Albany

Trapani und der Berg Eryx Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band (1859) von Friedrich Hofmann
Albany
Rock Island City
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ALBANY
ON THE HUDSON.

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Albany.




Wer in Newyork des Morgens an Bord eines der zahlreichen Dampfer geht, die an den meilenweit sich erstreckenden Werften dem Ufer des Hudson entlang sich schaukeln, befindet sich Nachmittags bei guter Zeit in Albany, der Hauptstadt des Staates Newyork. Die Entfernung beträgt etwa 145 englische Meilen und ist also nicht weiter als von Köln bis Mannheim. Die Fahrt auf einem schwimmenden Palaste läßt nichts zu wünschen übrig; das Schiff geht rasch und die Gegend ist schön. Allerdings fehlen dem Hudson die rebenbedeckten Berge und die mittelalterlichen Ruinen unseres Rheins, die Geschichte der Ansiedelungen reicht nicht in die Tage der Römer zurück und die neue Welt hat unser Lehn- und Ritterwesen nicht gekannt. Aber trotzdem kann der Hudson sich mit unserm deutschen Strom in mancher Hinsicht dreist messen. Er wogt breiter und majestätischer einher, seine zum großen Theil waldbedeckten Berge bieten eine größere Mannigfaltigkeit malerischer Gegenden dar; Hunderte von Dampfern, Fluß- oder Kanalschiffen begegnen dem Reisenden, dessen Blick bald von einem freundlichen Flecken, bald von einem vereinzelten Gehöfte angezogen wird, das aus grünen Maisfeldern hervorlugt oder von hundertjährigen Bäumen umschattet wird. Und sieht er keine Trümmer aus dem Mittelalter oder aus der Römerzeit, so wird er wenigstens durch die Namen der Städte an die glänzenden Epochen der Völker des Alterthums erinnert. Die Nordamerikaner, welche selbst aus allen Richtungen der Windrose nach jenen Küsten zusammengeweht worden sind, haben auch alle Länder geplündert, um ihren nagelneuen Ansiedelungen ehrwürdige Namen aus dem Alterthum zu geben. Da liegt ein kleines Dorf, das aus nur 20 oder 30 Häusern besteht, und fragt man, wie dasselbe [165] heiße, dann lautet die Antwort eines ortskundigen Mannes: Athen. Aber diesem Athen fehlen die Akropolis und das Parthenon, auch hat es noch keinen Sophokles oder Demosthenes und Perikles hervorgebracht; es ist nur von arbeitsamen Gerbern und derben Ackerbauern bewohnt. Und dieses Athen ist nicht etwa das einzige dieses stolzen Namens; die Karte des großen Staatenbundes weist deren wohl noch ein Dutzend auf. Wer auf dem Deck eines Hudsondampfers steht, hat weiter das Vergnügen, stromauf an Babylon und Jericho, Salem und Libanon, Gosen und Troja (Troy) vorüber zu kommen; Syracus, Utica und Rom kann er mit Hülfe des Dampfwagens in ein paar Stunden erreichen, und dabei Oxford und Hamburg, Cairo und Glasgow berühren. Während er noch den Betrachtungen sich hingibt, welche die Mahnung an so viele verschwundene Herrlichkeiten ihm aufdrängt, erschallt die Glocke, das Feuerschiff wirft seinen Anker aus und legt neben vielen andern seines Gleichen am Werft zu Albany an.

Welch ein Abstand zwischen heute und dem Jahre 1807, in welchem Robert Fulton seinen ersten schüchternen Versuch wagte, gegen Wind und Strömung mit einem durch die Kraft des Dampfes getriebenen Schiffe anzukämpfen! Der Gedanke, daß diese Kraft sich zu praktischen Zwecken der Schifffahrt verwenden lasse, gehört zwar nicht jenem Manne, er war vor ihm von dem pennsylvanischen Deutschen David Ritterhaus ausgesprochen worden, und Fitch und Rumsey hatten dann in den Jahren 1787 und 1788 Modelle für Dampfboote gezimmert. Aber Fulton kann die Ehre in Anspruch nehmen, daß seine Versuche gelangen und von ungeheurem Erfolge waren. Er ist das Werkzeug gewesen, durch welches der gesammte Weltverkehr eine völlige Umwandlung erlitten hat. Wenn er doch, wie wir, sehen könnte, daß Dampfer bis in das Herz von China oder bis in die Nähe der Missouriquellen hinaufgehen, daß sie zu Tausenden, nachdem seit dem ersten Versuche nur ein halbes Jahrhundert verfloß, auf allen großen Strömen, in allen Welttheilen und Zonen, in Thätigkeit sind und zu Hunderten die Wogen des Weltmeers durchschneiden! – Fulton stieß als Reformator, als ein Mann der Neuerungen, auf dieselben Schwierigkeiten, Hindernisse und Bedenklichkeiten, wie alle Verbesserer in allen Zeiten. Der Prophet gilt daheim wenig oder nichts, und neue Apostel finden nur mit Mühe Gehör. Seine Freunde hatten ihm wohlmeinend gerathen, Zeit und Geld nicht an Versuche zu wagen, die schon einige Male mißlungen seien, aber der unternehmende Mann blieb bei seinem Vorsatze, den er herrlich hinausführte.

Robert Fulton, dessen Werk der ganzen Welt so unberechenbaren Nutzen bringt, ist arm gestorben; er lebte von einem mäßigen Jahrgehalt, welchen ein Freund ihm gewährte. Man kann sich der Rührung nicht erwehren, wenn man einen seiner Briefe liest, in welchem er einem Bekannten schreibt, wie es ihm mit seinem Unternehmen ergangen sei. „Als ich mein erstes Dampfboot zu bauen anfing, hielten mich die Leute in Newyork für [166] einen Träumer; sie spöttelten über mich oder verhielten sich gleichgültig. Meine näheren Freunde waren allerdings höflich, aber doch schlau und zurückhaltend, und wenn sie auch meine Erläuterungen geduldig anhörten, so sah ich doch an dem Ausdruck ihrer Mienen, wie ungläubig sie sich verhielten. Während mein Boot gebaut wurde, mischte ich mich oft unter die Menschengruppen, welche der Arbeit zusahen und sich über das neue Schiff unterhielten. Sie machten sich lustig über mich, den sie nicht persönlich kannten, und ich hörte nicht viel Gutes. Der Eine lachte laut über die Schwindelei, der Andere fertigte mich mit trockenen, wegwerfenden Bemerkungen ab, der Dritte bedauerte, daß so viel Geld vergeblich weggeworfen werde, kurz, überall hieß es, Fulton sei ein Narr geworden. Auch nicht eine einzige beifällige oder aufmunternde Bemerkung habe ich vernommen, Niemand machte mir Hoffnung auf ein Gelingen, Keiner suchte mir den Pfad zu ebnen. So kam der Tag heran, den ich für meinen Versuch anberaumt, und Sie mögen sich selber sagen, wie mein Gemüth gespannt war. Ich bat meine Freunde, mit mir an Bord zu gehen und die erste Fahrt mit zu machen, an deren gutem Erfolg ich nicht zweifelte. Manche fanden sich wirklich ein, aber doch nur, um mir persönlich nicht wehe zu thun, ich merkte es ihnen jedoch recht wohl an, wie ungern sie gekommen waren; sie hätten lieber sich und mir die Täuschung erspart; denn daß mein Unternehmen gelingen könne, glaubten sie nicht. Nun war allerdings Ursache genug vorhanden, an dem guten Erfolge zu zweifeln. Die Maschinen waren neu und nicht gut gearbeitet, weil ich mich mit Handwerkern behelfen mußte, die dergleichen zum ersten Male machten, auch konnten ja möglicher Weise irgend welche unvorhergesehene Hindernisse sich einstellen. Endlich kam der entscheidende Augenblick; ich gab Befehl, das Schiff in Bewegung zu setzen. Meine Freunde standen in Gruppen auf dem Verdeck; sie waren offenbar voll Furcht und Besorgniß. Alle schwiegen; ich las in ihren Blicken nichts Gutes und einen Augenblick war ich nahe daran, mein Unternehmen zu bereuen. Jetzt bewegte sich das Boot, lief eine Strecke weit, blieb dann aber stehen und wollte nicht weiter. Die Leute fingen nun an zu murren, ich sah, wie mißvergnügt und aufgeregt sie waren; manche flüsterten einander zu, viele zuckten die Achseln, und ich hörte die Worte: „„habe ich es nicht gleich von Anfang an gesagt?““, oder: „„die ganze Geschichte läuft auf einen albernen Schwindel hinaus““, oder: „„wenn wir nur erst von diesem verwünschten Boote wieder fort wären!““ Ich trat vor und erklärte, die Ursache, weshalb das Schiff nicht weiter gehe, sei mir zwar unbekannt, man möge sich aber nur eine halbe Stunde gedulden, bis dahin würde das Boot wieder in Bewegung sein; wo nicht, so habe die Fahrt für dasmal ein Ende. Nun stieg ich in den Maschinenraum hinab und fand, daß eine kleine Ungenauigkeit die Ursache meines Mißgeschicks war, die Sache war indeß bald in Ordnung gebracht. Und nun lief das Boot. Newyork lag bald hinter uns und ich erreichte glücklich Albany. Aber selbst durch diese Thatsache ließen die Zweifler sich noch nicht überzeugen; sie [167] meinten, eine zweite Fahrt könne nicht gelingen, und wenn das auch der Fall, so habe die ganze Dampfschifffahrt doch nur geringen Werth.“

Mit solchen Widerwärtigkeiten hatte der unternehmende Fulton zu kämpfen, bevor er Albany erreichte. Aber sogar noch 30 Jahre später, als schon längst Dampfer auf dem Meere schwammen, zeigte sich eine ähnliche Beschränktheit in dem fortschrittsstolzen England. Gelehrte Physiker und Mechaniker suchten grundsätzlich nachzuweisen, daß eine Dampfschifffahrt zwischen Europa und Amerika ganz unmöglich sei, und wenn nicht praktische Schiffsführer und Maschinenleute, welche lediglich nach ihrem gesunden Menschenverstand urtheilten, im Jahre 1837 die Fahrt gewagt hätten, wäre die transatlantische Dampfschifffahrt noch lange nicht zur Thatsache geworden.

Doch wir wenden uns zurück nach Albany, das zu den ältesten Ortschaften im Gebiete der Vereinigten Staaten gehört, denn die ersten Hütten wurden an der Stelle, wo nun die prächtige Stadt sich erhebt, schon im Jahre 1612 erbaut. Drei Jahre früher war Heinrich Hudson, der berühmte englische Seefahrer, in holländischem Dienste von Amsterdam abgefahren, um auf westlichem Wege eine Durchfahrt nach Indien zu suchen. Aber er fand eine solche weder an der Chesapeakebay, noch in der Mündung des Delaware. Dann steuerte er nach Norden an der Küste hin und gelangte so in den Long Island Sund und in die Bucht von Newyork, in welche sich jener schöne Strom ergießt, welcher nach Hudson den Namen führt. Flußaufwärts war das Land an beiden Ufern eine prächtige, von Indianern durchschweifte Wildnis, aber die Holländer erkannten mit richtigem Blicke die Bedeutung dieser Gegend und beschlossen, in derselben Ansiedelungen zu gründen, um von diesen aus mit den Eingeborenen einen einträglichen Pelzhandel zu treiben. Sie bauten das Fort Aurania am Hudson, das 1620 den Namen Beverwyk erhielt, diesen mit Fort Orange vertauschte und dann bis 1647 Willenstad genannt wurde. Bald nach ihrer Niederlassung wurden die Holländer in mannigfache Streitigkeiten mit ihren nördlichen Grenznachbarn, den englischen Puritanern in Connecticut, verwickelt; die Republik der Vereinigten Niederlande gerieth mit dem Könige von Großbritannien in Krieg, und sah sich genöthigt, im Jahre 1667 Albany, New-Amsterdam (das heutige Newyork), überhaupt die Region am Hudson den Engländern abzutreten und dafür die westindische Kolonie Surinam als Entschädigung anzunehmen.

Die Stadt führt seitdem den Namen Albany, ist aber fast anderthalb Jahrhunderte lang nur ein unbedeutender Flecken geblieben, der im Jahre 1800 erst 5000 Einwohner zählte. Diese hatten sich lange mit Ackerbau und Flußschifffahrt begnügt, einige Mahl- und Sägemühlen angelegt und waren zu mäßigem Wohlstande gelangt. Aber ein lebhafter Ausschwung fehlte. Einige Bewohner, welche durch den Pelzhandel ein nicht unbeträchtliches [168] Vermögen erworben hatten, waren freilich so kühn, mit Westindien unmittelbare Handelsverbindungen anzuknüpfen, und allmählig hob sich auch der Handel. An politischer Bedeutung gewann Albany, seitdem es von 1797 an Sitz der Behörden des Staates Newyork und Versammlungsort der gesetzgebenden Versammlung war. Im Jahre 1770 hatte die Stadt ihre erste Buchdruckerpresse erhalten und im folgenden Jahre ihre erste Zeitung.

Albany ist in demselben Grade nachhaltig emporgewachsen, in welchem der Staat Newyork sich entwickelt hat, und je beträchtlicher die Einwanderung aus Europa wurde. Im Jahre 1810 zählte man 9356 Einwohner, zehn Jahre später 12,630, aber 1850 war die Ziffer schon auf mehr als 50,000 gestiegen, und gegenwärtig übersteigt sie beträchtlich 60,000. Das Gedeihen der Stadt ist durch die großartige Ausdehnung der Kanäle und der Eisenbahnen mächtig gefördert worden; durch diese ward es mit den großen Binnenseen einerseits und mit dem Ohio und Mississippi andererseits in Verbindung gebracht, und die Bewohner haben die Vortheile der günstigen Lage am Hudson trefflich zu benutzen verstanden.

Gegenwärtig gehört Albany in erster Reihe zu den schönsten und wichtigsten Städten der großen Union. Vom Strom oder vom gegenüberliegenden Ufer aus gewährt sie einen stattlichen Anblick. Die Staatsstraße führt hinauf zu dem Capitolium, welches den Gipfel eines Hügels krönt, und von einem hübschen parkartigen Platz umgeben ist. Auf Reinheit des Baustyls und auf architektonischen Geschmack darf man bekanntlich in Nordamerika keinen Anspruch machen, und auch dieses Capitolium macht davon keine Ausnahme. In den bequemen Räumen hält die Staatsgesetzgebung ihre Sitzungen. Der Senat zählt 32 Mitglieder, die Assembly, welche auf zwei Jahre gewählt werden, bestehen aus 128 Repräsentanten, welche nur ein Jahr lang fungiren. Darin liegt ein großer Uebelstand, weil durch ununterbrochenen Wechsel alle Stätigkeit und feste Berechnung in Staatsangelegenheiten abhanden kommt und die schlimmste Seite im politischen Leben Nordamerika’s, das unablässige Gezänk und Gezerr der um besoldete Aemter sich streitenden Parteipolitiker, immer wieder frische Nahrung erhält. Doch wir erörtern diese Angelegenheit ein anderes Mal.

Die meisten öffentlichen Gebäude in Albany sind aus weißem Marmor aufgeführt; dahin gehören die State Hall, ein Regierungsgebäude, in welcher sich die Archive des Staates befinden, und die City Hall. Die Börse, deren Bau nahe an 400,000 Dollars kostete, ist aus Granit gebaut; in ihr befindet sich auch die Post. Daß an einer großen Anzahl von Kirchen für die verschiedenen Glaubensgenossen kein Mangel ist, versteht sich in einer nordamerikanischen Stadt von selbst. In Folge des großen Brandes am 18. August 1848, welcher nicht [169] weniger als 436 Gebäude in Asche legte, ist die Stadt sehr verschönert worden, indem aus den Trümmern neue, schönere Häuser sich erhoben.

Albany ist zugleich als Gewerbs- und Handelsstadt von hervorragender Bedeutung, namentlich auch in Bezug auf die Eisenfabrikation. Seine großen Werkstätten zur Herstellung von Maschinen genießen weit und breit einen wohlerworbenen Ruf, die Gießereien versenden jährlich mehr als 100,000 Oefen, und unter den vielen Fabriken liefert eine einzige im Laufe eines Jahres durchschnittlich für eine Million Dollars an gewalztem Eisen, Nägeln und dergleichen Sachen. Auch die sogenannten Argillofabriken sind von Belang. Aus ihnen gehen eine Menge von Artikeln hervor, die aus einem blauen Thon verfertigt werden und das Ansehen vom Marmor haben, zum Beispiel Thürgriffe, Tischplatten, Kamine, Ornamente etc. Endlich müssen wir die Brauereien hervorheben, welche das berühmte Albany Ale liefern; dasselbe wird weit und breit verführt und geht bis Westindien und Brasilien. Seit einigen Jahren haben auch die deutschen Lagerbierbrauereien sich Ruf erworben. Unter den übrigen Gewerbszweigen ragt die Verfertigung von Hüten und Pelzmützen hervor; sie liefern jährlich für nahe an anderthalb Millionen Fabrikate, und eine derselben beschäftigt etwa 700 Arbeiter. Auch verdienen Erwähnung die vielen Seife- und Lichterfabriken und einige große Anstalten zum Bau von Lokomotiven und Eisenbahnwägen.

Das ausgedehnte Netz von Kanälen, welches die Verschiffung der Waaren im Staate Newyork so sehr erleichtert und wohlfeil gemacht hat, war im Jahr 1825 im Wesentlichen vollendet. Da diese künstliche Wasserstraße bei Albany am Hudson beginnt, so konnte es nicht fehlen, daß diese Stadt aus einer so günstigen Umgestaltung der Verkehrsverhältnisse erheblichen Vortheil zog. Gleichzeitig gewann auch die Dampfschifffahrt auf dem Strome eine größere Ausdehnung, und auch die Eisenbahnen trugen mächtig bei zum Aufschwunge des Handels. Albany ist insbesondere für die Kanalschifffahrt ein natürlicher Stapel- und Umschlagsplatz, seine Spedition wuchs rasch, das große Kanalbecken, mit seinen Docks, welche auf Staatskosten gebaut wurden, bilden einen bequemen Kanalhafen. Während der Werth der Waaren, welche auf den Kanälen aus dem Innern bei Albany an den Hudson kamen, 1834 erst 13½ Millionen betrug, war derselbe 1847 schon auf 72½ Millionen gestiegen, hatte sich also in der Zwischenzeit mehr als verfünffacht, und ist seitdem noch gestiegen, obwohl die Eisenbahnen dem Kanal eine Konkurrenz machen, welche nachtheilig auf die Waarenbeförderung zu Wasser einwirkt. In dem letztgenannten Jahre wurden in Albany an Waaren, die für das Innere bestimmt waren und aus den Stromschiffen auf Kanalbarken übergingen, für 93 Millionen Dollars clarirt, der gesammte Waarenumschlag betrug schon damals den ungeheuern Betrag von mehr als 165 Millionen Dollars. Man kann aus dieser Ziffer [170] abnehmen, wie großartig der Transport auf dem Hudson ist, denn abgesehen von andern Verkehrswegen, auf welchen ihm Waaren zugeführt werden, oder an welche er dergleichen abgibt, empfängt er Alles, was auf dem Erie, Champlain- und Oswegokanale schwimmt, oder für dieselben zur Weiterbeförderung bestimmt ist. Und Albany bildet, wie wir schon andeuteten, zugleich einen Anfangs- und Endpunkt der künstlichen Wasserstraßen, welche den atlantischen Ocean mit den großen Strömen und Seen im Westen und Nordwesten verbinden.[1]

Nicht zu den geringsten Vorzügen des Staats Newyork gehört die hohe Blüthe seines Schulwesens, für welches er kein Opfer scheut. Für die Zwecke der öffentlichen Erziehung steht ihm ein Kapital zu Gebote, das sich auf etwa zehn Millionen deutsche Thaler beläuft, und für die Gehälter von Lehrern und Lehrerinnen zahlt er jährlich etwa 1,300,000 Dollars. Eine nicht geringe Zahl jener geht aus dem Lehrerseminar zu Albany hervor, in welchem beständig 200–300 Zöglinge ihre Ausbildung für das Schulfach erhalten; unter diesen befinden sich auch manche für die Gebiete der Indianer und Farbigen bestimmte. Von der „Akademie“ in Albany pflegen die Amerikaner großes Aufheben zu machen; genauer besehen ist sie aber nicht einmal mit einem unserer deutschen Gymnasien zu vergleichen. Man darf sich überhaupt nicht durch die hochtönenden Namen täuschen lassen, welche Bruder Jonathan seinen Unterrichtsanstalten beilegt; sie sind durchgängig einseitig und, nach deutschen Begriffen wenigstens, sehr mangelhaft eingerichtet. Jede gewöhnliche Mädchenpension, in welcher Unterricht ertheilt wird, gibt man für eine Akademie aus; die „Albany Female Academy“ macht nur darin eine Ausnahme, daß sie in großem Styl angelegt ist und etwa vierhundert Schülerinnen zählt. Der Lehrplan ist wunderlich genug; die „Facultät“ besteht aus einem Professor der „Mental philosophy“ und Rhetorik, einem zweiten für Physik, Chemie und Botanik, einem dritten für französische und spanische Sprache (die deutsche fehlt!), einem vierten für Beredsamkeit. Dazu kommt noch ein Lehrer für Griechisch und Lateinisch, und ein Musikus, welcher Kirchenmusik, Orgel-, Harfen- und Pianofortespielen lehrt. Nimmt man noch einen Mann hinzu, der Zeichnenstunde gibt, so hat man die ganze „Akademie!“ Ein Augenzeuge, welcher dieselbe vor Kurzem besucht hat, hebt mit Recht hervor, wie nachtheilig es sei, daß diese 400 „Akademikerinnen“ weder spaziren gehen, noch zu irgend einer körperlichen Uebung angehalten werden. Er fand unter ihnen auch nicht ein einziges frisches, kräftiges, voll- und rothwangiges Mädchen; alle sahen bleich aus, waren mager oder gar klapperdürr, ohne auch nur eine Spur von schönen, runden Formen. Natürlich! Sie kommen kaum in’s Freie, müssen täglich sechs [171] Stunden auf der Schulbank sitzen und dann noch vier Stunden lernen, Aufgaben machen und sich vorbereiten. Die geistige Abrichtung richtet den Körper zu Grunde. Das Uebel ist überall so arg geworden, daß in neuerer Zeit die Tagespresse sich genöthigt sieht, zu warnen und eine zweckmäßigere Lebensweise zu empfehlen. Warum sind die deutschen Mädchen in Amerika frisch und derb und rothwangig? Weil sie in die frische Luft gehen, tanzen, arbeiten, vernünftig essen und trinken und nicht als Kinder heirathen. Aber die Amerikanerin, das Yankeemädchen der reichen und wohlhabenden Klassen in den Städten, wird systematisch verzärtelt und verkünstelt. Es kommt wenig an die freie Luft, muß schon früh viele unnütze Dinge auswendig lernen, um „gebildet“ erscheinen zu können, wird als Backfisch in die Gesellschaft geführt, spielt von fünfzehn bis siebenzehn Jahren eine Rolle, steht spät auf, kleidet sich unzweckmäßig, heirathet, bevor es noch recht mannbar geworden, verschlingt fast nur schwere unverdauliche Speisen, nascht den ganzen Tag Süßigkeiten und Pasteten, trinkt Eiswasser im heißen Sommer, hat Widerwillen gegen einfache, nahrhafte Kost, medicinirt vom zehnten Jahre an, und bekommt sehr früh einen schlechten Magen und schwachen Unterleib. An dieser Schilderung ist Nichts übertrieben. Hin und wieder fängt man wohl an, sich die Lebensweise der deutschen Mädchen zum Muster zu nehmen; so lange es aber für niedrig und gemein gilt, wenn eine Jungfrau frisch und prall aussieht und den Stempel der Gesundheit an sich trägt, wird es nicht besser werden, und Nordamerika nach wie vor Hunderttausende von bleichwangigen, schmalbrüstigen, magern Zierpuppen heranziehen, die schon gealtert sind, bevor sie ein Vierteljahrhundert überschritten haben.

K. A.