Strohwitwe

Strohwitwe (Deutsch)

Substantiv, f

Singular Plural
Nominativ die Strohwitwe die Strohwitwen
Genitiv der Strohwitwe der Strohwitwen
Dativ der Strohwitwe den Strohwitwen
Akkusativ die Strohwitwe die Strohwitwen

Nicht mehr gültige Schreibweisen:

bis 1901: Strohwittwe

Worttrennung:

Stroh·wit·we Plural: Stroh·wit·wen

Aussprache:

IPA: [ˈʃtʁoːˌvɪtvə]
Hörbeispiele:  Strohwitwe (Info)

Bedeutungen:

[1] umgangssprachlich scherzhaft: vorübergehend zurückbleibende Partnerin in einer Lebensgemeinschaft, deren Partner beziehungsweise Partnerin für eine gewisse (eher kürzere als längere) Zeit abwesend ist

Herkunft:

  • strukturell:
Determinativkompositum aus den Substantiven Stroh und Witwe
Das Wort ist erst seit Anfang des 18. Jahrhunderts bezeugt.[1][2][3][4][5] In den germanischen Sprachen begegnen jedoch eine Reihe zum Teil älterer Bildungen ähnlicher Art:[5]
Somit steht das deutsche Strohwitwe in einem großräumigen Kreis entsprechender Bezeichnungen wie „Gras“ („Hecken“, „Heuschober“)-witwe, seine semantische Herausbildung vollzieht sich ebenfalls großräumig und ist ab dem 16. Jahrhundert belegt.[5] Das SignifikatFrau, deren Mann verreist ist‘ steht mit dem offensichtlich älteren ‚(unzüchtiges) Mädchen, das keine Jungfrau mehr ist‘ in Verbindung (vergleiche spätmittelhochdeutsches strōbrūt  gmhMädchen, das schon vor der Hochzeit ein Kind erwartet‘,[1] schwäbisches Strohjungfer ‚die schon einmal auf dem Stroh gelegen oder sonst anrüchig ist und den [Stroh]-kranz verdient‘,[11] wobei auf dem Stroh liegen ‚in Kindesnöten sein‘[12] und StrohkranzKranz aus Stroh, für gefallene Mädchen[13] bedeutet). Gemeinsamer semantischer Ausgangspunkt der Bestimmungswörter all dieser Zusammensetzungen ist wohl die ‚Lagerstatt[1] (Gras, Heuschober, Stroh [speziell das Bettstroh[3]] beziehungsweise [Platz hinter der] Hecke[7]), auf der das Mädchen als ‚Witwe‘ verlassen wurde.[5] Der scherzhafte Gebrauch dieser Benennungen auf eine Frau, die nur vorübergehend als ‚Witwe‘ verlassen wurde, lag nahe, wie sich in einem Beispiel aus Goethes Faust zeigt;[5] dort klagt die zurückgelassene Marthe über ihren Ehemann:
„Gott verzeih’s meinem lieben Mann,
Er hat an mir nicht wohl gethan!
Geht da ſtracks in die Welt hinein,
Und laͤßt mich auf dem Stroh allein.“[14]
Grimm zufolge sind Erklärungsversuche, die allein vom Bedeutungsbereich der Komposita mit Stroh- ausgehen – beispielsweise die Herleitung von Strohmann ‚kein wirklicher Mann‘ (wonach Strohwitwe ‚keine wirkliche Witwe‘) – verfehlt.[5] Auch sei der begriffliche Zusammenhang mit der seit dem 16. Jahrhundert nachweisbaren Sitte des Strohkranzes kaum ursprünglich, jedoch könne sie eine sekundäre Einwirkung auf die Verbreitung des Wortes Strohwitwe gehabt haben.[5]

Synonyme:

[1] bairisch, sonst veraltet: Strohwittib

Sinnverwandte Wörter:

[1] grüne Witwe, lustige Witwe, politische Witwe, weiße Witwe

Männliche Wortformen:

[1] Strohwitwer

Beispiele:

[1] „Himmliſch kannſt du ſprechen, Herzkind, und einer jungen Strohwittwe, die noch dazu das Unglück hat, ſelbſt in ihren Landläufer von Gemahl verliebt zu ſeyn, den Kopf ſchon verdrehen; aber kennſt du die Welt, das taube, hartmäulige Thier?“[15]
[1] „Liduſchka, die Schwiegertochter des alten Richters, die junge Strohwittwe, wie man ſie im Dorfe nannte, weil ihr die Kaiſerlichen ihren Mann kurze Zeit nach der Hochzeit als Soldaten weggeführt hatten, Liduſchka hatte hinter dem Ofen alles geſehen und gehört, was in der Stube vorging.“[16]
[1] „Am folgenden Tage übernahm ein gutmüthiger College unſere Praxis und trug leicht an der Laſt; am zweiten Tage nach Empfang des Briefes, Morgens um ſieben und ein halb Uhr, war ich zum erſten Mal zu einer jungen betrübten Strohwittwe geworden, welcher von allen Vergnügungen des Daſeins nichts weiter übrig geblieben war, als nach dem nothdürftigſten Verſiegen der Trennungstränen erſt die Wohnung von hinten und vorn zu ſcheuern, dann die große Wäſche anzuſtellen und zuletzt matt, weich und wehmüthig bei den Eltern Troſt und Schutz zu ſuchen.“[17]
[1] „Und ihre Arme von hinten um Lottes Hals schlingend, fuhr Lena lustig fort: ‚Beichte nur gleich, Lottchen, dass Du am ersten Feiertag Strohwitwe bist. …. Frau Wohlgebrecht wird sich Deiner gewiss mit Freuden annehmen. […]‘“[18]
[1] „Die Regierung trommelte aus ganz Ungarn Ehefrauen der Honved-Spieler zusammen, meldete ein Ferngespräch nach Rio an und drückte den Strohwitwen der Reihe nach den Hörer in die Hand, […]. Die Frauen waren seinerzeit mit ins Ausland geflüchtet, aber inzwischen nach Ungarn zurückgekehrt. Die derart massiv über den Atlantik gehauchte Sehnsucht der Strohwitwen nach ihren Männern, die einzeln an den Apparat zitiert wurden, gipfelte jeweils in der Beschwörung: ‚Nun sei doch lieb und komm' nach Haus!‘“[19]
[1] „Da standen nun die drei trauernden Strohwitwen den lieben langen Tag vor der verschlossenen Pforte, ergingen sich in beweglichen Klagen und forderten laut und stürmisch das ›Diebesgut‹ zurück.“[20]
[1] „Die zurückgebliebenen Strohwitwen auf Andros müssen den unsteten Lebenswandel ihrer Göttergatten kompensieren.“[21]
[1] „Ich wurde in einer jüdischen Familie in Brasilien geboren. Mein Vater stammt aus Polen, meine Mutter aus Bessarabien. Mein Opa mütterlicherseits hatte seinerzeit gehört, dass Brasilien ein Eldorado sei, und wollte sein Glück versuchen. Meine Oma folgte ihm samt Tochter Jahre später: Sie war eine sehr mutige Frau und war es leid, als Strohwitwe zu leben.“[22]

Übersetzungen

Referenzen und weiterführende Informationen:
[1] Wikipedia-Artikel „Strohwitwer
[1] Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache „Strohwitwe
[*] Online-Wortschatz-Informationssystem Deutsch – elexiko „Strohwitwe
[1] The Free Dictionary „Strohwitwe
[1] Duden online „Strohwitwe
[1] Großes Wörterbuch der deutschen Sprache „Strohwitwe“ auf wissen.de
[1] PONS – Deutsche Rechtschreibung „Strohwitwe
[*] Uni Leipzig: Wortschatz-PortalStrohwitwe
[1] Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. 16 Bände in 32 Teilbänden. Leipzig 1854–1961 „Strohwitwe
[1] Duden, Das große Wörterbuch der deutschen Sprache. 10 Bände auf CD-ROM ; mehr als 200 000 Stichwörter mit rund 90 000 Belegen aus mehreren Hundert Quellen ; vielfältige Recherchemöglichkeiten ; für MS Windows und Apple Macintosh. Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2000, ISBN 978-3-411-71001-0, Stichwort »Strohwitwe«.
[1] Renate Wahrig-Burfeind (Herausgeber): Wahrig, Deutsches Wörterbuch. 9. Auflage. Wissen-Media-Verlag, Gütersloh/München 2011, ISBN 978-3-577-07595-4, Stichwort »Strohwitwe«, Seite 1432 (Internet Archive).

Quellen:

  1. 1 2 3 4 Nach Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, digitalisierte und aufbereitete Ausgabe basierend auf der 2., im Akademie-Verlag 1993 erschienenen Auflage. Stichwort „Strohwitwe
  2. Nach Wahrig Herkunftswörterbuch „Strohwitwe“ auf wissen.de
  3. 1 2 Nach Dudenredaktion (Herausgeber): Duden, Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. In: Der Duden in zwölf Bänden. 5., neu bearbeitete Auflage. Band 7, Dudenverlag, Berlin/Mannheim/Zürich 2013, ISBN 978-3-411-04075-9, Stichwort »Stroh: Strohwitwe«, Seite 830.
  4. Nach Friedrich Kluge, bearbeitet von Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24., durchgesehene und erweiterte Auflage. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 978-3-11-017473-1, DNB 965096742, Stichwort »Strohwitwe«, Seite 891–892.
  5. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 NachJacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. 16 Bände in 32 Teilbänden. Leipzig 1854–1961 „Strohwitwe
  6. 1 2 3 Nach Online Etymology Dictionary „grass+widow
  7. 1 2 3 Nach etymologiebank.nl (Datenbank niederländischer und afrikaanser etymologischer Wörterbücher): „haagweduwe
  8. Nach Van Dale onlinewoordenboek Nederlands-Duits: „haag
  9. Nach Ordbog over det danske Sprog: „Græs-enke
  10. Nach Ordbog over det danske Sprog: „Straa-enke
  11. Nach Hermann Fischer, Wilhelm Pfleiderer: Schwäbisches Wörterbuch. In 6 Bänden. Laupp, Tübingen 1904–1936, DNB 560474512, Fünfter Band: O. R. S., Stichwort »Stro-jungfer«, Spalte 1875 (Digitalisat der HathiTrust Digital Library).
  12. Nach Hermann Fischer, Wilhelm Pfleiderer: Schwäbisches Wörterbuch. In 6 Bänden. Laupp, Tübingen 1904–1936, DNB 560474512, Fünfter Band: O. R. S., Stichwort »Stro«, Spalte 1871 (Digitalisat der HathiTrust Digital Library))
  13. Nach Hermann Fischer, Wilhelm Pfleiderer: Schwäbisches Wörterbuch. In 6 Bänden. Laupp, Tübingen 1904–1936, DNB 560474512, Fünfter Band: O. R. S., Stichwort »Stro-kranz«, Spalte 1875 (Digitalisat der HathiTrust Digital Library).
  14. Johann Wolfgang von Goethe: Fauſt. Eine Tragoͤdie. 1. Auflage. [I]n der J. G. Cotta’ſchen Buchhandlung, Tuͤbingen 1808, Seite [184] (Deutsches Textarchiv).
  15. Karl Immermann: Muͤnchhauſen. Eine Geſchichte in Arabesken. 1. Auflage. Vierter Theil, Verlag von J. E. Schaub, Duͤſſeldorf 1839, Seite 288–289 (Deutsches Textarchiv).
  16. Moritz Hartmann: Der Krieg um den Wald. Eine Hiſtorie. 1. Auflage. Literariſche Anſtalt (J. Rütten), Frankfurt am Main 1850, Seite 19 (Google Books).
  17. Wilhelm Raabe: Drei Federn. 1. Auflage. Druck und Verlag von Otto Janke, Berlin 1865, Seite 134 (Google Books).
  18. Dora Duncker: Grossstadt. Roman. 1.–10. Tausend, Rich[ard]. Eckstein Nachf[olger]. (H. Krüger), Berlin [1900], Seite 49 (Google Books).
  19. Laßt Strohwitwen sprechen. In: DER SPIEGEL. Nummer 07, 13. Februar 1957, ISSN 0038-7452, Seite 41.
  20. Li Yü: Jou Pu Tuan (Andachtsmatten aus Fleisch). Ein erotischer Roman aus der Ming-Zeit. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1979 (Originaltitel: 肉蒲團, übersetzt von Franz Kuhn), ISBN 3-596-22451-9, Seite 337 (Lizenzausgabe des Verlags Die Waage, Zürich-Kilchberg 1959; Chinesische Originalausgabe 1634).
  21. Manuel Gogos: Ioanna Karystiani, die Nostalgikerin. In: taz.die tageszeitung. Nummer 6570, 10. Oktober 2001, Seite Ⅵ [1006] (überregionale Ausgabe; Beilage Literataz).
  22. Matilda Jordanova-Duda: „Ich bin Feministin“. In: Jüdische Allgemeine. Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. 20. Mai 2020, ISSN 1618-9698, Seite 16 (Onlineversion vom 24.05.2020: URL, abgerufen am 22. Februar 2026).