Richmond in Virginien
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RICHMOND in VIRGINIA
Es wird eine Zeit kommen, wo im großen Dollarlande die Lust am rastlosen Erraffen der Gaben des Mammon ihren alleinherrschenden Reiz verliert, woman der gesammelten Schätze froh wird und Muße gewinnt, dem Dienste des Schönen in rechter Andacht Geist und Herz zu weihen. Schon dämmert im jungen Lande ein neuer frischer Morgen der Kunst, schon hat der Indianer seinen Sänger, die Sklavin ihren Künstler gefunden,[1] aber noch lebt die große Mehrheit der wahren Bewunderer jener Kunstblüthen am urkräftigen Westbaume der Menschheit unter dem bemoosten Gezweige des alten Europa, noch sind es vor Allem die üppigen Abfälle europäischer Kunstspekulation, welche die Schritte des Amerikaners von der Börse zum Geschäftshause im Vorübergehen einen Augenblick hemmen, und diesen schleudert der Yankee, des eigenen Geldwerths halber, mit eiligstem Applaus und eitel schmunzelnd seine Dollars hin, denn diese Kunst geht nach Gold. –
Die begabten Geister Nordamerika’s müssen jener Zeit voraus eilen. Ihre große Aufgabe ist es, in ihren nationalen Kunstwerken den Magnet zu schaffen, mit welchem sie in ihrem ganzen großen Lande die braven Eisenherzen an sich ziehen. Der Magnet muß stark genug sein, um diese Herzen heraus zu reißen aus den Klammern der Geldkästen wie aus dem Schmutz der Straße, aus den Armen der Kneipen wie aus den grünen Gründen des Urwalds, aus der Fence wie aus der Fabrik, kurz aus den schweißtriefenden Fäusten des Werktags, sie an sich zu fesseln für die Feierstunden des Geistes und an sich zu halten zum ruhigen Lauschen auf die Abendglocken des Herzens. Das stärkt beides, die Herzen und den Magnet. Denn auch darin wird die junge Literatur und Kunst jenseits des Oceans sich unterscheiden müssen von der großer Epochen der alten Welt, daß der aristokratische Stolz, nur für Wenige, nur für die Besten, die Gebildetsten zu arbeiten, weil man nur von diesen verstanden werde, den Dichtern und Künstlern Amerika’s nicht Stift und Griffel führen darf; ihre Aufgabe leitet sie von selbst auf den rechten Pfad zum dort einzig berechtigten Stolz: ihre Werke müssen so aus dem Geist ihres freien Volks herausgewachsen sein, daß das Volk durch das Gefühl der Verwandtschaft zu ihnen hingezogen wird und daß ein Kommentar mit gelehrtvornehmer und herablassender Präceptormiene dort so wenig zwischen Volk und Kunstwerk zu treten braucht, als es je gutbürgerliche Sitte war, Verwandte durch den Ceremonienmeister gegenseitig vorstellen zu lassen.
[82] Wenn aber im Volksfrühling drüben die Blüthen der Kunst hervorbrechen, wohin werden in den Stunden schöpferischer Beschauung und beschaulichen Genusses Volk und Künstler am liebsten blicken, wo wird die Kunst des Volkes liebste Stoffe zu suchen haben? – Wie bei allen Völkern: in der eigenen Vergangenheit! Wie der Mann immer mit Freude an seine Kindheit zurückdenkt, auch wenn sie hart war, und an seine Jünglingstage mit um so behaglicherem Gefühle, je stürmischer sie vergingen, so sieht das Volk am liebsten das Bild seiner eigenen Gestalt aus den vergangenen Tagen und stärkt sich an den überstandenen Geschicken für drückende oder drohende der Gegenwart und der Zukunft. Dann wird aber kaum ein zweiter Staat sich finden neben dem, dessen Hauptstadt unser Stahlstich zeigt, von gleichem Reichthum großartiger Schicksale der Männer und der Völker, von gleicher Menge und Mannigfaltigkeit jenes Kunststoffs, aus welchem Dichter und Künstler Jahrhunderte lang gestalten können die Gruppe und die Säule, das Epos und das Drama, die Ballade und das historische Bild.
Man hat die Kreuzzüge Europa’s zweite Völkerwanderung genannt. Mit gleichem Rechte mag man seit der Entdeckung Amerika’s von dem Beginne einer dritten europäischen Völkerwanderung erzählen, die man auch, jenen zur Eroberung des gelobten Landes im Osten entgegengesetzt, die zweiten Kreuzzüge nach dem gelobten Lande im Westen nennen darf. Jene trachteten nach der religiösen, diese nach der politischen Stätte der Erlösung, und beiden ist in ihren Wirkungen Das gemeinsam, daß sie die Isolirung der Nationen lösten, durch eine große Idee die verschiedensten Völker zur Thätigkeit nach Einem Ziele bewegten, sie in vielfache Wechselwirkung brachten, eine Sphäre freier Thätigkeit erschlossen und der Entwickelung bürgerlicher Freiheit Bahn brachen. Ein anderes Gemeinsames von beiderlei Kreuzzügen ist die Einheit des so vorzugsweise als vergeblich erstrebten Ziels der ersten mit dem nicht vorzugsweise erstrebten Erfolge der zweiten, d. h. die Kreuzzüge wollten das Kreuz aufpflanzen als Herrscherzeichen über Palästina, und die Züge nach Westen haben das Kreuz der Glaubensherrschaft erhoben von den Eismeerküsten des Nordens bis zu den Sturmgestaden des Südens der ganzen neuen Welt. Ihr Gemeinsamstes haben aber beide in den tausend Beispielen von dem Muthe, der Waghalsigkeit, Tollkühnheit und Ausdauer Einzelner und der Massen, von der Unerschrockenheit im Wiederbetreten eines Pfades, auf welchem schon Tausende untergegangen, Alles die Folgen einer gewaltigen Seelenerregung, die zu immer neuer Wagelust antrieb bis zum Verderben oder zum Siege.
Die unsäglichsten Mühen, Gefahren, Leiden und Opfer setzten sich über zwei Jahrhunderte lang mit auf jedes Schiff, das nach der ausgedehnten Küstenstrecke steuerte, von welcher das heutige Virginien nur noch den mittleren Theil einnimmt. Schon heute glänzt es auf jenen ersten Zügen wie vom romantischen Schimmer der Sage. Seht Ihr dort den Venetianer Cabot? Prima Vista nennt er das Land, das er 1497 zuerst gesehen. Er kam mit prächtiger Beute nach England heim, das ihn gesandt hatte, und starb. Aber der Lockvogel der [83] goldenen Wünsche schwebte fortan für das lüsterne Europa über dem atlantischen Ocean. Da kommt der tapfere Florentiner Verrazzano 1524, und wird von den Wilden gefressen. Zehn Jahre später suchen die französischen Brüder Cartier hier ein Neu-Frankreich und finden es so wenig, als ihr Ritter Roberval. Kaiser KarlV. sendet 1528 den Pamphilo de Narvaez, der mit den Indianern kämpft und im Meere ertrinkt mit Mann und Maus. Unersättlicher Durst nach Ruhm und Gold hetzt den spanischen Ritter Fernando de Soto mit vielen Gleichdurstigen über das Meer. Er verrichtet Wunder der Tapferkeit gegen die Wilden und stirbt am Mississippi. Wie die Westgothen einst ihren König Alarich im Bette des Busento, so begruben die Spanier ihren Führer im Vater der Ströme, damit kein Indianer das Grab des Helden finde. – Der Glaubenskampf zerreißt die europäische Christenheit. Da richtet Coligny die hoffnungsvollen Blicke über den Ocean nach einer Freistätte für seine Hugenotten. Ribault führt sie, Unglück und Haß verfolgt sie. Eine heimwärtskehrende Schaar treibt der Hunger bis zum Auffressen der eigenen Gefährten. Ribault fällt in die Hand der Spanier. Menandez heißt deren von dem König Philipp II. zur Vernichtung der „Feinde Gottes“ ausgesandter Führer, der den Verirrten gastlich aufnimmt und ihn und seine Gefährten dann niedermetzeln und die zerstückten Leichen an den Bäumen aufhängen läßt. So zogen Verrath und Ketzermord in die neue Welt ein. Das war geschehen von 1562–1564. Schon im Jahre 1568 hing der Hugenotte Gurgues dieselben Spanier an denselben Bäumen auf. – Nun kommt ein Jahr, das man nicht mit Dinte schreiben sollte: 1562. Da ward Sir John Hawkins der Erfinder des Sklavenhandels, und Spanier waren seine ersten Käufer; da kam das Gift in den jungen Leib des Staats und wühlt darin unheilbar, sagt man, und droht ganze Glieder zu zerfressen. – Englands Elisabeth erhob ihr Auge zur neuen Welt. Raleigh und Gilbert opfern, jener all sein Vermögen und dieser sein Leben vergeblich dem Plane einer dauernden Kolonisation, und Amada und Barlow, die zuerst eine glühende Schilderung des neuen Landes heim brachten, gewannen für dasselbe nichts als den Namen, den es jetzt noch trägt: Virginia nannte es die „jungfräuliche Königin“, und so heißt es nun seit 291 Jahren. – Aber man merke: schon zu Elisabeths Zeit drängte nicht bloß Gold- und Ehrgeiz, Abenteuer- und Ruhmsucht zu kühnen Fahrten und Kämpfen in die neue Welt, sondern das, was heute die Auswanderungstriebfeder von Hunderttausenden in Europa ist: die Furcht vor Verarmung in der Heimath! – Die Rücksicht auf diese Furcht und die Aussicht auf den kostbaren Besitz jenseits des Oceans spornten zu immer neuen Unternehmungen an, die mit gleicher Energie, mit mehr Klugheit, aber noch lange mit demselben Mißgeschick, wie die früheren, ausgeführt wurden. Man sandte mit tüchtigen Seeleuten umsichtige Gouverneure und gelehrte Männer ab, begleitet nicht bloß von beutegierigem Gesindel, sondern von fleißigen Arbeitern. In der Ansiedelungsgeschichte jener Zeit begegnen wir Namen wie Richard Grenville, Ralph Lane, Heriot, Franz Drake, John White, aber Aller Arbeit und Wagniß scheiterte bald an [84] der Tapferkeit der Indianer, bald an der Zügellosigkeit der Ansiedler und bald an den Tücken des Meers. Nur Lane that einen kühnen Griff in die Vorrathskammer der Kultur: ein Lieblingsvergnügen der „Wilden“ wurde durch ihn zu einem Genuß für alle Stände aller Nationen der alten Welt und zur Erwerbsquelle für Millionen erhoben– das Tabaksrauchen. Die eigentliche Geschichte der englischen Kolonien in Nordamerika datirt von dem „Freibriefe“ des Königs Jakob vom 10. April 1606. Da begannen die königlichen Kraftmittel zu wirken, und ebenso königlich war gar lange noch der Kampf der Rothhaut gegen die Eindringlinge. Hier beginnt erst die rechte Großartigkeit der Jugendgeschichte Virginiens. Wir dürfen uns jedoch von ihr nicht weiter verlocken lassen. Man verlangt Das ja nicht von den wenigen bildbegleitenden Blättern des Universums. Dafür aber, daß der freundliche Leser sich nach der Geschichte von Virginien anderweit umsehen muß, erzähle ich ihm eine Episode aus dem großen Epos jener Zeit, als ein Beispiel von den tausend einzelnen Zügen von Hochherzigkeit und Heldenmuth in dem wilden Durcheinander der Kämpfe. Das bin ich meinen einleitenden Worten zum Beweis schuldig. Es ist Virginiens schönste Geschichte von Pocahontas, dem Indianerkind.
Werowocomoco hieß die Indianerstadt, wo der König Powhatan sein Herrscherzelt aufgeschlagen hatte. Dorthin führte eine Schaar der Tapferen seines Stammes einen gefangenen Weißen. Er hatte gekämpft an der Spitze der Seinen, bis der letzte Mann gefallen war. Powhatan erkannte in ihm seinen Todfeind, das Haupt der Kolonie am Jamesflusse, den kühnsten Verfolger, den klügsten Unterdrücker der Rothhaut, John Smith, den Schrecken der Wildniß. Da hielt der König Rath über ihn, und die Männer beschlossen des Feindes Tod. Sie wälzten einen großen Stein vor Powhatan’s Sitz, führten vor ihn hin den weißen Mann und beugten seinen Kopf auf den Stein. Dann schwiegen Alle, nur die Bäume rauschten im Urwald. Und als sie den Todtengesang begannen, ergriff der König eine schwere Keule, um des Feindes Leben mit Einem Schlage zu vernichten. Schon schwang er die Waffe hoch über seinem Haupte, da stürzte sein Töchterlein Pocahontas herbei zwischen den Stein und ihn und umschlang seine Füße und flehte um Gnade für den weißen Fremdling. Aber des Königs Wille war gar fest, sein Herz blieb unerschüttert von den Thränen seines Lieblings. Und Pocahontas war des Vaters würdiges Kind. Als ihre flehende Klage vergeblich war, umfaßte sie den Feind mit ihren Armen, legte ihr kindliches Haupt auf das seine und sprach: Vater, die Keule tödte erst mich! Da ging des Kindes Stärke über die des Vaters. Er erhob sich, warf die Keule von sich und sprach: Er soll leben und dein Gefangener sein! – Pocahontas aber schenkte dem weißen Manne die Freiheit und entließ ihn zu den Seinen. – John Smith fand die Ansiedelung am Jamesflusse dem Untergang nahe. Und wieder war es das Indianerkind, welches der Retter wurde für Alle. Es versorgte den weißen Mann reichlich mit Lebensmitteln für ihn und seine Gefährten, bis ihnen Hülfe kam aus der eigenen Heimath. In jenen Tagen des Kampfs ihres [85] Vaterlandes gegen den Aufgang höherer Kultur aus dem Osten ward Pocahontas Virginiens schützender Genius. In das Herz des Indianerkindes hatte die Vorsehung die Ahnung der Zukunft gelegt, sein Auge erhellt für die Erkenntniß eines reicheren Lebens. Ihr Geist blieb den weißen Männern zugewandt, ihre Sorge wachte über sie, ihr Muth beschützte sie mit eigener Gefahr vor vielen Gefahren. In der Brust Powhatans, des Königs, konnte die Freundschaft nicht fest wurzeln für die eingedrungenen Fremden. Er verschwor sich mit seinen Heimathgenossen gegen die Weißen in Jamestown (so hieß deren Stadt), aber Pocahontas entdeckte das Unwetter nach allen Seiten, und ihre rührenden Ermahnungen machten den Himmel wieder hell über ihrem Stamm und ihrem Schützling. Da kamen zu den alten neue Fremdlinge von Osten her, verworfen und zügellos. Die Fackel der Zwietracht leuchtete in der Stadt der Weißen. Neue Hoffnungen erwachten bei den Indianern: der Tag des Verderbens sollte anbrechen für alle Fremden am anderen Morgen. Wie erbebte Pocahontas! In finsterer, stürmischer Nacht flog das dreizehnjährige Mädchen durch die Wildniß zu den Männern am Jamesfluß und warnte sie vor der heraneilenden Todesnoth. Da half das Glück. Die Indianer finden die Weißen gerüstet und weichen ohne Kampf zurück. Eine Rothhaut aber war in verschlossenem Zimmerraum beim Kohlenfeuer eingeschlafen und vom Dampf scheintodt geworden. Der Führer der Weißen trat zu ihm – mit Essig und Branntwein und erweckte den Todten. Vor diesem unerhörten Wunder beugte sich der König sammt seinem ganzen Volke, Powhatan sandte Friedensgeschenke, und in Ruhe konnte der Fuß der Europäer auf der neuen Erde wandeln, so lange John Smith der Führer war. Das währte so lange, bis ein Pulverfaß zersprang und den tapferen Mann so schwer verletzte, daß er heim mußte nach England, um dort Hülfe zu suchen. Da hielt der König sein Wort für gelöst, der Ansiedelung war Haupt und Seele genommen, der Tag der Vernichtung brach an. Ein schreckliches Hinschlachten der Weißen begann, Verrath und Mord wütheten um die Wette, Pocahontas’ Stimme verhallte, nur ein einziges Leben konnte sie selbst retten, einen Knaben, den sie der Blutgier entriß. Nach dem Morden kam über die durch die Flucht Geretteten das Verderben in noch entsetzlicherer Gestalt: die Hungertodzeit hießen im Gedächtniß der Ansiedler noch lange jene Tage, welche nur 60 verschmachtende Menschen übrig gelassen hatten von den 500 Männern, von denen John Smith geschieden war. Neue Ansiedler traten in die Spuren der untergegangenen, und nach kurzer Frist der Erholung und Ruhe loderten abermals hell auf die Flammen des Indianerkriegs. Da kam auch über Pocahontas das tiefste Wehe vor dem höchsten Glück. Durch Verrätherei fiel sie in die Hände derselben Feinde ihres Stammes, der Engländer, deren Retterin sie so oft gewesen, und der Undank schämt sich nicht. Pocahontas, die treue Beschützerin der Weißen, ward fortgeschleppt als Gefangene nach Jamestown und in den Kerker geworfen. Fern von ihrem Vater, fern von ihrer grünen freien Heimath vertrauerte sie hinter den Eisengittern mehrere Jahre. Sie war ja nur eine Wilde! – Aber das Schicksal hatte [86] für sie ein schöneres Ende gewählt, ein Ende, nachdem das edle Haupt den blühendsten Kranz des Lebens getragen. Unter den Ansiedlern in Jamestown war ein junger Brite, der hieß Rolfe und war von angesehenem Stande. Den fesselte die Bewunderung und die Liebe an die gefangene indianische Königstochter. Durch ihn ward sie frei, denn die Lenker der Kolonie sehnten sich nach einem dauernden Frieden mit der unbesiegbaren Rothhaut und sahen in der Verbindung eines Weißen mit dem Liebling des Mächtigsten ihrer Feinde dafür die sicherste Bürgschaft. Pocahontas und Rolfe dachten nicht an diese Zweckmäßigkeit ihrer Vereinigung, sie waren gleich hochherzige, gleichgesinnte Seelen und liebten sich nur aus Liebe. Fast so schwer, als einst, wo er die Keule über John Smiths Kopfe schwang, war es auch jetzt, den erbitterten Monarchen der Wildniß zu versöhnen mit dem Gedanken, daß sein Kind als Gattin einem Weißen folgen solle, und abermals war sein harter Wille so lange fest, bis die Stärke des Kindes über die des Vaters ging. Da ward in Werowocomoco und in Jamestown mit großer Pracht ein Doppelfest gefeiert: des Friedens zwischen dem Könige und der Kolonie, und der Vermählung Rolfe’s und der Pocahontas. Nachdem das Indianerkind Christin geworden war, führte Rolfe die Gattin nach England, um ihr die Herrlichkeiten seines Vaterlandes zu zeigen. Dort aber wurde Pocahontas geehrt als Königstochter, gleich einer Prinzessin mit weißer Haut. Nur wenige Jahre ertrug sie die Trennung von den Wäldern und Menschen der Heimath, da ward sie krank vor Sehnsucht nach den Augen des Vaters und den Hütten der Indianer. Aus Liebe zu seinem theuren Weibe entschloß sich Rolfe, mit ihr zurückzukehren nach Virginien und bei ihrem Stamm mit ihr zu wohnen bis an’s Ende. Wie lachte da Pocahontas’ Herz! Rasch ging’s auf die Reise. Schon ist Gravesand erreicht, wo die Themse ins Meer strömt, und dort winkt das Schiff, das sie über den Ocean tragen soll an das Gestade ihrer Wälder, – da war der Tod vorausgeeilt, die Königstochter der Wildniß starb im Anblick des Meers. In der Geschichte steht: „Es gefiel Gott, sie in Gnaden zu sich zu nehmen, und ihr unerwarteter Tod erregte bei den Anwesenden nicht sowohl Trauer und Leid, als Freude – Zeugen zu sein, wie sie ein so gottseliges Ende nahm.“ Arme Pocahontas!
„Noch heut zu Tage wird in Virginien das Andenken der Pocahontas gesegnet und mehrere Familien zählen Powhatan und Pocahontas zu ihren Ahnen. Die Geschichte aber rechnet ihr das ewige Verdienst zu, daß ohne ihre Großmuth und edle Fürsorge der erste schwache Keim der mächtigen Union nicht hätte erhalten werden und gedeihen können.“ – John Smith, dem sie Leben und Freiheit erhalten, ward der erste Geograph und Historiker ihrer Heimath, und so hat Pocahontas nicht nur Virginiens bessere Zukunft, sondern zugleich dessen ersten Geschichtschreiber und damit die älteste und treueste Kunde über ihr Vaterland der Nachwelt gerettet.
[87] Virginien war bekanntlich diejenige englische Provinz, wo der Aufruhr gegen das Mutterland zuerst offen heraustrat, denn schon acht Jahre vor dem schönen Tage, an welchem Boston seine Bai in den weltberühmten Theekessel verwandelte, widersetzten sich die Virginier mit Gewalt der Einführung des Stempelgesetzes. Drei Jahre später (1768) verband sich Virginien mit Massachusetts zu gemeinsamen Maßregeln gegen jeden Angriff, und 1774 sandte es seine Deputirten zum Kongreß nach Philadelphia, und darunter – den Washington! Ebenso bekannt ist es, daß außer Washington die Unions-Präsidenten Jefferson, Madison, Monroe, Harrison undTyler geborene Virginier waren. Und wie die Geschichte ist auch die Natur des Landes reich an Großartigem und Wunderbarem über und unter der Erde. Die Gebirge mit ihren ungeheueren Felsgebilden, die Ströme, deren Gewalt Berge durchbohrt hat, die Flüsse, die plötzlich spurlos unter dem Boden verschwinden, die Höhlen, deren Ausdehnung selbst die der Adelsberger übertrifft, die Wildnisse und Urwälder, und wieder die lockenden, behaglich breiten Thäler, die Fülle reizender Landschaften mit üppig bewaldeten Bergen, die Ebenen voll unerschöpflicher Fruchtbarkeit, die unermeßlichen Kohlenlager, die köstlichen Mineralquellen und die außerordentliche Mannigfaltigkeit der Thier- und Pflanzenwelt, dies Alles erhebt die 3137 deutschen Geviertmeilen des Staates an Werth und Interesse über viele weit ausgedehntere Länderflächen der Union. Die Natur hat es gut hier mit dem Menschen gemeint, hat ihm alle Thore zum gewaltigsten Fortschritt geöffnet, – der Mensch selbst aber hat diesem einen argen Riegel vorgeschoben in der Sklaverei, durch deren Einführung in die Heimath Washington’s das Jahr 1650 gebrandmarkt ist. Dieselbe wirkt hemmend nicht nur auf die Entwickelung der Industrie, sondern auch auf die Bevölkerungszunahme. Der Staat wird durch das Alleghanygebirg in die östliche und westliche Hälfte getheilt; beide zählten 1840 eine Bevölkerung von 1,239,747, worunter 448,987 Sklaven waren. Der Census von 1850 ergab eine Gesammtbevölkerung von 1,409,000, worunter sich 469,000 Sklaven befanden. Davon kamen auf Ost-Virginien 411,602 Freie bei 395,250 Sklaven, auf West-Virginien, wo hauptsächlich Deutsche wohnen, von denen der Ackerbau fleißig betrieben wird, 379,118 Freie bei nur 53,737 Sklaven. Während nun in letzterem Staatstheile die weiße Bevölkerung in den letzten Jahren bedeutend zugenommen hat, zeigt sie im östlichen Theile eine auffallende Verminderung bei unverhältnißmäßigem Wachsen der Sklavenzahl. Die technischen Gewerbe fanden bisher im Sklavenlande geringere Pflege als in den Nordstaaten, und der Plantagenbau hat an Boden und Markt verloren, und so reißt der Fluch der Sklaverei immer tiefer abwärts, so daß jetzt Virginiens Hauptausfuhr, außer in Weizen und Tabak, vor Allem in – Menschenfleisch besteht. Die Virginier sind zu Sklavenzüchtern geworden. Da hört allerdings alle Poesie auf, die der Entrüstung ausgenommen.
Richmond, der Gegenstand unseres Bildes, ist die Hauptstadt Virginiens und des Tabakshandels. Sie liegt unmittelbar unterhalb der Stromschnellen des Jamesflusses und macht schon in der Ferne einen sehr günstigen [88] Eindruck auf den Ankommenden. Ein Bach, der in den Fluß fällt, trennt zwei Hügel, an welchen die stattlichen Häuserreihen emporsteigen; zur Stadt gehört Shockon-Hill und die Vorstadt Rocketts. Mit dem am entgegengesetzten Ufer liegenden Manchester ist Richmond durch zwei Brücken verbunden. Die hohen dampfenden Schlöte, die Du neben den Thürmen von mehr als zwanzig Kirchen über die Dächer ragen siehst, deuten Dir schon von Weitem an, daß Du hier in eine Ausnahme von der virginischen Regel, d. h. in eine Stadt kommst, wo der Fabrikthätigkeit sich tüchtige Kräfte widmen. Die hiesigen Fabriken arbeiten in Glas, Papier, Eisenwaaren (es werden allein jährlich über ½ Million Pfund Nägel geliefert), Bier, Leder, Zucker und besonders in Tabak. Außerdem besteht eine Waffenfabrik und eine Kanonengießerei. Der Handel, der sich über die Erzeugnisse der Fabriken, des Plantagen- und des Bergbaus (namentlich Steinkohlen) erstreckt, ist durch den Umstand besonders begünstigt, daß Seeschiffe, die nicht über 10 Fuß tief gehen, den Jamesfluß herauf kommen und bei der Stadt anlegen können, während wiederum der Betriebsamkeit durch die Fälle des Jamesflusses eine ungeheuere Wasserkraft dargeboten ist. Eisenbahnen und Kanäle öffnen außerdem der Produktion Richmonds Verkehrszüge nach Nord, Süd und West und regelmäßige Dampfbootfahrten verbinden es mit nahen und fernen Hafenplätzen. Unter den etwa 30,000 Einwohnern sind nahe an 8000 Deutsche. – Unter den Gebäuden Richmonds ist das sehenswertheste das Staatenhaus (Kapitol) auf einem der beiden Hügel. Es ist nach dem Muster des berühmten sog. „Viereckigen Hauses“ (maison carrée)[2] in Nismes gebaut, von drei Seiten mit Säulen umgeben und geschmückt mit der schönen marmornen Bildsäule Washington’s von Houdon’s geschicktem Meißel und einem Brustbilde Lafayette’s. Ansehnliche Gebäude sind außerdem noch der Palast des Gouverneurs, das große Staatsarsenal, der Justizpalast, das Rathhaus und die Bauten der Anstalten für Wissenschaft, Kunst, Unterricht, Wohlthätigkeit und Vergnügen. Die Lage der Stadt ist so gesund, daß ihr sogar die etwas starke südliche Unreinlichkeit (natürlich im Vergleich zu der Nettigkeit und Reinlichkeit der nordischeren Städte der Union) wenig oder nicht schadet. Die Straßen sind zu beiden Seiten zwar mit schmalen Backsteinwegen für Fußgänger versehen, außerdem ungepflastert und bieten zu Zeiten in ihrem Morast Kühen, Schweinen und wollköpfigen Negerkindern einen wunderlichen gemeinsamen Spielplatz. Backstein ist auch das Hauptbaumaterial der meisten Häuser, die Bedachung meist Schiefer. Der Richmonder ist endlich nicht wenig stolz auf das hohe Alter seiner Stadt, d. h. nach amerikanischer Zeitschätzung, denn sie ist im Jahr 1742 gegründet, also vor mehr als 100 Jahren!
- ↑ Wir meinen H. W. Longfellow’s „The song of Hiawatha“, „Das Lied von Hiawatha“, deutsch von A. Böttger, Leipz. 1856, und von F. Freiligrath, Stuttg. 1857; – und J. Grant’s gefesselte Sklavin, eine lebensgroße Marmorstatue, welche auf der Weltindustrieausstellung zu London als Meisterstück gepriesen wurde.
- ↑ In einem der nächsten Hefte des Universums werden wir eine Abbildung dieses Prachtstücks antiker Baukunst liefern.