New-Orleans. (Die Levee.)

DCCXXXII und DCCXXXIII. Die Semmering-Eisenbahn Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band (1854) von Joseph Meyer
DCCXXXIV. New-Orleans. (Die Levee.)
DCCXXXV. Die Höhlen zu Paros
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AM KAI (LEVÉE) IN NEW-ORLEANS

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DCCXXXIV. New-Orleans.
(Die Levee.)




Es ist eine Eigenthümlichkeit der amerikanischen Städte-Ansichten, daß sie wenig oder nichts Eigenthümliches haben. Das liegt an der Uebereinstimmung des Bedürfnisses und der natürlichen Bedingungen, denen die amerikanischen Städte ihre Entstehung verdanken. Ueberall, wo sich Knotenpunkte des Verkehrs bildeten, an den Mündungen oder Vereinigungen von Strömen, an den natürlichen Häfen des Meeres oder der Seen, wurden Städte angelegt, rechtwinklich sich durchkreuzende Straßen gezogen und mit Wohnungen und Geschäftshäusern bebaut, welche sich, da sie eben nur dem nächsten Bedürfniß, dem der Zweckmäßigkeit, entsprungen, in allen Städten Amerika’s sich gleichen, wie ein Ei dem andern. Eine weitere Entfaltung der Architektur konnte erst mit dem Luxus kommen, nachdem den Anforderungen der dringenden Nothwendigkeit Genüge geschehen war. Bis jetzt sind es die größeren Seestädte vorzugsweise, wo sich der baukünstlerischere Sinn entwickelt hat, welcher sich zunächst an den öffentlichen Gebäuden bethätigt; weniger an den Kirchen, am unmerklichsten am Wohnhaus. Noch aber ist Schönheit der Form ein so wenig hervorragender Zug in der Physiognomie amerikanischer Großstädte, daß es beim Beschauen derselben, wie auf unserem Bilde, fast außer Betracht bleibt. Es erstrecken sich noch immer die Städte in langen ununterbrochenen Linien am Flußufer oder der flachen Seeküste hin, und da ihnen selbst der landschaftliche Schmuck der Umgebung meistens abgeht, so verursachen sie dem Reisenden den Eindruck der langweiligsten Einförmigkeit.

[93] Diese ist auch einer der ersten und peinlichsten Eindrücke bei New-Orleans. Gelb ist die Stadt, Sommer und Winter, bei trübem oder hellem Wetter, wie die Städte des Ostens und Westens roth, die in Westindien und Südamerika im schmucksten Weiß erscheinen. Es scheint dies weniger die positive Farbe des Materials, aus dem diese Gebäude bestehen, des Ziegelsteins, zu seyn, denn derselbe ist an jeder Mauer verschiedenfarbig; sondern eine Eigenthümlichkeit des Dunstkreises. Nicht nur die Gebäude, sondern auch die Umgebung, die Flußufer, die Hügel, die Bäume, die ganze Landschaft, sind von diesem Farbenton beherrscht, und es nimmt derselbe an Intensität zu, je mehr man sich der Stadt nähert.

Der interessanteste und belebteste Zugang zu der Metropole des Südens ist der Mississippi, das fließende Meer, welches gleichsam trichterförmig den Verkehr des mittleren Kontinents aufnimmt, um ihn auf dem Seeweg nach allen Richtungen zu vertheilen, oder, umgekehrt, die am Stapelplatz sich aus aller Herren Ländern vereinigenden Waaren, strandaufwärts, den sich abzweigenden Gebieten seiner Nebenflüsse zuführt. Von ungefähr 150 Meilen oberhalb der Stadt an, wird der Reisende, nachdem er die tödtlich ermüdenden und nimmer endenwollenden Wald- und Sandufer von Arkansas und am obern Louisiana im Rücken hat, von einer reizenden, ununterbrochenen Kultur begleitet, die sich so weit in das Innere des Landes erstreckt, als sein Auge über die flachen Flußränder schweifen kann. In lieblicher Mannichfaltigkeit wechseln die Zuckerplantagen, Baumwollfelder und Obstpflanzungen, übersäet mit den eleganten Sommerschlößchen der Herren und den schmucken Häuschen der Sklaven, meistens in park- oder gartenartiger Umgebung; auf dem Fluß jagen oder begegnen sich die Dampfboote, so häufig wie die Wagen auf dem Korso, die schwimmenden Riesenpaläste, welche oft 1000 Personen an einem Tisch vereinigen und nach St. Louis gehen, bis zu den kleinen, flinken und aalschlanken Booten, die die Passage zwischen den kleinen Uferplätzen und größeren Pflanzungen unterhalten. Zur Erntezeit sind die Baumwollballen das Frachtgut, welches auf dieser Wasserstraße dominirt; die Boote sind dann so voll Baumwolle, vom Promenadendeck bis zum Wasserspiegel geladen, daß sie wie ein großer schwimmender Baumwollenballen aussehen, von dem nichts sichtbar ist, als die dampfende Esse, welche kaum mit der Spitze über die Mitte herausragt. So ras’t man mit einer Schnelligkeit von 35–40 englischen Meilen in der Stunde, namentlich wenn es gilt, einem Konkurrenzboot zuvorzukommen, den sich mehr und mehr verengernden Strom hinab, bis man, beim Umfahren einer Strombiegung, an deren ganzen innern Seite New-Orleans gebaut ist, sich zu seiner Ueberraschung inmitten des lärmenden Gewühls des Hafens befindet, an der Levee, dem Gegenstand unseres Bildes.

Die Levee ist ein von Holz solid gebauter Quai, der in einer Breite von nahe 200 Yards sich längs des Geschäftsviertels der Stadt erstreckt und, eigentlich höher liegend als die Straßen, dieselben vor den übersteigenden Fluthen [94] des Mississippi schützt. Hier ist das Herz von New-Orleans, das Thor, durch welches das Geschäftsleben eines halben Welttheils aus- und einpulsirt. Zur Geschäftssaison, im Herbst namentlich, zählt man die Dampfschiffe, welche hier aus- und einladend beisammen liegen, zu Hunderten und hinter ihnen, mitten im Fluß, liegen die neuen Ankömmlinge, brausend und zischend vor Ungeduld, bis sie die Stelle eines abgehenden Bootes einnehmen können, da sie keinen Platz mehr fanden, um ihren Bug bis zum Wharf hindurch zu drängen; am Quai selbst aber wogt ein Gewühl von Waaren, Menschen und Fuhrwerk, wie es kein Platz in der Welt so aufzuweisen hat, in maßloser Hast und Emsigkeit vom frühesten Morgen den Tag rastlos hindurch, während die glühenden Sonnenstrahlen senkrecht sich darüber ergießen, bis zur hereinbrechenden Dunkelheit. Jeder Fußtritt ist mit Zucker- oder Tabaksfässern, mit Baumwoll- oder Waarenballen verbarrikadirt und dazwischen schreit’s, befiehlt’s, zankt’s und flucht’s in allen Zungen, puffen und zischen die Dampfboote, lärmen die Maschinen, krächzen die Krähne, welche aus- und einladen, schreien die Glockensignale, welche die Passagiere zur Abfahrt rufen und qualmen die Essen, daß die Sonne verdunkelt wird. Weiter unterhalb, außerhalb des Bereiches der Dampfer, verliert die Lebensthätigkeit des Hafens diese fieberhafte Emsigkeit. Da liegen die Flotten der seefahrenden Handelsmarine; das Treiben erscheint geordneter und ruhiger als dort und sieht nicht aus, als wenn, wie bei einer Feuersbrunst, jeder die Minute noch erjagen wollte, die ihm entflieht. Noch weiter hinab setzt sich der Quai in einem Erddamm fort, hinter welchem weitläufige Fabrik-Anlagen sich ausdehnen, an die sich Gemüsegärten, dürftige Wohnungen und schlichte Felder anschließen, bis der unermeßliche Sumpf wieder sein Recht erhält, dem die Stadt selbst ihren Grund und Boden abgerungen hat, und sich noch 100 Meilen weiter in schrecklicher Eintönigkeit bis zum Golf von Mexico ausstreckt.

New-Orleans ist bekanntlich französischen Ursprungs und blieb lange während seiner Entwickelung französisch. Die Nachkommen seines Gründers, Bienville, leben noch hier in Ansehen. Die wunderbare Lage des Platzes, welche ihn zum Schlüssel des fruchtbarsten Ländergebietes der Welt macht, verlieh ihm sehr bald eine große kommerzielle Wichtigkeit und zog Schaaren unternehmender Spekulanten, kühner Abenteurer und Glücksritter herbei, welche da Reichthümer sammelten und verpraßten und ein wildes und genußsüchtiges Leben führten. Obgleich nach der Abtretung Louisiana’s an die Vereinigten Staaten, unter der Regierung Jefferson’s, viel anglosächsisches Blut sich unter die Bevölkerung von New-Orleans mischte, so hat es doch jenen abenteuerlichen, wenn auch sehr abgeschwächten Charakter bis heute sich bewahrt, zum auffallenden Unterschied von allen andern Städten des Kontinents, in denen das amerikanische Element festen Fuß gefaßt hat. Noch immer herrschen da die lockeren französischen Sitten, vergeudet der Kreole den Ertrag seiner Ländereien in üppigem Tafelleben und Trinksucht, Spiel und Müßiggang; noch immer wogt, zugvögelartig, eine Bevölkerung hin und her, um nach kurzer Arbeit reiche Aernten zu sammeln und davon zu tragen; noch immer gilt New-Orleans als eine ergiebige Raubkolonie des Handels und finden sich da noch mit jedem Herbst die fahrenden [95] Ritter der modernen Gesellschaft ein, um ihre bankerotten Existenzen mit einem gewagten Griff in die volle Urne der Glückschancen wieder aufzurichten. Dessenohngeachtet tritt jährlich das Gepräge deutlicher hervor, welches das kräftige Geschlecht der Yankees dem Lande aufdrücken. Schon ist die einheitliche Verwaltung der Stadt, welche bis vor Kurzem in vier verschiedene Municipalitäten eingetheilt war, nach ächt amerikanischem Muster eingerichtet. Es überwiegt zwar noch keine Nationalität bedeutend an Zahl, aber im Kampf der Sprachen gewinnt die englische mehr und mehr die Oberhand. Der französische Theil der Stadt geräth in Verfall oder macht der amerikanischen Bauart Platz und vertauscht seine französischen Benennungen mit englischen.

Die Kreolen, die Abkömmlinge der französischen Ansiedler und großen Grundbesitzer, der wohlhabendste und tonangebende Bevölkerungstheil nicht nur von New-Orleans, sondern von der ganzen Louisiana, verlieren mehr und mehr Boden gegen das eindringende Yankeethum. Sichtlich schwindet ihr politischer Einfluß und ihre gesellschaftliche Bedeutung; Verarmung scheint das einzige Erbe zu seyn, welches sie der künftigen Generation übrig lassen. Wie in Montreal und Quebeck werden sie aus den schöneren und belebteren Straßen mit jedem Jahr mehr in die schmutzigern und ärmern Stadttheile zurückgedrängt, und wenn bei den Pflanzern auf dem Lande der Reichthum auch länger den friedlichen Flibustier-Einfällen des amerikanischen Spekulationsgeistes zu widerstehen geeignet ist, so empfinden sie doch schon schmerzlich seine dominirende Konkurrenz, wo er sich in Besitz von Plantagen oder auch brachliegenden Grundstücken gesetzt hat. Fast alle Kreolen-Planters sind trotz ihrer ausgedehnten Besitzungen und zahlreichen Sklaven tief verschuldet, Verlegenheiten bleiben nicht aus und so schlagen sie leichtsinnig ihr Eigenthum an die Yankees los und ziehen sich in die Stadt zurück, wo der Müßiggang und angeborne Schlaffheit sie bald genug an den Bettelstab bringen. Mancher Abkömmling eines französischen Freiherrngeschlechts, der noch seinen Namen in’s goldene Buch der Louisiana eingeschrieben hat, muß jetzt als Nachtwächter die Straßen von New-Orleans durchwandern oder putzt dem Yankee das Pferd. Die meisten zwar leben noch von den Renten eines Eigenthums, die sie in Nichtsthun vergeuden, oder vom Ertrag der Arbeit ihrer Sklaven, die sie an amerikanische Familien als Dienstboten ausleihen oder als Tagelöhner an der Levee arbeiten lassen. Auch hat sich ein Theil der reicheren französischen Stadtfamilien mit Amerikanern durch Heirath verschwägert und er wird dadurch allmählig amerikanisirt. Die Kinder solcher Familien schon verleugnen das Kreolen-Blut, welches sie in sich tragen. Handel und Industrie sind aber jetzt ausschließlich in den Händen der Amerikaner, da der schlaffe Charakter der Kreolen zu nichts weniger taugt als zum Geschäftsmann. So läßt sich mit Sicherheit und in nicht weiter Ferne der Zeitpunkt voraussehen, der von der früher so blühenden und jetzt noch schimmernden altersschwachen Kultur des Romanismus nichts weiter als den Schatten zurückläßt und das gewaltige amerikanische Element zum Herrn aller Lebensquellen des Landes einsetzt. Ist dieser Prozeß vollendet, so wird auch dem erfinderischen Genie dieser Race gelingen, den [96] tausendfältigen Keim des Todes auszurotten, welcher alljährlich in den Sümpfen des Mississippi-Delta’s geboren wird und die Hälfte der Leben als seinen gehörigen Antheil fordert. Im Jahr 1853 betrug die Bevölkerung der Stadt 130,000 Seelen, von denen beim Eintritt der Fieberzeit zwei Drittel entflohen. Vom letzten Drittel starben 21,000 Menschen in wenigen Monaten. So lange noch Jeder, der in New-Orleans sich niederläßt, alljährlich das Loos zwischen Leben oder Tod ziehen muß, kann an ein Gedeihen dieses, mit den glänzendsten Berechtigungen auf Größe ausgestatteten Platzes nicht gedacht werden. Erst wenn der Yankee, beharrlich und unternehmend wie der Holländer, die Sümpfe in fruchtbares Marschland verwandelt hat, – erst dann, und an der Hand der dann riesenhaft sich entwickelnden Kultur im Bassin des Mississippi, wird New-Orleans seinen Rang als die natürliche Empire-City des nordamerikanischen Kontinents einnehmen und seine Schwesterstädte New-York und St. Francisko in zweiter Linie stehen lassen.