Wissenschaft und Künste, gelangte zu hervorragender Geltung. Der neue Zeitraum hatte seine Form gefunden, und der große Hebel zur weiteren Entwickelung seines Wesens wurde ihm, als bald darauf Columbus, der Argonaut der Neuzeit, die andere Hälfte der Erde zu der schon bekannten fügte und den erstaunten Zeitgenossen die Entdeckung Amerika’s verkündigte. Seht, das war auch eine große Zeit, und an schaffender, bildender Kraft nicht kleiner als die unsrige.
Und nun wollen wir die Kirche näher betrachten, auf deren Kanzel der heilige Bernhard das Programm für jene Zeit gesprochen. –
„Ein Baumeister wollte einen Psalm dichten zum Lobe Gottes, und es wurde der Freiburger Münster daraus,“ sagen die Schwaben, und in der That ist dieser herrliche Tempel die Krone des deutschen Kirchenbaues. Er ist, was bei wenigen der Fall ist, ausgebaut, und da er frei in der Mitte eines großen, mit altertümlichen Gebäuden eingefaßten Platzes steht, so findet der Beschauer auf allen Seiten einen vorteilhaften Standpunkt. Der Bau selbst wurde im Jahre 1122 angefangen. Landesherr, Klöster und Bürgerschaft hatten sich vereinigt, die Kosten desselben gemeinschaftlich zu tragen. Nach einigen Jahren sagten jedoch Fürsten und Pfaffen ihre Beiträge auf und der Bau stockte; es kam auf den Punkt, daß er eingestellt werden sollte. Da versammelte sich die Gemeinde um die sich schon zum Abzuge anschickenden Werkleute, und, Angesichts der hochstrebenden Wände und Pfeiler, thaten sie in frommer Begeisterung allesammt den Schwur, die Kirche fertig zu bauen auch ohne Pfaffen- und Fürstenpfennige, selbst wenn sie die letzte Ziegel auf ihren Dächern verpfänden müßten. Und so geschah es wirklich. Die Bürger verpfändeten ihre Häuser und Felder und verkauften entbehrliches Eigenthum, um die Summen beizuschaffen, welche die Fortsetzung des Riesenbaues verlangte. Arme, die nichts zu verpfänden und zu verkaufen hatten, arbeiteten als Handlanger oder Werkleute wöchentlich einen Tag umsonst; und der Gedanke, – „Alles geschieht zu Gottes Ehre!“ – ließ jede Entbehrung und jedes Opfer, auch noch so groß, doch leicht ertragen. Nach 24 Jahren war der Bau so weit vorgerückt, daß der heilige Bernhard zur Einweihung der Kirche gerufen werden konnte, und die erste Predigt rief, wie ich schon erzählt habe, zum Zuge nach Palästina auf. Der damals fertige Theil der Kirche begriff jedoch nur das Schiff; der Bau des Chors und des Thurmes wurde fast noch drei hundert Jahre lang fortgesetzt, und das Ganze, wie es jetzt zu sehen ist erhielt 1513 seine Vollendungsweihe. Viele Millionen hat es gekostet; aber weit mehr ist die Ausdauer zu bewundern, welche nöthig war, um mit scheinbar so schwachen Mitteln ein solches Werk zu schaffen. Es würde die Macht eines großen Reiches geehrt haben; hier thaten es die vereinigten Kräfte der Bürger einer kleinen Stadt; sie thaten es zehn Generationen hindurch – erst die eilfte sah den Tag, der das Vollendungswerk geweiht hat!
[177] Die Kirche hat eine Länge von 175 Fuß, bei 82 Fuß Höhe; zwei Reihen herrlicher Bündelsäulen tragen die kühnen Gewölbe und spalten den Raum in ein Hauptschiff und zwei Nebenschiffe. Der fünfseitig geschlossene Chor ist höher als das Langhaus und hat eine Länge von 157 Fuß. Kostbarer Bilderschmuck füllt die innern und äußern Wände. Die Hauptfenster sind mit Glasgemälden bedeckt, und zur Zierde der Altäre haben die berühmtesten Maler der oberdeutschen Schule mit einander gewetteifert. Von Baldung Grün sind die Bilder des Hochaltars. Die Holzskulptur erschöpfte ihre Kunst an Chorstühlen, Kanzel und Gesimsen, und das Geschick der alten Bildhauer und Erzgießer ist an den Grabmälern zu schauen, die bis in’s zwölfte Jahrhundert hinan reichen. Das Bewundernswertheste aber ist der Thurm, dessen 20 Fuß starke Fundamente über 40 Fuß tief in die Erde gesenkt sind, während der Oberbau bis zur Spitze sich 415 Fuß hoch erhebt. Der untere Stock ist ein Viereck von 120 Fuß, bildet weiter oben bis zur Gallerie ein Zwölfeck, und von dieser steigt die achteckige, kühn und zart wie Filigranarbeit durchbrochene Pyramide bis zur Spitze auf. „Wer die Baumeister der deutschen Vorzeit in ihrer Größe kennen lernen will,“ sagt Wiebeking in seinem Werke über die deutsche Architektur, „der muß Freiburgs Thurm untersuchen. Alles daran, sowohl Konstruktion als Ausführung, ist Trefflichkeit.“
Wir, die wir nicht als Baumeister das Menschenwerk betrachten, wir staunen es an als die große That jener Glaubensbegeisterung, von der die Bibel zeugt: – sie kann Berge versetzen und Thäler ebnen. Wir staunen; doch wir begreifen’s nicht. Vergebens suchen wir den Leitfaden in jene geheimnißvolle Glaubenswelt, die ihren Aetherhimmel über die christliche Menschheit ausspannte und alle Gestalten ihres damaligen Lebens beseelte. Das Stufenjahr, es liegt hinter uns, wie die Kindheit: denn, älter geworden, vermögen wir die Idee, welche ihren Erscheinungen inne wohnt, kaum mehr zu fassen. Eine andere Sprache, andere Bilder, andere Ideen, andere Sympathien sind in uns lebendig, ein anderes Feuer erwärmt die Geister, für andere Ziele schwärmt das Volk und ist bereit, ihm jegliches Opfer zu bringen. Wie sonst der Glaube sich die Gemeinschaft mit einer andern Welt eröffnete, so schließt auch das Völkerstreben nach Freiheit die Pforte einer Zukunft auf und beseelt mit seiner Zuversicht und seiner Hoffnung die ungeborne Zeit.
Die Werke des Glaubens sind herrlich; doch die Werke der Freiheit werden, wenn wir meisterlich und mit Ausdauer bauen nach meisterlichem Plane, noch herrlicher werden. Nicht ergrauend, wie unsere Münster, werden sie nach Ablauf von Jahrtausenden noch gesund und frisch dastehen, fortwachsend und sich neu gestaltend, dem Weltgeist, eine Freude, dem Volke ein Heil, dem Vaterlande zum Glück und den Baumeistern zur höchsten Ehre.