Die Prairie

Das neue Museum in Dresden Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Die Prairie
Der Leuchtthurm bei Boston
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WA-BA-SHA PRAIRIE
AM MISSISSIPPI.

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PRAIRIE am ARKANSAS

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Die Prairie.




Wenn Du vor der Wiege eines Kindes stehst, das der Zukunft entgegenschlummert oder lächelnd nach Dir die Aermchen ausstreckt, denkst Du da, wenn das frohe Gefühl Dir den Geist gestimmt hat, an Deine Vergangenheit oder an des Kindes Zukunft? Besinne Dich, Du denkst an Beides. Du nimmst zu dem hellen Zukunftsbilde des Kindes die Farben aus Deiner Vergangenheit, und während Du liebend Dich mühst, nur helle, heitere, leuchtende, strahlende auszuwählen, mußt Du an allen dunkelen vorübergehen, die Deinem eigenen Lebensbilde seine Schatten gaben. Es ist nicht anders, die Schatten werden einen Augenblick Dein Herz ganz bedecken und aus ihrem Dunkel werden die Wünsche aufsteigen, die Du mit abwehrender Hand aussprichst.

Warum soll das anders sein vor unserem Bildchen? Wie des Kindes Seele ist diese Flur ein leeres, reines Blatt, das seiner Schrift harrt. Wie das Kind, ohne Vergangenheit, so schlummert oder lächelt das Thal mit seinen Hügeln der Zukunft entgegen; denn die armen Indianer, die sich Wohnungen bauen, kunstloser wieder Bau des Bibers oder das Nest des Storchs, von der Jagd leben, wie das Thier der Wildniß vom Raube, und wie dieses, ihr Grab finden, sie hinterlassen dem Lande keine Erinnerung. Wie das Kind in der Wiege liegt es vor uns, vom Auge der Welt angestrahlt, klar und lockend, sein Schicksal aber steht verborgen hinter dem Wolkenvorhang der Zukunft.

Nur seine nächsten Stunden, die ersten des erwachenden Selbstlebens, lassen sich errathen; sie werden sein wie die von tausend andern Thälern, Wäldern und Prairien der neuen Welt. Der Stundenzeiger eilt. Hörst Du das Räderrasseln und Dampfkeuchen der Kultur des Ostens? Näher und näher scharrt es und gräbt es, der Beilschlag dröhnt und die Sense klirrt, Baum um Baum weicht vor den mächtigeren Halmen des Getreides, lauter als der Urwald rauscht schon das Papier der Zeitungen, und das verführerische Klingen geprägten Metalls dringt bis zum Strome, dem letzten Wallgraben des Landes drüben, das noch im Schlummer der Unschuld ruht. Und weiter eilt der Stundenzeiger. Die Wogen des Stroms beugen sich unter dem Ruderschlage der weißen [106] Männer, vor den Kugeln des blitzenden Feuerrohrs entsinken Bogen und Pfeil, es entflieht die arme Rothhaut, und an das Ufer der unverritzten Flur springt jauchzend der Pionier ihrer Zukunft.

Es ist in Nordamerika die Zeit nicht mehr, wo das Vordringen des kühnen Einzelnen nur eine vereinzelte That war, an die sich keine Folgen zu knüpfen brauchten. Der Mann, der zuerst und allein am jenseitigen Stromufer landet, zieht jetzt an unsichtbarer Kette den langen, aber raschen Zug der Kultur nach sich. Mit seinem ersten Schritt in das neue Land ist dieses in ununterbrochene Verbindung getreten mit allen Stationen des Fortschritts, allen Stufen der körperlichen, allen Zweigen der geistigen Arbeit im neuen, wie im alten Ostlande: geöffnet ist sein Schooß für die Geschenke aus dem Füllhorn des Glücks, wie für den ganzen Inhalt der Büchse der Pandora.

Was wird dir beschieden sein, schönes Thal? Wenn ich die Farben suche zu deinem Zukunftsbilde, muß ich vorübergehen an der Schicksalsgallerie unserer alten Welt. Durch wie viel Dunkel, an welchen Schatten vorüber wandelt da der Blick, der für die Ebenen zwischen diesen Hügeln das Musterbild einer Wohnstätte sucht, wo die Menschenliebe allein waltete, jedes einzelne Glück ein Gemeingut Aller, jedes einzelne Unglück ein allgemeines Leid, seine Abwehr eine gemeinsame That war: kurz, wo das ächte Menschenglück auf Erden gewohnt hätte! – Nicht einmal drei Häuser finden wir beisammen stehen, im ganzen Umfang unserer dreitausendjährigen europäischen Geschichte, die den Ruhm einer solchen musterhaften Gemeinschaft sich erworben hätten. Ueberall tritt uns der Urfeind des Menschenglücks entgegen, nicht der Teufel, den der evangelische Christ seit drei Jahrhunderten überwunden glaubte und der heut zu Tage als wiedererstanden von den Kanzeln gelehrt wird, sondern der nur in seinen Thaten sichtbare Verderber alles Reinen, Hohen und Edelen: die Selbstsucht, mit der Medusenfratze, vor der das warme Herzblut zu Eis erstarrt und deren Schlangenlocken uns die Lebensluft vergiften. Oder wollen wir das Glück des Thals von den Hügeln herabsteigen sehen? Was zeigen uns unsere Berge und was lehrt uns die Geschichte ihrer Pracht und ihrer Trümmer? Wir finden auf den Höhen der Länder, die auf ihre Vergangenheit und ihre gegenwärtige Macht und Bildung am stolzesten sind, hunderte von Ruinen, grauen, versinkenden Adelsburgen, Bergvesten, alte Herrschersitze im aufgeputzten Schmuck modernen Ritterthums, Klöster und Wallfahrtskirchen.

Wahre dich, Land der Zukunft, vor dem Glück, das von den Burgen zu dem Volk im Thale kam! Begehre nicht nach der Romantik der Burgfräulein; sie schützten die Bauernbraut im Dorfe nicht gegen das Recht der Gewaltthätigkeit und Entehrung. Schwärme nicht für das ritterliche Turnier, Bankett und Jagdvergnügen; sie hatten für das Volk nur Leid und Last, der Rüde war höher geschätzt und gehalten, als der Bauer der Treibjagd. Zum Leibeigenen ward der Mann erniedrigt, der vorher frei auf seinem freien Eigenthum saß, wie jeder [107] Edle im Lande. Erst hat ihn das Faustrecht, das auf den Burgen blühte, wehrlos gemacht, dann kam das römische Recht über ihn und machte ihn rechtsunmündig; in dem waffen- und rechtlosen Volk erstarb jedes Bewußtsein der Freiheit und Ehre und es ist noch sehr geschmeichelt, wenn ein Geschichtschreiber von dem Zustand desselben vor dem Bauernkriege sagt: das deutsche Volk glich dem Odysseus der Griechensage, der in Lumpen vor der Schwelle des eigenen Palastes sitzt und von den unverschämten Freiern mit zugeworfenen Knochen und Schlägen traktirt wird. Man spreche nicht: die Zeiten sind vorbei, und anders steht der Bauer in der Gegenwart! Die Zeiten sind vorbei, ihre beklagenswerthesten Nachwirkungen nicht. Ist, trotz steigender Bildung und festeren Wohlstandes, im Bauern das Unterwürfigkeitsgefühl, die Erbschaft jener traurigen Jahrhunderte, ausgetilgt? Fühlt er sich vor dem Adeligen als gleich freier Mann im Lande? oder was ist’s, das ihm den Hut und den steifen Rücken tiefer hinabdrückt vor einem „gnädigen Herrn“ als vor dem geachtetsten Bürgerlichen? – Der Himmel bewahre dich, junges Land, vor den Burgen und ihren Trümmern auf den Hügeln und im Charakter des Volks. Brauchst du Vesten auf deinen Bergen, so baue sie zum Schutz deiner Bürgerwohlfahrt, aber halte sie fern von dem schmachvollen Dienste, zu welchem die alte Welt einst die ihrigen zwang. Damals trat das Recht mit dem weltlichen Regiment und der geistlichen Macht in einen vertrauten Bund. Die Weltlichkeit sprach: mir gehört die Erde mit allen ihren Gütern, die Völker, als das einträglichste Gut, eingeschlossen. Steht mir bei in der Erhaltung meines Besitzes, es soll euer Schaden nicht sein. Da sprach die Geistlichkeit: mir gehört der Himmel und das Gewissen der Nationen, eine ausgiebige Erwerbsquelle; sichert mir deren Besitz, du, Weltlichkeit, durch deine Gewalt, und du, Recht, durch deinen Spruch, so bin ich euch allerort zum Gegendienste willig. Und das Recht sprach: mein ist die Macht über Leben, Ehre und Eigenthum des Volks, versagt meinem Ausspruch niemals euer Schwert und euer Kreuz, so werdet ihr wohlfahren und ich auch. So gaben sie sich das Wort und hielten es. Da füllten sich die Gewölbe der Bergvesten mit Unglücklichen, welche neuerfundene Verbrechen begangen hatten, mit Majestätsverbrechern, Ketzern, Zauberern und Hexen. Du kannst noch in jenen Mauern Tausende von verrosteten Arm- und Halsringen an langen Eisenketten finden, mit denen jetzt muthwillige Knaben ihr Spiel treiben. Auch die Zeit ist vorüber, aber der zitternde Bauer vor Seiner Gestrengen, dem Herrn Landrichter, der ehrliche Mann, der dennoch zagenden Schrittes zur Amtsstätte geht, der ängstliche Bürger, der vor Allem, was Gericht und Recht heißt, zurückscheut und lieber Unrecht duldet, als männlich sein Recht sucht, der ist aus jener Zeit übrig geblieben und lebt noch. Das merke dir, schönes Land, du, in der Wiege!

Wo ist der Mensch, welcher uns zu sagen wagt: ob und wann dereinst Dynasten ihre Herrschersitze auf den Bergen Amerika’s gründen? Die Antwort gehört den kommenden Jahrhunderten. Steht es aber in deiner Hand, Volk der Zukunft, so baue dein Glück im Thale und erwarte es nicht mit der Demuth und Unbeholfenheit des [108] Unmündigen von den Höhen. Es gibt manches große, schöne Land der alten Welt, da haben es die stattlichen Schlösser verschuldet, daß in jeder Fahr und Noth vor ihnen das Volk mit erhobenen Händen hülflos und hülfeflehend steht, und ein Land gibt es, wo diese erhobenen Hände sich zu Fäusten ballten und das Schloß zertrümmerten und gegenseitig sich zerfleischten, bis ein Löwe Herr über die Tiger wurde. Gott bewahre dich, junges Land, vor solchen Schlössern und Solchen, die sie brechen.

Viel Herrliches ist schon gegründet worden von edlen Menschen, denen die Liebe die Hand zum Werke führte, und von allen Werken, die den Menschen ehren, hatten Kirchen und Klöster oft den würdigsten Ursprung und die höchste Bestimmung. Als noch Millionen in Nacht wandelten und nur Wenige ihnen das Licht vorhielten, war es eine gute That, eine neue Stätte für das Licht zu bauen. Sie waren eine Wohlthat für Glauben und Wissenschaft, so lange der Priester das blinde Volk mit treuer Hand zu seinem Himmel führte, und der fleißige Mönch die spärlichen Quellen der alten Weisheit bewahrte und mit mühsam malender Feder vervielfältigte. Als aber ein neuer Tag erwachte und das Licht des Herrn bis zu den Augen des Volkes vorzubringen drohte, da ersah sich der böse Feind eine offene Thür, die Selbstsucht fand einen freien Eingang auch in die heiligen Hallen. Von da an herrschte ein Priesterthum, welches vor Allem nach den irdischen Gütern des Volks verlangte und dem verarmenden und in Knechtschaft versinkenden Volke als Entschädigung alles Verlorenen nichts bot, als glanz- und prachtüberladene Kirchen und Hochaltäre, Reliquien und Wundergeschichten, Wachskerzen und Weihrauch, Prozessionen und Mönchsregeln, Marienbilder und Schutzpatrone! Aufgeboten wurden alle Verheißungen des Himmels und alle Drohungen der Hölle, um mit den ungemessensten Reichthümern eine Kirche auszustatten, welche sich um nichts weniger bekümmerte, als um die wahren, innersten und heiligsten Bedürfnisse eines rathlosen, verlassenen Volks. – Auch das ist um Vieles besser geworden. Ja, aber nicht überall. Sahst Du noch nirgends von Geistesblödheit niedergedrückte Gesichter, in alberner Nachahmung der Heiligenbilder scheinheilig gesenkte Köpfe, von Argwohn und Haß gegen Andersgläubige verzerrte Physiognomien und Haushalte und Wirthschaften, deren erster Anblick mehr auf Feiern als auf Arbeiten schließen ließ? Das sind Zeugen jener Zeit, jenes Priesterthums der Selbstsucht, das den Geist des Glaubens in Fesseln schlagen wollte. Den Geist zu fesseln, das gelang ihm nicht, aber den Glauben hat es zum Krüppel geschlagen. Es ist nicht lange her, da weckte mich an einem schönen Morgen ein leiernder vielstimmiger Chorgesang, der auf der Landstraße im Thale erscholl. Es waren sogenannte Wallleute, Wallfahrer, die das preußische Eichsfeld nach irgend einem „Gnadenorte“ Süddeutschlands ausgesandt hatte. Meist junge, arbeitskräftige Leute beiderlei Geschlechts, die Bursche mit Lebensmitteln in schmutzigen Bündeln, viele der Weibsbilder mit Kindern auf dem Rücken, alle in ekelhaften Lumpen und Fetzen, noch ekelerregender in den Gesichtern der Ausdruck ausgestandener Strapazen und niedriger Lüste, [109] so zog die Schaar dahin, die Faulheit, die Dummheit und die Sittenlosigkeit hinter dem schon tausendfach geschändeten Kreuze des Erlösers. Unsere fleißigen Arbeiter in den Gärten und auf den Feldern, auf der Landstraße und auf der Eisenbahn sahen halb mitleidig, halb zornig dem Schwarme nach, und selbst der Aermste unter ihnen schüttelte den Kopf über die entsetzliche Erniedrigung jeder Menschenwürde, die in solch einer Verehrung des Ewigen liegt. – Laß diese Lehre der alten Welt dich mahnen, du reine Au der Prairie, baue jedem Glauben seine Gotteshäuser, mögen sie tausend Berge zieren, nur wahre unwandelbar den Rath: was du bauest, bau’s zu deiner Kinder Glück und Ehre. Möge Gott es verhüten, daß auf deinen sieben Hügeln ein Rom der neuen Welt erstehe! Die alte hat am alten schwer genug gebüßt. Jetzt liegt es da wie ein ungeheueres Verbrechergrab, zu Füßen das blutige Schwert des Eroberers, zu Häupten ein dreigekröntes Kreuz. Die Krone drückt schwer auf dem Kreuz; doch prangt noch an dem dürren Holz, versöhnend mit der Vergangenheit, die darunter begraben liegt, eine einzige Blume, die herrlichste der Welt: die christliche Kunst.

Wohin ein solches Bild, wohin ein lächelndes Kind verführen kann! Wenn all’ diese Wünsche sich erfüllten, wenn dieses Fleckchen Erde verschont bliebe von Allem, was die Geschichte beklagt, und eine Heimstätte würde für das wahre Glück, wie würden die Menschen es nennen? Ein Bild der Lächerlichkeit würde vor ihnen stehen: die Hauptstadt von Utopien, des Schlaraffenlandes Residenz! –

Lassen wir die Welt, die’s nicht besser haben will, und wandern wir weiter durch das Thal der Prairie, das unsere Phantasie belebte.


Der Charakter der Prairie-Landschaft des nordamerikanischen Westlandes ist ein verschiedenartiger. Auf unseren beiden, von zuverlässiger Künstlerhand an Ort und Stelle aufgenommenen Bildchen ist derselbe treffend dargestellt. Das der Wabasha, eines Landstrichs und sagenreichen indianischen Jagdgrunds zwischen dem St. Croix und oberen Mississippi, bezeichnet die sogenannte „rollende“ Prairie, wie sie einen großen Theil von Michigan, Minnesota, Iowa und Wisconsin ausmacht. Es ist welliges und zuweilen hügeliges Land, von humusreichem fruchtbarem Boden, von zahlreichen üppigen Laubholz-Gruppen unterbrochen und von Rinnsalen und Strömen durchfurcht. Meist ist es für Kultur und Ansiedelung trefflich geeignetes gesundes Land und hier sind die sogenannten Prairie-Farms eigentlich zu Hause. Weiter im Westen, jenseits der Staaten-Grenzen, in den bis nach den Felsengebirgen sich erstreckenden Gebieten, dehnt sich die „ebene“ Prairie aus, diese Graswüste, nur mit dem Meer vergleichbar, so unermeßlich weit und eintönig, wie dieses. Unser Bild aus dem oberen Arkansas ist so treu, daß es nur wenig schildernder Zuthat bedarf.

[110] Wagerecht dehnt sich die grüne Fläche, von keinem Baum, keinem Strauch unterbrochen, in die Ferne aus, bis der Horizont sie verschlingt. Der einsame Reisende empfindet hier den Seelendruck äußerster Verlassenheit. Nichts erschaut er rings umher, als den blauen Luftraum über, die weite Ebene vor sich. Meile um Meile legt er zurück, Stunde um Stunde verschwindet, immer umgibt ihn dieselbe feierliche Eintönigkeit, wenn nicht ein glücklicher Zufall ihn zu einer Heerde führt, die ruhig weidet auf ihrem erblichen Eigenthum. Endlich erscheint es am Saume des Horizonts wie eine schwache Wolke; sie steigt höher und höher, und nun zeigt sie sich deutlich als der Wald- und Hügelsaum, der die Prairie begrenzt.

Eintönig freilich, aber doch ist’s ein poetischer Ton, den diese unabsehbaren Ebenen athmen, poetisch wie das Wogen und Rauschen der See. Im Sommer, wenn Millionen Sonnenblumen ihre freundlichen Kelche öffnen und ihre Häupter vor jedem Lüftchen beugen und die Luft leise erzittert von den Myriaden schwirrender und summender Bienen und Mücken, die sich in dieses Blumenmeer tauchen, da ist die Prairie ein Bild des tiefsten Friedens, über dem die Sonne allmorgentlich in strahlender Helle sich erhebt, unverändert die dunstfreie Atmosphäre durchzieht und mit gleicher voller Tagespracht unter den Horizont sinkt. Die helle Sternen-Nacht, so klar wie bei uns im härtesten Winterfrost, folgt ihr auf dem Fuß. Ist auch die Prairie der Tummelplatz unzählicher Büffelheerden und das Jagdrevier des hungrigen Prairie-Wolfs, der hie und da einen weidenden Trupp schnellfüßiger Antilopen verfolgt, steigt auch bisweilen ein Schwarm wilder Tauben in die Höhe, die im Herbst in die Körner tragenden Sonnenblumenfelder einfallen, in dichten, die Sonne verdunkelnden Wolken, oder sieht man eine berittene Rothhaut, scheu wie einen Raubvogel über die Ebene jagen, oder eine lange tausendfaltige Wagenreihe eines Emigrantenzugs, bandwurmartig eine schmale Furche durch die dichten Halme ziehen, so verlieren sich diese Lebens-Staffagen doch gänzlich in dem unermeßlichen Rahmen des Landschaftsbildes, und so selten überraschen dergleichen auffallende Erscheinungen den ebenso seltenen Jäger oder Reisenden, wie auf hoher See ein begegnendes Schiff.

Nur im Spätherbst, wenn die Blüthenpracht verblichen und das hohe Gras verdorrt ist, verändert sich auf kurze Zeit die Scenerie. Wie sich auf dem Ocean, dem spiegelglatten, der Sturm ankündigt, der mit den entfesselten Flammen des Himmels über die Fluth raset, die schlafenden Wellen zu Atomen peitscht, Schiffe bricht wie Kartenhäuser und Masten knickt wie Strohhalme, so steigen an Abenden versengend heißer Herbsttage oft hie und da, in meilenweiten Entfernungen von einander, leichte Rauchwölkchen aus der Prairie auf; der Unkundige würde sie für Rauch aus einer Blockhaus-Esse halten. Aber zusehends wird’s höher und breiter, wie ein aufsteigendes Wetter, ein Wind erhebt sich, Funkengarben vor sich her jagend, und im Nu tobt wild die Flamme über die Prairie. Die aufwirbelnden Rauchsäulen verhüllen die Sonne vor ihrem Scheiden und die heranstürmende [111] Feuersbrunst erhellt gräßlich die hereinbrechende Nacht. Die Thierheerden flüchten, vom Instinkte der Selbsterhaltung getrieben, zu den entfernten Waldrändern, und erst unter dem Laubdach der Bäume bleiben sie athemlos stehen und starren zitternd in das entsetzliche Schauspiel. Zerstreut in der Nähe der Waldungen liegen die rohen Blockhütten der Pioniere, gegen welche die verzehrende Gluth sich grimmig heranwälzt. Da gilt’s, daß Jedermann, wer nur einen Feuerbrand zu tragen vermag, zur Stelle und an seinen Platz eilt, das ist an die Furchen, durch welche vorsichtigerweise die Ansiedelungen gegen die Prairieseite geschützt sind. Ueberall, wo ein Haus oder ein Feld dem drohenden Feuerlauf im Wege liegt, begegnet man ihm mit einer Kette von sogenannten „back fires“ (Rückenfeuern). Rasch ergreifen diese das dürre Gras, breiten sich aus und rennen vorwärts, bis ihre Flamme mit der feindlichen in eine Lohe zusammenschlägt; die leere Brandstätte setzt diesem seltsamen Kampf ein Ziel. Befindet sich in solchem Augenblick der Farmer fern von seiner Ansiedelung, oder hat er versäumt, während der Sommerzeit die nöthige Schutzfurche um seine Felder zu ziehen, so wird nicht nur seine Fence, sondern oft auch Wohnung und Weizenschober ein Raub der Flammen. Auch Menschenleben gehen unter in diesem Feuerstrom, wenn er Unerfahrene überrascht und der Schreck ihnen die Glieder lähmt.

Am ödesten und traurigsten sieht die Prairie im Winter aus. Das Feuer, das über sie hingegangen ist, hat alles Lebenkündende von ihr genommen und nur die schwarzen Spuren des Todes zurückgelassen. Nur der Wind fährt noch über die Ebene, aber er findet nichts zu bewegen, weder Baum noch Strauch bewahrte ihm ein Blatt, das von seinem Hauche zittern könnte. Selbst die härteste Natur kann sich vor diesem Bilde des Gefühls der Wehmuth nicht erwehren, wenn ein Vergleich mit dem blühenden Frühling und Sommer diesem Gefühl zu Hülfe kommt.

Das ist die Prairie des nordamerikanischen Westens, wie sie das weite Gebiet des Missouri und Mississippi von den Abhängen der Felsengebirge und Gestade des stillen Oceans scheidet, selbst ein Ocean, welcher der Kultur eine feste Grenze setzt und nur durchschifft wird von seltenen Ueberlandtransporten nach Kalifornien und Oregon oder von dem ebenso seltenen kühnen Jäger, oder dem feindlichen Indianer, dem heimischen Piraten dieser See, an den friedlichen Emigrantenzügen Beute-suchend. Anders ist die Prairie von Texas und anders die Pampa Südamerika’s. Unser Künstler wird auch diese uns noch vor die Augen führen.