Alessandria

Der Rhein bei Caub Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band (1859) von Friedrich Hofmann
Alessandria
St. Joseph im Staate Missouri
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ALESSANDRIA

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Alessandria.




In der Vorhalle der St. Marcuskirche zu Venedig bezeichnen vier rothe Steine des Marmorbodens die Stelle für eines der denkwürdigsten Charakterbilder der deutschen und italienischen Geschichte. Ein deutscher Kaiser kniete hier vor einem römischen Papst, derihm den Fuß auf den Nacken setzte mit den Worten der Bibel: „Auf Ottern und Löwen wirst du gehen!“

Dieser Kaiser war Friedrich Barbarossa, der Papst Alexander III.; gegen den Kaiser ist die Stadt gebaut worden, deren Bild uns vorliegt, und dem Papste zu Ehren trägt sie ihren Namen.

Der Kampf der Lombarden gegen die deutsche Kaisermacht, der innerhalb des letzten Decenniums vor unseren Augen zu zweien Malen entbrannte, ohne sein letztes Ziel erreicht zu haben, ist ein mehr als tausendjähriger. Mit der alten deutschen Kaisermacht beginnend, hat er diese sogar überlebt und nichts an der seines Hasses verloren bis auf diesen Tag.

Es ist eine konsequente Erscheinung in der Geschichte unseres Volks, daß gerade diejenigen deutschen Stämme, welche sich als Eroberer in fremden Ländern niedergelassen haben, den von ihnen materiell unterdrückten Nationen geistig erlagen, in ihnen aufgegangen und endlich die treuesten Bestandtheile und tapfersten Vertheidiger derselben geworden sind. So die Angelsachsen in England, die Gothen in Spanien, die Franken in Frankreich, und ebenso die Longobarden in Italien. Die Geschichte der Letzteren tritt, wie die aller Völker, aus dem dunklen Grün eines Sagenwaldes heraus auf das freie Feld der Thaten. Die Sage erzählt: Es war einmal in Dänemark eine große Ueberschwemmung und nach ihr eine große Hungersnoth über das Land gekommen, so daß die Versammlung des Volks fast zu dem Entschluß verleitet worden wäre, alle Alten und Kranken jedes Geschlechts zu tödten, damit die Jungen und Gesunden gerettet würden. Da sprach Gambara, eine sehr weise Frau: Lasset uns das Loos werfen um ein Drittel des Volks, daß es hinausziehe und in der Fremde sich eine neue Heimath suche. Und so geschah es; und die auszogen, hießen Winilen, und ihre Führer waren Ibor und Ajo. Als [117] aber einstmals auf ihrem Zuge gegen den Mittag die Vandalen ihnen den Weg vertraten und Wodan um seine Hülfe anfleheten, gelobte der Gott Denen den Sieg, auf die beim ersten Strahl der Sonne sein Blick fallen werde. Da stellten die Winilenfrauen am Morgen sich in Schlachtordnung zu den Männern, die langen Haare über das Gesicht gezogen, und Wodan erstaunte und frug: Wer sind die langen Bärte? So gewannen die Helden des Nordens den Sieg und behielten den Namen, nach Wodans Ausspruch: Longobarden.

Nach der Völkerwanderung erscheinen die Longobarden zwischen anderen, zum Theil später untergegangenen Wandervölkern in den Gebirgen Oesterreichs; in das Bereich der Chronologie treten sie erst unter ihrem Könige Alboin. Als, gleich dem Belisar, mit griechischer Treue vom byzantinischen Kaiserhofe auch dem Narses gelohnt war, rief dieser die Longobarden nach Italien; Alboin folgte dem Ruf und die Gepiden und 20,000 Sachsen schlossen sich dem mächtigen Zuge an. Diese germanischen Schaaren überschauten im Jahre 568 von den Höhen der Alpen zum ersten Male die weite blühende Ebene, der sie den Namen der Lombardei geben sollten; – wer hätte ihnen damals verkündet, daß der bitterste Haß ihrer Nachkommen die nächsten Anverwandten des eigenen Stammes treffen wird?

Alboin kämpfte vier Jahre, bis er sich Herr des Longobardenreichs nennen konnte. Pavia fiel zuletzt und wurde zur Hauptstadt erhoben. Nach Alboins Ermordung, 573, verließen die Sachsen das untreue Land und zogen über die Alpen zurück der kalten treuen Heimath zu. Schon unter dem zweiten Nachfolger Alboins, dem tapfern Authari, beginnt der Kampf mit den Deutschen. Auch er starb durch sein Weib, die schöne, fromme bayerische Theodolinde, die dann um des Christenthums willen den schönen Herzog Agilulf von Turin zum Gemahl nahm und sein Haupt mit der eisernen Krone der Lombarden schmückte, die hier zuerst genannt wird, weil ihr innerer Reif aus einem „heiligen Nagel vom Kreuze“ geschmiedet war. Die Verbindung mit den Fremden ward nun inniger, aber dennoch blieben die Longobarden noch fast bis in das 8.Jahrhundert deutsch; dann aber überwucherte in der Vermischung mit denRömern das römische Wesen und es entstand aus dieser Verbindung eine neue Nation und Sprache, die italienische, die bis tief in die Südthäler der Alpen Herr und Feind alles Deutschen wurde.

Auf die Frage, warum gerade die Lombarden, diese „Männer welschen Bluts in deutschen Adern“, die erbittertsten Feinde der Deutschen geworden seien, gibt die fernere Geschichte des Lombardenvolks uns bündige Antwort.

Um die Mitte des 8. Jahrhunderts war Italien nahe daran, ein einiges Reich zu werden, und zwar durch die Longobarden. Sie waren bereits Herren von ganz Oberitalien und eben im Begriff, auch Rom sammt dem Papste sich zu unterwerfen und dadurch sich den Weg zur Vertreibung der letzten oströmischen Machthaber auf [118] der ganzen Apenninenhalbinsel zu bahnen, – als der Franke Pipin des Papstes Hülfe zu seinen Zwecken bedurfte, die Longobarden schlug, ihnen seinen Günstling Desiderius zum König setzte, dem Papste das große Gebiet von Ravenna und Rom zu Lehn gab und sich selbst zum Patricius und Schutzherrn von Rom ernannte, – kurz, all das Unheil heraufbeschwor, an welchem noch heute Italien und mit ihm ganz Europa zu leiden hat: „die weltliche Macht des Papstes und die Dienstgefälligkeit seiner geistlichen Macht gegen die Könige“. Indeß besaßen weder der Papst noch die Longobarden wahre staatliche Selbstständigkeit: sie wurden von dem Franken beschützt und bewacht, sie hingen von ihm ab – im Jahre 759 gerade so, wie 11 Jahrhunderte später, im Blüthenjahre des neufränkischen Schlachtenruhms 1859.

Noch gehässiger wurde das Verhältniß unter Karl dem Großen. Als dieser nach seines Vaters Willen des Desiderius Schwiegersohn geworden war, zürnte Papst Stephan: „Die edlen Franken sollten sich nicht mit den stinkenden Longobarden besudeln.“ Die geistliche Mahnung machte Eindruck: Karl verstieß seine longobardische Gemahlin, eroberte das Reich ihres Vaters und setzte die eiserne Krone sich auf das eigene Haupt. Die Selbstständigkeit von Reich und Volk war dahin, aber auch die Italiens ging auf mehr als ein Jahrtausend in jener Weihnacht des Jahres 800 verloren, als das römische Volk dem fremden Herrscher jubelnd zurief: „Carolus Augustus, der von Gott gekrönte, große und friedebringende römische Kaiser! Ihm Leben und Sieg!“ – Diese „friedebringende“ Krone ist zwar für das deutsche Reich eintausend und sechs Jahre lang „Sinnbild der Einheit und Oberherrlichkeit in Europa“ gewesen, für die Völker Deutschlands und Italiens ward sie die Ursache unversöhnlicher Zwietracht und unsäglich blutiger Kämpfe, und an ihr allein wucherte das Papstthum zu jener Macht empor, welche dem Geiste aller Nationen durch Jahrhunderte die bleiernen Schwingen anlegte, die noch heute alles höhere Streben von Millionen niederhalten.

Als im Mittelalter in den Vasallen des großen „römischen Reichs deutscher Nation“ der Trieb der Selbsteinigkeit erwacht war, schlug derselbe die kräftigsten Wurzeln in der Lombardei: die lombardischen Herzöge zeigten sich dem Reiche zuerst entfremdet, die lombardischen Städte hegten den Trieb noch eifriger, und der steigende Nationalhaß der Italiener fand in den Kämpfen der Päpste gegen die Kaiser die mächtigste Stütze. Noch einmal tauchte, in der Mitte des 10. Jahrhunderts, das Hoffnungsbild eines einigen Italiens auf, als Berengar die augenblickliche Bedrängniß Deutschlands zur Ausbreitung seiner Herrschaft benutzt und den größten Theil der nationalstolzen Italiener für sich gewonnen hatte; weil aber das Volk Befreiung zugleich von der Tyrannei der Deutschen und der Uebermacht der Geistlichkeit forderte, so suchte letztere (besonders die lombardischen Bischöfe) Schutz beim Papste, und dieser beim Kaiser Otto I., der abermals der „römischen Krone“ den Sieg erkämpfte. Denn Kaiser, Päpste und Geistlichkeit waren immer einig, wenn es gegen das Volk ging.

[119] Der gefürchtetste und unerbittlichste Feind sollte jedoch Italien und den Lombarden insbesondere erst zwei Jahrhunderte später erstehen: in Friedrich Barbarossa.

Die Städte Oberitaliens hatten sich, wie die deutschen Reichsstädte, zu hoher Blüthe emporgeschwungen durch Gewerbfleiß und kluge Benutzung der Kreuzzüge und der damaligen Welthandelsstraße, die zwischen Abendland und Morgenland an ihnen vorüberlief und von ihnen beherrscht wurde. Der Wohlstand erhöhte das nationale Streben nach Unabhängigkeit, und da der kriegerische Adel des Landes sich den Städten anschloß, so waren diese allerdings in den Besitz einer Macht gekommen, die den Fremden gegenüber auf das Recht der Selbstständigkeit pochte. Nicht weniger mächtig pochte der Kaiser auf sein Recht, von dem er eben so innig und fest überzeugt war, wie die Städte von dem ihren, nachdem er, den Gesetzen und Verträgen getreu, die römische Kaiserkrone auf dem Haupte trug. So richteten denn damals die Lombarden wie der Kaiser mit derselben Inbrunst dasselbe Gebet zum Himmel, ganz wie siebenhundert Jahre später die Nachkommen derselben feindlichen Mächte, die Erben derselben Zwietracht, und wie der Lombarden verhaßtester Feind der Kaiser, so war des Kaisers verhaßtester Feind – Mailand, der Lombarden prächtige Hauptstadt.

Der dritte Zug des Kaisers über die Alpen hatte unglücklich für ihn geendet. Zwar hatte er in dem damaligen Kampf zweier Päpste den Sieg errungen, seinen Schützling, Paschalis III., gegen Alexander III. behauptet und auf den Stuhl Petri gesetzt, und er stand eben bereit, sein siegreiches Heer gegen den Bund der lombardischen Städte zu führen, – da brach die Pest in seinen Schaaren aus und raffte Tausende, dazu die besten seiner Kriegshauptleute, dahin. Allenthalben gewann die Empörung neuen Muth, je mehr die Streitmacht des Kaisers zusammenschwand. Der Kaiser mußte sich zur Heimkehr wenden. In Pisa seinen Handschuh in die Luft schleudernd, erklärte er die Lombardenstädte in des Reiches Acht, erreichte mit dem Rest seines Heeres die Schluchten der Alpen und entkam fliehend den nachdringenden Feinden auf den deutschen Boden. Ein Siegesjubel erfüllte das ganze lombardische Land, und in der zu jedem Opfer fähigen Begeisterung ward der Grund zu der Veste gelegt, die ein Bollwerk der Freiheit sein und darum den Namen jenes Alexander III. führen sollte, der des Volkes Stern gewesen war in der finstersten Nacht seines Schicksals.

So entstand die Festung Alessandria im Jahre 1168, und sie zeigte sich schon bei der nächsten Gefahr ihres Ursprungs würdig. Im Jahre 1174 stieg Friedrich Barbarossa zum vierten Male mit einem mächtigen Heere über die Alpen. Diese Züge waren damals an sich schon Wagestücke, welche die Kühnheit und die Ausdauer der Männer auf’s Aeußerste in Anspruch nahmen, denn nicht auf den sicheren Alpenstraßen von heute bewältigten sie die Granitmauern des Hochgebirgs, sondern auf schmalen Saumpfaden mußten wie eine lange gepanzerte Schlange die Tausende an den Abgründen dahin kriechen, bedroht von allen Schrecken der eisumstarrten [120] Natur, und in gleichem Maße von der Feindschaft der Bewohner, die aus allen Schluchten lauerte. Dennoch gelang auch dieser Alpenübergang, und die Kraft des Heeres kam ungeschwächt der Macht der Lombarden entgegen. Das arme Susa erlag der Wucht seines ganzen Zorns, aber an Alessandria brach sich sein Siegeslauf und das Unglück verfolgte ihn nun Schlag auf Schlag, bis endlich sogar Heinrich der Löwe untreu ward. Im Schlosse zu Chiavenna war es, wo Friedrich Barbarossa die Kniee des stolzen Welfen umfaßte und ihn anflehte, ihn nicht zu verlassen, um des Reiches Ehre willen, in dieser seiner größten Noth, – derKaiser kniete vor dem Vasallen, bis seine Gemahlin, die schöne Kaiserin Beatrix, ihn vom Boden aufhob und sprach: „Gott wird Dir helfen, wenn Du einst dieses Tages und seines Hochmuths gedenkst.“ – Der Löwe zog ab mit seinem Heere; der Kaiser erlebte die Niederlage von Legnano und beugte sein Haupt unter den Frieden von Venedig. Und hier stehen wir denn wieder vor jenen vier rothen Steinen in der Vorhalle der Marcuskirche, wo die beiden gewaltigsten Männer ihrer Zeit sich zum ersten Male begrüßten. Jene Steine, welche wohl ebenso an den Frieden zwischen Kaiser und Papst, wie an den Sieg der Städte und den Triumph der Kirche erinnern sollten, liegen nun seit 1177 in ihrem Marmorboden. Wie viele Millionen sind darüber hingeschritten! Wie viele Fürsten und Denker, wie viele Priester des Herrn und Weise des Volks, wie viele Gebete und Thränen! Und wo wären Steine, welche lauter reden könnten für Fürsten, Priester und Völker, als diese vier rothen Marmorzeugen der Vergangenheit! Sie theilen eben das allgemeine Schicksal aller Propheten der Wahrheit: sie sind stumm für die Tauben und die Blinden sehen sie nicht.

Die Kaiseridee, der Gedanke einer Vereinigung der deutschen mit der italienischen Nation unter der römischen Kaiserkrone, war übrigens im Mittelalter den intelligenteren Geistern Italiens weder so fremd, noch so verhaßt, als die Gegenwart es hinstellen möchte; sie gehörte zur Papstidee: man konnte sich keine der beiden Gewalten ohne die andere denken, und der italienische Nationalstolz fand eine Linderung des Drucks der kaiserlichen Krone in der Thatsache, daß die päpstliche Tiara sein eigen sei und gleichmächtig über Deutschland walte. Solche Anschauungen herrschten freilich nur in den edelsten Geistern und im Volke; dagegen hatte bei dem das Volk beherrschenden und führenden Adel und Klerus, bei den hochmögenden Geschlechtern und den Vielvermögenden ohne Geschlecht, die Kaiseridee eine nur praktische Handhabe: man war dem Kaiser nur so lange Freund, als man einen Feind fürchtete, und da Italien das Land der Bürger-, Städte- und Familienkriege ist, so hielt eine Partei der dynastischen und hierarchischen Häupter immer zu der Krone, die sie alle haßten. Wie die wahrhaft Edlen des Volks dachten, bezeugen Dante’s Worte, in denen er über die trostlosen, ehr- und habgierigen Zwiste, Ränke und Kämpfe der Parteien seines Vaterlands und über die Pflichtvergessenheit seines Kaisers Albrecht I., des habsüchtigen Habsburger, zürnt, und dem er ins Fegefeuer nachflucht:

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Italia, Sklavin, Herberge der Schmerzen,
Schiff ohne Steuermann im grausen Sturme,
Nicht Länderherrin, sondern Haus der Sünde!

Ha, Volk, das du Ergebung üben solltest
Und in dem Sattel lassen deinen Kaiser,
Wenn richtig du des Herrn Gebot verstanden,

Schau, wie die wilden Bestien tückisch werden,
Weil sie nicht mehr des Spornes Stachel fühlen!
O deutscher Albrecht, der du so verlässest

Die ungestüm geworden und verwildert.
Gerechten Richters Strafe von den Sternen
Fall’ auf dein Blut!

Denn ihr erlaubtet, du mit deinem Vater,
Derweil euch Habsucht dort zurückgehalten,
Daß eine Wüste ward des Reiches Garten!

Die Kaiseridee ist in Italien untergegangen, als Luther in Deutschland die Papstidee zu Grunde richtete. Die Ideen, die sich gemeinsam auf den Gipfel der christlichen Welt erhoben, vor den Augen aller Völker den furchtbarsten Kampf gekämpft, sie sanken auch gemeinsam, als das Ziel nahete, das aller irdischen Herrlichkeit und jedem Menschenwerk gesteckt ist. Die römische Kaiserkrone, das Erbtheil Karls des Großen, sank so ohnmächtig in den Staub vor dem neufränkischen Kaiser, wie einst die Lombardenkrone des Desiderius vor dem altfränkischen Könige und ersten römischen Kaiser dahingerollt war. Auch die Tiara neigt sich von dem altersschwachen Haupte herab. Ihr Glanz ist längst verblichen und im Staub der Geschichte harrt ihrer ein längst bereitetes Grab. Die alten historischen Ideen, die einst die Welt und die Geister beherrschten, entfliehen unaushaltsam vor den jüngeren Kindern der Zeit, die dem unversiegbaren Quell des Geistes entsprudeln.

Werfen wir noch einen Blick auf unser Bild. – Wenn wir nach dem ersten Sturme gegen seinen größten Feind Alessandria in der Kriegsgeschichte wieder suchen, so finden wir es als alte Stadt in der neueren Zeit. Nach mancherlei Schicksalen in den vielen inneren Kriegen Italiens wurde die noch immer feste Stadt im Jahre 1522 von dem mailändischen Herzog Sforza erobert; dagegen lag 1657 Prinz Conti mit einem starken französischen [122] Heere vergeblich vor ihren Mauern. Ebenso tapfer vertheidigte sie sich 1707 gegen den Prinzen Eugen, aber nicht mit demselben Erfolge. Kaiser Joseph trat Alessandria an Victor Amadeus von Savoyen ab. Während des spanischen Erbfolgekriegs ward die Festung von den Franzosen erobert und wieder verloren; erst jetzt erkannte man wieder die Wichtigkeit ihrer Lage und errichtete jenseits des Tanaro, auf den Trümmern des Orts Bergaglio, eine Citadelle. Noch höher stieg ihr Werth, als Napoleon aufmerksam auf sie geworden. Seine Franzosen besetzten sie 1796, verloren sie wieder, als Moreau sich 1799 vor den verbündeten Oesterreichern und Russen nach Genua zurückziehen mußte, nahmen sie aber in Folge der Schlacht von Marengo von Neuem in Besitz. Unter sardinischem Scepter barg sie zwei Male, 1821 und 1849, österreichische Besatzung. Seit 1856, dem Jahr der politischen Einleitung zu den Zuständen Oberitaliens in der Gegenwart, widmete ihr die Regierung, ja, die ganze Nation (Nationalsubskription zu den 100 Kanonen!) ein Hauptaugenmerk. Alessandria kam zwar nicht in den Fall, die Tüchtigkeit seiner Werke beweisen zu können; doch lassen die Männer des gelehrten Kriegshandwerks dem militärischen Charakter des Platzes alle Ehre widerfahren.

Die Ebene, in welcher Alessandria liegt, gewährt von den Höhen, von welchen sie umkränzt ist, einen reizenden, gartenähnlichen Anblick. Die Anlage der Stadt selbst geschah, der Befestigung zu Liebe, in einer sumpfigen Niederung, welche zwar den belagernden Feind, aber auch den dort heimisch Wohnenden mit dem Fieber verfolgt. Schön und anmuthig ist das Innere der Stadt, mit der gemächlichen Breite der Straßen, den großen Plätzen und plätschernden Springbrunnen, stattlichen Palästen und Kirchen. Die Kathedrale Alessandria’s ist eine der gepriesensten Kirchenbauwerke Italiens. Die Mauern der Befestigungswerke sind bespült vom Tanaro, über welchen zwei Brücken führen, die alte, welche Stadt und Citadelle verbindet, und die Eisenbahnbrücke. An Verkehrsmitteln fehlt es somit der Stadt nicht; aber auch noch ehe der Dampf die neuesten schuf, war Alessandria schon einer der bedeutendsten Handelsplätze Oberitaliens, seine beiden Messen machten es zum Hauptverkehrspunkt zwischen Genua, Turin und Mailand und deren Umland. Eine alte und ausgedehnte Fabrikthätigkeit, namentlich in Gold, Silber und Seide, hilft noch immer den Wohlstand der Stadt vermehren. Daß trotzdem die Bevölkerungszahl in den letzten 10 Jahren gesunken ist (von 43,900 auf 41,600), ist lediglich von der gewaltsamen Störung verschuldet, welche die wiederholten schweren Kriegsfälle in das friedliche Getriebe des dortigen Bürgerfleißes gebracht haben.