Das königliche Schloss in Ludwigsburg

DLXIV. Der Münster in Freiburg Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DLXV. Das königliche Schloss in Ludwigsburg
DLXVI. Der Barbarigo-Palast in Venedig
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KÖNIGL. SCHLOSS in LUDWIGSBURG

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DLXV. Das königliche Schloss in Ludwigsburg.




Es ist nicht zu leugnen, daß die Idee vom patriarchalischen Staat mit seinen guten Landesvätern und unwandelbar gehorsamen Landeskindern, seinen erbweisen Hirten und erbfrommen Heerden, seinen allzeit erfahrenen Führern und tapfern Streitern und Schirmherren einer kindlichen Phantasie als höchst liebenswürdig erscheint. Grenzt ein solcher Staat doch so nahe an das Schlaraffenland, welches wir in guten Stunden unseren Kleinen zum Ergötzen vormalen, und tritt doch Alles so alttestamentlich vor uns hin, daß mit jenem Staatsbilde die schönsten Erinnerungen aus der Kinderzeit, wo die Bibel unser tägliches Lesebuch war, uns wieder vor der Seele aufsteigen. Die Geschichte leugnet auch nicht, daß es während der Wiegen- und Gängelzeit der Nationen einzelne kurze Zeiträume gegeben habe, die uns das Staatsleben derselben in einer jenem Ideale mit Glück nachgeformten Gestalt zeigen. In einer Monarchie solcher Art konnte die Gesellschaft ein stilles Glück genießen, und sie genoß es wirklich, wenn das zarte und feste Band der Häuslichkeit und der sittigen Liebe, welches die Familien zusammen knüpft, auch den Staat zusammen hielt, der Gemeingeist das Ganze umschlang und die Autorität, ausgeprägt mit dem Stempel der Erfahrung und praktischen Weisheit, mit ethischer Würde und Lauterkeit die Krone trug. Vor einer solchen, die sich selbst nie ein Unrecht gestattete und Gerechtigkeit übte in allen Dingen, beugte sich willig die Gemeinschaft, und wenn, wie es in den ältesten Zeiten fast immer der Fall war, sich in der Person des Fürsten auch der Oberpriester, der Vermittler der Gottheit einigte, so mochte man der Autorität wohl eine Delegation vom Himmel gläubig zuerkennen.

Unsere Monarchien von Gottes Gnaden pflanzten den Baum, von dem sie ihre Zepter schnitten, in jenen idealen Boden: der Stammbaum der Könige wurzelt im alten Testament. Das vierte Gebot, das Gebot der kindlichen Ehrfurcht, wurde die Inschrift der Throne. Treue und Gehorsam, Glaube und Vertrauen wurden zu ihren vier Ecksäulen gemacht, und so lange ein Thron getragen wurde von solchen Stützen und auf dem Thron ein verständiger, milder, barmherziger Spender des Rechts saß über Alle, der in der Kraft des moralischen Weltgesetzes wirkte und handelte, konnte man solche Monarchen wohl von Gottes Gnaden nennen, denn ihr Thun war ja sichtbar nach den Rathschlüssen des ewigen Weltgeistes. Aber ein solcher Bau wird zum Teufelsspuk, wenn seine Säulen verfault sind und die eisernen Pfosten der Gewalt und Willkür, der Lüge und Habsucht an ihre Stelle treten. Dann wird eine Monarchie nicht von Gottes Gnaden, sondern von Satans Grimm [179] daraus, die Gesetz und Macht nicht zum Heile, sondern zum Verderben und zur Qual der Völker handhabt. Das Zepter wird dann zur Ruthe, das schützende Schild ein Werkzeug der Bedrückung, das richtende Schwert ein Mittel des Schreckens und der Qualen für die geknechteten Völker. Mit der Umkehr stürzt alles Gute, und Pflicht und That der Herrscher verhalten sich wie der Himmel zur Hölle.

So lehrt die Erfahrung. Die Lehre ist einfach, verständlich für jedes Kind, auch für das größte: das Volk. Und die Völker haben zu allen Zeiten an dieser Lehre festgehalten. Inzwischen kommen beide eben beschriebenen Gegensätze nur in wenigen Monarchien der Gegenwart zur vollen Erscheinung. Die Zustände müssen arg seyn, ehe ein Volk sagt, sie sind „von Teufels Gnaden,“ und viele Völker stützen gutmüthig die zerfressenen vier Säulen durch eine fünfte: Geduld. Welcher Thron in Deutschland hätte jetzt nicht diese Stütze und welcher könnte sie ganz entbehren?

Ja, es gibt unter den wechselvollen Bildern im Guckkasten des Lebens kein rührenderes, als das von der Treue und dem Vertrauen, von der Liebe, dem Gehorsam und der Engelsgeduld, womit die deutschen Stämme viele Jahrhunderte hindurch ihren Fürstengeschlechtern zugethan waren. Land und Landesherr waren in den Begriffen des Volks zusammen gewachsen, sie bildeten ein so vollkommen Ganzes, daß keines ohne das andere gedacht wurde. Warf die Sonne des Glücks einen Freudenstrahl in die Hallen des Regentenhauses, so jauchzte das ganze Volt in seinem Widerschein; zogen Wetterwolken über der Fürstenfamilie zusammen, so zitterte das Volk in Sorge und Angst um die geliebten Häupter; war ein Trauerflor über das Schloß gebreitet, so weinten die treuen Augen in der ärmsten Hütte. Es war nicht befohlenes Schreien, wenn das Volk über eine glückliche fürstliche Niederkunft jubelte, und eben so rein vom Herzen kam die Freude der Unterthanen, wenn sie die Kinder ihres Fürsten gut und froh heranblühen sahen. Deshalb ging auch die Anhänglichkeit vom Vater auf den Sohn über und man verzieh noch dem Enkel manches Unrecht, um des Großvaters vielleicht einziger guten That willen. Die Wappen der Fürstenfamilien wurden Landeswappen, für deren Ehre das Volk Gut und Blut willig einsetzte; der Namenszug des Fürsten schmückte bei öffentlichen Festen Hallen und Pforten und das Lebehoch auf ihn und sein Haus brauchte nicht auf dem Programm zu stehen; es brach sich von selbst Bahn. Alle Künste huldigten ihm und von seiner Hand mußte geweihet werden, was öffentliche Ehre und Anerkennung finden wollte. Und das Volk rechnete sich’s hoch an, wenn ein Dichter von ihm singen konnte, wie „Eberhart mit dem Barte, Würtembergs geliebter Herr“, der da sprach:

„Mein Land hat kleine Städte,
Trägt nicht Berge silberschwer;
Doch ein Kleinod hält’s verborgen:
Daß in Wäldern, noch so groß,
Ich mein Haupt kann ohne Sorgen
Legen Jedem in den Schooß.“

[180] Das Volk, das hat wahrlich seine Schuldigkeit gethan, die Throne fest und in Ehren zu erhalten. Es gelang ihm nicht. Warum nicht? Die aus dem Herzen des Volks emporgewachsenen Säulen der deutschen Throne wurden von den Fürsten und ihren Räthen nicht mehr werth gehalten. Man pflegte ihrer nicht mehr, man ließ sie in Koth und Schmuz verfaulen und vom Gewürm zerfressen. Ungerechtigkeit, Lüge, Haß, Laune und Leidenschaft traten den alten Volkstugenden fast allwärts entgegen und gründeten ihre Herrschaft auf Furcht und blinden Glauben, Knechtsinn und blinden Gehorsam. Die treuherzigen, biedern, redlichen, rauhen, scharfkantigen, eckigen Charaktere, welche mit den Fürsten zu Rathe saßen, wurden unbequem gefunden und entfernt, es wurden die blinde persönliche Ergebenheit und Unterwürfigkeit an ihre Steile gerufen und die Landesväterlichkeit zur Mimik wohlerzogener Willkür gefälscht, welche unter ihrer Larve das Geheimniß unbedingter Gewalt vor den Uneingeweiheten verbarg. Die deutschen Höfe wurden zu Herbergen aller Sünden und aller Schlechtigkeit, aller Unehre und aller Niedertracht, in deren Atmosphäre kein Mann und kein Weib von wahrer Ehre und sittlichem Werthe leben konnte; und auf diesem hohlen Boden führten die Fürsten die Schule auf für die Schmiegsamkeit und Knechtung der Gesinnung, für die feine Sitte der guten Gesellschaft, für den leichten Ton und die Gewandtheit in allen Verhältnissen des geselligen Umgangs, kurz: für die Apotheose der Heuchelei und der Lüge. Poesie und Künste wurden zu Kammerjungfern und das Genie wurde courfähig, wenn’s mit galanter Willfährigkeit die Glorie des Hofs verherrlichte. Was von der ehrlichen, rechten Anhänglichkeit, der freien, kecken, derben alten Treue noch übrig war, das wurde, versuchte es eine Annäherung an den Landesherrn, ungnädig oder schnöde und hochfahrend zurückgestoßen und in die Stille des Familienlebens verwiesen; – der Wuchs des freien Mannes paßte nicht in den französischen Gartengeschmack der deutschen Fürsten, welcher Bäume und Menschen an Spalieren und mit der Scheere zu Fratzen zog. Sogar die Religion machten die Fürsten zur Hofmagd und die Hof- und Oberhofprediger lernten es gar bald, den starren Glauben und seine strengen Vorschriften dem Ohre des Allerhöchsten und seinen Schranzen angenehm zu machen. Die Lehre: das Christenthum sey gut genug, um für das Volk einen Nasenring daraus zu machen, für die Vornehmern müsse es aber ein leichtes, süßes Ruhekissen seyn, wurde von dem Pfaffengeschlecht schnell begriffen. Als nun Alles hergerichtet und die Herren und Meister sahen, daß es gut war, so setzte sich häufig der Despotismus geharnischt und beutegierig auf den Sessel der Monarchie, umwickelte sich mit ihrem gesetzlichen Purpurmantel, stülpte die Krone von Gottes Gnaden auf den absoluten Kopf und trat hohnlachend die Säule der Volksgeduld mit Füßen. Und hatte dann ja einmal das Volk in den Augen eines jungen Fürsten eine bessere Zukunft gelesen und in Erwartung milderer Tage die harte Gegenwart ertragen, wie lange währte es, so konnte der Geschichtsschreiber den alten Satz wiederholen: „Die schönen Hoffnungen, welche das Land auf seinen jungen Fürsten gesetzt hatte, blieben leider unerfüllt.“

An diesen Satz erinnerte uns ein Blick auf unsere Stahlplatte. – Ludwigsburg, die zweite Hauptstadt Würtembergs, ist ein Produkt der Fürstenlaune und Maitressenrachsucht. Weder die Maintenon, noch die [181] Pompadour hatten in Frankreich eine so unheilvolle Herrschaft ausgeübt, als das Fräulein von Grävenitz in Würtemberg unter und über Herzog Eberhard Ludwig. Schon im sechszehnten Jahre von der Vormundschaft seines Oheims (Friedrich Karl) und seiner Mutter (Magdalena Sybilla) befreit, lebte der junge Fürst bis zum Frieden von Riswyck (1698) in Basel. Erst nachdem in Folge dieses Friedens die Franzosen Würtemberg geräumt hatten, erschien er in der Mitte seines Volks, das, nach der damaligen Lage der Dinge, nur von ihm Rettung aus seiner tiefen Noth erwarten konnte. Aber der junge Fürst steckte die goldnen Schranken eines glänzenden Hofstaats zwischen sich und dem Volksjammer auf, und entwich ihm, wenn er zu laut zu werden wagte, auf weiten und kostspieligen Reisen. Ein Ländchen, so von Gott gesegnet, wie Würtemberg, und ein Völkchen, so gutherzig wie die Schwaben, war jedoch auch dadurch noch lange nicht zum Aeußersten gebracht. Es mußte ärger kommen und – es kam. Der Vater Ludwig Eberhards hatte die Schuldenlast um Millionen vermehrt, trotz dem, daß er an dem Kriege zwischen Oesterreich und Frankreich keinen Theil genommen hatte. Dem Sohne hingegen war es eine Hauptsorge, sich für diesen Krieg zu rüsten und mit allem Glanz eines kaiserlichen Feldmarschalls zu umgeben. Eine der Blüthe des Volks enthobene stattliche Armee führte er zur Schlachtbank. An das Kriegsunglück knüpfte der Fürst das Schlimmste und Erniedrigendste, was über Volk und Land verhängt werden kann, die Maitressenherrschaft. Von 1708 bis 1731, ganzer dreiundzwanzig Jahre, regierte eine Hure mit ihrem diebischen Gelichter über das geduldige Würtemberg! Allen Bitten und Klagen, Warnungen und Drohungen der gesetzlichen Volksvertreter, der Landstände, antwortete der Herr von Gottes Gnaden mit Spott und Hohn. Schon im ersten Jahre ihres Regiments hatte die Grävenitz das Land die ganze Wucht ihrer absoluten Gewalt empfinden lassen. Die Stände, jammernd über den Ruin des Landes, erschöpften alle gesetzlichen Mittel, um ihn abzuwenden; aber bitten, flehen, drohen, – Alles war in den Wind. Sie bestürmten den Reichstag um Abhülfe und wirkten endlich doch einen Befehl vom Reichsoberhaupt aus, der die Messaline aus Würtemberg verbannte. Sie ging an den Genfersee, und – der Herzog ging ihr nach mit dem ganzen Hofe! Es sollte dem dummen Volke bewiesen werden, daß es auch außerhalb des Landes regiert werden könne! Daneben hatte man auf den Bedientensinn der Stuttgarter gerechnet und die gemachte Rechnung traf zu. Die Residenzler sehnten sich nach dem Hofe und seinen Freuden und Vortheilen zurück, und der unterthänigst angeflehte Fürst beglückte das Land mit seiner Heimkehr. Er hielt feierlich Einzug an der Seite der Maitresse. Der Herzog hatte, um die Konkubine weniger anstößig zu machen, solche unter großem Gepränge mit einem Grafen von Würben vermählen lassen und gleichzeitig ernannte er ihren Bruder zum ersten Minister. Das arme Land! Aber dessen Klagen verstummten unter der Doppelherrschaft der Gewalt und Intrike; jedes Widerstreben mußte biegen oder brechen. Selbst des Herzogs Gemahlin, eine Prinzessin von Baden, fiel als Opfer; sie wurde schändlich verleumdet und vom Hofe verbannt. Die Maitresse führte oft selbst den Vorsitz im Kabinet, sie diktirte ihre Beschlüsse den Ministern, beherrschte die Behörden, verkaufte die Beamtenstellen an die Meistbietenden, trieb alle „Mißbeliebigen“ von ihren Posten und [182] reinigte das Land von unfriedfertigen Patrioten. Endlich hatten doch einmal die Stände in Stuttgart, Angesichts der Noth im Lande, den verzweifelten Muth, allersubmisseste Vorstellungen an den verbrecherischen Thron zu richten; aber das rachsüchtige Weib schwur Stuttgart zu züchtigen für alle Zeiten und der bürgerlichen Kanaille einen Maulkord anzuhängen, wie sie noch keinen getragen: in Folge dessen baute sie ein Trotz-Stuttgart, eine zweite Residenz.

Dies war Ludwigsburg, wo früher nur ein kleines Jagdschloß gestanden hatte. Zwölftausend Bauhandwerker und Arbeitsleute strömten auf den Wink der Maitresse herbei, und aus den Feldern und Wiesen erstiegen wie durch Zauber die prächtigen Häuser zu Straßen und Märkten. Die Gründung einer umfangreichen Stadt, die königliche Pracht der Fürstenwohnung, der Glanz des Hofstaats und die unaufhörlichen Feste fraßen abermals Millionen. Das Volk, das unter der Presse lag, gab sie unter dem unwiderstehlichen Druck her. Doch war das noch nicht der größte Schaden, den die neue Einrichtung dem Lande brachte. Dadurch, daß man alle höchsten Staatsstellen, Behörden und Anstalten von Stuttgart nach Ludwigsburg überstellte, wurde Stuttgarts bürgerlicher Wohlstand in der Wurzel angegriffen, und die Verarmung der Hauptstadt dehnte sich in weiten Kreisen über das Land aus. Der Häuserwerth in Stuttgart fiel auf ein Drittel und Tausende von Familien verloren schon dadurch ihr ganzes Vermögen. Der Strom des Adels und der vornehmen Fremden war nach dem neuen Paradiese des Schranzenthums hingeleitet und dort, aller Scheu vor dem Volke baar, gingen die Festlichkeiten nicht aus, eine üppiger und glänzender als die andere. Uebermüthig ließ man sogar gegen das Volk noch die Intrike spielen. Man fachte den Neid von Land und Städte gegen einander an und stellte die Zwietracht und den Haß unter die Regierungskünste. Hatte bis jetzt das Volk wenig ausrichten können gegen die Phalanx der Hofpartei, so wurde nun seine Widerstandskraft durch Uneinigkeit ganz gelähmt. Das Uebrige thaten Furcht und List, welche bald durch Versprechungen, bald durch Drohungen auf die einzelnen Städte wirkten. Das Nehmen und Geben von Behörden, Anstalten, Garnisonen wurde eine neue Waffe in den Fäusten der schmuzigen Kamarilla – und wie solche Waffen wirken, das sehen wir ja in unsern Tagen!

Das Verhältniß zwischen dem Herzog und der Maitresse endigte in würdiger Weise. Als man das Volk ausgedrückt hatte, wie man eine Zitrone bis zur trockenen Schale ausquetscht, als das Land zu Grunde gerichtet war, als die Hure sammt ihrer Sippschaft Reichthümer aufgesammelt und fortgeschafft hatte, der Fürst aber auf leeren Kassen saß: da schüttelte der Landesvater unbehaglich seine Rosenkette und seine große Seele erhob sich zu einem großen Entschluß: er fertigte einen Befehl aus, kraft dessen die Frau Gräfin augenblicklich das Land zu verlassen habe, lief aber selbst davon, ehe noch der Befehl der Mätresse übergeben war, um den Erfolg seiner großen Unternehmung weit vom Schuß - nämlich in Berlin – abzuwarten. Die Frau Gräfin aber blieb. Nun offenbarte sich des Herrn Seelenadel in seinem ganzen Glanze. Herzog Eberhard Ludwig ließ die Geliebte durch eine Schwadron Dragoner bei nächtlicher Stunde aufheben, auf das Bergschloß Urach bringen [183] und sie hier so lange einsperren, bis sie alle ihr vom Herzog geschenkten Güter zurück gegeben hatte. Sie mußte eine Urkunde ausstellen, daß dies – freiwillig geschehen sey!!

Nach dem Tode dieses Fürsten (1733) verschrumpfte der Pilz der Maitressengunst so rasch, als er aufgeschossen war. Der Nachfolger auf dem Schwabenthron, Herzog Karl Alexander, zog mit dem gesammten Hof- und Staatswesen wieder nach Stuttgart, und die schönen Tage Ludwigsburgs waren auf eine Zeitlang zu Ende. Doch das Land gewann bei diesem Wechsel nichts. Der neue Herzog war ein Wicht in anderer Weise. Aus Habsucht wechselte er den Glauben (er wurde katholisch); angeblich um Ordnung in die Kassen zu bringen, machte er den Hofjuden Süß-Oppenheimer zum Finanzminister mit fast unumschränkter Gewalt und haderte und prozessiere mit den lästigen Landständen. Den Plan, sich ganz und gar von ihnen zu befreien und den Schwaben die Süßigkeiten einer absoluten Monarchie kosten zu lassen, durchschnitt die Parze; er starb 1737 an einem Schlagflusse.

Mit seinem Tode streifte Ludwigsburg sein Trauergewand wieder ab: denn es begann nun die Zeit seines höchsten Glanzes. Der Herzog Karl erhob Ludwigsburg zu seiner beständigen Residenz. Auch von Karl hieß es: „die schönen Hoffnungen, welche das Land auf seinen jungen Fürsten gesetzt hatte, blieben leider unerfüllt.“ – „Karl war ein hochbegabter Mann, von der Natur (sagt sein Biograph Kurz) mit allen Eigenschaften der Selbstständigkeit und mit einem durchdringenden Verstande ausgerüstet. – – Leidenschaften, die bei der Jugend gewöhnlich die Zeichen großer Anlagen sind, begannen unbezähmbar in ihm zu erwachen, die Schmeichelei des Hofes kam ihm auf mehr als halbem Wege entgegen, er fühlte die gefährliche Macht, die in seine Hände gegeben war, und adoptirte nur zu willig die orientalischen Regierungsgrundsätze, die sich um jene Zeit von Frankreich aus an den deutschen Höfen eingenistet hatten.“ – – Herzog Karl kann als ein Muster der Fürsten des 18. Jahrhunderts gelten. Despoten waren alle; denn alle waren Zöglinge des Versailler Meisters, den sie jedoch selten an Originalität und Energie erreichten. – Selbst Kaiser Joseph konnte ja den Tyrannen nicht ganz verleugnen! Dieser große Fürst despotisirte in der Ausführung aller seiner Pläne für Freiheit und Beglückung der Völker in der Weise jenes Zeloten, der da predigte: „Ihr müßt selig werden, und sollte Euch der Teufel in den Himmel führen!“ – An das Glück seines Volks dachte aber Herzog Karl nicht eher, als bis er über 3 Decennien lang fast ganz allein für seine Launen, Leidenschaften und Lüste geherrscht hatte. Erst nachdem er dem Volke das Mark ausgesogen, um seiner Eitelkeit und Prachtsucht zu fröhnen, nachdem er viele Millionen vergeudet hatte für Hofprunk, Opern, Bauten, Reisen und Maitressen, erst nachdem er das flitternde und bunte Soldatenspiel bis zum Ekel ausgekostet hatte, war er – und nicht auf die Bitten seines Volks, sondern auf Veranlassung der Höfe von Wien, Berlin, London und Kopenhagen – zu bewegen, nicht bloß auf das giftige Kleeblatt des Landes, den Aemterjuden Wittleder, den Maitressenspediteur Montmarin und den Polizeiminister Rieger, sondern auch auf die Stimme der wackern Volksvertreter zu hören. Er besserte sich in sofern, als seine Eitelkeit und sein Schafftrieb sich mehr und mehr vom Luxus ab- [184] und auf nützliche Gegenstände hinwandten, die denn auch weniger bedeutende Summen in Anspruch nahmen. Dazu trug sowohl die Festigkeit der Stände, die sich endlich ermannten und dem Verschwender die Hände banden, als Karls Verbindung mit Franziska von Leutrum (Gräfin von Hohenheim) bei, die ihn „mit kluger Hand auf einem geräuschloseren und friedlicheren Wege einem bessern Ziel entgegen zu führen wußte.“ – Nie aber lernte er Menschen und Meinungen achten. Ihm war nicht bloß der Bauer weniger werth, als ein Hirsch; auch die edelsten Geister, wie der eines Moser, Schubart, Schiller u. s. w., verfolgte, beugte oder knickte er unter seiner Zuchtruthe. Am Abend seines langen Regierungstags übte der gewissenlose Fürst noch das scheußlichste Verbrechen, mit dem ein Tnrann sich beladen mag. Nachdem er 1778 seinem Lande öffentlich versprochen, daß er sich bessern wolle, verkaufte er nämlich seine treuen Würtemberger regimenterweise, den Mann um so und so viel Gulden und Stüber, an die Holländer, welche sie in ihre afrikanischen und ostindischen Kolonien auf die Schlachtbank, oder in das verpestete Batavia auf den Todtenacker führten. Der fluchbeladene Fürst starb 1793.

Ludwigsburg aber pries ihn als seinen Mäcen. Er schmückte mit prachtvollen Gebäuden und kostbaren Gärten Stadt und Umgegend, und Anstalten, welche zugleich Glanz auf den fürstlichen Namen warfen, Karlsschule, Theater, Akademie u. s. w., vollendeten die Anmuth und den Genuß des Aufenthalts. Mit Karls Tode sank diese Herrlichkeit; ihr letzter schwacher Nachglanz war unter König Friedrich, der Ludwigsburg zu seiner Sommerresidenz erkor. Seit auch dieser Fürst schied, fiel die Treibhauspflanze der Mätressen- und Fürstengunst dem Verwelken anheim. Gegenwärtig führt sie zwar noch den Titel einer zweiten königlichen Residenz, ist aber in der That nichts als eine – Soldatenstadt. Sie gilt als Hauptwaffenplatz von Würtemberg, hat das Arsenal und die Stückgießerei, ist die Garnison der Artillerie und des Trains, einer Reiter- und einer Infanteriebrigade, des Generalquartiermeisterstabs und besitzt die Bildungsanstalt für Offiziere. Außerdem ist die Stadt Sitz eines Oberamts, der Kreisbehörden, der Finanzkammer und mehrer höhern Schulanstalten. Einige Gewerbe blühen. Tuchmanufaktur, Glanzleder-, Tabak-, Nadel-, Bijouteriewaarenfabrikation, Leinwand-, Barchent- und Baumwollenweberei beschäftigen von den 7000 Einwohnern eine bedeutende Zahl.

Ludwigsburg ist recht reizend in einer Hügellandschaft gelegen, eine halbe Stunde vom Neckar. Seiner Entstehung angemessen, ist es im Geschmack des 17. Jahrhunderts prächtig gebaut. Zu den sieben meist großen Plätzen führen dreißig fast schnurgerade Straßen, darunter zwei von 5000 Fuß Länge. Das königliche Schloß, das Prachtgebäude, dessen Bild wir vor uns haben, besteht aus 16 Gebäuden, die die verschiedenen Fürsten nach und nach zum Ganzen fügten. Es enthält schöne Kunstsammlungen, eine Hof- und Ordenskapelle, die prächtige Fürstengruft und ein Theater. In der Umgebung liegen die Schlösser Monrepos und Favorite: – Sitze fürstlicher Lust. Eine weitere Schilderung jenes Hauses der letzten Schwabenherzöge, seiner Kunstschätze und Spielereien erläßt uns der Leser. Es ist keine der vielen tausend Thränen damit zu trocknen, welche sie gekostet haben.