Das neue Museum in Dresden

Sweaborg und Helsingfors Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Das neue Museum in Dresden
Die Prairie
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Das neue MUSEUM in DRESDEN

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Das neue Museum in Dresden.




Betrachte einen Blumenstrauch. Die Wurzeln saugen in der dunkeln Tiefe die Nahrung ein, die durch Stamm und Stengel aufwärts zieht in Zweige und Blätter. Diese, geschmückt und gelabt vom Thau der Sternennacht, erwachen zum heiteren Spiel mit Morgenlüften und Sonnenstrahlen und sind der Menschen Freude. In der Höhe streben, gar sorgsam gepflegt, die Knospen empor, und wenn diese sich endlich zu Blumen entfalten, so lenken sie alle Blicke auf sich, sie sind der ganzen Pflanze Haupt und Zweck und letzte Vollendung. Die armen Wurzeln! sie wühlen fort und fort in der Erde dunklen Klüften, während ihr Werk, die Blüthenkrone, im Sonnenglanze strahlt.

Nicht anders ist’s am Baum der Menschheit: Wie arbeiten die braunen harten Wurzeln der Hände, wie ringen sie die nährenden Stoffe der Erde ab, die alle nach oben ziehen in Stamm und Aeste, Zweige und Blätter des Baums, aber der Strahl der Augen, den die Sorge des Tags zur Erde kehrt, dringt nicht von der dunkeln Tiefe hinauf bis zur Erkenntniß der Blüthen, welche die Krone zieren. Es ist ein gerechter Stolz, der unser hebt, wenn wir vor den schönsten Schöpfungen des menschlichen Geistes stehen; aber ist die Wehmuth ungerecht, die uns erfüllen muß bei dem Gedanken, daß von den Millionen, aus deren Händen diese Schöpfungen hervorgegangen oder mit deren saurem Schweiß diese Schätze zusammengebracht worden, kaum Tausende zum wahren Genuß derselben befähigt und berufen sind? Der Stolz thut wohl daran, beim Gang durch die geweihtesten Hallen der Künste auch die Demuth zum Geleit zu nehmen. – Der Blumenstrauch aber gibt uns mit seinem Bilde die Lehre, daß auch in der Menschheit, trotz alles Forschens und Strebens, Mühens und Opferns für allgemeine Völker-Bildung und Menschen-Veredelung, die auf- und absteigende Ordnung der Natur bleibt, wie sie war und ist. Wie das Kind zu allen Zeiten und in allen Ständen seine Puppe und seinen Nußknacker dem Apoll von Belvedere und der mediceischen Venus vorziehen wird, so wird der arme Wurzelmensch nach wie vor den Nürnberger Bilderbogen und das goldbeklebte Heiligenblatt mit demselben Maß von Bewunderung, [102] Freude und Genuß betrachten, wie der glückliche Blüthenmensch eines Cornelius jüngstes Gericht oder die gefeiertste Madonna eines Raphael. –

„Brühl, habe ich Geld?“ – „„Ja, Sire!““ – In Folge dieser Unterhaltung zwischen dem sächsischen Kurfürsten und Polenkönig August III. und seinem Minister entstand die unschätzbare Kunstsammlung, für welche die Gegenwart einen neuen, würdigen Tempel errichtet hat. Es war hier in der That der Schweiß der harten braunen Hände, dem des Landes Hauptstadt das Herrlichste verdankt von Allem, was sie Herrliches umschließt. Es geht von dem Werthe desselben nichts verloren, wenn wir mitleidig und entrüstet des unglücklichen Volks gedenken, dem zu dem Zweck Millionen Thaler Steuern abgepreßt werden mußten, während die Schuldenlast des Staates von 20 auf 100 Millionen anschwoll; auch dadurch nicht, daß die Geschichte und belehrt, wie nicht die reine Liebe zur Kunst, sondern die maß- und rücksichtsloseste Prunksucht und Herrschgier eines ausschweifenden Fürsten und dessen Ministers freche Gelüste zu Veruntreuungen in kolossalem Style (derselbe hat, nach gerichtlichem Ausweis, Fürst und Land um 5,300,000 Thaler betrogen), bei der Aufhäufung dieser Kunstschätze geleitet. Der Werth derselben kann vielmehr nur um so größer erscheinen, wenn wir sie als das Einzige betrachten müssen, was von den vielen verschwendeten Millionen aus Sachsens unglücklichster Zeit dem Lande von dauerndem Werthe und der Nation von unvergänglichem Schmuck geblieben ist.

Die Geschichte der Entstehung der Dresdener Gallerie öffnet auch auf italienischer Seite den Einblick auf einen Pfuhl von Habsucht und Treulosigkeit, der durch die dazwischen auftauchende patriotische Reue der Italiener über den Verlust ihrer gepriesensten Kunstkleinodien nur um so widerlicher wird. In Dresden befand sich bereits eine Kunstkammer, deren Begründung noch in das sechzehnte Jahrhundert fällt. Sie enthielt neben hauptsächlich altdeutschen Bildern nur sehr wenige von ausländischen großen Meistern. Des Kurprinzen August III. Reise in Italien hatte seinem Kunstsinne die Richtung angewiesen, in welcher später des Königs Wünsche ihre Befriedigung suchten. Die häufigen Geldverlegenheiten der italienischen Großen und die Geldgier ihrer Diener bahnten den Weg dazu, aber die Furcht vor der öffentlichen Meinung, in welcher sich damals noch italienischer Kunststolz wie in den Schichten des Volks ein ehrenhaftes Nationalgefühl aussprach, zwang sowohl Käufer als Verkäufer zur Vorsicht. Heimlich und unter falschen Namen wählten die sächsischen Unterhändler die Bilder aus und ihre Korrespondenz mit Brühl geschah mittelst einer Chiffreschrift. Ebenso mußten berühmte Bilder als andere Waare verpackt und so förmlich zum Lande hinausgeschmuggelt werden. Den Rechnungen für die Gemälde sind wunderliche Verzeichnisse von Geschenken für die italienischen Unterhändler beigefügt, Silberzeug, Chokolade und allerlei Sümmchen für Geschäftsführer und Domestiken. So ging man damals in Italien mit den Werken des höchsten Ruhms der Nation um, und heute noch ist Italien das bevorzugte Revier für russische und englische Kunstjäger. [103] Mag nun Verarmung einzelne Familien zur Aufopferung solcher Zeugen des alten Glanzes nöthigen, oder steigende Geldliebe gesunkenem Kunstsinn die Hand zu deren Veräußerung führen, für Italien ist es gleichgültig, wohin die Bilder kamen, deren Erhaltung ihm doch nicht möglich war, für Deutschland aber sind sie eine Quelle edelster Kunstbildung geworden, nicht eingesperrt in Eremitagen und adelige Landsitze, sondern aufgethan für Jeden, der aus ihr schöpfen will.

Binnen zwanzig Jahren, von 1743 bis 1763, dem Todesjahre Augusts III., wurde der Ankauf dieser Muster-Gallerie vollendet. Er begann mit der Erwerbung von 100 Bildern aus der modenesischen Sammlung, darunter die sämmtlichen Prachtstücke der Bologneser Schule. Damit war der Handel eröffnet, die blanken Münzen des sächsischen Hofs verschafften ihm einen lebhaften Fortgang. Aber erst 1753 konnte die Perle der Dresdener Sammlung, Raphael’s Sixtinische Madonna, erlangt werden. Sie kostete 60,000 Thaler und eine Kopie in gleicher Größe, ein selbst für den damaligen Geldwerth geringer Preis. Mit den Massenankäufen in Prag kamen die besten Van Dyks und Rubens, mit denen in Paris die schönsten Wouvermans nach Dresden und so häufte sich durch fortgesetzte Erwerbungen die Sammlung bis auf 2000 Stück, zu deren Neuaufstellung im alten Galleriegebäude (1835) man drei Jahre gebraucht hatte. Seitdem hat dieselbe noch manchen neuen Zuwachs erhalten und vor zwei Jahren übersiedelte sie in ihre neue und ihrer würdigere Behausung, das neue Museum.

Der im vierten Bande des Universums beschriebene sogenannte Zwinger in Dresden war ursprünglich als Vorhof zu einem königlichen Palaste bestimmt, der alles Vorhandene an Pracht überstrahlen sollte, aber nie gebaut worden ist. Dieser Prachtpalast ist nun gebaut. Das neue Museum nimmt diese Stelle ein. Aus den Zwingergebäuden sind die Propyläen des Tempels der Kunst geworden.

Semper, der Baumeister derselben, stellte sich die schwierige Aufgabe, den Charakter des Hauses dem seiner gesammten Umgebung auf das Genaueste anzupassen. So mußte es kommen, daß nun jede Seite des Museums ein anderes Gesicht zeigt. Die dem Zwingerhof zugekehrte Hauptfaçade setzt die Tonweise fort, welche in dem Zwinger, dieser „Dithyrambe des Rococo“, wie Hettner ihn nennt, angeschlagen ist. Nur ist der Styl des Museums reiner, edler, massiger gehalten. Diese Façade mit einem Theil des Zwingerhofs und dem Standbilde Friedrich Augusts nebst zweien der vier großen Springbrunnen stellt unser Stahlstich dar. – Die beiden Schmalseiten bilden in ihrer einfacheren Gestaltung den Uebergang zu der Nordseite, die, wie sie dem schönsten und architektonisch bedeutendsten Theil Dresdens, der Brücke, der katholischen Kirche und dem Theater, zum großartigen Abschluß und Hintergrund dient, einen, auch dem größeren Raume, der sie umgibt, entsprechenden zusammengehaltenen, massenhafteren und ruhigeren Charakter trägt. Das Baumaterial war der schöne sächsische [104] Sandstein. Auch der Farbenton wirkt trefflich, indem die Rustica dunkel, die Mauermasse gelblich ist und die plastische Dekoration sich weiß darauf abhebt.

Dem architektonischen Werke gesellte sich die Bildhauerei bei mit ihrem beredten Schmuck: denn Hähnel und Rietschel sind die Meister, welche in dem durch den Bau bedingten großartigen Bildercyklus in herrlichster Eintracht zusammengewirkt und den unschätzbaren Inhalt des Hauses, die Gemäldegallerie, das Kupferstichkabinet und Mengs’ Gypsabgüsse der Antiken, also die höchsten Kunstwerke aller Zeiten, klar und anschaulich mit dem Finger der hier dienenden Bildnerkunst angedeutet haben. Sie stellten, um die beiden Hauptrichtungen aller Künste, das anmuthig Schöne und das dämonisch Erhabene, in Gestalten sich aussprechen lassen zu können, die Kolossalstatuen von Raphael und Michel Angelo in die Nischen des Südportals und reiheten diesen zur Linken und Rechten die entsprechenden Bildwerke so an, daß alle von diesen beiden Hauptwerken ausgehen und sich folgerichtig auf sie zurückbeziehen. In sämmtlichen Bildwerken hielten, wie Hettner rühmt, die Künstler unverbrüchlich an der Ruhe und Großheit des ächt plastischen Styls fest und ließen sich nirgends, wie dies in Sandstein so oft zu geschehen pflegt, zu manierirt malerischen Wagnissen fortreißen.

So schmuckvoll das Aeußere, so einfach-edel ist die Ausschmückung des Inneren. Außer den genannten Künstlern waren für dieselbe thätig die Maler Rolle, Kirchbach und Schurig und der Bildhauer Knauer. Den Bau leiteten nach Sempers Weggang die Baumeister Hähnel und Krüger. Die Aufstellung der Sammlung ist das Werk ihres Direktors, des genialen Schnorr von Carolsfeld, und Prof. Jul. Hübner verdankt sie ihre Katalogisirung. Die Ordnung der Dresdener Gallerie konnte keine streng geschichtliche seyn, wie die der Gallerien von München und Berlin. Nicht die Absicht geschichtlicher Vollständigkeit leitete beim Ankauf derselben, man richtete das Auge einzig auf die vollendeten Werke der reifen Blüthezeit der Kunst. – Den beiden kostbarsten Perlen der Sammlung hat der Baumeister eine besondere und sinnige Fassung gegeben. Zwei Eckkabinette des Museums wurden zu Kapellen eingerichtet, die eine westliche für Raphaels italienische Madonna, welche über einem Altar strahlt, während Holbeins deutsche Maria aus einer Nische der östlichen mit heiliger Würde, fleckenloser Reinheit und inniger Muttergüte auf uns herniederblickt.

So steht Schale und Kern gleich vollendet schön vor uns, der Sachse darf sein Museum dem deutschen Landsmann mit gerechtem Stolze zeigen als eine ewige und einzige Perle längst vertrockneter und verziehener Thränen, und dem Deutschen ist das Recht geworden, zu behaupten: die herrlichste Gemäldesammlung der Welt gehört unserem Vaterlande.