Das Washingtondenkmal zu Baltimore in Maryland
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DAS WASHINGTON-MONUMENT
(BALTIMORE)
Baltimore ist ohne alle Frage eine der schönsten Städte Amerika’s. Sie liegt auf der Grenzscheide der nördlichen und südlichen Staaten, am linken Ufer des Patapsko, der drei deutsche Meilen weiter abwärts in die schöne Chesapeake-Bay mündet. So ist Baltimore eine Seestadt, hat einen vortrefflichen Hafen, und vermittelst desselben Verbindung mit dem Ocean; das Hinterland ist zum Theil ungemein fruchtbar, liefert vorzugsweise Tabak und Mehl zur Ausfuhr, und die Verbindung mit allen Theilen der großen Union wird durch die Eisenbahnen nach allen Richtungen hin erleichtert. Die Gunst der Umstände hat man zu benutzen verstanden, und da, wo vor etwa hundert Jahren (1765) erst 49 armselige Häuser standen, sehen wir nun eine Prachtstadt, die gegenwärtig nahe an zweimalhunderttausend Menschen zählt. Zu Anfang unsers Jahrhunderts betrug die Ziffer der Einwohner erst 26,614, sie war 1830 schon auf 80,000, und im Jahre 1850 auf 169,000 gestiegen. Je mehr das Hinterland durch Besiedelung entwickelt wurde, um so rascher und gediegener entwickelte sich auch der Aus- und Einfuhrhafen desselben, und der Handelsverkehr gewann einen großen Umfang.
Die Bauart ist einförmig in der gewöhnlichen amerikanischen Weise; viele Häuser sind stattlich genug, wenn auch zumeist ohne gediegenen Geschmack, die Zahl der Kirchen beläuft sich auf mehr als hundert, die Markt- oder Baltimorestraße ist eine halbe Stunde lang und vierzig Ellen breit. Einen schönen Anblick gewährt Baltimore dadurch, daß es sich über eine Anzahl von Hügeln hin ausdehnt; dadurch gewinnt es einen eigenthümlichen Charakter und verliert das Gepräge der Langweile, durch welches namentlich Philadelphia sich auszeichnet. Auf einigen dieser Hügel hat man Monumente errichtet, und diese sind auch [162] aus weiter Ferne sichtbar. So steht zum Beispiel das Denkmal zu Ehren Washingtons 150 Fuß über den Wasserspiegel des Patapsko; die schlichte dorische Säule erhebt sich auf einer zwanzig Fuß hohen, fünfzig Fuß in’s Gevierte haltenden Grundlage; der Schaft hat 160 Fuß Höhe und 20 Fuß im Durchmesser. Auf ihm steht eine dreizehn Fuß hohe Statue Georg Washingtons, zu welcher im Innern der Säule eine Wendeltreppe hinaufführt. Ein zweites Denkmal, das Battle-Monument, wurde 1815 zum Andenken der Kämpfer errichtet, welche am 13. September 1814 bei Vertheidigung der Stadt gegen den englischen General Roß fielen. Beide Denkmäler sind weder schön noch großartig, aber weil Baltimore sie besitzt, nennt es sich vorzugsweise die „Stadt der Monumente.“ In Europa würde man von dergleichen kein Aufheben machen.
Berühmt sind die schönen Weiber von Baltimore. Sie zeichnen sich vor den Yankeemädchen und Frauen sehr vortheilhaft aus durch hübschen Wuchs, runde und doch nicht zu volle Formen und durch eine anmuthige Haltung; auch ist die Gesichtsfarbe frisch. Aber berüchtigt ist Baltimore durch seine Tabakskauer, seine Raufbolde und seine Know-Nothings, ächtes Vollblut des nativistischen Jung-Amerika, das an Rohheit mit den Kannibalen der Südseeinseln wetteifert. Ein Fremder, welcher auf der Eisenbahn nach Baltimore fährt, wird allemal mit sehr unangenehmen Leuten in Berührung kommen. Sie kauen ächten virginischen Lady-Twist oder guten Cavendish, zwei bei ihnen sehr beliebte Sorten Tabak, und speien in höchst widerwärtiger Weise auf den Boden, der bald eine braune Ueberschwemmung erleidet, malen auch wohl allerlei Arabesken an Wagenfenster und Wände. Delikatesse und Rücksichtsnahme auf Andere kennt man nicht.
Doch solche Tabakskauer sind nur lästig und unangenehm, dagegen sind die Raufbolde im höchsten Grade gemeinschädlich. Die schöne Stadt der Monumente zählt unter ihren paarmalhunderttausend Einwohnern mehr nichtswürdige Rowdies, als irgend eine andere Stadt. Sie ist in dieser Hinsicht noch berüchtigter als selbst New-York, und die Banden der Rowdies sind um so gefährlicher, da sie in der Politik eine hervorragende Rolle spielen. Maryland ist der einzige Staat, in welchem bis jetzt die nativistischen Know-Nothings die Herrschaft behaupteten; in allen anderen haben sie dieselbe eingebüßt, nachdem sie da oder dort vorübergehend, aber nur auf wenige Jahre, die Regierung an sich zu bringen gewußt hatten.
Diese Nativisten sind eine so eigenthümliche Erscheinung und ihr ganzes Treiben wirft ein so helles Schlaglicht auf die gesellschaftlichen und staatlichen Zustände in den Vereinigten Staaten, daß es sich der Mühe verlohnt, näher darauf einzugehen. Amerika war von Anfang an ein Aufnahmebecken für Menschen aus allen Ländern Europa’s; in Pennsylvanien lebten schon einige tausend deutsche Ansiedler, bevor noch Wilhelm Penn an den Delaware gekommen war; im Süden der Vereinigten Staaten waren eben so wohl wie im [163] Westen Franzosen angesiedelt, ehe ein englisch redender Mensch Louisiana mit Augen erblickt hatte: durch die Einwanderung hat die Union Mark und Kraft bekommen, und alle verständigen Männer haben den Werth derselben stets zu schätzen gewußt. Jeder fremde Ankömmling, der vor der zuständigen Behörde die Erklärung abgibt, daß er Bürger werden wolle, tritt nach Ablauf von fünf Jahren in das volle Bürgerrecht der Union ein; in den einzelnen Staaten sind die Bestimmungen über das Bürgerrecht für den betreffenden Staat verschieden. Allmählig wurden die „adoptirten Bürger“ durch ihre beträchtliche Anzahl und ihren Reichthum ein wichtiger Faktor in der Politik und gewannen Einfluß, welchen ein Theil der eingebornen Amerikaner ihnen nicht gönnte, obwohl auch sie zum bei weitem überwiegenden Theile Söhne oder Enkel von Einwanderern sind. Schon vor etwas mehr denn zwanzig Jahren, als diese „Nativisten“ anfingen in politischer Beziehung wirksam aufzutreten, erließen sie einen öffentlichen Aufruf, in welchem sie mit komischem Pomp und anmaßendem Schwulst wörtlich erklärten: „Wir, die eingeborenen Bürger der Vereinigten Staaten, erkennen keine andere Macht über uns, als unsern erhabenen Willen und unser eigenes Gefallen, wie es in unserer Verfassung sich ausspricht. Wir sind der Adel, das königliche Blut von Amerika, und wir sollten es als Hochverrath betrachten und sollten uns auf den Tod jedem Versuche widersetzen, der unsern Erbanspruch auf ungetheilten Besitz amerikanischer Rechte, Freiheiten und Vortheile sich anmaßen will. Der Ausländer kann nur allein durch Handarbeit den Vereinigten Staaten nützen, und es ist die Pflicht und das Recht des amerikanischen Volkes, die Fremden darauf zu beschränken, weil Handarbeit der einzige für sie angemessene Beruf in diesem Lande ist.“
In diesen Worten spricht sich die ganze Ueberhebung und Anmaßung der Nativisten aus, welche vor etwa acht Jahren in neuer Verpuppung, aber mit derselben Grundansicht als Partei der Nichtswisser, Know-Nothings, auftraten. Sie verfahren bis heute sehr ausschließlich gegen alle Fremden, insbesondere aber gegen die Katholiken. Ihre Führer, die „Drahtzieher“, bildeten dann einen geheimen Orden mit mehren Graden, und nannten sich Nichtswisser, weil von allen politischen Umtrieben, welche sie insgeheim anzettelten, nichts verrathen werden durfte. Die Mitglieder waren eidlich verpflichtet, allemal für die Männer und die Maßregeln zu sprechen, zu schreiben oder zu stimmen, welche ihnen von den Ordensobern empfohlen würden; diese letztern aber traten als ehrgeizige Demagogen auf. Die Know-Nothings waren und sind eine Partei des Fremdenhasses; aber eine Zeit lang so mächtig geworden, daß sie bei der Präsidentenwahl von 1856 über 800,000 Stimmen verfügen konnten. Jetzt ist der Orden als solcher verschwunden, aber die alten Genossen halten noch vielfach zusammen, und ihre Gesinnung hat sich nicht geändert.
[164] Maryland ist, wie gesagt, bis jetzt als Beute in ihrer Gewalt geblieben. Diese haben sie auf eine gewaltthätige Art sich errungen; sie traten alle Gesetze mit Füßen, nahmen die Wahlbuden in offenem Kampfe, verübten Mord und Todschlag in den Straßen, gaben falsche Resultate der durch sie beeinflußten Stimmurnen an, und zwangen auf solche Weise dem Staate Maryland einen Gouverneur und andere hohe Beamte, der Stadt Baltimore einen Bürgermeister und eine Stadtverwaltung auf. Die gewissenlosen Aemterjäger behielten den Sieg, weil ihnen jedes Mittel zur Einschüchterung der Gegenpartei und der friedlichen, das Gesetz achtenden Leute überhaupt recht war. Sie nahmen alle Rowdybanden Baltimore’s in Sold und gewannen dadurch die Mitwirkung einiger tausend Kehlabschneider.
Aber was nennt man denn eigentlich einen Rowdy, einen Raufbold? Der Begriff läßt sich, weil er so viel Mannichfaltigkeit einschließt, nicht mit ein paar Worten erschöpfen. Der Rowdy ist ein Mensch, der sich vor jeder ernsten Arbeit scheut, aber gern dem Wohlleben fröhnt. Er ist ein Sohn guter Familie oder auch ganz ungebildet; die Gesellschaft empfängt ihre Mitglieder aus allen Schichten und treibt Unfug und Verbrechen in allen Abstufungen. Er ist falscher Spieler, er ist Räuber, der Nachts Leute überfällt und ausraubt, er lockt unerfahrene Leute in berüchtigte Häuser, hat stets Drehpistolen, Messer und eine Schlinge bei sich, geht Nachts auf allerlei Abenteuer aus, treibt sich bei Tage in feinen oder gemeinen Schenken umher, überfällt Wirthe, zerschlägt die Gläser und zahlt nichts; Geldforderungen beantwortet er mit Revolverschüssen, Skandal ist sein Element, er fängt ihn an, wo es irgend thunlich ist; er ist, obwohl oft wie ein Stutzer gekleidet, roh, gewissenlos, gemein, gewaltthätig, eine wahre Pest der Gesellschaft. Am gefährlichsten werden diese Leute dadurch, daß sie Banden bilden, welche über alle großen Städte der Union verbreitet sind, und es für eine „Ehrensache“ halten, einander zu unterstützen. Jeder Rowdy ist bereit, für einen andern seines Gelichters einen falschen Eid zu schwören. Wem in New-York das Pflaster zu heiß wird, findet in Baltimore oder Cincinnati willkommene Aufnahme bei den dortigen Raufbolden. Seitdem die Korruption der politischen Parteien in den Vereinigten Staaten in so grauenerregender Weise um sich gegriffen hat, vermiethen sich die Rowdies an die politischen Drahtzieher; und geben für die, von welchen sie bezahlt werden, nicht nur ihre Stimmen ab, sondern verpflichten sich auch, alle die, welche zur Gegenpartei gehören, von den Stimmbuden fortzuprügeln, sie niederzuschlagen, und dabei im Nothfall auch von Messern und Pistolen Gebrauch zu machen; das bringt ihnen Vortheil. Gewöhnlich machen sie die Bedingung, daß eine Anzahl von ihnen öffentliche Aemter, namentlich bei der Polizei, erhalten sollen, und das geschieht auch allemal. Die politischen Führer müssen darum den Raufbolden alle Verbrechen ungestraft hingehen lassen, [165] weil diese sonst nicht reinen Mund halten, sondern Geheimnisse ausplaudern würden, deren Veröffentlichung für jene Männer verhängnißvoll werden könnte.
In Baltimore sind alle Raufbolde wüthende Know-Nothings, sie gehören zum „Adel, zum königlichen Blut Amerika’s“. Durch sie ist diese Partei an’s Ruder gebracht worden; sie darf ihnen also nicht verbieten, sich allerlei landesüblichen Lustbarkeiten hinzugeben. Der Bäcker Rasch stand eines Nachmittags vor seiner Hausthür und rauchte eine Pfeife. Drei tabakkauende Know-Nothing-Rowdies gingen vorüber; der eine hatte eben einen neuen Revolver gekauft, den er probiren wollte. Nachdem er ihn geladen hatte, schoß er zum Vergnügen den deutschen Bäcker todt. Im Jahre 1855 plünderten Know-Nothing-Banden zu Louisville in Kentucky drei Tage lang die Häuser der adoptirten Bürger, und in den Straßen wurde ein entsetzliches Blutbad angerichtet. Weder dort noch in Maryland ist den Mördern je auch nur ein Haar gekrümmt worden, denn die Richter sind aus Parteiwahlen hervorgegangen, und dürfen ihre Schuldigkeit nicht thun, weil sie es sonst mit einem so einflußreichen Element ihrer Partei verderben würden. Denn die Rowdies stehen Alle für Einen. Aber auch mit einem strengen Urtheil über einen Verbrecher wäre noch nichts gewonnen, denn in Maryland z. B. ist der Gouverneur ein Know-Nothing, er hat das Begnadigungsrecht und muß dasselbe zu Gunsten seiner Parteigenossen üben. Seit sechs Jahren sind in Maryland alle Rowdies und alle Know-Nothings, welche einen Mord verübt hatten, nach einer Haft von wenigen Monaten vollkommen begnadigt worden; Mörder, welche nicht zum königlichen Blut Amerika’s gehören, kommen allemal ohne Gnade an den Galgen.
Aber, werden die Leser ausrufen, sind denn solche Dinge möglich, ist die obige Schilderung nicht etwa übertrieben, das Gemälde nicht gar zu dunkel gehalten? Nordamerika gilt doch für ein civilisirtes Land, in welchem derartige Abscheulichkeiten in planmäßiger Weise nicht stattfinden können! Auf solche Frage antworten wir am besten mit amtlich festgestellten Thatsachen.
Am 2. November 1859 fanden in Baltimore neue allgemeine Wahlen statt. Die weitaus überwiegende Mehrzahl der Bürger hatte sich entschlossen, die durch abscheuliche Verbrechen und Mißbräuche aller Art unerträglich gewordene Herrschaft der Know-Nothings zu brechen. Diese wollten jedoch die einträglichen Aemter nicht fahren lassen, sondern nach wie vor am Platze bleiben. Da sie aber wußten, daß ihre Partei, weil in der Minderzahl, unterliegen müsse, falls bei den Wahlen Alles einen gesetzlichen Verlauf nahm, so blieb nichts übrig, als die Hitze der etlichen tausend Rowdies anzufeuern, die ja ohnehin ein Interesse daran hatten, daß ihre Brodgeber und politischen Freunde am Ruder blieben. Es wurde also verabredet, alle Wähler der Gegenpartei von den Stimmbuden fern zu halten und jene, welche sich trotzdem an dieselben wagen sollten, [166] niederzuschlagen. Um recht sicher zu gehen, wurden Rowdybanden auch aus andern Städten, namentlich aus Washington und New-York, verschrieben. Das Geld gaben die Know-Nothings.
Alles Weitere ergibt sich aus den, wie schon bemerkt, amtlich erhobenen Thatsachen. Wir wollen bemerken, daß Baltimore in zwanzig Stadtviertel (Wards) getheilt ist, deren jedes seine eigene Stimmbude, Poll, hat.
Schon früh am Morgen zogen Raufbolde in starken Gruppen durch die Straßen, um den Wählern zu zeigen, daß sie auf dem Platze seien. Sie tranken reichlich und begaben sich dann in die Nähe der Polls, wo die „Lustbarkeiten“ auch sofort begannen. In der ersten Ward wollte Herr Cockey, ein Demokrat, seinen Stimmzettel abgeben, man schlug ihn aber mit einem Spitzbohrer zu Boden und drängte die übrigen Wähler mit Stock- und Faustschlägen zurück. Eine Anzahl deutscher Wähler schlug indeß die Rowdies zurück. Die Polizei war anwesend, verhielt sich aber ganz unthätig, außer daß sie mit den Raufbolden sich unterhielt und mit ihnen trank. In der zweiten Ward hatte man zum Schutz der Stimmbude eine Barrikade aufgeworfen, aber diese wurde von den „Mitgliedern der Klubs“, wie die Raufbolde sich nannten, weggenommen und besetzt; eine Abtheilung derselben holte viele Wähler aus ihren Wohnungen herbei, und zwang sie unter Mißhandlungen, den Stimmzettel der Know-Nothings abzugeben. Nachmittags vier Uhr trafen in der Nähe der Polls zwei Rowdybanden, die mit einander in Streit gerathen waren, auf einander; die wilde Schaar war betrunken, und in der Präsidentenstraße kam es zu einem blutigen Kampfe mit Revolvern und Bowiemessern. Während des Gefechts zogen Andere umher und preßten Wähler; sie griffen einen deutschen Bürger auf. Als ein Landsmann denselben ihnen entreißen wollte, schoß der Raufbold Crowdly denselben nieder. In der dritten Ward, in der Bondstraße, hatten die rechtlichen Leute, die „Reform-Partei“, gleichfalls Barrikaden aufwerfen lassen, und am Morgen verlief die Wahl ruhig. Als gegen Mittag ein betrunkener Rowdy Unfug anzettelte, trieb man ihn fort und schlug ihn blutig. Er holte seine Freunde herbei und nun wurden die Reformer verdrängt, denn die Polizei ermuthigte durch ihre Unthätigkeit das Treiben der Unruhstifter. Diese fingen mehre Deutsche auf, die sich zwar tüchtig wehrten, am Ende aber doch für die Know-Nothings stimmen mußten. Einige Male machten die Polizeidiener gemeinschaftliche Sache mit den Rowdies. und schlugen mit auf die Reformer los. Nachmittags war die Stimmbude völlig im Besitze der Klubs, die nun planmäßig darauf ausgingen, Deutsche zu pressen, damit sie das „American Ticket“ verstärkten. Sie brachen in viele Wohnungen ein und schleppten die Leute mit Gewalt zu den Polls. Dasselbe wiederholte sich in der vierten Ward, wo eine sehr zahlreiche Schaar von Knock-Downs thätig war, Kerle mit dicken Knitteln, welche jeden Reformer ohne Weiteres zu Boden schlugen, wenn er sich weigerte, aus ihren Händen einen Know-Nothing-Stimmzettel anzunehmen. Sie ließen gar keinen naturalisirten Bürger an die Stimmbude; auch hier blieb die Polizei unthätig, sah ruhig dem Unfuge zu und freute sich. Im fünften Stadtviertel beobachtete diese Wächterin der öffentlichen [167] Ordnung ganz dieselbe Haltung; schon um 10 Uhr Morgens durfte sich kein Reformer bei den Polls blicken lassen. Als trotzdem Herr Josua Vansandt sich durchgedrängt und seinen Stimmzettel für die Reformer abgegeben hatte, überfielen ihn die Regulatoren der Klubs und ohrfeigten ihn so lange, bis er ohnmächtig zur Erde sank. Als er wieder zu sich kam, forderte er die Polizei auf, die Missethäter zu verhaften, er bezeichnete sie mit dem Finger und nannte ihre Namen; aber die Polizeidiener öffneten ihre Reihen und ließen die „Regulatoren“ unter hellem Gelächter entschlüpfen. Bald erschienen sie wieder mit einigen Wagenladungen voll Wählern, welche sie unterwegs zwangsweise aufgegriffen hatten und die nun abstimmen mußten, wie man ihnen gebot. Sechste Ward: Die Reformer wurden von den Klubs zurückgeschlagen. Viele Revolverschüsse. – Siebente Ward: Die Polizei sieht danach, daß die Reformer nicht todt geschlagen werden; sie hat aber nichts dagegen, daß die Regulatoren ihre Knittel gebrauchen und tüchtig einhauen; wenn aber Gefahr ist, daß ein Reformer den Geist aufgeben könnte, dann tritt sie warnend auf, und die Klubmitglieder leisten ihr dann Folge. – Achte Ward: Hier sind die Reformer in so überwiegender Mehrzahl, daß die Klubs nichts ausrichten können; aber diese lauern den von den Polls zurückkehrenden Wächtern auf und prügeln unbarmherzig jeden Einzelnen, den sie überfallen können. – Neunte Ward: Ungeheure Verwirrung. Die Rowdies haben in verschiedenen Häusern Oefen eingerissen und paradiren mit den Ofenröhren als Siegeszeichen in den Straßen bis zu den Polls. Sie begegnen dem Postmeister Morris, den sie zum Vergnügen niederkeilen. Die Klubs wechseln um Mittag und tauschen ihre Rollen, da es in ihrer Verabredung lag, daß jedes Mitglied wenigstens sechsmal, an verschiedenen Polls, stimmen müsse. – Zehnte Ward: Sobald Reformer sich blicken lassen, dringen die Regulatoren aus einem benachbarten Branntweinhause hervor und schlagen Jeden zu Boden. Der Kaufmann Fischer wehrt sich und feuert einen Revolver ab; Pflastersteine fliegen nach allen Seiten umher; sieben Reformer erscheinen zu Pferd und feuern mit Reiterpistolen in die Rowdies hinein. Die Polizei verhaftet Herrn Fischer und läßt die Rowdies laufen. Zwei Richter wollen abstimmen, werden fortgeprügelt, wenden sich an die Polizei um Verhaftung der Missethäter, werden aber ausgelacht; man hatte sie für Reformer gehalten, sie waren aber Know-Nothings, und wurden aus Mißverständniß von ihrer eigenen Partei mißhandelt.
Aehnliche Auftritte, die wir nicht alle aufzählen mögen, ereigneten sich in allen übrigen Stadttheilen. Wo aber die Reformer sich bewaffnet hatten und in Menge bereit standen, ihre Rechte zu vertheidigen, da wichen gewöhnlich die Rowdies. Während Hunderte von Wählern schnöde mißhandelt wurden, nahm die Polizei kaum ein halbes Dutzend Verhaftungen vor und ließ die Ergriffenen dann entschlüpfen. Am gewaltthätigsten trat eine Bande auf, welche sich den Klub der schwarzen Schlangen nennt; sie feuerte die meisten Schüsse ab und durchzog alle Stadttheile. In der zwölften Ward besorgten die aus Washington verschriebenen Rowdies das Geschäft. In der fünfzehnten Ward wurde ein Reformer ohne weitern Anlaß todt geschossen, zwei andere erhielten lebensgefährliche [168] Wunden. Sehr bezeichnend war bei allen diesen Vorgängen, daß in sämmtlichen Stadtvierteln die löbliche Polizei den Reformern sagte, wer sich nicht auf der Straße blicken lasse, komme in keine Ungelegenheiten; sehr oft verhaftete sie die Leute, welche ohne allen Anlaß geschlagen wurden. Sehr begreiflich, denn sie konnte doch nicht Hand an ihre eigenen Freunde und Parteigenossen legen! Interessant sind die Abenteuer eines Berichterstatters, welcher beauftragt war, für eine große Zeitung die Ergebnisse der Abstimmung zu ermitteln. Er pochte an die Stimmbude der zwölften Ward und begehrte Einlaß, den man ihm anfangs verweigerte. Als er in das Haus kam, prickelten ihn die zahlreich versammelten Rowdies erst mit Schusterahlen und verlangten dann, daß er sie mit Branntwein traktiren solle. Als er sich weigerte, zogen sie Pistolen und Messer hervor und wollten ihn einschüchtern. Zum Glück kam gerade eine andere Regulatorenbande, welche Branntwein vollauf mitbrachte. Als dieser zu Ende ging, stürmten Alle in eine benachbarte Schenke und schleppten den Berichterstatter mit, um ihn betrunken zu machen. Bald aber geriethen sie unter einander in Streit; diese Gelegenheit benutzte der Gefangene und entkam. Einer von jenen Rowdies hatte sich gerühmt, daß er allein in der elften Ward nicht weniger als siebenzehnmal seine Stimme abgegeben habe.
So verhält es sich mit dem allgemeinen Stimmrechte und der Wahlfreiheit in Baltimore. Das „königliche Blut Amerika’s“ errang einen vollständigen Sieg, die Know-Nothings setzten alle ihre Kandidaten durch, die Polizei und die Rowdies blieben unbestraft. Aber die Gewaltthätigkeiten, die Unzahl von Todschlägen, Ermordungen und Verwundungen am 2. November, die frevelhafte, offene Verletzung aller Gesetze, die Pflichtwidrigkeit der Beamten waren doch zu schreiend, als daß sie ohne Weiteres hätten unbeachtet bleiben können. Die Reformer ermannten sich endlich und setzten durch, daß eine Untersuchungskommission ernannt wurde, welche dann im Januar 1860 als Ergebniß ihrer Untersuchungen über den an einem einzigen Tage verübten Unfug, einen Band von 334 enggedruckten Seiten veröffentlichte. Alle Aussagen wurden eidlich gemacht; die Zeugenverhöre fanden in Gegenwart der andern Parteien statt, Jeder hatte das Recht, Kreuzverhöre vorzunehmen. So stellten sich dann Hunderte von haarsträubenden Thatsachen heraus. Der Bericht sagt wörtlich: „Die blühende Handelsstadt Baltimore, welche mehr als 200,000 Einwohner zählt, befindet sich in der Gewalt von Mörderbanden; Leben und Eigenthum der friedlichen Bürger sind unter der obwaltenden Tyrannei und Schreckensherrschaft keinen Augenblick sicher.“ Ein Deutscher, den die Rowdies aufgefangen hatten, sagte aus: „Wir sollten für die Know-Nothings stimmen; man hielt uns gespannte Revolver vor und feuerte Kugeln über unsere Köpfe ab, um uns einzuschüchtern und fügsam zu machen. Wir wurden zusammengepfercht wie Schweine, gepreßt wie Heringe in der Tonne, geprügelt, mit Füßen getreten, mit Büchsenkolben blutrünstig geschlagen, der Baarschaft und der Kleidungsstücke beraubt. Man schleppte uns von einem Stimmkasten zum andern, jedesmal unter einem andern Namen, und wir wurden gezwungen, [169] für den uns bezeichneten Know-Nothing-Kandidaten zu votiren. Mehre von uns haben sechsmal an einer und derselben Stimmurne gewählt; einige haben es bis zu vier und dreißigmal thun müssen.“ Ein anderer Deutscher, welcher dem Ding am Ende die humoristische Seite abgewann, gab zu Protokoll: „Ich ließ mich, scheinbar widerwillig, unter gelinder Gewalt, führen, wohin man wollte, zählte genau und that vier und sechszigmal am Stimmkasten meine Schuldigkeit, wie die Know-Nothings sagten.“ So kam das königliche Blut, kraft der Rowdies, zu einer ungeheuern Majorität und regiert noch heute Baltimore und den Staat Maryland.