Cettinje
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CETTIGNE
(MONTENEGRO)
Laßt der langen Flinte Knallen,
Sang und Gusla widerhallen
In der schwarzen Berge Nacht!
Gierig spähen, finster schleichen
Neugebornen nach die bleichen
Geister, wenn kein Auge wacht.
Böser Geister Lust und Laben,
Schwarze Katzen, frische Knaben,
Nimmer sollt ihr diesen haben!
Helden, trinkt und singt!
Dudelsack schnarrt, und es schreit und klingt
Gusla mit dem krummen Halse.
So schallt es aus einer Steinhütte, deren weite Oeffnung dem Eingang einer Höhle zwischen den hohen dunkelen Felsen gleicht, die wir vom Südwestabhang der Cernagora her erstiegen haben. Die Nacht ist mild und sternenhell. Wir sehen die gastlich winkende Rauchsäule auf dem Hause, die Flamme lodert mächtig auf dem Herde. Unser Führer feuert sein Gewehr ab. Da stürzt ein Dutzend Männer aus dem Gluthschein der Halle, den Gruß mit Schuß auf Schuß erwidernd und uns umringend. Die Männer, groß und stark, sind im vollen Schmuck der Waffen; Handschar und Pistolen funkeln im Gürtel, das stets zielfeste Feuerrohr hält Jeder in der Faust. Die knochigen Gestalten der Aelteren umwallt die weitfaltige Struka, die hier der Mantel am Tage und bei der Nacht die Decke ist. Der Dolman hängt am Rücken der Jüngeren, und darunter schimmert die bunte Stickerei der Weste. Die Häupter bedeckt das Fes oder umhüllt, zum Turban geschlungen, Mousselin oder Seide. Wir folgen dem gastfreundlichen Hausherrn und treten in eine Festeshalle. Dem Hause ist ein Söhnlein geboren. Da ist es die Pflicht der blutsverwandten Männer, acht Nächte lang den Neugeborenen zu schützen gegen die [90] Gelüste der bösen Geister, von denen Wochenkindern und schwarzen Katzen die meiste Gefahr droht. Die Männer lagern wieder im Kreis um den Herd, der große Becher geht von Hand zu Hand, Gusla (Art einsaitiger Geige) und Dudelsack ermahnen von Neuem die Männer an ihre Heldenlieder, und die Frauen stehen emsig am Herd. Sie backen Maiskuchen in der heißen Asche, schneiden die Castradina, den knoblauchduftenden Hammelschinken, und bieten den Männern dar, was fertig ist. Da wird der heiße Kuchen in Branntwein gekühlt, und der silberglänzenden Scoranza zartes Fischfleisch genossen in dem Oele, das Bruder Waso aus dem Gürtel des letzten Türken nahm, dem er neulich bei dem Kampfe am See (von Skutari) den Kopf abgeschnitten. Von Zeit zu Zeit verläßt ein Mann um den andern Sitz oder Lager, um zur Abschreckung der bösen Geister in die Nacht hinaus zu feuern. So wechseln Schießen und Schmausen, Trinken und Singen, bis das Licht der Sonne an des Kindes Lager tritt und die Geister der Finsterniß gebannt hält.
Wie des Herdes Flamme steigt höher und höher der Männer Begeisterung, wenn die Lieder ertönen zum Preise der alten Helden ihres Volks. Da erzählt der graue Alich mit aufloderndem Jugendfeuer, die Gusla wie ein Schwert schwingend, von dem großen Serbenreiche, von dem König Lazar und der Türkenschlacht auf dem Amselfelde[1], in welcher der Serben Thron und Reich zertrümmert wurde und die Freiheit floh in die schwarzen Berge von Zeta, wie einst des Landes Name war. Da schnarrt der Dudelsack wie von selbst und das Lied erschallt von Milosch Obilich, dem Todeshelden, der allein in’s Türkenlager drang und den Sultan Amurad erdolchte mitten in seinem Heere. Der Becher kreist zum Andenken der That, und die Augen blicken auf den grauen Alich. Der erzählt von dem tapferen Enkel des großen Fürsten Baoscha (Georg Balscha), dem Stephan Cernojevich, der mit dem Albanierhelden Georg Skanderbeg die Türken schlug, und von seinem Sohn, der letzten Hoffnung Montenegro’s, von dem Ivan Cernojevich, der in der Höhle bei den Trümmern der Burg Obod im Grabe schläft, von Zauberern bewacht. Wenn aber der Tag der Rache kommt für Serbien und Zeta, da wird Ivan heraufkommen mit einer unsichtbaren Schaar und die Kämpfer führen von Sieg zu Sieg, bis der Serben Thron wieder steht und die Cernagora reicht vom blauen Meere bis zum grünen Lim, soweit Ivans Schwert reichte, als sein Fürstenstuhl noch zu Zabljak stand, der Türkenstadt am See von Skutari. Mit dumpfem Gemurmel beginnen die Männer der Serben größtes und schönstes Lied von der Hochzeit des Sohnes Ivan, und sie enden, in den Schmerz der Trauer versunken. Die aufgehende Sonne begrüßt finstere Augen in der Festhalle, der Geist Ivans grollt aus ihnen. Wir scheiden und wandern wieder rüstig aufwärts den starren Gipfeln der schwarzen Berge entgegen.
[91] Der Morgen ist herrlich. Die Strahlen der Sonne erwecken Leben selbst in dem öden Gestein, daß uns umgibt. Je höher wir emporklimmen, desto trotziger und zackiger ragen die Klippen übereinander auf. Nur in den Spalten und Kesseln der Felsabhänge haftet ein wenig Boden für spärliche Grasstreifen und Gestrüppflächen, und nur die aschgrünen Blätter der Salbei überziehen breitere Wände und locken in die wüste Landschaft freundliche Bilder des Hirtenlebens.
Ueberall grüßt uns das fromme Pomagha Bogh (Helf’ Gott!), dem wir landüblich mit Wasda budi (in Ewigkeit!) dienen. Wir kommen zu Menschenwohnungen und sehen nun ihren Bau im Lichte des Tages. Vier Steinwände, kaum sieben oder acht Fuß hoch, darüber ein vorspringendes Dach von Stroh oder Baumrinde, in der Frontmauer ein großes Loch für Menschen, Sonne, Luft und Rauch, in den Seitenmauern hie und da ein kleines für letztere drei allein, das ist das Ganze. Unweit von diesen Steinhütten führt der steile Pfad an einer Quelle vorüber, wo zwei Frauengestalten neben einem Maulthier rasten, beide in der bunten malerischen Tracht dieses Volks, und beide stellen Menschen dar so rein und schön und gesund, wie Gebilde frisch aus der Hand Gottes. Sie grüßen, wie der Morgen selbst, so freundlich und erhebend, meinen Führer aber empfangen sie als lieben Verwandten, unser Weg führt an ihrem Hause vorüber, wir gehen nun gemeinsam weiter.
Bald erreichen wir die erste Hochebene des nun in Riesenstaffeln des Kalksteingebirgs aufsteigenden Landes. Hier beginnt die mühselige Kultur des Steinreichs. Die Steinhütten, wie wir sie tiefer in den Thälern wie Mauerschwalbennester an den Felswänden sahen, sind hier von bebauetem Felde umgeben, aber blicke hin, wie viel Erde zwischen den Steinen der Aecker zu erforschen ist! Des Mannes Pflug ist noch der älteste in Europa, und hinter diesem und auf solchem Felde muß er bewaffnet arbeiten, wie in der Schlacht. Die lange Flinte hängt auf dem Rücken, im Gürtel Handschar und Pistolen, am Gürtel Pulver- und Kugelbeutel; so folgt er dem Pflug und bestellt eine Saat, deren Aerndte ihm so wenig sicher ist, wie sein Leben jeden Augenblick. Es ist ein hartes Leben! Und doch begegnen uns auch hier die schönen Bilder der stillglücklichen Familie. Dort sitzt vor seiner Steinhütte der bewaffnete Mann, mit dem Handschar Färbeholz entrindend, während sein Weib die geglätteten Stäbe in Bündel ordnet. Jubelnde Kinder springen umher und ein kleiner Junge hat seine erste Heldenlust am Laden und Losfeuern einer Pistole, die er mit beiden Händchen festhält, und doch stößt sie ihn so oft zurück und fliegt von selbst auf den Boden, so oft er zu stark geladen hat. Vater und Mutter finden dieses Spiel in der Ordnung, denn der Junge muß ein Mann werden.
„Dort zur Linken hin führt uns ein Umweg zu dem höchsten Punkte der Straße nach Cattaro, von wo die Fremden gewöhnlich zu uns kommen, nicht von Budua herauf, wie wir. Wollen wir hinunterschauen?“ So spricht der Führer, und wir Alle wenden uns der Richtung zu. Bald ist die Stelle erreicht. Das Auge jubelt [92] hier und schwärmt in die Ferne. Tief unten, daß man einen Stein in die ummauerten Höfe werfen möchte, dehnt das schöne Dobrota seine Wohnungen, Gärten und Fluren aus, und zur Linken trotzen und wachen die Festungsmauern von Cattaro. „Und doch gar oft vergeblich,“ lacht unser Führer, die lange Flinte wie zum Triumphe schwingend. „Wenn der arme Hirte der Berge auf der kahlen Klippe sitzt, den Muth im Herzen, die Kraft in den Gliedern und die herrlichen Waffen zur Hand, und hütet die Geiß, die mühsam die Halme aus dem Gesteine zupft, und ist so arm und hungrig, wie sie, so erblickt er da unten, wo die süßen Früchte an den Bäumen wachsen und das fette Gras so dicht auf dem weichen Boden steht, den faulen Hirten bei der großen Heerde, der liegt im schattigen Grün und ißt. Aber er trägt auch Waffen. Wer Waffen trägt, muß ein Held sein. Ein Held muß kämpfen, wie die Männer der schwarzen Berge. Sollen sie es lassen können, bisweilen zu prüfen, ob die da unten tapfer sind? Und thut’s die Kampflust nicht, so thut’s die Noth. Die Helden der Berge sind arm.“ So spricht der Führer, und die Frauen nicken ihm Beifall zu. Ich aber schweige, denn mein Auge schwimmt in Wonne. Es folgt den Krümmungen der Bocche di Cattaro von einem ihrer Spiegel zum anderen. Dort blickt als äußerster Wächter am Seethore Castelnovo herauf, wo wir morgen rasten.[2] Und darüber dehnt sich in endloser Herrlichkeit das Meer der Adria aus, und wie winzige weiße Pünktchen im Blau ziehen darauf her und hin die Segel und Flaggen aller Nationen! – „Nur Cernagora hat kein Meer und ist fremdes Salz und darbt auf seinem schwarzen Felsen, seit Ivan schläft“ – so murrt der Führer, und selbst die schönen Blicke der Frauen verdunkeln sich und Alle überschattet die düstre Trauer.
Wir wandern weiter. Höhe um Höhe wird überstiegen. Da stehen wir am Rande des höchsten Gebirgskessels vom ganzen Lande, und in dessen Mitte liegt der Flecken Niegosch, die steinerne Wiege der Tschernogorzen, der unzugänglichste, älteste, volk- und geschichtereichste Ort von Montenegro. Von dem Berge Niegosch in der Herzegowina kamen hierher geflüchtete Trümmer des Serbenvolks, hier gründeten sie die neue Heimath, hier wuchs der Stamm ihrer Fürsten und Oberpriester, und hier war es, wo im Jahre 1703 ein heiliger Christabend in eine fürchterliche Mordnacht verwandelt wurde gegen alle mohammedanischen Bewohner der schwarzen Berge. Denn auf den Bergen, sagt der Führer, waren Scepter, Schwert und Kreuz in Einer Hand, seit Ivans Sohn, Georg Cernojevich, als er seines Weibes willen von der Heimath schied und zu den falschen Venetianern ging (im Jahre 1516), den Metropoliten von Cettinje zum Wladika erhob, bis auf Danilo, der wieder ein Fürst ohne Priestergewand ward und ein Weib nahm. Des großen Ivan anderer Sohn, Stanischa, war dem Glauben [93] untreu, war in Stambul Türke geworden, und die Nachkommen seiner Anhänger traf die Rache in der Mordnacht von Niegosch.
Das Hochland um Niegosch verzweigt sich in mehre Thäler, und weil es größere und viele Heerden ernähren konnte, so hieß man es Katunska-Nahia, den Sennerei-Bezirk. Von den 100,000 Bewohnern Montenegro’s hausen hier 24,000. Zu diesen zählen unsere beiden Begleiterinnen. Unser Führer grüßt deren Haus mit dem üblichen Schuß, der sogleich rings von allen Höhen erwidert wird. In den schwarzen Bergen knallt und kracht es schier unaufhörlich, den Feinden zum Zeichen, daß das Volk munter ist. Auch die männlichen Verwandten der Frauen entladen vor allen Dingen ihre Gewehre und eilen dann erst zum Willkomm herbei.
Wir aber können der gastlichen Einladung nicht folgen, sondern eilen unserem heutigen Bestimmungsort, Cettinje, entgegen. Unser Weg führt durch eine Felsenöde, in welcher nur der zähe bedürfnißarme Bergmensch Freudenblumen sieht, die ihn mit Heimweh fesseln. Wie oberhalb Triest auf dem unheimlichen Karstgebirg, dessen dichte Kalkstaubwolken mich noch heute in der Erinnerung drücken, sind es auch hier nur die einzelnen trichterförmigen Vertiefungen, welche etwas tragbaren Boden bewahren. Die größten derselben haben gegen drei Morgen Ausdehnung. Bebaut und bepflanzt ist aber auch jedes Plätzchen und Eckchen, dem etwas mehr als ein Grashalm entsprießen kann.
Noch im Felsenkessel von Niegosch lacht uns eine Oase entgegen. Ueppiges Grün bedeckt eine große Fläche, die von Heerden wimmelt und in deren Mitte ein Brunnen die Hirten um sich versammelt, die sich hier in sorgloser Lust tummeln. Auch hier werden die Grüße kräftig hin und her geschossen. Und nun geht es steil felsan. Oben aber haben wir eine der höchsten Höhen des Landes erreicht, und um und unter uns hebt und senkt es sich, je mehr das Auge vordringt, immer weiter und immer tiefer, wie plötzlich versteinerte Wogen eines Meers im wüthendsten Sturm. Selbst die Gewohnheit des täglichen Anblicks dieser ungeheueren Erscheinung verwischt nichts von ihrem Eindruck auf die Seelen der Bewohner. Eine Erklärung des steinernen Wunders gibt ihnen ihre scherzende Sage. Sie erzählen: Als Gott über die Erde gegangen sei, um jedem Lande seinen Antheil an Steinen hinzuwerfen, sei der große Sack, darin er sie getragen, hier zerrissen und der ganze Inhalt auf Montenegro herabgefallen. – Der schönste Blick eröffnet sich uns gegen Süden. Dort ragen am Horizont die Blätter und Zacken vom dunkeln Kranz des Albaniergebirgs, aus dessen Mitte der Spiegel des Sees von Skutari heraufglänzt.
Wir klettern an unserer Steinwoge hinab und haben bald eine andere Felswand erstiegen. Da tönt uns entsetzliches Geheul vom nächsten Hügel entgegen. Eine Frauenschaar kauert auf einer bebuschten Felskuppe im Kreise. Es sind Klageweiber, die um einen Gestorbenen öffentlich weinen. Plötzlich schweigen alle und bedecken die übergebeugten Gesichter mit den Händen. Das ist nur eine Pause der Klage. Von Neuem beginnt der heulende [94] Trauergesang, und seine schauerlichen Töne verfolgen uns in dieser Oede, bis unser Pfad sich um einen Fels windet und wir mit einem Male erstaunt und erfreut vor dem grünen Thale von Cettinje stehen.
Das Thal, in welchem der Hauptort von Montenegro liegt, ist die größte und grasreichste Hochebene des Landes, die sich halbmondförmig zwischen Felsen und Bergen in nicht bedeutende Breite, aber in eine Länge von anderthalb Meilen ausdehnt. Hier sehen wir die ersten und einzigen Reiter des Hochlandes; sie gehören zur Leibwache des Wladika. Endlich nähern wir uns hochragenderen Gebäuden jenseits einer Gruppe von landüblichen Steinhütten. Wir gelangen zunächst auf einen großen grasbewachsenen Plaz, den Markt und Volksversammlungsort. Zur Rechten sehen wir ein längliches, großes, weißgetünchtes Haus hinter weitläufigen Hofmauern mit Eckthürmen. Es ist die Wohnung des Fürsten. Höher und mit der Rückseite an die Bergwand gelehnt breiten sich die Gebäude des Klosters und der Kirche aus, die ebenfalls mit Hof- und Gartenmauern umschlossen sind. Weiland herrschend über dies Alles und nach jedem Kampf geschmückt mit Siegstrophäen und den abgeschnittenen Türkenköpfen steht noch jetzt ein alter Thurm auf der Höhe hinter dem Kloster, aber seines Schmucks und der Hälfte seiner Größe beraubt, aus deren Trümmern man die Klostermauern erbaute. Ueber ihm gipfelt sich der höhere Fels auf. (Vergleiche hier unser Bild).
Die innere Ausstattung dieser Gebäude war ehedem so einfach, wie die äußere, bis auf die Kirche, welche vom griechischen Kultusprunk stets ihr Theil hatte. So lange der Wladika zugleich Bischof des Landes war, bildete die ganze Umgebung des Regenten ein Gemisch von Priester- und Kriegerthum mit seiner Einfachheit und Rauhheit. Gepanzert und gewaffnet durchwandelte und umschwärmte die Leibgarde (die Perianizis) Kloster und Palast, während die Senatoren, die Glieder der edelsten Familien, mit dem Wladika stets unter Einem Dache weilten. Gegenwärtig ist dies, wie wir sehen werden, anders.
Wir stehen hier vor dem Brennpunkte der montenegrinischen Geschichte, die nur mit Blut geschrieben ist, wie mit Blut des Landes Grenzen gezogen sind und im Innern Blutrache Jahrhunderte lang das peinliche Recht vertrat. Leider dürfen wir das Buch dieser Geschichte kaum für einen Blick aufschlagen; es ist zu reich an Helden- und Greuelthaten, als daß wir in diesen Blättern auch nur eine kahle Aufzählung seines Inhalts versuchen möchten. Seine Hauptüberschrift ist: Türkenkriege. In der Geschichte derselben fehlen die Montenegriner auf keiner Seite. Hier müssen wir uns darauf beschränken, die letzten drei Wladiken in raschem Vorübergehen zu betrachten.
Von 1777 bis 1851 herrschten zwei große Männer über das Volk. Peter Petrovich Niegosch, 1754 geboren und 1777 zum Metropolit geweiht, gewann, trotz der großen Kriege, die er gegen Türken, Oesterreicher und Franzosen, stets mit Rußland im Einklang, führte, seinen größten Sieg gegen den inneren Feind: die Dörfer- [95] und Familienkämpfe in Folge der Blutrache. Unter ihm ward aber auch Montenegro’s Unabhängigkeit entschieden durch die furchtbare Niederlage der Türken unter Mahmud Pascha von Albanien im Jahre 1796. Wie er im Innern jeden Widerstand, der vor seinem weltlichen Arm nicht wich, mit dem geistlichen Bannstrahl niederschmetterte, so war er selbst von seinen Feinden bewundert als Held, der gebildetste Mann seines Volks und eine europäische Berühmtheit seiner Zeit. – Der Wladika hatte, seit Einführung der Theokratie in Montenegro, das Recht, seinen Nachfolger aus seiner Familie zu ernennen. Die Wahl fiel natürlich stets auf ein Glied eines Seitenzweigs derselben, weil der Wladika als geweihter Priester ehelos lebte. Als Peter Petrovich am 30. Oktober 1830 starb, hatte er einen Neffen zum Nachfolger gewählt, der sich Peter Petrovich II. Niegosch nannte. Noch ehe er, der Minderjährigkeit entwachsen, 1833 selbst an die Spitze des Volks treten konnte, hatte dieses einen abermaligen gewaltigen Andrang der Türken, im Jahre 1832, zurückgeschlagen. Der junge Wladika, welcher seine Bildung zu Castelnovo, Wien und zu Petersburg erlangt hatte, wo er 1833 die Bischofsweihe und den Annenorden erhielt, wurde ein Pfleger des Friedens und als Dichter eine Zierde der serbischen Literatur. Er war ein würdevoller Mann und trug in seinem schönen Haupt edle Gedanken. Die edelsten umfaßten seine Sorge für die geistige Hebung und sittliche Entwilderung seines Volks. Aber wie schwer auch seine Macht als Oberpriester, höchster Richter, erster Verwaltungsbeamter, Gesetzgeber und Oberfeldherr wog, er betrat einen Dornenpfad, als er die durch Jahrhunderte eingelebten Sitten und rauhen Gewohnheiten seiner Bergvölker antastete. Der Zwiespalt zwischen dem europäisch gebildeten hochstrebenden Geist und feinfühlenden Herzen des Wladiken und der blutigen Rach- und Raubgier seines Volks war zu groß. So sehr auch ihn, der seinen Homer über Alles schätzte und selbst eine Uebertragung desselben in die Form des serbischen Heldenlieds versuchte, Alles erfreute, was in den Sitten und Gewohnheiten der Montenegriner an das Leben der Helden Homers erinnerte, wie der Freiheitssinn, die Liebe zu Waffenschmuck, die Heilighaltung des Gastrechts, die unbefleckbare Treue der Freundschaft und der Waffenbrüderschaft, die eigenthümliche Stellung der Frauen, die Freude am Schlachtentod, ja, auch die Blutrache, so hoch er die Tapferkeit und den Heldengeist seines Volks schätzte, so mußte es doch einen starken Mißklang mit seinem Inneren hervorrufen, wenn seine Helden wie Kinder der Wildniß ihm nach jedem Raub- oder Rachezug gegen die Türken die abgeschnittenen Köpfe derselben triumphjubelnd in’s Haus trugen und am Klosterthurm aufhingen. Später schien er eine stille Ausgleichung mit diesem Mißverhältniß darin zu suchen, daß er der Volksdichter der Cernagora im edelsten Sinn des Wortes ward. Die herrlichsten Thaten seines Volks wand dieser Fürst zu einem immergrünen Kranz unsterblichen Heldenruhms in epischen und dramatischen Dichtungen. Dadurch und durch sein offenes Auftreten für den Panslavismus gewann er sich allerdings die Achtung des Auslands, das Inland aber ward ihm täglich fremder, weder als Held noch als Priester that er seinem Volke genug, [96] – so lange er lebte. Jetzt, nachdem er am 19. Oktober 1851 gestorben ist, kniet man weinend und betend vor seiner Gruft. – Zum Nachfolger ernannte er seinen Neffen Daniel Petrovich Niegosch und bis zu dessen Volljährigkeit zum Stellvertreter seinen Bruder Pero Petrovich Niegosch. Auf den Wunsch des Volks und des Senats wurde mit Daniels Regierungsantritt die Theokratie aufgehoben, natürlich – mit Genehmigung des Kaisers Nikolaus. Fürst Daniel heirathete eine Kaufmannstochter von Triest, nachdem er im Juli 1852 den Fürstenstuhl der Cernagora bestiegen hatte. Damit treten wir in die Gegenwart des Landes, das seitdem durch Dreierlei bewegt wird. Das Erste ist die Umwandlung im Haushalt des Wladiken, der aus mönchisch-soldatischer Einfachheit und Wohlfeilheit plötzlich zur anspruchvollen Pracht eines fürstlichen Hofes gesteigert wurde. Die bisherige Staatseinnahme, welche mit dem jährlichen Zuschuß von Rußland (47,000 Gulden) sich höchstens auf 75,000 Gulden erhob, genügt nicht mehr. Der Fürst dringt auf Einführung einer Vermögenssteuer: eine Neuerung, welche Unzufriedenheit im Volke selbst erregen mußte. Diese benutzte, zweitens, der gefährlichste Feind Montenegro’s seit Jahren, der Pascha von Albanien, Osman, ein mohammedanischer Serbe, um einzelne Grenzstämme von Montenegro abtrünnig zu machen. Daraus entsprang ein Grund zu dem Krieg, der noch zu dieser Stunde fortgeführt wird. Der andere Grund ist unser Drittens: Montenegro kann innerhalb seiner bisherigen Grenzen nicht mehr bestehen, es muß die fruchtbaren Ebenen um den See von Skutari und bis an das Meer von Antivari und Dulzigno an sich reißen, um sich nähren, dem Raub entsagen und seine schwarzen Berge zu dem benutzen zu können, wozu sie allein geschaffen sind, zur Sennereiwirthschaft und als Festung in der Noth. Ivans Reich mit der Hauptstadt Zabliak und sich erstreckend vom blauen Meere bis zum grünen Lim, das ist das Ziel, welches die Montenegriner erreichen müssen, wenn sie nicht untergehen sollen. Wünschen wir, daß ein so edles, kerniges, naturreines Volk erhalten, daß es von seinen Schlacken gesäubert und eine frische Zierde freier Völker werde! Sein Ivan kann unmöglich so fest schlafen, als der Deutschen alter Rothbart im Kyffhäuser, dessen Raben der Bundestag füttert. Montenegro, an sich allerdings ohne allgemeinen Werth, findet seine Bedeutung durch den südslavischen Drang nach dem Ausbau eines selbstständigen Reichs. Für dieses würde es zum Eckstein werden.