Goldgräbereien
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Die VOLCANO-GOLDGRÄBEREYEN
(Californien)

CONVERSATIONS-SAAL in BADEN
(BADEN)
Da unten im Thale der Werra graben und hacken, scharren und schaufeln und karren auf und ab die langen Reihen der Arbeiter auf der Linie, auf welcher das Dampfroß diese Flur durchschneiden soll. Wie das durcheinanderwimmelt und wie sie rastlos schaffen, die fleißigen armen Menschen, vom frühsten Morgen bis zur späten Abendglocke! Aus der Nähe und der Ferne strömten sie herzu, im Tuch- und im Leinwandrock, in der Jacke und im blauen Kittel, der brodlose Handwerker und der Bauer des Gebirgs, der Ackerknecht und der Taglöhner der Fremde. Niemand fragt: was hat die Ameisenhäuflein von Menschen dort an den Hügel, hier auf die Wiese am Fluß, drüben auf die Ackerfelder zusammen getrieben? Jeder weiß es: sie alle gehen nach Brod. Sie arbeiten Tag um Tag und Woche um Woche für den Abend des Zahltags. Vom Reichwerden träumt Keiner da unten; ihr höchstes Ziel ist – das Sattwerden. Am Golddurst leiden sie nicht, aber möglich ist es schon, daß Mancher von ihnen, wenn er hackt und karrt den ganzen Tag, um schnöde Erdschollen von einer Stelle zur andern zu bringen, seufzend an das Land denkt, wo Hacke und Spaten dem glücklichen Mann mit Gold lohnen.
Und doch ist das, was sie da unten treiben, nichts als eitel Goldgräberei, nur eben für Andere. – Die Männer, die wir auf unserem Bilde ihr Werkzeug in Kalifornien schwingen sehen, graben und sammeln für sich. Das ist der Unterschied.
Es ist Mode geworden, die Wörter „Kalifornien“ und „Golddurst“ für so zusammengehörig, so unzertrennlich zu halten, als ob Kalifornien den Golddurst erst in’s Leben gerufen hätte und ein Makel auf Jeden fiele, der dem Drang zur Befriedigung desselben folgte. Der Golddurst ist so alt, wie die Welt, der amerikanische ist ein vierthalbhundertjähriger, und der kalifornische befiel die Menschheit im Jahre 1848. Die Art und Weise, wie der letztere gestillt werden muß, ist die einfachste und unschuldigste von allen. Denn wenn der Golddurst der Könige, Mächtigen und Großen der alten Welt Millionen von Menschen drückte, wenn jener Golddurst durch den Schweiß dieser Millionen fast niemals gelöscht werden konnte, und wenn die Gier nach Gold, welche die ersten Europäerzüge nach Amerika trieb, nur schwelgen wollte mit den langen Fingern beider Hände in den angesammelten Schätzen der [90] Eingeborenen, so fällt in Kalifornien des Mannes eigener Schweiß auf sein eigenes Gold. Das ist auch ein Unterschied.
Unseren Lesern ist es längst bekannt, daß es schon seit den frühesten Zeiten in den europäischen Staaten scharfe und mit besonderer Aufmerksamkeit gehütete Gesetze gibt über das Aufsuchen, die Gewinnung, Schmelzung, Verarbeitung und den Gebrauch des Goldes. Das iglauer Bergrecht, aus dem 10. Jahrhundert, hat vielen Staaten zum Muster gedient. Noch heute muß in diesen Ländern das gewonnene Gold zu einem bestimmten Preise an die Münzen des Staats abgeliefert werden; es ist verboten, das in Gruben und Wäschen gewonnene Gold außer Landes schmelzen zu lassen oder in’s Ausland oder an Goldschmiede und Juden zu verkaufen, und um das Verheimlichen oder Entwenden der Goldstufen und des Goldstaubes zu verhüten, wachen über die Goldbergwerke besondere polizeiliche Maßregeln. In Frankreich, Spanien, England und Rußland ist die Ausfuhr des Goldes gänzlich verboten. Bergwerke oder Wäschereien aber sind entweder im Besitze der Staaten oder in den Händen der Reichen, im Besitz ist Alles. Wie sollte da über den armen Mann in Europa der Golddurst kommen?
Da baute im September 1847 ein gewisser Marschall in Kalifornien eine Sägemühle am südlichen Arme des Gabelflusses. Der brausende Bergstrom bildete jenseits der Räder eine Schlamm- und Kiesbank, aus welcher in demselben Frühling von 1848, der in Europa so viele Schlacken durcheinander warf, die ersten Goldkörner hervorfunkelten für den freien Fleiß jedes rüstigen Arms der neuen wie der alten Welt. Und Tausende ras’ten zur Stelle von allen Ländern der Erde, von Portugal bis China, und durchwühlten die Wildniß nach dem verheißenen Mammon. Freilich war’s auch ein Lottospiel, in das der Arme seinen Schweiß einsetzte und abwarten mußte, ob ihm ein Goldklumpen lohne oder taubes Gestein ihn betrog, aber kein Gewinn fiel von seinem Verlust in fremde Säckel; freilich demoralisirte das mühsam oder durch eine Laune des Zufalls spielend Gewonnene die glückberauschten Besitzer, aber die Folgen waren nicht schlimmer als die des Golddurstes der alten Welt; freilich riß die Begier nach Gold wie ein Sturmwirbel alle Köpfe und Hände fort von jeder anderen Beschäftigung, bis dem Mangel am Nothwendigsten Tausende erlagen, aber auch das ist nichts Neues. Hat nicht etwas über 2300 Jahre früher der König Pytheus von dem kleinen Celäna in Phrygien aus Goldgier alle seine Unterthanen in den Goldbergwerken und Schmelzen arbeiten lassen bis der vernachlässigte Ackerbau sich am armen Volke durch eine Hungersnoth rächte? Es ist gar schwer für das Volk, eine Thorheit zu begehen, in der es ihm nicht irgendwo ein Gewaltiger schon zuvorgethan.
Aber jede Tollheit hat ihr Ende und jede Uebertreibung führt, nach den weisen Gesetzen der Natur, endlich zum geregelten Maß ineinander greifender Thätigkeit. So auch in Kalifornien. Ueber den gegenwärtigen Zustand dieses Staats hat das Universum (Bd. XIV, S. 190 ff.,[WS 1] Bd. XV, S. 109 und 113) ausführlich gesprochen. [91] Wir dürfen deshalb unaufgehalten zu der Stelle gehen, wohin unser Bild uns weist. Wir stehen vor dem nördlichsten Theil der Goldregion. Dort, auf dem Bulte-Gipfel, umgeben uns die Kratertrümmer eines erloschenen Vulkans, in welchem für den Flammenstrom mehrere Oeffnungen gewesen zu sein scheinen. Die Felsen sind durch die unterirdische Gewalt zu unregelmäßigen Kegeln aufgeworfen und tragen überall die Spuren ausgestandener stärkster Gluth zur Schau. Breite Ränder, vom Feuer der Tiefe geschwärzt, ziehen sich zwischen den einzelnen Felsbrocken hin, und auf den Koppen der Kegel findet man runde, glatte Löcher von einem Fuß Durchmesser, die für unergründlich gelten. Augenscheinlich hat man hier die letzten Schlöte vor sich, durch welche Luft und Flammen ihren Ausgang nahmen, als die Oberfläche der abkühlenden Lavamasse verhärtete. Die Traditionen der Indianer gehen wohl bis zu der Zeit zurück, wo diese Krater noch in Thätigkeit waren, aber ihre Chronologie ist nicht mit Zahlen zu bestimmen. Jetzt ragen hundertjährige Fichten aus den Kratertrümmern empor. Weiter im Gebirge stößt man auf breite Lavabetten, die zu Kratern von noch größerem Umfang hinführen. Innerhalb dieser Vulkanwelt, auf dem Rücken und in den Adern der ausgebrannten Feuerberge des kalifornischen Nordens, hat die Natur das reizende Gold in großer Menge verborgen gehalten, bis der unermüdliche Mensch auch hieher die Spur fand.
Es ist ein gar hartes Leben, das der Goldgräber sich auferlegte, der in dieser entlegenen Wildniß sein Zelt aufschlug. Nur der kräftige Körper der Jugend kann die Mühseligkeiten und Entbehrungen längere Zeit ertragen. Auch das ist ein Fingerzeig der Natur, der zu veränderten Verhältnissen hin geführt hat. Schon jetzt lohnen Ackerbau, Gewerbe und Handel in Kalifornien besser, als die Goldgräberei. Daher wird letztere mehr und mehr von unverstromerten Menschen als Quelle betrachtet zur Erwerbung der Mittel, die dem Strebenden eine jener lohnenderen und leichteren Beschäftigungen möglich machen. Aber selbst die zerlumpten und verkommenen Gestalten unter den kalifornischen Goldsuchern haben immer noch Vorzüge vor einer anderen Gattung ihrer Kollegen: wie reinlich, wie anständig, wie ehrbar erscheinen diese schmutzigen fleißigen Kerle, die im Winter verthun, was sie im Sommer erarbeitet haben, gegen jene feinen vornehmen Knechte der Leidenschaft in manchen anderen Goldgräbereien, z. B. in dem
Auch hier gräbt man Gold, aber gemünztes, nicht aus dem Schlamm des Flusses und im Felsthal der Wildniß, sondern auf feinem grünem Tuch polirter Tische im glänzenden Prachtsaal, nicht mit schwieliger Faust, sondern in Glacéhandschuhen; hier graben nicht zerlumpte Männer im Sonnenbrand, sondern feine Herren in [92] labender Kühle und zarte Damen bei heiterem Glanz zierlicher Lampen. Gemeinsam ist Beiden nur Zweierlei: die Gier nach Gold und die äußere Gleichstellung der Gesellschaft. So wenig, wie in den Goldminen Kaliforniens, fragt man hier nach Alter, Rang und Stand. Dem grünen Tisch ist’s einerlei, wer auf ihm arbeitet, der beringte Finger eines grauen Besternten, oder die zitternde Hand einer leichtsinnigen Kammerjungfer. Nur Eine Arbeiterklasse findet sich hier, die Kalifornien bis jetzt noch entbehrt, nämlich die Derjenigen, welche in den Goldminen des grünen Tisches nichts Anderes suchen, als ein probates Mittel zum Todtschlagen der überflüssigen Zeit. Deshalb schlagen diese hier ihr Geld todt, denn „time is money“. – So weit ist der Korruptionsgang unserer Generation bereits vorwärts gekommen, daß ein ernstes Wort gegen das Hazardspiel der Grünentischbäder mindestens als Lächerlichkeit, möglicher Weise auch als Vergehen gegen höhere Ansichten und Anordnungen erscheint. Also – spielt nur zu! Es fehlte ja sonst der dritte Vergleich zwischen Euch und den Arbeitern auf unserem Bilde: Ihr grabt Beide nach Gold über Vulkanen.
Eine Beschreibung des Konversationshauses mit einer Schilderung des Lebens und Treibens darin hat das Universum in seinem XV. Bande, S. 11 ff.,[WS 2] gegeben.