St. Joseph im Staate Missouri
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ST JOSEPH
„Hallo! Da kommt Old Hick herab, wird Neuigkeiten aus den Territorien bringen“ – „„und Gäste aus den Jagdrevieren; die Saison ist vorüber und Old Hick ist das letzte Boot, welches von oben kommt.““ Damit begann die Unterhaltung einiger Männer, die auf der Veranda des City-Hotel in St. Joseph umhersaßen, in hölzernen Lehnstühlen ihre langenmageren Gliedmaßen balancirend, die Beine über das Geländer in die Luft streckend und in derselben Richtung emsig und mit geübter Sicherheit Ströme braunen Tabackssaftes über die vorgestreckte Unterlippe hinaussendend. Sie waren eben eines Dampfbootes ansichtig geworden, welches, den Missouri herabkommend, in großem Bogen beidrehte und Anstalt machte, an dem unter dem Hotel liegenden Werft anzulegen. Es hatte die bunteste Gesellschaft an Bord, die sich je auf einer schwimmenden Planke zusammengefunden haben mag: Auswanderer aus Iowa, mit Sack und Pack, Frauen und Kindern, die erst in Atchison aussteigen wollten, um sich in Kansas anzusiedeln. Es sind ächte Kinder der Freiheit, welche die überhand nehmende Kultur, die beengende Nachbarschaft, der unbequeme Zwang der Gesetze und staatlichen Ordnung aus ihrer eben verlassenen Heimath vertrieb, um in den neuen Territorien die Ungebundenheit des „Grenzerlebens“ wieder aufzusuchen. Die Männer in Uniform gehörten zur Besatzung von Fort Leavenworth an der Indianergrenze, ihr schwerer, mit Entbehrungen und Gefahren reichlich gesegneter Dienst ist vorbei und froh kehren sie nach dem Comfort ihrer Quartiere in den östlichen Staaten zurück. Unter ihnen ist auch ein Agent des Indian-Department, der als Führer und Dollmetscher eine kleine Gesellschaft von Häuptlingen der Sioux zu einer Vorstellung beim großen Vater in Washington begleitet. Jene anderen malerischen, wettergeschlagenen Gestalten in rothem Flanellhemde sind Holzschläger vom oberen Missouri, die den Sommer über die Dampfschiffe mit Feuerungsbedarf versorgen und nun den Ertrag ihrer harten Arbeit nach St. Louis tragen wollen, um ihn im Winter dort zu verjubeln.
[124] Jedes Frühjahr findet diese Gesellen wieder in der Wildniß bei ihren Aexten, der ganzen Habe, welche ihnen das lustige Leben in der Stadt übrig gelassen hat. Aber kehren wir zur Gesellschaft auf der Veranda des Hotels zurück, wo sich mittlerweile noch andere Passagiere vom Dampfboot eingefunden haben. Die Unterhaltung ist lebendiger geworden; es wird gefragt, erzählt, getrunken, geflucht. Da ist ein Pelzhändler, der war vor 3 Monaten in St. Louis an Bord des Spread Eagle gegangen, eines der kleinen Dampfboote der amerikanischen Pelzkompagnie, und auf diesem Schiffe von starker Maschinenkraft und sehr geringem Tiefgange 3120 engl. Meilen stromaufwärts gefahren. Er war bis 20 deutsche Meilen von den Quellbächen des gewaltigen Columbia gelangt, der seine Wasser in das stille Meer ergießt. Und diese ganze Reise zu Berg und zu Thal hatte nur 72 Tage gedauert. Noch nie zuvor hatte ein Dampfer den Strom so hoch hinauf befahren. Kein Wunder, daß der Mann Vieles und Interessantes erzählen konnte, was er in den wenigen Monaten erlebt hatte. Mit besonderer Laune schilderte er das Erstaunen der Dickbäuche, Krähen- und Schwarzfüße, wie sie nach dem Strom geeilt wären, um das wunderbare Feuerschiff zu sehen. „Unter den Rothhäuten weiß ich besser Bescheid“, fällt ihm da ein Kentuckier in’s Wort, ein Mann des Gebirgs, sechs Fuß in seinen Strümpfen messend. Er war einer jener Trapper, die weit und breit die Felsengebirge durchstreifen, um auf Rauchwild, namentlich Biber, Jagd zu machen. Dieses Gewerbe lockt ihn in die entlegensten Schluchten und erst nach Monaten einsamen Wanderlebens, wenn er den Ertrag seiner Jagd an den nächstgelegenen Posten der Pelzhandelsgesellschaft abliefert und sich mit neuem Bedarf für die Wildniß ausrüstet, sieht er weiße Menschen wieder. Er wird durch solche Lebensweise selbst zum halben Indianer, nimmt sich wohl auch ein rostbraunes Weib und kehrt nur nach Jahre langen Zwischenräumen in die Staaten zurück, damit ihm die Welt von seiner Farbe nicht ganz unkenntlich werde. So begegnen wir ihm im City-Hotel zu St. Joseph. Seit 7 Jahren hatte er seinen Bart nicht geschoren gehabt; jetzt aber stand er da mit glattem Kinn, in schwarzem Frack und Seidenhut; seine Lederhosen und weißen Mokassins waren bei Seite geworfen, um für kurze Zeit der geschmacklosen und unbequemen Tracht der Civilisation Platz zu machen. Aber schon klagt er, daß er die Städte und ihr lärmendes Treiben satt habe und in wenigen Wochen wieder heimkehre zu seiner Squav, die im Gebirge seiner harre, und zu seinen Biberfallen. Ein unwiderstehlicher Drang treibt diese halbverwilderten Menschen aus der civilisirten Gesellschaft in die Wildniß zurück, sobald die Ersparnisse von Jahren in raschem Saus und Braus vergeudet und neuer Schieß- und Jagdbedarf eingekauft sind. Die Rede kommt auf den Fluß. Der Eine verwünscht das gefährliche Fahrwasser, das in jedem Monat ein anderes ist: „erst gestern habe er einen halben Tag lang auf einer Sandbank festgesessen“, denn über Nacht oft schieben sich an den vorher tiefsten Stellen Bänke von Sand wie Schneewehen, Baumstämme und Steingeroll vor, die den erfahrensten Schiffern täglich neue Gefahr drohen. „Ihr solltet aber auch einmal da oben in den Rocky-Mountains
[125] sehen“, wirft der Kentuckier ein, „wie ungeheuer der Fluß in wenigen Tagen anschwillt, wenn der warme Regen in Strömen vom Himmel herabfällt, und der Schnee, mag er so dick und hoch liegen, wie er will, im Umsehen zu Wasser wird. Dann rast die Fluth aus allen den tausend Gießbächen des Gebirgs herab, der Strom wächst, unterwäscht die weichen Ufer und vorspringenden Bluffs, bis sie herabstürzen. Drum wundert euch nicht, daß euer Missouri der schlammigste Fluß der Welt ist. Ist das Zeug nicht dick, wie Caffé mit Milch, daß man, Gott verdamm’s, nicht einmal ein Ei im Glas erkennen kann!“ „„Hätten wir doch““, wirst ein Anderer ein, „„in unserem dürren Utah den zehnten Theil eures verschmähten überflüssigen Missouriwassers, sein Schlamm sollte uns wenig kümmern. Unser Herrgott hat unserm Zion eine schwere Prüfung auferlegt; Salz, daß man ganz Amerika damit einpökeln könnte, aber keinen Tropfen guten frischen Trinkwassers; unser großer See ist von Salz so dick, daß kein Mensch, ich wette 1000 Dollars, drinnen ertrinken kann.““ „Deswegen müßt ihr Heiligen alle hängen“, spottet ein Dritter dem Mormonen zu. „„Ehe ihr selbst zu Salzsäulen werdet““, meint ein Vierter, „„so wandert aus zu uns, nach dem klaren Columbia, in dem Millionen der köstlichsten Lachse ziehen. Es gibt keinen schönern Strom in der Welt.““ Der so sprach, war ein Pelzhändler von der Westseite der Rocky-Mountains. Er hatte vom Westen aus das Hochgebirge überschritten und war in einem schwachen Kahn den ganzen Yellow-Stone-River, der das nördliche Nebraska durchfließt, bis nach Fort Union hinabgeschwommen. Als er dort, wo jener Fluß in den Missouri mündet, den Dampfer nicht mehr traf, ließ er sich auch auf diesem großen schlammigen Strom hinabtreiben und war so allein nach St. Joseph gekommen. Alle bewunderten das Wagniß. Ein Kaufmann war auf anderem Weg dahin gelangt und berichtete, wie bequem er mit der Mail-Stage volle 25 Tage ununterbrochen durch die Wüste gefahren sei, ohne irgend eine Fährlichkeit bestanden zu haben. „Binnen drei Monaten habe ich so nicht weniger als 5300 engl. Meilen zurückgelegt. Ich fuhr von St. Louis ab nach Fort Smith am Arkansas, dann südlich über den Red-River, den obern Brazos, an der Küste von Texas hin, dann westwärts über den Pecos und bei El Paso über den Rio Grande durch Neu-Mexiko, das Arizonagebiet, am Rio Gila entlang bis Fort Yuma am Colorado. Von da ging’s durch eine sehr öde Wüstenstrecke bis zum Gebirge, das wir vermittelst des Warners-Paß überschritten. Jenseit befanden wir uns auf californischem Gebiet. Von St. Louis bis St. Francisco machte ich 2651 Meilen im Postwagen, und nachdem ich mein Geschäft besorgt, kehrte ich auf demselben Weg zurück.“ Alle waren einstimmig, daß diese neue Ueberland-Post ein sehr nützliches Unternehmen sei, so lange die Pacific-Railroad noch auf sich warten ließe. Daran knüpfte der Mann von Yellow-Stone, daß die weite Gegend, welche er durchschifft habe, sich eben jetzt zu einem selbstständigen Territorium organisire, welches Dacotah getauft werden soll. Der Kalifornier fügte hinzu, daß auch er durch ein neues Gebiet gekommen sei, durch das gold- und silberreiche Arizona. Jemand von St. Joseph bemerkte, das
[126] Goldland Pikes-Pik sei gleichfalls daran, sich als Territorium Jefferson einzurichten und daß damit Leben in die Gebirge und die östliche Prairie kommen werde. „Das Neueste in der Gebietspolitik aber weiß ich“, warf der Mormone ein, „der südliche Theil unseres großen Utah löst sich ab, weil er mit uns Mormonen nichts mehr zu schaffen haben will. Er verlangt seine eigene territoriale Selbstständigkeit und will am Ostabhang des californischen Gebirges aus dem Carron Vally das Gebiet Sierra Nevada zusammenbauen.“ „„Wohl bekomm’s, Onkel Sam; vier neue Staaten-Embryone auf einmal!““ „Old Hickory forever!“ jubelte der St. Joseph-Mann, mit dem Hut im Genick, einen dichten Sprühregen von Tabackssaft über die Veranda ergießend, und „„take a drink, gentlemen!““ war die patriotische Antwort des Kentuckiers, die ganze Gesellschaft zur Bar einladend, um auf Old-Hickory’s Wohl ein Glas Branntwein zu leeren.
Noch vor zwei Menschenaltern ließ man den „weiten Westen“, das „ferne Land“ Nordamerika’s gleich hinter den Alleghanygebirgen beginnen. Die alten dreizehn Staaten des großen transatlantischen Bundes, welche aus den dreizehn englischen Kolonien erwuchsen, lagen zwischen diesen waldbedeckten Höhenzügen und dem Ocean; was über jene hinaus nach Westen hin sich erstreckte, war Wildniß und zumeist noch in unbestrittenem Besitze indianischer Wald- oder Steppennomaden. Wenige tausend Franzosen waren im Fortgange der Zeit am Mississippi weit nach Norden hin, oder von Canada aus nach Westen vorgedrungen und hatten einzelne, weit von einander entfernt liegende Ortschaften gebaut. Aber bevor weiße Ansiedler vom Hudson, Delaware oder Potomak aus über den Ohio gingen, verflossen beinahe anderthalbhundert Jahre. In dem heutigen Staat Ohio, der nun dritthalb Millionen Bewohner zählt und seinen Namen von dem „schönen Fluß“ entlehnt hat, waren lange vor den englisch redenden Amerikanern deutsche Männer erschienen, um dauernde Niederlassungen zu gründen. Der erste weiße Mensch, welcher im Norden dieses Stromes das Licht der Welt erblickte, war Marie Heckewelder, die am 16. April 1782 geboren wurde, und wenige Monate später gab die Frau eines Herrenhuters dem Knaben Christian Friedrich Sensemann das Dasein. Er, der eigentliche Patriarch des Westens, durchschritt noch vor wenigen Jahren, in vollem Genusse seiner Kraft und Gesundheit, Wiesenfluren und Wälder, und vielleicht ist er heute noch am Leben. Es war ihm beschieden, zu sehen, wie in der frühern Einöde ein Staat nach dem andern erwuchs und das Land zwischen den Bergen und dem Mississippi sich mit Millionen betriebsamer Menschen füllte; er ist durch die Straßen von Cincinnati gewandert, als diese „Königin des Westens“ wohl an zweimalhunderttausend [127] Bewohner zählte und zweihundert Dampfer am Werft auf dem Flusse lagen, welcher in den Tagen der ersten Ansiedler nur die Nachen der Indianer trug.
In Nordamerika treibt ein unaufhaltbarer Drang die Menschen vom atlantischen Gestade der untergehenden Sonne zu, und sie haben nicht gerastet und geruhet, bis sie das ganze Festland in seiner Breite durchwandert haben und dort angelangt sind, wo das stille Weltmeer gegen die Küsten brandet. Nachdem durch kühne Schatzgräber die Bahn gebrochen war, folgte Jahr für Jahr ein Auswandrerstrom dem andern, und ließ sich nieder, wo der grüne Wald, die fruchtbare Wiesenflur oder ein klar sprudelnder Quell ihn anlockte. Bald nahe bei einander, bald in weiten Zwischenräumen entstanden Gehöfte, die oft zu Dörfern wurden, wenn Freunde des ersten Gründers in der unmittelbaren Nachbarschaft Hütten bauten und den Boden umbrachen; an Stellen, welche für den Betrieb des Handels günstig liegen, erhoben sich Städte, von denen manche einen in der Geschichte beispiellos raschen Aufschwung nahmen. Sie reichen nun im Gebiete des „Vaters der Gewässer“, des Mississippi, von den Quellen bis zur Mündung; und von St. Pauls in Minnesota, wo vor zehn Jahren die ersten Blockhäuser errichtet wurden und heute 30,000 Bürger wohnen, bis nach New-Orleans, wird die Verbindung auf dem Strome durch Dampfer erhalten; eine ununterbrochene Kette von Ansiedelungen zieht sich vom nördlichen Red-River tausend Wegstunden weit bis an den mexikanischen Golf hinab.
Noch rascher und kräftiger ist die Entwickelung in der Richtung von Osten nach Westen gewesen. Schon vor länger als dreißig Jahren begann die Bildung von Staaten auf dem rechten Ufer des Mississippi, und die drei, welche die nördliche Abtheilung bilden, Minnesota, Iowa und Missouri, sind gerade jetzt ein Hauptzielpunkt der Einwanderer, insbesondere auch der deutschen, welche dort eine ihnen zusagende neue Heimath suchen und finden. St. Louis, die große Handelsstadt am Mississippi gleich unterhalb der Mündung des Missouri, zählt unter seinen 140,000 Einwohnern mehr als 60,000 unserer Landsleute, und ist für höheres und geistig angeregtes Leben den Deutschen weit mehr ein Mittelpunkt als New-York oder Cincinnati. Bevor ein Jahrhundert vergeht, wird diese Stadt eine der größten Kapitalen der Welt sein, gleichsam das Herz, von welchem alles Land in dem ungeheuern Stromgebiete, das nahe an 20,000 engl. Meilen schiffbarer Gefließe enthält und mehr und mehr von einem Netze zusammenhängender Eisenbahnen überzogen wird, seine Lebenswärme erhält und in dem alle Strömungen des Verkehrs zusammenlaufen. Die natürlichen Bedingungen dafür sind gegeben und der Gang der Entwickelung im Westen drängt mit Nothwendigkeit darauf hin, daß ein großartiger Mittelpunkt für Austausch und Verkehr gerade an jenem Punkte sich bilden muß. St. Louis liegt 900 engl. Meilen von der Bundeshauptstadt Washington, 1300 Meilen von der Mündung des Mississippi, 732 Meilen von St. Pauls, dem Punkte, wo der Strom schiffbar wird; die großen Bahnstränge von Osten her laufen strahlenförmig auf die Stadt zu, [128] jene nach Westen hin gehen von ihr aus; sie liegt inmitten einer an Erzeugnissen des Ackerbaus und der Viehzucht, an Kohlen und Metallen reichen Gegend, in der sich ein ungemein mannichfaltiges Gewerbs- und Geschäftsleben entwickelt. Vor zweihundert Jahren war St. Louis ein einsamer Posten französischer Pelzhändler; im Jahre 1810 hatte es kaum 1600 Einwohner, die Zählung vom December 1852 ergab 87,654 Seelen, und seitdem hat sich diese Ziffer beinahe verdoppelt.
Der Staat Missouri ist nicht minder in raschem Aufschwunge begriffen. Seit 1821 bildet er einen Bestandtheil des großen Bundes, aber er übte lange Zeit nur eine geringe Anziehungskraft. Die Einwanderer, namentlich jene aus Europa, fanden östlich und nördlich, namentlich in Ohio, Illinois, Indiana, später in Wisconsin, guten Boden in Fülle, und zogen deshalb nicht weiter landeinwärts. Auch hegten viele ein Vorurtheil gegen Missouri, weil es ein sklavenhaltender Staat ist. Allmählig sind jedoch die Vorzüge seiner Lage, seines Klima’s und seiner Reichthümer an Metallen eben so wohl gewürdigt worden, wie jene, welche eine gute Bewässerung und das fruchtbare Land für den Ackerbau darbieten. Zudem lohnt das Sklavenhalten nicht, weil Missouri zu nördlich liegt, um einen sogenannten Plantagenbau zu gestatten; es ist vielmehr auf den Betrieb der Landwirthschaft in europäischer Weise angewiesen, und ein solcher ist mit der Negersklaverei unverträglich; diese kann den Wettbewerb freier Arbeiter nicht aushalten, und muß schon deshalb allmählig von selbst verschwinden. Sklavenarbeit ist in einem solchen Lande zu theuer. Es kommt hinzu, daß Missouri, in welchem die Anfangspunkte der Ueberlandposten und der Eisenbahnen nach Westen liegen, in der neuesten Zeit auch durch die Goldentdeckungen an Pikes-Pik in den Felsengebirgen, eine erhöhete Bedeutung gewann. Seine Westgrenze stößt seit fünf Jahren nicht mehr an unbewohnte Prairien, sondern in dem bisherigen Gebiete Kansas, das schon volkreich genug ist, um demnächst als Staat in die Union aufgenommen zu werden, ist ihm ein Hinterland gegeben, dessen Entwickelung gerade für Missouri von wichtigen und wohlthätigen Folgen sein muß. Das Alles begreift man und deshalb wird der Andrang der Einwanderer von Jahr zu Jahr stärker. Missouri zählt auf einem Flächenraum von etwa 3170 deutschen Geviertmeilen, so viel, wie vier oder fünf europäische Königreiche zusammengenommen, gegenwärtig erst etwa eine Million Seelen, während es den gesegnetsten europäischen Staaten an Fruchtbarkeit nicht nachsteht. Man sieht, wie viel Raum für Ansiedelungen noch frei ist; und sie werden erleichtert durch die Landstraßen und Eisenbahnen, welche schon jetzt die entferntesten Theile des Staates mit einander verbinden, während zugleich der Missourifluß denselben von Westen nach Osten durchströmt und der Mississippi die Grenze gegen Morgen bildet. Schon jetzt sind beide Ströme durch Schienenwege mit einander verknüpft; der im Süden führt von St. Louis nach Kansas-City, jener im Norden von Hannibal am Mississippi nach St. Joseph.
[129] St. Joseph gehört zu jenen Städten, welche rasch zur Blüthe gelangt sind, und denen eine große Zukunft in Aussicht steht. Auf der Eisenbahn legt man die 206 Meilen von Hannibal binnen zwölf Fahrstunden zurück. Sie führt durch eine fast ganz ebene Gegend, zumeist durch offene Prairien und ein noch sehr spärlich besiedeltes Land; auf der ganzen, mehr als 40 deutsche Meilen langen Strecke gewahrt der Reisende nur drei größere Ortschaften, die eigentlich auch nur erst Dörfer sind: Palmyra, Bloomington und Chilicothe. Die Wiesen findet man überall mit üppigem Graswuchs bedeckt, und nur an einigen wenigen Stellen sind sie vom Pfluge berührt worden; häufig sieht man kleinere oder größere Gruppen von Bäumen und einzelne Wälder; die Ufer der Flüsse und Bäche sind mit Ulmenbüschen und Walnußbäumen eingesäumt, und wenn hier große Strecken, des trefflichen Bodens wegen, sich zum Ackerbau eignen, so sind dort andere zu einem Betriebe der Viehzucht im großen Maßstabe wie geschaffen.
Die Lage derStadt, zu welcher die Bahn durch eine solche Prairiegegend führt, überrascht durch ihre Anmuth und Lieblichkeit; sie ist ohne Frage eine der freundlichsten Städte im Westen und hat weit und breit ihres Gleichen nicht; die zum Theil bewaldeten Uferhügel, die sogenannten Bluffs, erreichen hier eine beträchtliche Höhe; der Missouri macht einen großen Bogen und in dieser Einbiegung erhebt sich die Stadt in einer gut angebauten Gegend. Vor zwei Jahren zählte St. Joseph kaum 7000 Einwohner, heute übersteigt die Ziffer schon 10,000 und Alles ist in rüstigem Fortschreiten. Die Straßen sind zweckmäßig angelegt, die Zwischenräume füllen sich, die Holzgebäude machen steinernen Häusern Platz, und die Gasbeleuchtung ist allgemein. Es freut uns, unsern Lesern sagen zu können, daß die 3000 deutschen Einwohner sich durchgängig in Wohlstand befinden und über dem Nützlichen das Schöne nicht vergessen. Sie pflegen treu das deutsche Lied, als einen Hort unserer Volksthümlichkeit, doppelt werth zu halten in fernen Landen; sie haben zwei Gesangvereine und einen Verein für Instrumentalmusik, die Jugend zählt rüstige Turner in ihrer Mitte, und auch eine deutsche Zeitung fehlt nicht.
Wie Mancher, dessen Wiege am Rhein oder im thüringer Walde gestanden, hat in St. Joseph, von einem der Uferhügel, welche die Stadt krönen, seiner alten Heimath sehnsüchtig gedacht! Jetzt ist er in ganz neuen Verhältnissen und Umgebungen. Die Sonne geht ihm unter auf den weiten Wiesenflächen von Kansas, die bis an den Fuß der Felsengebirge reichen. Er sieht Schaaren vorbeiziehen, welche dort in den neuentdeckten Goldgruben edles Metall suchen wollen. Viele Tausende sind schon, allem Unwetter Trotz bietend, im vorigen Spätherbst aufgebrochen, um eine Strecke von 300 Wegstunden über die unwirthliche Prairie zurückzulegen und die ersten am Platze zu sein; noch mehr Tausende sind ihnen im Frühjahre gefolgt. Dem seichten Plattefluß entlang bezeichnen Menschengerippe und Thiergebeine den Pfad, welchen die Karawanen genommen haben, aber durch diese Warnungszeichen läßt der goldgierige Abenteurer sich nicht abschrecken, sondern dringt, oft unter Noth, Hunger [130] und Entbehrungen aller Art, immer weiter vor, um sein Ziel zu erreichen. Viele sind kläglich gestorben und elendiglich verdorben auf ihrem Argonautenzuge durch diese amerikanische Einöde. Aber wer kümmert sich um sie? Andere gelangten an’s Ziel und fanden, was sie suchten. Weit hinten, am Pikes-Pik, haben sie im Laufe eines Jahres Städte gebaut, Schulen eröffnet, Zeitungspressen aufgestellt; ihre Maschinen stampfen, sägen und hämmern, ihr Pflug hat denBoden umgebrochen, ihre Axt legt die Bäume nieder, und als freie Bürger haben sie sich eine Regierung gegeben. In Auraria, der „Goldstadt“, sieht man im Geiste schon die Eisenbahn, welche in den goldführenden Schluchten des Gebirgs beginnt und am Missouri endet. Dort hat man Gold, hier Eisen, der Boden ist flach, was sollte also die Ausführung hindern? So legt der Amerikaner überall einen großen Maßstab an seine Zukunft, und in der That paßt auch nur der größte für sein Land und seine Verhältnisse.