Die Höhlen zu Paros
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Die HÖHLE von PAROS
Büffon sagte: „Es geht den Geologen wie den Auguren: sie können einander nicht begegnen, ohne laut aufzulachen;“ und Lichtenberg meinte: „Die Geologie gibt zwar keine Geschichte der Erde; aber sehr merkwürdige Beiträge zur Geschichte der Verirrungen des menschlichen Verstandes“. –
Es ist ein halbes Jahrhundert seit den Aussprüchen dieser großen Naturphilosophen verflossen, und was damals der Spott der hellsten Köpfe war, ist nun der Stolz geworden der wissenschaftlichen Welt. Die Träume der Geologen sind ausgeträumt; ihre hohlen Spekulationen sind in’s Nichts versunken; fußend, wie alle andern Zweige der Naturwissenschaft, auf Erfahrung und Beobachtung der Thatsachen macht die Geologie die Forschung zu ihrem Fundamente und ihre Jünger lesen die Geschichte des Erdballs so geläufig, wie die Lettern eines Buchs. –
Das Eine nur fehlt ihnen, die Möglichkeit der chronologischen Bezifferung. Sie können den Lebensereignissen der Erde nicht, wie der Historiker des Menschengeschlechts, die Jahrzahl hinzusetzen. Ihre Zeiträume und Perioden begreifen nicht Jahrhunderte, nicht Jahrtausende: Millionen Jahre sind im Erdenleben wie Tage; Zeiträume, unfaßlich groß, füllen den Abgrund von einer Wandlung der Erdrinde zur andern – Ewigkeiten breiten sich aus hinter ihm – Ewigkeiten vor ihm.
Wenn ich sage, Ewigkeiten füllen die Abgründe aus, welche die verschiedenen Hauptbildungen der Erdrinde,– die Formationen, wie der Geolog sie nennt, – trennen, so ist damit schon angedeutet, daß die Veränderungen, aus denen sie hervorgegangen sind, nicht sprungweise entstanden. In der That: – Nichts im Erdenleben geschieht in Sprüngen. In allen Aeußerungen desselben waltet eine organische Entwickelung, und das festina lente ist der Gäa eigentlicher Wahlspruch. Die Erde, wie sie ist, ist allmählig so geworden. Sie bedarf unendlich großer Zeiträume zu ihrem Fortschreiten von Stufe zu Stufe; ihre Lebensthätigkeiten waren von Anfang an ohne Stillstand, wie sie es heute noch sind; ihr Fortgang zu höherer Entwickelung war nicht schneller als setzt; an ein Rennen war niemals zu denken, so wenig, wie an ein Stillstehen. Die Geologie kennt keine Wunder, keine Katastrophen plötzlicher, die ganze Erdoberfläche umfassender Verwandlung. Sie weiß nur von einem Wunder zu sagen: vom Wunder der schöpferischen Urkraft, von: Wunder des ewig unbegreiflichen „Es WERDE!“ –
In allen seinen Aeußerungen folgt das Erdenleben unwandelbaren Gesetzen. Obschon manche Urkunden seiner Entwickelung für uns verloren gegangen sind, so genügen doch die uns überkommenen vollständig, um uns in Beurtheilung des Prozesses vor Täuschung zu bewahren. Wie wir es heute noch finden, so war es [98] immer. Die Veränderungen der Erdrinde erfolgten nach und nach in unmeßbaren Zeiten, und diesen Veränderungen paßte sich der Wechsel der Organismen genau und in beständiger Folge an. An die physikalischen Bedingungen knüpften sich die des Lebens, die Veränderungen der anorganischen Welt riefen die Veränderungen der organischen hervor. Schon die oberflächliche, alltägliche Beobachtung läßt dies deutlich wahrnehmen. Sehen wir z. B. nicht, wie die Pflanzen einer Gattung und Art sich unter verschiedenen Verhältnissen des Klima’s und Bodens verändern? wie sich die Blätter behaaren oder glätten, je nachdem ihr Standort im feuchten oder trockenen Lande es bedingt? wie sie bald in die Lüfte aufstreben, oder zum Boden sich hinkrümmen, sie bald schlank emportreiben, bald in die Breite wachsen? Verändern nicht selbst die Thiere Gestalt und Gewohnheiten unter verschiedenen Himmelsstrichen und in verschiedenen Klimaten in der auffallendsten Weise? Was ist aus dem Roß der Steppe auf den Schetlandsinseln geworden? was aus den Haaren der Ziege und aus der Wolle der Schafe in den verschiedenen Himmelsstrichen? was aus dem Hunde des Nordens unter der tropischen Sonne? Der Kanarienvogel, das Kind des ewigen Frühlings, zieht in der rauheren Zone sein weiches Pelzchen an, sobald der Winter kommt, und der Papagei, der in den Wäldern des Amazonenstroms im Januar brütet, legt bei uns seine Eier im Julius. Die meisten Blumen, welche unsere Gärten schmücken, – Kinder einer heißern Sonne, – haben ihre Blüthenzeit verändert; die, welche am Kap und in Persien, in Australien und im indischen Hochland Berge und Thäler kleiden, blühen bei uns im hohen Sommer. In meinen Braunkohlengruben auf der Rhön liegen, dreitausend Fuß über dem Meere, unter den Strömen alter Lava (Basalt) ganze Wälder von riesigen Palmen, die einst die Höhen eines Gebirgs zierten, auf dem jetzt kaum verkrüppelte Buchen und Kiefern ein dürftiges Daseyn fristen: – welche Zeiträume haben dazu gehört, die Erdrinde so abzukühlen, um jene tropische Pflanzenwelt durch alle Abstufungen bis zum dürftigen Bestand kriechender Kiefern und Wachholdersträuche herabzubringen, deren Keime erst zu Anfang des Sommers aus dem tiefen Schluchtenschnee zu neuem Leben erwachen? – 10 oder 1000 Millionen Jahre sind für den Menschenverstand gleich unfaßlich und unbegreiflich; und doch müssen wir sie als kleine Zeitspannen im Erdenleben betrachten, wenn wir bedenken, daß die Massengesteine, welche die ältesten Erdrinden bildeten (Ur-Granit etc.) sich einst im feuerflüssigem Zustande befanden, der eine Wärme von mindestens 3000 Graden R. voraussetzt; daß aber während der ganzen Dauer zuverlässiger astronomischer Beobachtung (seit 2000 Jahren) sich die Abkühlung der Erde nicht um den kleinsten wahrnehmbaren Theil vermehrt hat. Wäre die Abkühlung auch nur um Theil eines Grades gewesen, so hätte dies, wegen der damit verbundenen Zusammenziehung des Erdkörpers und der daraus folgenden Veränderung seiner Umdrehungsgeschwindigkeit, in die Beobachtung fallen müssen. An diese eine Thatsache knüpft sich also schon eine Ewigkeit! Die Geologie kennt in der That nur ein Früher oder Später; keine bestimmte Zeit.
[99] Also ist’s kein Zweifel, daß, trotz aller gewaltsamen Revolutionen, auf einzelne Theile der Erdrinde die allgemeinen Zustände derselben unmerklich und höchst langsam in die gegenwärtigen übergegangen sind. Die Entwickelung des organischen Lebens nahm denselben Verlauf. – Man hat berechnet, wie viel die wässerigen Dünste unserer Atmosphäre, Thau und Regen, die Mütter der Quellen und Ströme, beständig an der Oberfläche der Erdrinde zernagen und Theile derselben durch die Ströme dem Meere zuführen, oder an andern Stellen des Kontinents absetzen: und man fand, daß Das, was unser an die stille Thätigkeit des Wassertropfens gewöhntes Auge kaum bemerkte, tausendmal mehr war, als Das, was Erdbeben und vulkanische Eruptionen zerstören und verändern. Man könnte ganze Gebirge aus Dem aufbauen, was in einem Jahre durch die trüben Gewässer der Flüsse den Meeren zugeführt wird, um die unterseeischen Thäler und Schluchten auszufüllen und einzuebnen.
Konservatismus, Stabilität, – das Schiboleth unserer Staatsgewalten – sind unbekannte Dinge in der Schöpfung Gottes. Nichts ist bleibend, Alles ist veränderlich; nichts ist stillstehend, Alles ist Fortschritt: Entwickelung vom Unvollkommenen zum Vollkommenen hin. Vom ersten Krystall bis zum Menschen können wir sie auf einer Stufenleiter verfolgen, auf der keine Sprosse fehlt. Ein Gesetz waltet in Allem von Anbeginn, überall liegt sein Codex offen, wir finden in den Tiefen der Kohlenschächte wie in den Grabhöhlen urweltlicher Thiergeschlechter, keine fremde Welt, sondern begegnen, so in der Flora wie in der Fauna der Vorzeit, verwandten und bekannten Formen, die uns an die lebenden Geschlechter erinnern. Wir finden uns heimisch in ihnen, wie der Alterthumsforscher in den Straßen Pompeji’s, oder unter den Trümmern von Agrigent oder Athen.
Das vorliegende Bild, ein Prachtstück der unterirdischen Scenerie unsers Planeten, ist kein Werk plötzlich angestrengter Schöpfungskräfte; sein Entstehen füllt unberechenbare Zeiträume aus. Es ist das Werk des Wassertropfens, der, wie in unserer Baumannshöhle am Harze, im Laufe von vielen Jahrtausenden, die lockern Schichten in dem Kalkgebirge allmählig auflöste und als kalkhaltige Quellen an’s Tageslicht führte, die dadurch entstandenen Höhlen später aber mit Tropfsteingebilden austapezirte. In diesem, mit Stalaktiten aus parischem Marmor geschmückten feenhaften Palästen der Unterwelt, ist kein Wirken plutonischer Kräfte zu erkennen, wie sie auf dem naheliegenden Kontinente die Herde ihrer Thätigkeit fanden. Wahrhaft wunderbar ist die Ruhe und das Ungestörte dieser so großen Zeiträume erfordernden Entwickelung. Während rundum die vulkanische Thätigkeit die Meere aufwühlte und Berge aus der Tiefe emporhob, während bis auf den heutigen Tag noch zuweilen Dampfwolken aus dem geborstenen Meergrund zum Aether steigen, oder heiße Quellen urplötzlich aus dem Boden brechen, liegt Paros und Antiparos, inmitten des Schütterkreises, wie eine Oase in der Wüste, ein unberührtes Bild aus der Kalkformation der zweiten Periode, ein Kind des Oceans, der damals die ganze Erdfeste in seinen [100] Wogenmantel hüllte. Eine weite Kluft trennt die Zeit seiner Bildung von jenen Landschaften der Nachbarschaft, wo die erloschenen Essen der Erde, die Basaltkegel und Krater, Zeugen gewaltsamer Störungen, in die Lüfte starren und die Organismen der Vorwelt in durch einander geworfenen Schichten von den Zerstörungen Kunde geben, welche wiederholte Revolutionen in diesen Gegenden des Orients angerichtet haben; – Zerstörungen, deren Furchtbarkeit noch in unsern Tagen die Welt mit Entsetzen erfüllt hat. So ruhig blieb es in den Krystallpalästen auf Paros, daß die zierlichsten und zartesten Stalaktiten, welche, wie halbdurchsichtige Spitzenschleier, von den Gewölben herabhängen, so neu und ganz erscheinen, als wären sie von der kunstfertigen Hand des großen Werkmeisters erst gestern gewoben worden. –
Der Eingang zu den Höhlen auf Antiparos ist an dem Fuße eines Bergs, unter einem Hain alter Eichen, in dessen Hintergrund ein natürlicher Portikus aus weißen und rothgesprenkelten Marmorblöcken auf abschüssiger Bahn in die Tiefe führt.
Eine Reihe von weiten Sälen, oft so hoch, daß das Auge, trotz des Fackellichts, die Decke nicht erspähen kann, ist durch mehr oder minder enge Gänge mit einander verbunden; an manchen Stellen sind diese durch tiefe Abgründe getrennt, aus denen das Rauschen unterirdischer Gewässer heraufhallt; halsbrechende Stege führen hinüber, oder man muß auf schwankenden gebrechlichen Leitern in die tiefer gelegenen Höhlen hinabsteigen. Der Boden ist uneben; phantastische graue und weiße Gestalten, am öftersten Palmen, manchmal Gestalten der Thierwelt, Eidechsen und Schlangen, starren von allen Seiten empor und die Einbildungskraft versetzt den Beschauer bald in die Mährchenwelt verzauberter Gärten, bald in die schauerlichen Wohnungen des Drachen oder des Lindwurms. Stunden lang zieht sich das Labyrinth in mehren Richtungen unter der Erde fort und erst der kleinste Theil desselben ist aufgeräumt und zugänglich. Man steigt fast 1000 Fuß zu einer Tiefe hinab, wo die erhöhte Erdtemperatur schon dem Wanderer so lästig wird, daß er kaum athmen kann. Der letzte der zugänglichen Räume ist ein majestätischer Dom von 350 Fuß Länge und fast gleicher Breite, bei einer Höhe von 180 Fuß: – ein Raum, völlig so groß als der der Peterskirche in Rom. Aber um wie viel prächtiger als dieser! Das ganze Innere des Raums ist mit blendend weißem Marmor ausgekleidet, von dessen Decke die halbdurchsichtigen Ornamente, wie von polirtem Alabaster, in einer Mannichfaltigkeit herabreichen, welche die Sinne verwirrt, während ihr Glanz, vom Licht der Fackeln reflektirt, das Auge blendet. Tausend Festons von Blumengewinden, von den lieblichsten Formen, wie sie kein Auge je auf Erden sah, verknüpfen sich an der Decke unter einander, an allen Wänden winden sich weiße, oft rosenfarbige Arabesken hinan, wie sie die Einbildungskraft des üppigsten Künstlergenies nicht erdenken konnte, an allen Vorsprüngen der Marmorfelsen senken sich mit Blumen und Blättern umwundene Säulen zum Boden hinab und dazwischen blitzt das glänzende Getäfel der Klüfte, oft mit farbigen Krystallen übersät, [101] welche beim Kerzenschein wie Edelsteine funkeln. In einem zurückspringenden Theile des Tempels – gleichsam den Chor bildend – sind zu beiden Seiten natürliche Nischen, wie kleine Kapellen, von deren Gewölben durchsichtige Alabaster-Schleier, wie Vorhänge vor dem Allerheiligsten, herabhängen, und vom Boden streben die Altäre in allerhand Formen auf. – Kein Heiligenbild stört die Andacht in diesen Räumen und kein Sektengeist profanirt die Verehrung des unsichtbaren, alleinigen Gottes. Der einzige Versuch, ihn zu entweihen, geschah einst von dem Gesandten Ludwigs XVI. im Jahre 1673, der den Tempel mit einem Gefolge von 500 Personen besuchte, von 2 Roms in demselben eine lateinische Messe lesen ließ und darauf in einem der anstoßenden unterirdischen Säle ein üppiges Gastmahl gab.